{"id":39236,"date":"2007-02-24T00:01:02","date_gmt":"2007-02-23T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39236"},"modified":"2020-11-25T10:39:10","modified_gmt":"2020-11-25T09:39:10","slug":"hubschrauber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/02\/24\/hubschrauber\/","title":{"rendered":"Hubschrauber"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das war knapp, dieses in die Zeit, die Welt geworfen sein, sich versetzt f\u00fchlen und bemerken, dass dies nur eine der m\u00f6glichen Realit\u00e4ten sei. Die Sonne prasselte als Strahlengeschosse herab und lie\u00df Gedanken im Ansatz verdorren. Er hatte die Beine im leichten Schneidersitz, das hei\u00dft nicht in einer jener unbequemen und erm\u00fcdenden Yogastellungen, die immer angepriesen und nie erreicht wurden, gekreuzt und schaute betulich auf das Treiben der Kinder am Pool, die sich mit einem gro\u00dfen gelb-gr\u00fcnen Schwimmreifen, mindestens 90 Liter Inhalt, vergn\u00fcgten, mal die Taucherbrillen aufhatten, mal nur so tobten. Scheinbar gab es nur diese Kinder auf der Welt, und nur diese V\u00f6gel, deren Zwitschern aus den Apfelplantagen ringsum zu h\u00f6ren war, und nur diesen verfluchten Hubschrauber, der schon seit Stunden immer wieder die gleichen Bahnen zog, Touristen im Zehnminutentakt durch die Berge zu bef\u00f6rdern, pro Person 55 Euro. Gute Einnahmequelle f\u00fcr ein Sonntagshobby: Bei sechs Passagieren pro Flug und vier Fl\u00fcgen pro Stunde immerhin so an die 1300 Euro, abz\u00fcglich der Stundenl\u00f6hne f\u00fcr die Mitarbeiter, Wartung und Sprit blieb ein guter Batzen \u00fcbrig, das machte f\u00fcr die Wochenenden wirklich Sinn, also schnell einen Hubschrauberschein machen und ins Gesch\u00e4ft einsteigen, Geld verdienen, angenehmes Geld. Der Kauf des Hubschraubers w\u00fcrde sich schnell selbst finanzieren. Er hatte sich eigentlich Gedanken um die Zukunft machen wollen, Herr Nipp, hatte wie meist im Interim die Welt erkl\u00e4ren wollen, war wie immer aber an einer Kleinigkeit h\u00e4ngen geblieben, hatte sich die Gedanken an einer L\u00e4cherlichkeit aufgeschrammt. Das Leben k\u00f6nnte so einfach sein. Dabei, nebenan liegt ein in die Jahre gekommenes Ehepaar, ein Formulierung, die er \u00fcberhaupt nicht ausstehen konnte, was sollte dies schon hei\u00dfen, in die Jahre gekommen, sollte es meinen, dass man sich nichts mehr zu sagen habe, gealtert sei oder einfach nicht im Diesseits weilte, wann fing das In-die-Jahre-kommen eigentlich an, selbstzufrieden mit ihren kleinen Fehden, auszuk\u00e4mpfen auf der Metaebene des sich nicht alles G\u00f6nnens. Im Wissen eines gewissen Abschlusses satt. Wir haben einiges erlebt, den Rest zumindest gelesen oder im Fernsehen allabendlich verkonsumiert, wer will uns was wollen, nur unsere Rente, die erwarten wir. Im Hintergrund kl\u00e4fft seit Stunden fast unbemerkt ein wahrscheinlich kleiner K\u00f6ter, die Stimme sagt, ich bin klein und keiner will auf mich h\u00f6ren, das macht mich w\u00fctend. Die Kinder haben inzwischen das Wasser verlassen und den Sonnenschirm zum Kippen gebracht. Die Mutter bekommt schlechte Laune, g\u00f6nnt ihr mir denn keine Ruhe, warum zieht ihr nicht die Decke zum Schatten, m\u00fcsst ihr alles kaputt machen, der wird der Sache doch gar nicht mehr Herr. Mama, soll ich dir was vorlesen, und die Kinder am\u00fcsieren sich, es funktioniert, die Mutter sauer, der feiste Vater teilnahmslos in seinem Liegestuhl in Gedanken, wenn es welche sind, wahrscheinlich eher J\u00e4germeistertr\u00e4ume, versenkt. J\u00e4germeisterhimmel, zufrieden berauscht. Bemerkt die sich im Nabel tummelnden Fliegen nicht, oder kann sie nicht sehen, jedenfalls scheinen sie ihn nicht zu st\u00f6ren. Der alte Herr bedauert die Hubschrauberflugg\u00e4ste, die sehen doch jetzt da oben gar nichts mehr, die Berge haben sich langsam hinter den Schleiern aufgezogener Wolken versteckt. Bergschleiert\u00e4nzer im Jahrmillionentakt. Ein kleiner Olivenbaum, seit einigen Jahren auch in diesen Gefilden modisch beliebt, soll wohl das volle Italienfeeling erzeugen und steht doch nur peinlich bem\u00fcht im Bergbauerndorf herum. Die Bienen, hinter dem alten Elternhaus stehen einige Beuten, erg\u00f6tzen sich an der Vielfalt einheimischer Gew\u00e4chse. Seltsam, denkt Herr Nipp, dass trotz der st\u00e4ndigen Giftkeule unter den B\u00e4umen sich noch so viele Blumen und Tiere tummeln, wie muss es fr\u00fcher hier ausgesehen haben. Glockenblumen in verschiedenen Variationen, Kreuzkraut, Skabiosen, sogar Baldrian, gestern hat er einige Meter vor sich einen Wiedehopf gesehen, er flog auf, vorwurfsvoll. Die Kinder lesen inzwischen in irgendeinem Comic, der gr\u00f6\u00dfere Junge liest vor. Sie diskutieren scheinbar die Bilder, werden zu naiven Kritikern. Das Bild habe ich schon mal gesehen, in einem anderen Comic. Und der Hubschrauber fliegt seine Runden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war knapp, dieses in die Zeit, die Welt geworfen sein, sich versetzt f\u00fchlen und bemerken, dass dies nur eine der m\u00f6glichen Realit\u00e4ten sei. Die Sonne prasselte als Strahlengeschosse herab und lie\u00df Gedanken im Ansatz verdorren. 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