{"id":39229,"date":"1998-02-04T00:01:31","date_gmt":"1998-02-03T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39229"},"modified":"2020-11-25T08:08:43","modified_gmt":"2020-11-25T07:08:43","slug":"voegel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/02\/04\/voegel\/","title":{"rendered":"V\u00f6gel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Die V\u00f6gel zwitscherten ihr lustiges Lied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zufrieden lag er auf der Terrasse und lie\u00df es sich gut gehen, das einzige, was ihn st\u00f6rte, war der permanente Regen, der auf seine beiden aufgequollenen Brustwarzen tropfte, egal wie er sich legte, schien auch der Regen seine jeweilige Position zu ver\u00e4ndern. Daran, dass die Nachbarn ihn anschauten, hinter den wohlgefalteten Gardinen versteht sich, hatte er sich inzwischen gew\u00f6hnt, aber in der Sonne liegen, allgemein anerkannt und beliebt, war schlie\u00dflich sch\u00e4dlich, warum musste immer alles Sch\u00e4dliche von dieser B\u00fcrgerfassadenwelt als Norm benutzt werden? \u201eSchei\u00df was drauf, die k\u00f6nnen mich alle mal.\u201c, dachte Nipp und begann wieder mit seinem d\u00f6senden Halbschlaf. Nur der best\u00e4ndig auf seine aufgequollenen Brustwarzen tropfende Regen st\u00f6rte ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus dem Haus qu\u00e4lte sich auf dem Boden kriechend die dickfl\u00fcssige Musik von Marc Almond bis an seine Liege, drohte und quengelte und beschrieb Jacques Brels Todes- und Lebensangstvisionen. Herrlich verquer um so eingelullt zu werden. Ein schriller Ton weckte Nipp aus seinen unangenehm-sch\u00f6nen Tr\u00e4umen. Nebenan im Vogelnetz des rechten Nachbarn hatte wieder einmal ein Vogel seinen Meister in den fast durchsichtigen Seidenf\u00e4den gefunden. Kaum war der erste Ton verklungen, st\u00fcrzte der schwarzfettighaarige Nachbar auf die nassen Pflastersteine, ein gemeines Grinsen im Gesicht, ging gemessenen Schrittes, nachdem er fast ausgerutscht war, sich aber wieder hatte fangen k\u00f6nnen, auf die fiese Falle zu, l\u00f6ste vorsichtig den Vogel, nahm behutsam, gleichsam wie beruhigend, den kleinen Pieper in seine gro\u00dfen H\u00e4nde, fl\u00fcsterte ihm etwas zu, um der Amsel im n\u00e4chsten Moment den Kopf umzudrehen. Das war der dritte innerhalb einer halben Stunde, noch f\u00fcnf und die Pfanne w\u00fcrde voll sein und bald herrlich her\u00fcberduften. Der Nachbar hatte seine Freude am Einmalinderwochesingv\u00f6gelfangen. Seine Eltern waren vor knapp vierzig Jahren aus Sizilien eingewandert, die Leidenschaft des Vogelessens aber hatten sie nie so richtig abgelegt, der Nachbar hatte diese Tradition geerbt, baute sie st\u00e4ndig aus, kultivierte sie und gab der Sache einen Touch von Feierlichkeit. Nun also machte er sich jeden Sonntag eine Pfanne mit frischen Singv\u00f6geln. Auch eine Taube hatte er schon mal erwischt, aber das kam leider viel zu selten vor. Auch Nipp hatte er mal zum Singvogelessen eingeladen, aber der hatte mit irgendwelchen Ausreden abgelehnt. Er h\u00f6rte die V\u00f6gel einfach lieber singen, obwohl es sonntags doch zugegebenerma\u00dfen immer sehr gut aus Nachbars K\u00fcche duftete, aber nein, das war einfach zu viel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nipp begann zu rechnen, \u201eWenn nun jede Woche f\u00fcnf bis neun V\u00f6gel verzehrt werden, sagen wir einmal so durchschnittlich sieben, sind das im Jahr,\u00a0\u00a0\u00a0 im Jahr\u00a0\u00a0\u00a0 , im Jahr\u00a0\u00a0\u00a0 das Jahr hat so ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig, nein bei 365 Tagen, hm, zweiundf\u00fcnfzig Wochen\u201c, ja, im Rechnen war er schon in der Schule sehr gut gewesen, um nicht zu sagen der Beste, aber das war schlie\u00dflich schon lange her und so wie andere sehr gut ein O schreiben konnten oder gar eine 0, konnte er immer noch ganz gut rechnen, andere neideten ihm das schon damals und das war wohl auch gut so, sonst h\u00e4tte er noch Freunde gehabt, und die konnte er zur damaligen Zeit wirklich nicht gebrauchen, die h\u00e4tten nur seine kostbare Lesezeit in Anspruch genommen, h\u00e4tten L\u00f6cher in seine Welt der Tr\u00e4ume und teilweise widerlichen Phantasien gerissen, und das h\u00e4tte ihm nun wirklich \u00fcberhaupt nicht in den Kram gepasst. \u201eDann w\u00e4ren das ja im Jahr fast genauso viele V\u00f6gel wie Tage, nein, das kann nun wirklich nicht so weitergehen. 364 V\u00f6gel, kein Wunder, dass im Winter nur noch knappe zehn V\u00f6gel am Futtertrog sa\u00dfen.\u201c Was war zu tun, die schon mal letzte Woche angerufene Polizei hatte sich nicht gro\u00dfartig an der Sache interessiert gezeigt und ihn mit Worten wie \u201enicht zust\u00e4ndig\u201c und \u00e4hnlichem Schmu abgefertigt. Die st\u00e4dtische Greenpeace-Gruppe hatte ebenfalls kein Interesse gezeigt, sie musste gerade eine publicity-tr\u00e4chtige Aktion vorbereiten, das Amt f\u00fcr Umweltschutz war letzte Woche vom Stadtrat geschlossen worden, man musste schlie\u00dflich sparen. Der Vogelschutzbund stellte sich als Briefkastenfirma heraus, die nur auf Spenden wartete und die Zeitung wartete, auf die publicity-tr\u00e4chtige Aktion von Greenpeace und wollte dem zu erwartenden Artikel nicht schon im Vorfeld das Wasser abgraben. Was also war zu tun. Die meisten anderen Nachbarn redeten eh nur das N\u00f6tigste mit dem Kauz Nipp, und Selbsthilfegruppen kamen heutzutage nur noch f\u00fcr schwule Bauerns\u00f6hne und sexbesessene Hausfrauen infrage. Nipp lag also auf seiner Liege im Regen und st\u00e4ndig tropften diese l\u00e4stigen Regentropfen auf seine aufgeschwollenen, um nicht zu sagen gequollenen Brustwarzen, das konnte wirklich derma\u00dfen nervig sein. Er versuchte also wieder nachzudenken, aber das gestaltete sich aus den gegebenen Umst\u00e4nden als wirklich problematisch. Kurz entschlossen stand er zwei Stunden sp\u00e4ter auf und legte sich ins Bett. \u201eNichts f\u00fcr ungut, aber heute ist wohl nicht der richtige Tag zum Nachdenken.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die V\u00f6gel zwitscherten ihr lustiges Lied. Zufrieden lag er auf der Terrasse und lie\u00df es sich gut gehen, das einzige, was ihn st\u00f6rte, war der permanente Regen, der auf seine beiden aufgequollenen Brustwarzen tropfte, egal wie er sich legte, schien&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/02\/04\/voegel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39229","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39229","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39229"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39229\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}