{"id":39243,"date":"2003-02-24T00:01:25","date_gmt":"2003-02-23T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39243"},"modified":"2022-05-29T14:56:49","modified_gmt":"2022-05-29T12:56:49","slug":"baden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/24\/baden\/","title":{"rendered":"Baden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00e4h wachte er auf, frierend wie meist dann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich gegen acht, nein es musste halb neun gewesen sein, denn die Kinder waren unter deren Protest erst nach den Nachrichten zu Bett gebracht worden, wohl wissend, dass sie m\u00fcde waren, aber unf\u00e4hig dies sich selbst auch zugestehen zu k\u00f6nnen, in die Badewanne gelegt, voll hei\u00dfen Wassers, wie er es seit jeher geliebt hatte, dieses Gef\u00fchl fast schmerzhaften Eintauchens, des sich nicht bewegen M\u00f6gens, weil das direkt an der Haut liegende Wasser durch diese abk\u00fchlt, jede neue Str\u00f6mung allerdings den nahen Hitzetod h\u00e4tte bedeuten k\u00f6nnen. Die H\u00e4nde waren hierbei nat\u00fcrlich nicht befeuchtet worden, denn es hie\u00df jedes Mal auch ein Buch zu lesen, ein kurzes um es auslesen zu k\u00f6nnen in der Badewanne, es ohne Wasserfleck aber vielen sinnigen Bleistiftanmerkungen auslesen zu k\u00f6nnen bedeutete hierbei immer noch den gr\u00f6\u00dften Triumph. Gegen die 150 Seiten waren hier durchaus zu schaffen, lie\u00dfe man einmal zwischendurch hei\u00dfes Wasser nachlaufen, so ein Bad konnte durchaus zweieinhalb Stunden dauern und als einziges Hindernis wurden die st\u00e4ndig laufenden Schwei\u00dfperlen von der kahlen Stirn empfunden, die sich teilweise in der Kuhle des Stei\u00dfbeins sammelten und so eine schwappende Mulde f\u00fcllten. Herr Nipp hatte diesmal das Buch nicht zu Ende gelesen, zwischendurch lustvoll eine halbe ausgeh\u00f6hlte Honigmelone gel\u00f6ffelt, deren kerniges Inneres durch roten Lik\u00f6r ersetzt worden war, diese Mischung aus Melone und ges\u00fc\u00dft aromatisiertem Alkohol versprach immer eine Geschmacksexplosion, der er sich kaum entziehen konnte, im \u00fcbrigen war ihm tats\u00e4chlich in der letzten Zeit bewusst geworden, dass sich sein Geschmack wieder in die Richtung des S\u00fc\u00dfen entwickelte, auch des s\u00fc\u00dfen Lebens. Dabei musste man immer etwas des Lik\u00f6rs mit auf den L\u00f6ffel bekommen, so dass die Melone um einen Hauch veredelt werden w\u00fcrde. Ein Lik\u00f6r der Himbeere, aufgesetzt mit Himbeergeist oder eine lange in Rum gezogene schwarze Johannisbeere, konnten hier zu grandiosen Ergebnissen f\u00fchren, er hatte sich heute aber mit einer selbst angesetzten Mischung aus Himbeere und roter Johannisbeere auf kandiertem Doppelkorn zufrieden geben m\u00fcssen, die eigentlich noch nicht lang genug gezogen hatte. Nach diesem Genuss hatte er sich ebenso gen\u00fcsslich zur\u00fcckgelegt, den gesamten Oberk\u00f6rper, dessen er sich oft sch\u00e4mte, weil er immer dem Eindruck einer H\u00fchnerbr\u00fcstigkeit erlag, unter Wasser getaucht, auch die Ohren, denn dann entwickelte sich eine eigenartige Klangwelt, die das gesamte Haus in sich barg, von der Kellerassel bis zum Rei\u00dfen des Holzes auf dem Dachboden und war fast selig eingeschlafen, hatte getr\u00e4umt, seine Realit\u00e4t mit der des Buches, eines essayistischen Rom\u00e4nchens, Langsamkeit von Kundera, der dort behandelten Novelle Vivant Denons, Nur eine Nacht, vermischt. Seltsame Ereignisfolgen hatten sich so ergeben, ein lustvoller H\u00f6llenritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp schaute auf die Uhr, nahm wahr, dass es inzwischen zwanzig nach elf geworden war, duschte sich ab und musste sich bem\u00fchen, nicht zu zittern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; J\u00e4h wachte er auf, frierend wie meist dann. 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