{"id":39285,"date":"1999-02-04T00:01:00","date_gmt":"1999-02-03T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39285"},"modified":"2020-11-25T08:10:18","modified_gmt":"2020-11-25T07:10:18","slug":"kappensucher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/02\/04\/kappensucher\/","title":{"rendered":"Kappensucher"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">W\u00e4hrend zu dieser herbstlichen Zeit in kleinen St\u00e4dten die traditionellen, bisweilen sogar tausendj\u00e4hrigen Jahrm\u00e4rkte und Kirmessen Hunderttausende von konsumorientierten und freudes\u00fcchtigen Menschen anziehen. W\u00e4hrend dort die Lustbarkeiten, wie Karussells und Losbuden, wie Bierzelte und W\u00fcrstchenbuden fast von den Menschen \u00fcberrannt werden. Sich bierselige M\u00e4nner mit angeschickerten Frauen anfreunden, diese in einigen F\u00e4llen sogar f\u00fcr eine Nacht nach Hause abschleppen, um am n\u00e4chsten Tag zu bemerken, dass man sich irgendwen Fremdes doch nur sch\u00f6ngetrunken hatte. Kinder, die Eltern um Gelder anquengeln, die man eigentlich zur\u00fccklegen wollte, dann aber doch mehr oder weniger bereitwillig f\u00fcr das schnelle Gl\u00fcck eines Adrenalinsto\u00dfes hervorgezaubert werden. Man kann den Duft der verbrannten Mandeln riechen, die Gem\u00fcsepfannen, die in riesigen Metallsch\u00fcsseln \u00fcber offenem Feuer zubereitet werden. Sieht die zauberhafte Zuckerwatte, die Paradies\u00e4pfel, die Kokosn\u00fcsse, die pyramidenf\u00f6rmig garniert in st\u00e4ndigem Kokoswasser liegen. Die Pommesbuden zaubern Gl\u00fcck aus Fett, Riesenr\u00e4der lassen taumeln, unglaublich schnell drehende glitzernde Lampenwunder mit \u00fcberschlagenden Kabinen. Die Jugend tummelt sich um die Autoscooter, probiert sich in Balzritualen, gl\u00fcckselig, wenn es gelingen sollte. Vierzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen, aufgetakelt wie eine Fregatte auf hoher See, s\u00e4hen ihren achtzehnj\u00e4hrigen Geschlechtsgenossinnen im Normalzustand \u00e4hnlich, w\u00e4ren die nicht aufgemotzt wie kleine drei\u00dfigj\u00e4hrige Million\u00e4rinnen, und Frauen um die f\u00fcnfundvierzig versuchen mit m\u00f6glichst jugendlichem Outfit\u00a0 und zentnerweise Makeup Eindruck auf die halbtrunkene Gesellschaft zu schinden. Guck dir die an, die hat sich gut gehalten. Oder geht ja gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Herr Nipp hatte sich aus diesem Muss herausgezogen, war mit Freunden in den Wald gegangen, Pilze suchen. Es war still dort, keine Menschenseele und schnell f\u00fcllten sich Korb und Leinenbeutel, Perlpilze, Maronenr\u00f6hrlinge, Ziegenlippen, ein Pfifferling. Man fand eine ganze Kolonie bitterer Gallenr\u00f6hrlinge, herrlich anzusehen w\u00fcrden sie die komplette Pilzpfanne ungenie\u00dfbar machen. T\u00e4ublinge, durchaus essbar, aber auch die wei\u00dfen Knollenbl\u00e4tterpilze lie\u00df man lieber stehen. Einige Ritterlinge, die nicht eindeutig zuzuordnen waren und anderes Kroppzeug hatte man erst gar nicht beachtet. Sicherlich auch dabei einige schmackhafte Arten. Ein Steinpilz hatte sich nicht gefunden, auch kein Birkenpilz oder die inzwischen selten gewordene Rotkappe. Ein Lacktrichterling zeigte leuchtendes Violett. Pilze haben eine ungeheure Bandbreite von Farben, von Ger\u00fcchen und sicherlich auch Giften. Die Verbindung von Wandern, Sammeln und dar\u00fcber Debattieren, welche denn nun am besten schmeckten, welches Rezept man anzuwenden hatte, machten das Pilzesuchen zu einem ganzheitlichen Erlebnis. Wenn das orange Blut aus den Schnittr\u00e4ndern der Reizger quoll, die selber gr\u00fcn und orange oft an Wegesr\u00e4ndern zu finden waren, konnte schon einmal Unmut aufkommen, warum denn gerade diese zu sammeln waren. Vor einigen Jahren hatte Herr Nipp sogar eine Krause Glucke gefunden und einen Teil daraus mit nach Hause genommen, eine ganze Mahlzeit f\u00fcr vier.\u00a0 Auf einen Fuchsbau, oder war es ein Dachs, stie\u00df man, entdeckte dort auch den Unterkiefer eines Wildschweins, auch einen Maisk\u00f6lbling, wie einer der Freunde scherzhaft meinte, als er einen halbgefressenen Maiskolben in die Luft hielt.\u00a0Abends wurden die Fundst\u00fccke gemeinsam gereinigt, mit \u00d6l, Salz und Rosmarin gebraten (Pfeffer machte aus der Vielfalt der Geschmacksrichtungen in einer Pilzpfanne letztlich nur ein Einerlei), Zwiebeln und frischer Knoblauch aus eigenem Garten wurden dazu geschnitten, die Augen tr\u00e4nten. Scharf angebraten eine K\u00f6stlichkeit. Alle f\u00fcnf hatten schnell ihre Teller bei gutem Wein aus S\u00fcdtirol verputzt. Nur manchmal, wenn sie sich etwas verlegen anguckten, konnte man die Frage lesen, wer wohl als erster an der Vergiftung sterben w\u00fcrde. Schlie\u00dflich hatte nur einer von ihnen etwas Erfahrung mit dem Sammeln von Pilzen.\u00a0 Und von fern h\u00f6rte man den L\u00e4rm der Kirmes. Vielleicht h\u00e4tte man doch die dortigen Champignons aus der Pferdemistzucht nehmen sollen.\u00a0 Die wurden ebenfalls in rauen Mengen angeboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend zu dieser herbstlichen Zeit in kleinen St\u00e4dten die traditionellen, bisweilen sogar tausendj\u00e4hrigen Jahrm\u00e4rkte und Kirmessen Hunderttausende von konsumorientierten und freudes\u00fcchtigen Menschen anziehen. 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