{"id":39261,"date":"1997-05-31T00:01:24","date_gmt":"1997-05-30T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39261"},"modified":"2020-11-25T16:29:50","modified_gmt":"2020-11-25T15:29:50","slug":"schmacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/05\/31\/schmacht\/","title":{"rendered":"Schmacht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Lungenschmacht. Eigentlich war damit zu rechnen gewesen. Ein v\u00f6llig verschlafener Nachmittag w\u00fcrde einen langen und s\u00fcchtelnden Abend nach sich ziehen. Er war zu faul raus zu gehen, an den n\u00e4chsten Automaten oder gar in die Stadt, um seinen Lieblingstabak zu kaufen, Danske Club. Pfeifengeruch aus einer selbst gedrehten Zigarette, zwar eigentlich nicht selbst gedreht im klassischen Sinn, aber mit der kleinen Drehmaschine, bei der man nur noch rollen und lecken musste. Er sa\u00df vor dem Fernseher, die Bedienung in der Hand und schaltete einmal hoch, einmal runter, achtundzwanzig Programme und keins f\u00fcr ihn. Die mediale Vielfalt, auf die sie alle vor Jahren noch gehofft hatten war es schlie\u00dflich doch nicht geworden, einzig die dritten blieben als Hoffnungsschimmer noch \u00fcber, wenigstens die leise Chance auf televisorische Halbbildung und Nichtganzverbl\u00f6dung. Der schwarze Kasten ging Herrn Nipp sehr schnell auf den Geist, er suchte den roten Knopf und schaltete ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben der violetten Couch (ansonsten aber war das Zimmer abgesehen von der heillosen Unordnung ganz geschmackvoll eingerichtet, mit einigen Originalgrafiken an den W\u00e4nden und sogar einem postmodernen \u00d6lschinken, abgebeizten alten M\u00f6beln von Anfang des 20. Jahrhunderts, die er auf Flohm\u00e4rkten und vom Sperrm\u00fcll zusammengesammelt hatte, und ganz netten Rattansesseln) stand auf dem Boden unter einigen Zeitungen vergraben das Telefon. Er beugte sich schwerf\u00e4llig \u00fcber die Lehne zur Seite und angelte sich den H\u00f6rer. Die Tasten, die im H\u00f6rer eingelassen waren, machten zwar nicht alles mit, im Gro\u00dfen und Ganzen funktionierte das Teil aber. Der erste W\u00e4hlversuch scheiterte an der ersten eins, der zweite an der dritten eins, aber dann hatte er doch jemanden am Apparat. \u201eHallo, ich bin es.\u201c\u00a0 \u201e\u2026\u2026Nipp?\u201c \u201eJa,\u00a0\u00a0 h\u00f6r mal\u00a0\u00a0 ich hab doch noch was gut bei dir, kannst du gleich mal vorbeikommen und mir Zigaretten mitbringen?\u00a0\u00a0 Am besten meinen Lieblingstabak\u2026.\u201c \u201eKomm, lass mich endlich in Ruhe.\u201c Der H\u00f6rer knallte auf der anderen Seite in die Gabel, kein Ton war mehr zu h\u00f6ren, das war dann wohl nichts. Herr Nipp schaute noch mal verwundert in den H\u00f6rer, als erwarte er, es w\u00fcrde sich doch noch etwas tun, schlie\u00dflich legte er mit einem etwas entt\u00e4uschten Blick den H\u00f6rer auf den Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Solche Situationen waren eigentlich allt\u00e4glich, nur hatte er es in diesem Moment wirklich nicht erwartet. Was also war zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Herr Nipp gr\u00fcbelte nicht lange nach, sah sich die kleine beigebraune Radierung von Horst Janssen kurz an, als w\u00fcrde er aus ihr ein wenig Kraft ziehen, man kennt solche Szenen auch aus alten Filmen, wenn alte Frauen oder Don Camillo ihren kurzen aber um Hilfe bettelnden Blick zum leidenden Jesus am Kreuz schickten, dessen Augen suchten und mit ein wenig mehr Kraft zur Tat \u00fcbergingen. \u00c4hnlich verhielt es sich hier wohl auch, zwar litt auf dem Bild keiner, das hatten die beiden von Sperma umschwirrten grinsenden Skelette schon hinter sich, aber ein Ruck ging durch den eigentlich recht mageren, sah man mal von seinen H\u00fchnerbr\u00fcsten ab,\u00a0 Herrn Nipp, er stand auf und r\u00e4umte zur Abwechslung mal im Zimmer auf, wer konnte schon wissen, was unter all den B\u00fcchern und Zeitungen noch so alles zu finden war. Er konnte einfach nicht verstehen, woher all diese B\u00fccher stammten, das Regal war vor zwei Wochen noch bis oben voll gewesen, kaum zu glauben, dass irgendjemand die alle da rausgeholt hatte. Unversch\u00e4mtheit, er musste immer alles aufr\u00e4umen, kein anderer k\u00fcmmerte sich darum, dachte er so vor sich hin oder besser in sich hinein, allerdings war er wohl auch der Einzige, der f\u00fcr dieses Chaos infrage kam. Entdeckungen konnten da gemacht werden, von denen andere schwach geworden w\u00e4ren, so zum Beispiel der Anzeigenteil der Zeitung von 9. November 1989 oder die erste Seite aus Robert Musils \u201eNachlass zu Lebzeiten\u201c, alles aufzuz\u00e4hlen w\u00fcrde alleine schon mehrerer Seiten bed\u00fcrfen, und das kann verdammt langweilig werden. Zu sagen ist vielleicht noch, dass Herr Nipp den seit einigen Jahren verloren geglaubten Tischtennisschl\u00e4ger wiederfand, au\u00dferdem ein Portmonee mit immerhin \u00fcber einundzwanzig Mark zehn und dem F\u00fchrerschein, wegen dem er schon bei zwei Kontrollen ein kleines, nettes Bu\u00dfgeld bekommen\u00a0 hatte, eine Mappe mit Grafiken von irgendeinem K\u00f6lner K\u00fcnstler, dessen Namen er schon kurz nach dem Kauf vergessen hatte, eine Kassette mit Musik von Michael Nyman, gespielt von Balanescu String Quartett, die er auch sofort in den Kassettenrekorder schob und sich ein bisschen begeistern lie\u00df, einen bereits benutzten, ach ist ja auch egal, und auch eine Schachtel mit Zigaretten, die noch das alte Dekor hatte, also schon \u00fcber drei Jahre alt sein musste. Aber all das ist egal, wenn man Lungenschmacht hat. Nach der dritten Zigarette brauchte Herr Nipp auch nicht mehr zu husten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Aufr\u00e4umen hatte wie man vermuten kann direkt nach Auffinden der Schachtel Zigaretten ein Ende. Aber immerhin nahm sich Nipp fest vor, endlich ein Ende mit der Unordnung zu machen und aufzur\u00e4umen, aber dies war nicht der richtige Tag daf\u00fcr, vielleicht morgen\u2026 oder so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Lungenschmacht. Eigentlich war damit zu rechnen gewesen. Ein v\u00f6llig verschlafener Nachmittag w\u00fcrde einen langen und s\u00fcchtelnden Abend nach sich ziehen. Er war zu faul raus zu gehen, an den n\u00e4chsten Automaten oder gar in die Stadt, um seinen Lieblingstabak&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/05\/31\/schmacht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39261","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39261"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39261\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}