{"id":39265,"date":"2001-11-04T00:01:41","date_gmt":"2001-11-03T23:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39265"},"modified":"2021-01-08T14:03:05","modified_gmt":"2021-01-08T13:03:05","slug":"rauchen-um-1997-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/04\/rauchen-um-1997-2\/","title":{"rendered":"Rauchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHallo ist er da?\u201c \u201eHab ihn noch nicht gesehen.\u201c \u201eWei\u00dft du, ob er noch kommt?\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch glaube, er wollte diese Woche nach Hause fahren.\u201c \u201eNa dann\u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nipp ging mit leicht geneigtem Kopf langsam den Gang zur Au\u00dfent\u00fcr entlang, \u00fcberlegte ob er noch, ob er in eine andere Klasse schauen sollte, gab aber diesen Plan aus entt\u00e4uschter Lustlosigkeit heraus auf. Die T\u00fcr kam ihm entgegen, auch einige Studenten der Akademie, einige kannte er schon, andere waren ihm fremd, er gr\u00fc\u00dfte keinen, erwartete auch nicht von irgendwem gegr\u00fc\u00dft zu werden. Das geschah nat\u00fcrlich auch nicht, wer eine solch langweilige Unscheinbarkeit ausstrahlt, wird einfach nicht wahrgenommen. Dieses Geb\u00e4ude machte immer einen bedr\u00fcckenden Eindruck auf Herrn Nipp, jede Klasse war abgeschottet zur Au\u00dfenwelt hin. Jeder baute sich seinen eigenen Elfenbeinturm der Kunst und k\u00fcnstlichen Intellektualit\u00e4t, so lie\u00df sich leben, mag sein die einzige M\u00f6glichkeit in einer Akademie zu \u00fcberstehen, wichtig war die Auseinandersetzung mit sich selbst und manchmal die mit dem Prof oder Kommilitonen, die sich erdreisteten, sich einzumischen. Nipp aber war das eigentlich alles egal. Er hatte einen Studenten gesucht, von denen eine Ausstellung gro\u00dfen Eindruck hinterlassen hatte. Er musste ihn unbedingt kennen lernen. Herr Nipp war nicht so kulturmuffelig, wie vielleicht seine vielgeliebten Nachbarn von ihm vermutet h\u00e4tten, und die vermuteten wirklich eine ganze Menge, deren wichtigstes Hobby, wie er immer wieder vermutete. Dieser eine Student jedenfalls war der Anlass f\u00fcr eine Fahrt nach M\u00fcnster gewesen, aber schon auf dem Weg zur T\u00fcr begann das Interesse zu verblassen, er w\u00fcrde wohl noch kurz ins Museum gehen, schauen, welche Sonderangebote an Ausstellungskatalogen auslagen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Auto stand nicht ganz auf der Stra\u00dfe, doppelt Pech, der linke Au\u00dfenspiegel hing an der letzten Schraube herab, scheinbar von einem netten anderen Autofahrer, der den Platz nicht richtig eingesch\u00e4tzt hatte, abgefahren. \u201eSchei\u00dfe, so eine verdammte Schei\u00dfe.\u201c Er ging angespannt, mit einer kaum erkl\u00e4rbar gemeinen Wut auf den alten Volvo zu, eine Amazone, und musste feststellen, dass eine freundliche Politesse ihm au\u00dferdem noch ein Kn\u00f6llchen wegen Falschparkens hinter den Scheibenwischer geheftet hatte. \u201eSchei\u00dfe, verdammte Schei\u00dfe.\u201c Etwas anderes zu denken, war er im Moment nicht f\u00e4hig, er war vielleicht auch zu gar nichts mehr f\u00e4hig, er hatte sich wirklich noch nicht entschieden. Das war also mal wieder einer dieser Tage, an denen alles aber auch wirklich alles schief lief, schon auf der Hinfahrt hatte n\u00e4mlich der Wagen gestreikt, er hatte in regennasser K\u00e4lte aussteigen m\u00fcssen, um den Verteilerkopf zu trocknen, der immer wieder Feuchtigkeit fing, wie um Nipp zu \u00e4rgern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ins Museum hatte er jetzt auch keine Lust mehr, also ab nach Hause. \u201eEigene Schuld, dass du nicht da warst, jetzt kauf ich eben keins deiner Bilder.\u201c Das h\u00e4tte der liebe Herr Nipp zwar sowieso nicht vorgehabt, aber so konnte er sich wieder ein wenig hochziehen. Keiner seiner Nachbarn wusste, dass er heimlich malte, ganz f\u00fcr sich immer versteckt, kam mal wirklich einer dieser oder einer seiner \u00e4u\u00dferst wenigen Freunde, so versteckte er s\u00e4mtliche Malutensilien unter einem Berg von Zeitungen und legte zur Wahrung seines Geheimnisses noch einige leere Dosen \u00d6lsardinen darauf. Das fasste normalerweise wirklich niemand an, selbst im tiefsten Winter zogen seine G\u00e4ste es in solchen Momenten vor, sich mit Nipp auf der Terrasse zu unterhalten. Der Vorteil war, dass man nichts anzubieten brauchte, sparen wurde so zu eine seiner leichtesten \u00dcbungen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Heimweg wurde diesmal \u00fcber Land angetreten, aus Furcht davor, mal wieder auf dem Seitenstreifen der Autobahn liegen zu bleiben. Und die A1 war nicht unbedingt eine der angenehmsten Strecken. Kurz hinter M\u00fcnster stand ein Anhalter im Nieselregen, Schlapphut auf und Zigarette im Maul. \u201eOh Schei\u00dfe (Das letzte Wort hatte heute wirklich die Chance zum meistbenutzten Begriff aufzusteigen.), die Siebziger sind doch jetzt wirklich schon so lange vorbei.