{"id":39311,"date":"1998-03-04T00:01:50","date_gmt":"1998-03-03T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39311"},"modified":"2020-11-25T08:09:03","modified_gmt":"2020-11-25T07:09:03","slug":"passive-intelligenz-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/04\/passive-intelligenz-2\/","title":{"rendered":"Passive Intelligenz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eAn manchen Tagen wirst du derma\u00dfen mit Informationen zugesch\u00fcttet, dass du kaum noch in der Lage bist zu selektieren.\u201c Der hochaufgeschossene Junge beflei\u00dfigte sich wieder einmal seines leicht hochn\u00e4sigen Tons. Leicht gek\u00fcnstelt, immer wieder einen Hauch von am\u00fcsiertem Augenhochschlagen bei seinen Altersgenossen erzeugend. Er war Teil einer Jugendgruppe, welche sich in einem sizilianischen Feriendorf einquartiert hatte. Vier Sterne mussten schon sein. Minimum. Privatsch\u00fcler mit gewissem Standesbewusstsein. Man w\u00fcrde in Zukunft die Geschicke der Gesellschaft mitbestimmen, vielleicht sogar lenken. Die zuk\u00fcnftige F\u00fchrungselite, das hatten ihnen ihre Eltern in den vergangenen achtzehn Jahren ihres Lebens mit auf den Weg gegeben, eingeimpft. Man w\u00fcrde sich zurechtfinden, Dinge als normal erachten, die anderen als abgehobene Spinnerei oder schlicht Luxus ins Auge stechen mussten, die sich gegen diesen Stallgeruch wehrten und damit automatisch au\u00dfen vor waren. Man bleibt unter sich, so ist das nun mal. Keine Chance auf Rehabilitation. Der Einstieg in den Aufstiegsaufzug an den anderen vorbei direkt in die Chefetage war dann versperrt. Dazu brauchte es der richtigen Codekarte. Nur wer den richtigen Code kennt, kann die Siegel zur Macht brechen, ohne bestraft zu werden. In einem solchen Fall musste nicht die Ochsentour gemacht werden. Im anderen Fall konnte man nur etwas erreichen, wenn man seine Kreativit\u00e4t zum Motor machte. Zur Grundlage einer eigenverantwortlichen Existenzgr\u00fcndung. Wer seine Ideen patentieren l\u00e4sst, der wird demn\u00e4chst K\u00f6nig sein, wer seine Slogans, seine erdachten Marken sch\u00fctzen l\u00e4sst, wird Million\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der junge Herr, welcher hier so vollt\u00f6nend sein schulisches Leid in milder Italienlandschaft in den Abend quakte, hatte sich noch am Abend vorher im fast ohnm\u00e4chtigen Vollrausch \u00fcber eine damit einverstandene Mitsch\u00fclerin hergemacht, nur halbbewusst kaum Herr seiner Sinne. Er hatte sich kurz danach seine Haarpracht wegen eines Versprechens bunt f\u00e4rben lassen. Er wusste ja um die fehlenden Sanktionen egal an welcher Stelle, w\u00fcrde alle Schw\u00e4chen des Systems immer wieder mit schiefem L\u00e4cheln unterwandern, nutzen und ausnutzen. Die Eltern unterst\u00fctzten ihn, wo sie nur konnten, die Lehrer waren schwach und hatten kaum M\u00f6glichkeiten der Sanktionierung, und Stufenkonferenzen waren einfach ein l\u00e4cherliches Schauspiel, leere Drohkulisse. Jeder junge Mensch, der eine etwas dickere Haut hatte, konnte sich davon nicht im Mindesten beeindrucken lassen. Wo keine ernst zu nehmenden Grenzen vorhanden sind, kann man unbeschr\u00e4nkt durch die Landschaft wandern, ohne Furcht davor, dass irgendwann jemand kommen w\u00fcrde, um aufzuhalten. Die gr\u00f6\u00dfte Frustration f\u00fcr Jugendliche \u00fcberhaupt ist die Erkenntnis, dass nicht einmal die Parentalteile auch nur ein geringes Interesse daran haben, wenn etwas Grundlegendes verbockt wird. Entgrenzung macht in diesem Sinne hemmungslos. Man z\u00fcckt statt einer deftigen Moralpredigt lieber das Portmonee und kommt f\u00fcr den entstandenen Kollateralschaden auf. Die Frisur wirkte unregelm\u00e4\u00dfig, ein an einen Atlas erinnernder Kopf mit L\u00e4nderfl\u00e4chen und Linien, die zumindest hier m\u00f6gliche Grenzen definierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Herr Nipp hatte gar nicht richtig hingeh\u00f6rt. \u201eHm?\u201c \u201eIch wollte eigentlich nur mitteilen, dass die vielen Eindr\u00fccke hier in den malerischen St\u00e4tten eigentlich erst geistig verarbeitet werden m\u00fcssten.\u201c \u201eGeh, hol dir was zu trinken.\u201c \u201e Nein, ich meine, kaum hat man sich von einer Sensation erholt, dr\u00e4ngt sich eine neue auf. Das Gehirn kann gar nicht genug von dieser Kulturdroge Sizilien bekommen und schwingt sich von einem Dopamin gesteuerten H\u00f6hepunkt zum n\u00e4chsten.\u201c In solchen Situationen, wenn junge Menschen ernsthaft Begeisterung zeigen, sollte man als Erwachsener doch etwas vorsichtig sein.\u00a0 Auch Herr Nipp war fast \u00fcbers\u00e4ttigt von den vielen Strapazen der letzten Tage und legte sich r\u00e4kelnd im Bus zur\u00fcck, er wusste schon jetzt, dass sp\u00e4testens in zehn Minuten die ersten eine kalte Dose Bier im Gesicht haben w\u00fcrden. Selig daran nuckelnd, als seien es die Einschlaffl\u00e4schchen mit warmer Milch von vor siebzehn Jahren. Die Busse rollten durch eine sich langsam verdunkelnde Landschaft. Wenn sie vor der tiefen Nacht wieder in ihrer Wohnanlage ankamen und etwas zu essen bekamen, war alles okay. Hinten h\u00f6rte Herr Nipp zwei Jungen \u00fcber Intelligenz reden: \u201ePassive Intelligenz ist, wenn man einfach dumm ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eAn manchen Tagen wirst du derma\u00dfen mit Informationen zugesch\u00fcttet, dass du kaum noch in der Lage bist zu selektieren.\u201c Der hochaufgeschossene Junge beflei\u00dfigte sich wieder einmal seines leicht hochn\u00e4sigen Tons. 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