{"id":39226,"date":"2008-02-24T00:01:08","date_gmt":"2008-02-23T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39226"},"modified":"2021-10-31T13:54:04","modified_gmt":"2021-10-31T12:54:04","slug":"losgehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/24\/losgehen\/","title":{"rendered":"Losgehen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den gesamten Abend hatten sie sich unterhalten, \u00fcber Kunst und Literaturen, dann nat\u00fcrlich \u00fcber typisch deutsche Befindlichkeiten, \u00fcber die Art des Marketings von Kunst und Literatur, dabei nicht das H\u00e4uten der Zwiebel von GraSS ausgelassen, einen Essay von Herrn Schlehe (alter Bekannter unbekannter Herkunft aus M\u00fchlheim) besprochen. Sie hatten halb wohlwollend Leni Riefenstahl auseinandergelegt und ganz nebenbei mit dem Roten Korsaren mit Burt Lancaster verglichen, alles dies h\u00f6chst unwissenschaftlich und mit jeder Flasche Wein engagierter. Sie hatten festgestellt, wie gut sie doch eigentlich seien, dies allerdings von der \u00d6ffentlichkeit nicht wahrgenommen w\u00fcrde. B. hatte seinen neuesten Essay \u00fcber die Poesie vorgestellt, der allerdings erst zwei Jahre sp\u00e4ter erscheinen sollte und daher zun\u00e4chst im Verborgenen wirken m\u00fcsse. Sie hatten nat\u00fcrlich, denn das geh\u00f6rt schlie\u00dflich dazu, auch derbe Witze gerissen \u00fcber Neon Rausch, \u00e4h Rauch, die Leipziger Schule und die alten D\u00fcsseldorfer Malerf\u00fcrsten, nicht deren Bilder, aber deren Schmuck bewundert, \u00fcber typisch teutsche Kunst und warum einige K\u00fcnstler derma\u00dfen gehypt w\u00fcrden. Sie hatten leckere Rouladen gegessen mit Pauls Geheimf\u00fcllung, einfach ein Traum, vier verschiedene Sorten Wein getrunken, sich von einem netten franz\u00f6sischen Landwein zu einem Bordeaux, gereift im Bariquefass,\u00a0 hochgearbeitet, die Stimmung war angeschwollen bis zu B.s Zusammenbruch, er war einfach eingeschlafen und nicht mehr zu wecken gewesen. Herr Nipp und Paul hatten dessen ungeachtet weiter gesprochen, sich weit schweifende Gedanken \u00fcber neue Projekte gemacht, die alten Weisen wurden dabei trefflich kolportiert. Projekte \u00fcbrigens, die sie niemals w\u00fcrden beenden k\u00f6nnen, geschweige denn anfangen, weil Paul sein Ende in sich trug. Sie gingen bis an die Grenzen des Verst\u00e4ndlichen, denn ab einem Punkt k\u00f6nnen die Ausdr\u00fccke des Anderen einfach nur noch interpretiert, aber nicht verstanden werden. Die W\u00f6rter wurden zielstrebig verk\u00fcrzt oder eben aus Nachl\u00e4ssigkeit verst\u00fcmmelt, die Artikulation nahm sich aus, wie die von kleinen Kindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp hatte sich irgendwann die warme Winterjacke \u00fcbergezogen, hatte sich verabschiedet, hatte die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und hinter sich zugezogen, er hatte auf dem Weg nach Hause Autos an sich vorbeifahren und neben sich halten gesehen, er hatte ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Philosophie von einem Bekannten durch den Fensterrahmen eines japanischen Kleinwagens gef\u00fchrt. Nietzsche. Den ganzen Weg \u00fcber hatte Herr Nipp einen Satz im Kopf gehabt, diesen mit immer neuen Betonungen ausgesprochen. Vor sich hin gebrabbelt, hatte den allm\u00e4hlichen Bedeutungswandel gemerkt, allerdings nicht den Schritt seiner F\u00fc\u00dfe, das leichte Wanken und Schlendern, er hatte einen Abend hinter sich gebracht, wie im Traum. Ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch ich liebe ich lebe noch. Dieses eingeflossene Ich liebe hatte ihn stutzen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Stra\u00dfen weiter hatte er einige Bilder eines sehr entfernten Bekannten gefunden, der ihm nicht ganz gleichg\u00fcltig war, denn er teilte einen Teil seiner Geschichte mit diesem,\u00a0 auf einem Sperrm\u00fcllhaufen. Hatte zwei ausgesucht und mitgenommen. Diese w\u00fcrden ihm sp\u00e4ter als Regalbretter dienen. Er hatte an die Aufzeichnungen von Rilke gedacht, hatte \u00fcber die Sequenz Sehen gedacht, die ihm vor Jahren so haften geblieben war: \u201eIch lerne sehen. Ich wei\u00df nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich wei\u00df nicht, was dort geschieht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und \u201eHabe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Den gesamten Abend hatten sie sich unterhalten, \u00fcber Kunst und Literaturen, dann nat\u00fcrlich \u00fcber typisch deutsche Befindlichkeiten, \u00fcber die Art des Marketings von Kunst und Literatur, dabei nicht das H\u00e4uten der Zwiebel von GraSS ausgelassen, einen Essay von Herrn&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/24\/losgehen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39226","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39226"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39226\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}