\u201c Aus lauter Mitgef\u00fchl hielt er dennoch an, oder war es nur der sehnliche Wunsch nach etwas Unterhaltung und die Hoffnung, eine Zigarette abstauben zu k\u00f6nnen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWohin willst du?\u201c Der k\u00fcnstlich ungepflegt wirkende junge Mann beugte sich herunter. Er hatte ein h\u00fcbsch geschnittenes Gesicht, aber Nipp \u00fcbersah das einfach und wiederholte seine Frage: \u201eWohin willst du?\u201c \u201eNach Hamm, kann ich mitfahren?\u201c \u201eSchei\u00dffrage, sonst h\u00e4tt ich sicher nicht angehalten.\u201c Der Anhalter, er hie\u00df \u00fcbrigens Frank, aber Herr Nipp sollte das nie erfahren, er war \u00fcbrigens der von Nipp gesuchte Student, aber auch das sollte er nie erfahren, wahrscheinlich h\u00e4tte er ihn dann auch aus lauter Wut \u00fcber die unn\u00fctze Autofahrt rausgeschmissen. Aber das konnte man nie voraussagen, also dieser Anhalter zog seine Tasche vor den Beifahrersitz und stieg \u00e4u\u00dferst umst\u00e4ndlich ein. \u201eToller Wagen.\u201c \u201eJa.\u201c \u201eWie alt?\u201c \u201eKeine Ahnung.\u201c Nipp wusste, wie man ein Gespr\u00e4ch unterbinden konnte. F\u00fcnf Minuten Schweigen. \u201eDarf man hier rauchen?\u201c \u201eWenn du eine f\u00fcr mich \u00fcber hast.\u201c \u201eIch hab Tabak.\u201c \u201eAuch gut. Kannst du mir eine drehen? Beim Autofahren ist das immer so umst\u00e4ndlich.\u201c Er h\u00e4tte nie zugegeben, dass er gar nicht selbst drehen konnte. \u201eKlar.\u201c Keine zwei Minuten sp\u00e4ter rauchten beide gem\u00fctlich ihre au\u00dfergew\u00f6hnlich gut duftenden Zigaretten im ungem\u00fctlich kalten Auto, die Heizung war mal wieder kaputt, das zweite Mal im laufenden Jahr. \u201eNicht schlecht. Was ist das f\u00fcr Tabak?\u201c \u201eOh Shit, ich glaube mein Grasbeutel ist aufgegangen.\u201c Mit bester Laune also fuhren sie die jetzt pl\u00f6tzlich sehr kurze Strecke bis nach Hamm, Bahnhof. Frank stieg aus und bedankte sich h\u00f6flich, Manieren, die keiner aus seinem \u00c4u\u00dferen h\u00e4tte schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Der Tag des Herrn Nipp hatte eine Wendung erfahren, sollte er sich als tats\u00e4chlich noch angenehm entwickeln?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Lautsprecher, einer funktionierte immerhin, dudelte ein Lied von Blumfeld, Zeittotschl\u00e4ger, passend f\u00fcr diesen Augenblick. Hinter Hamm fuhr Nipp dann doch noch auf die Autobahn, jegliche Angst hatte er verloren, das Einzige was ihn wunderte, waren die hinter ihm fahrenden Autos, die mit Lichthupe und Horn auf sich aufmerksam machten. Erst der Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige brachte ihm die Gewissheit, dass es einfach zu langsam war, mit knapp unter drei\u00dfig die Auffahrt hoch zu kriechen. Der Rausch hatte irgendetwas mit seinem Schnelligkeitsempfinden angestellt, etwas, das Herr Nipp noch nicht kannte, wahrscheinlich auch nie wieder kennen lernen w\u00fcrde, aber wer konnte irgendetwas schon wissen, gerade bei ihm. Der Rest der Strecke war schnell hinter sich gebracht. Nipp stellte den Wagen in die daf\u00fcr vorgesehene Garage und wollte das Tor herunterlassen, das aber verhakte sich auf der linken Seite, bekam \u00dcbergewicht und senkte sich langsam, immer schneller werdend, auf die Motorhaube. \u201eSchei\u00dfe, aber was soll\u2018s.\u201c Nipp hatte eingesehen, dass dieser Tag einfach mal wieder nicht unbedingt der seine war.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Haust\u00fcrschloss klemmte auch. Als er im Haus war, spitzte er sich einen Bleistift an, um das dabei entstandene Graphit an den Schl\u00fcssel zu schmieren und damit das Schloss leichtg\u00e4ngiger zu machen. Das klappte sogar, keine siebeneinhalb Minuten sp\u00e4ter war Nipp im Schlafzimmer verschwunden, mit dem ehrenwerten Entschluss, diesen Tag sich selbst zu \u00fcberlassen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u201eHallo ist er da?\u201c \u201eHab ihn noch nicht gesehen.\u201c \u201eWei\u00dft du, ob er noch kommt?\u201c \u201eIch glaube, er wollte diese Woche nach Hause fahren.\u201c \u201eNa dann\u2026\u201c Nipp ging mit leicht geneigtem Kopf langsam den Gang zur Au\u00dfent\u00fcr entlang, \u00fcberlegte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/04\/rauchen-um-1997-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39265","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39265"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39265\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}