{"id":39329,"date":"2023-06-04T00:01:39","date_gmt":"2023-06-03T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39329"},"modified":"2022-02-25T16:22:13","modified_gmt":"2022-02-25T15:22:13","slug":"regenpause-im-kreisverkehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/04\/regenpause-im-kreisverkehr\/","title":{"rendered":"Regenpause im Kreisverkehr"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hatte geregnet, den gesamten Nachmittag \u00fcber waren immer wieder schwere Wolken herangezogen und hatten sich \u00fcber der Stadt erleichtert, hatten an H\u00f6he gewonnen, vielleicht nur einige Meter. Sie waren weitergezogen. Weidende Giganten, die das Festland nur manchmal abends oder nachts als Nebelfelder kontaktieren, die auch schon mal die Gipfel der h\u00f6heren Gebirge umfluten und diese abtasten. Herr Nipp konnte sich nur wundern, wie viel Feuchtigkeit sich \u00fcber seinem Kopf immer wieder zusammentat. Wie lange konnte ein Nebelgebilde Tropfen produzieren? Sie schienen unendliche Kraft zu haben. Meist vergisst man, dass sie sich in den Raum erstrecken k\u00f6nnen, der Regen allerdings nur die Oberfl\u00e4che einh\u00fcllt. Was sich da in Hunderten von Metern auft\u00fcrmt, k\u00f6nnte allerdings ganze Seen f\u00fcllen. Vor Jahren hatte er einmal ein Buch gelesen, das die einfache Kinderfrage aufgriff, wie schwer wohl eine Wolke sei. Nat\u00fcrlich hatte er die Antwort vergessen, sie konnte auch nicht wichtig sein. Wichtiger war immer, dass die Frage erstens gestellt, zweitens ernst genommen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann war pl\u00f6tzlich der Himmel aufgebrochen, wie es in aufw\u00fchlenden Epen der Trivialliteratur immer hie\u00df. Tats\u00e4chlich schien es allerdings hier, als sei ein St\u00fcck aus der Wolkendecke herausgebrochen worden, von m\u00e4chtiger Hand, einige Bruchst\u00fccke trieben vor blauem Himmel noch dahin. Ihre Farben leuchteten von kalkwei\u00df bis r\u00f6tlichgrau. Alles in Ver\u00e4nderung, allm\u00e4hlich, nicht ruckhaft. Sogar die Sonne lie\u00df sich blicken, trocknete die Pf\u00fctzen schneller, als zu dieser Jahreszeit gedacht. Herbst. Er stieg in sein kleines Auto, das er nicht gerne benutzte, Herr Nipp war nie ein guter Fahrer gewesen, f\u00fchlte sich unwohl in un\u00fcbersichtlichen Situationen. Er fuhr nicht schnell, tuckerte meistens recht entschleunigt durch die Welt, wenn er dann aus der Stadt herauskam und die Strecken \u00fcbersichtlich wurden, war er gl\u00fccklich. Er tauchte dann mit forschendem Blick in die l\u00e4ndliche Realit\u00e4t und konnte sich an dieser riesigen Parklandschaft der deutschen Provinz berauschen. Jetzt allerdings wollte er einen Freund besuchen, wollte zum anderen Ende der Stadt. Doppelstadt, zwanghaft zusammengef\u00fchrt in den sechziger Jahren. Man hatte in der letzten Zeit an vielen Stellen die Ampelanlagen durch Kreisverkehre ersetzt und tats\u00e4chlich war dadurch der Verkehrsfluss beschleunigt worden. Von durchschnittlich 15 Stundenkilometern, die samt Standzeiten entstanden, war man auf 22 geklettert. Das konnte durchaus als Erfolg verbucht werden. Insgesamt f\u00fcnf dieser Kreisverkehre musste er passieren, entweder h\u00fcbsch bepflanzt oder mit einem gesponserten Kunstwerk versehen. Sch\u00f6n, manchmal auch weniger, immer aber Denkansto\u00df oder Anlass zu Diskussionen. In den kleineren der Stadtteile hatte man einen Tag zuvor eine Platzgestaltung mit neun Figuren gestellt, die sich gruppierten, zusammen und auseinander strebten. Herr Nipp wollte einen kleinen Umweg fahren, sich das neue Kunstwerk mit dem ziemlich schwammigen Namen \u201eBegegnung\u201c ansehen. Wie konnte man in der heutigen Zeit ein solches Wort als Titel verwenden, ein Unding. Es mussten Zahlen oder Formeln, andere kryptische Titel verwendet werden, dem Griechischen enteignet, mit Fragmenten der lateinischen Tradition versehen, vielleicht auch Zitate von ber\u00fchmten und umso unverst\u00e4ndlicheren Philosophen. Aber keine einfachen Substantivierungen von trivialen Verben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er auf den Kreisverkehr zufuhr, sah er, dass auf dem Platz zwischen den Figuren ein Tisch aufgebaut war, mit Tischdecke, zwei B\u00e4nke standen davor, einige Weinflaschen fanden sich da. Die Pf\u00fctzen des letzten Regengusses gl\u00e4nzten noch. Die Tafelnden hatten sich in die Regenpause gesetzt. Man hatte K\u00e4se und Brot, wahrscheinlich auch einige andere Speisen aufgetragen. Sechs Menschen sa\u00dfen dort und hielten Picknick gehobenen Niveaus. Sie schwatzten und schienen gl\u00fccklich. Autos fuhren manchmal mehrfach um den Kreisel, Fenster \u00f6ffneten sich und Worte wurden gewechselt. Freundliche, manchmal auch neidvolle Kommentare, Hupen, begr\u00fc\u00dfend. Begegnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_78830\" style=\"width: 570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kreisverkehr_NHu\u0308sten-scaled-e1616152865453.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78830\" class=\"wp-image-78830 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kreisverkehr_NHu\u0308sten-scaled-e1616152865453.jpeg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"373\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-78830\" class=\"wp-caption-text\">Man kann der Kunst von Haimo Hieronymus nicht aus dem Weg gehen, sie jedoch umfahren. Photo der Installation im Kreisverkehr von Neheim-Hu\u0308sten: Leonard Billeke<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0\u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist <em>Mikroblogging<\/em> eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es hatte geregnet, den gesamten Nachmittag \u00fcber waren immer wieder schwere Wolken herangezogen und hatten sich \u00fcber der Stadt erleichtert, hatten an H\u00f6he gewonnen, vielleicht nur einige Meter. Sie waren weitergezogen. 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