{"id":39321,"date":"1997-08-24T00:01:29","date_gmt":"1997-08-23T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39321"},"modified":"2020-11-25T16:31:28","modified_gmt":"2020-11-25T15:31:28","slug":"im-schutz-des-schweigens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/08\/24\/im-schutz-des-schweigens\/","title":{"rendered":"Im Schutz des Schweigens"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In einem fast \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Gef\u00fchl von lebendigem \u00dcbermut hatte er einen Fehler begangen. Er hatte seine Freunde (Hat sich \u00fcberhaupt schon einmal jemand ernsthaft dar\u00fcber Gedanken gemacht, wen man so alles Freund nennt?) zu sich nach Hause eingeladen. Hatte ihnen dort allerdings nicht das erwartete Essen serviert, sondern einige kleine kalte Delikatessen auf dem Tisch arrangiert, Wildschweinleberpastete, verschiedene K\u00e4sesorten aus der Toskana, sehr trockene Salami aus Spanien, Oliven aus den Hainen Griechenlands und anderes, dazu einen eigentlich viel zu guten Wein kredenzt. S\u00fcdtiroler Lagrein dunkel, von seinem Lieblingswinzer Herrn Zisser aus St. Magdalena. Ein Wein, wenn er lange genug geatmet hatte, der einem alle Sinne \u00f6ffnen konnte. Das Dunkelrot verband sich mit dem ersten Geruch, dem unglaublichen Duft, dem unverwechselbar tiefen Geschmack. Nein, die Beschreibung w\u00e4re an dieser Stelle zu schmerzhaft, da man keine der seltenen Flaschen hier liegen hat. Schon der Gedanke hieran l\u00e4sst den Schreiber fast gequ\u00e4lt vertr\u00e4umt die Augen rollen. (Das wirklich Gemeine an Erz\u00e4hlungen ist ja gerade, dass man einerseits sehr genau wei\u00df, wor\u00fcber man schreibt, mit Sicherheit viele der Dinge schon selbst ausprobiert hat und andererseits so tut, als sei alles gleichg\u00fcltige Fiktion, Erfindung.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Beginn dieses gem\u00fctlichen Treffens verlief auch durchaus nach seinen W\u00fcnschen, nebst den \u00fcblichen Floskeln von Wetter, allgemeiner Politikverdrossenheit, ob der sicherlich manchmal zweifelhaften Entscheidungen der Regierung bez\u00fcglich der Schuldenlast und resultierend hieraus deren -umverteilung, der Frage, ob denn nun doch die Maut f\u00fcr alle dreisterweise umsonst, nein kostenfrei hier in Deutschland fahrenden Ausl\u00e4nder eingef\u00fchrt werden solle. Wie immer zu solchen Anl\u00e4ssen wurden die gew\u00f6hnlichen Themen kurz vertiefend durchgekaut. Irgendwann waren sie gegessen und verdaut oder einfach in die Ecke gespuckt worden, je nachdem, ob sie gut mundeten oder als ungenie\u00dfbar eingestuft worden waren. Schon nach anderthalb Stunden aber war dies nun geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was tun? Da man nicht wie sonst in der Lage war \u00fcber Kunst oder Kultur referierend neue Theorien zu entwickeln, setzte ein l\u00e4hmendes Schweigen ein. Das Gegenteil der Absicht. Niemand l\u00e4dt zum Schweigen ein, es sei denn, man ist Zen-Buddhist oder asketischer Ein- bis Zweisiedlerm\u00f6nch. Aber diese Form des kontemplativen Partyvergn\u00fcgens ist wohl nur wenigen zug\u00e4nglich. Sie lehnten sich also zun\u00e4chst einmal in die doch weicher als gedachten Sesselkissen zur\u00fcck und schauten sich wohlwollend an. Ja, sie waren von all den schmackhaften Schweinereien gut ges\u00e4ttigt, hatten bereits einige Flaschen gek\u00f6pft und in den Kopf gesch\u00fcttet, genie\u00dferisch, ja, aber schnell. Jetzt wartete jeder auf das Wort des anderen. Die erste Stille erschien zun\u00e4chst etwas peinlich, dann stellte man am\u00fcsiert fest, dass wirklich niemand Lust hatte zu reden. Nach schlie\u00dflich weiteren anderthalb Stunden schliefen die ersten von ihnen ein. Die restlichen vernichteten daraufhin s\u00e4mtliche irgendwo auffindbaren Getr\u00e4nke. Effektiv und schnell. Man kannte die Verstecke, wusste um das kleine Weinregal im Schlafzimmerschrank.\u00a0 Die Bewegungen wurden etwas fahrig. Einer st\u00fcrzte sicher ohne Absicht in den runden Glastisch aus den sechziger Jahren, ohne sich allerdings an den Scherben auch nur eine Schramme zu holen. (Es w\u00e4re eigentlich zu einfach gewesen sich dies auszudenken, w\u00e4re es nicht wirklich geschehen, kannte man diese Situation doch aus jedem billigen Actionfilm.) Das linke B\u00fccherregal wurde ebenfalls ganz nebenbei umgest\u00fcrzt, als ein anderer sich im Fallen, er hatte einen weiteren \u00fcbersehen, der schon vor geraumer Zeit zu Boden gegangen war, daran festzuhalten versucht hatte. Dabei fiel es in das \u00e4lteste originale Bild, welches hier hing, fr\u00fches siebzehntes Jahrhundert und schlug eine offensichtlich offen sichtbare Klinke hinein. Und dass in dem Badezimmer ein \u00dcberschwemmung entstand, weil irgendwer auf die Idee gekommen war, baden zu gehen und dann vergessen hatte das Wasser abzudrehen, erschien Herrn Nipp neben die anderen Unbilden fast schon wieder egal zu sein. Die obenauf schwimmenden B\u00fccher des einzigen Badezimmerb\u00fccherregals auf dieser Stra\u00dfe waren sicherlich noch zu retten, der dazwischen treibende Gast eher nicht. H\u00f6chstens \u00e4rgerlich, dass die meist mit Tinte geschriebenen Autorensignaturen und -widmungen leicht verschwommen aussahen.\u00a0 Immerhin w\u00fcrde dieses schweigsame Treffen von denen, die es \u00fcberlebt hatten, wohl niemals vergessen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einem fast \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Gef\u00fchl von lebendigem \u00dcbermut hatte er einen Fehler begangen. Er hatte seine Freunde (Hat sich \u00fcberhaupt schon einmal jemand ernsthaft dar\u00fcber Gedanken gemacht, wen man so alles Freund nennt?) zu sich nach Hause eingeladen. 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