{"id":39332,"date":"1994-03-01T00:01:04","date_gmt":"1994-02-28T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39332"},"modified":"2021-05-15T08:19:54","modified_gmt":"2021-05-15T06:19:54","slug":"unterhaltung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/01\/unterhaltung\/","title":{"rendered":"Unterhaltung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fch war er ins Bett gegangen, weit vor zw\u00f6lf. Hatte vermutet, dass er etwas nachzuholen h\u00e4tte, den Schlaf, der die letzten Tage und Wochen nicht sein gewesen war. Er hatte noch kurz vorher einen Anruf einer lieben Person bekommen. \u00dcber die M\u00f6glichkeiten neuer Medien hatten sie geredet und wie heute Jugendliche damit umgehen. Welche Lernpotentiale ergaben sich, wenn Sch\u00fcler heute ihre Lerngruppen via soziale Netzwerke bildeten. Wenn die richtigen und halbrichtigen Informationen mit Bits und Bytes ausgetauscht wurden. Wurden die Kinder dadurch etwa d\u00fcmmer? Was hei\u00dft Schwarmintelligenz? Letztlich war es doch genau das, was die Lehrer immer gefordert hatten: Organisiert euer Lernen selbst, am besten in Gruppen. Herr Nipp beneidete diese Kinder und ihre M\u00f6glichkeiten ein wenig, was h\u00e4tte er als Sch\u00fcler selber darum gegeben. Demn\u00e4chst w\u00fcrden die sie Chips in ihre neuronalen Netzwerke einsetzen lassen und die Schule w\u00e4re nur noch f\u00fcr die Organisation der Strukturen zust\u00e4ndig. Nein, so weit sollte nicht gegangen werden. Noch nicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte geh\u00f6rt, dass die Jugendlichen im Matheunterricht ganz halblegal SMS oder Emails schrieben, indem der Taschenrechner umfunktioniert wurde, man spielte mit der technischen Unerfahrenheit der Lehrk\u00f6rper. Als Eingeborene des digitalen Zeitalters f\u00fchlte man sich den Zugezogenen, den Alten \u00fcberlegen. Heute ging es nur noch darum, das \u00fcberall anzutreffende Wissen nach Bedeutung zu sortieren und als Neukomposition zu pr\u00e4sentieren. Nur die Sch\u00fcler, die unter geistiger Armut und extremer Einfallslosigkeit litten, kopierten sich einfach Wikipedia-Artikel und lasen diese als eigenes Referat vor. Wie viel sch\u00f6ner war es doch, wenn man einen Begriff in die sozialen Netzwerke schickte und alle daran mitarbeiten, mitsammeln, mitdenken lie\u00df. Meist gab es Leute, die strukturieren konnten, die das Handwerkszeug dazu besa\u00dfen. Von denen konnte jeder profitieren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter diesen Gedanken war Herr Nipp schnell eingeschlafen, hatte gut viereinhalb Stunden lang in unruhigen Tr\u00e4umen gelegen, deren Inhalt so verworren war, dass er kaum sicher erinnerbar sein konnte und war dann aufgewacht. Der Blick aus dem schr\u00e4gen Dachgeschossfenster zeigte eine tr\u00fcbe Nacht, der Mond nur hinter der Wolkendecke erahnbar. Der w\u00fcrde heute keinen Besuch abstatten, sein gleichg\u00fcltiges Gesicht nicht zur Luke hereinstrecken. Der Himmel wurde stundenlang nicht heller. Irgendwann h\u00f6rte er die ersten ratschend hochgezogenen Rolll\u00e4den. Die H\u00e4user der Nachbarschaft zeichneten sich durch die traditionellen Holzrolll\u00e4den aus, die in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren noch eingebaut wurden. Ohne Motor, ohne Automatik, von Hand zu bedienen. Vereinzelt fuhren Autos los. Hier gab es keinen Durchgangsverkehr, nur wenige mussten zur Arbeit, die meisten Rentner und Pension\u00e4re. Aus der Drehung im Bett hatte er pl\u00f6tzlich im Raum gestanden und den Rechner hochgefahren, ein mittelaltes Ger\u00e4t, bestimmt schon anderthalb Jahre alt. Er loggte sich in seine Seite ein und schaute erst einmal, wer jetzt schon zu sprechen war. Fand tats\u00e4chlich einen guten Freund in Berlin und f\u00fchrte eine in die Tastatur gehackte Unterhaltung. Dabei wurde ihm irgendwann bewusst, dass er diesen Freund gef\u00fchlt seit Jahren schon nicht mehr gesehen hatte, sechs Monate. Pl\u00f6tzlich \u00fcberkam ihn das Gef\u00fchl, ich muss nach Berlin und sei es nur f\u00fcr einige Tage. Ganz real.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Fr\u00fch war er ins Bett gegangen, weit vor zw\u00f6lf. Hatte vermutet, dass er etwas nachzuholen h\u00e4tte, den Schlaf, der die letzten Tage und Wochen nicht sein gewesen war. 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