{"id":39196,"date":"1997-03-24T00:01:25","date_gmt":"1997-03-23T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39196"},"modified":"2020-11-25T16:21:04","modified_gmt":"2020-11-25T15:21:04","slug":"strassenfrieden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/03\/24\/strassenfrieden\/","title":{"rendered":"Stra\u00dfenfrieden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen war er zu dieser Adresse gefahren, Adler- Ecke Sternstra\u00dfe, Dortmund Mitte-West. Dort hatten sich seit ein paar Jahren einige junge K\u00fcnstler zusammen getan. Salon Atelier. Jedes Mal mit Freude aus ganzem Herzen konnte er hierhin kommen, hier f\u00fchlte er Zufriedenheit. Seit dem fr\u00fchen Nachmittag ging das Fest schon seinen Lauf, man hatte drau\u00dfen einen DJ postiert, der die Kreuzung mit einer unglaublichen Musikmischung beschallend aufmischte.\u00a0 Richard, nur zu empfehlen. Tats\u00e4chlich tanzten gegen Abend die G\u00e4ste auf der Stra\u00dfe, Autos mussten langsam fahren und sich ihren Weg k\u00e4mpfen. Einmal kam der Verkehr zum v\u00f6lligen Erliegen, bulliges Gef\u00e4hrt mit bulligen M\u00e4nnern. Muskelberge auf den Armen, kahl rasiert, Ans\u00e4tze von B\u00e4rten. Herrn Nipp stockte schon der Atem, als diese Herren auch noch mit von ihm finster vermuteten Mienen ausstiegen. Der erste\u00a0 ging einige Meter auf die Gruppe zu, hielt an, hob die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf und begann tats\u00e4chlich zu tanzen, die anderen auch, der Wagen wurde zur\u00fcckgesetzt, in die n\u00e4chste freie Parkl\u00fccke, der Fahrer stieg aus. Die Tanzfl\u00e4che hatte vier neue Mitstreiter f\u00fcr diesen Stra\u00dfenfrieden gefunden. Treibende Beats, auch Klassiker, gute Mischung, da konnte es keinen ruhig halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6220\">ART-O-MAT<\/a> war inzwischen aufgestellt, hatte seine Ecke gefunden, allerdings nicht angeschlossen, hatte man einen ganzen Tag verstreichen lassen. Herr Nipps Idee drohte tats\u00e4chlich schief zu gehen. Dabei klemmte eine Kiste mit den von ihm gemachten Sch\u00e4chtelchen doch unter seinem Arm. \u201eNein, wir hatten einfach zu wenig Zeit, und jetzt sind noch nicht alle Bilder trocken.\u201c \u201eAlso best\u00fccken jetzt, aber schnell, damit sich\u00b4s noch lohnt.\u201c Vier von f\u00fcnfzehn Sch\u00e4chten, vier K\u00fcnstler, immerhin fast sechzig Arbeiten. Klein, zigarettenschachtelgro\u00df. Vier Euro das St\u00fcck. Schon nach einer halben Stunde kann man die ersten G\u00e4ste sehen, die sich stolz untereinander die kleinen Kunstst\u00fcckchen pr\u00e4sentieren. Die k\u00fcnstlerische Leiterin des Kunstvereins (echt sympathische Frau, nicht so stur eingebildet, wie man es sonst oft kennt) leider nicht, hatte wohl ihr Portmonee vergessen, immerhin aber ein ortsans\u00e4ssiger Galerist. Andere K\u00fcnstler und normale G\u00e4ste. Sch\u00f6n, wenn man sieht, dass sogar Galeristen Kunst kaufen. Nettes Gewusel zwischendrin, im Salon. Zwei Weimeraner Hunde, traumhaftes Fell, Traumfiguren. Und trotzdem Schmusehunde, irgendwie. Kinder springen herein und verschwinden wieder, quietschend. Kuchen, Wein und Bier. Geh\u00f6ren dazu. Jeder dritte hat eine Zigarette im Mundwinkel, die anderen meist zwischen den Fingern. Aber auch einige Nichtraucher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu vorger\u00fcckter Stunde kommen zwei Polizisten, er und sie. Oder umgekehrt. Beide jung, unter drei\u00dfig wohl, schmucke Uniformen, alle Utensilien griffbereit. Beide ansehnlich.\u00a0 Sie sogar richtig h\u00fcbsch. Ruhig, ausgeglichen. Die Musik muss beendet werden. Man versucht mit freundlichen Gespr\u00e4chen alles hinauszuz\u00f6gern, die beiden wissen allerdings um ihre traurige Pflicht. Und man merkt, dass es ihnen wirklich Leid tut, sie haben wohl Gefallen an diesem Treiben gefunden. W\u00fcrden sicherlich lieber und gerne mitmachen. \u201eSch\u00f6n, so etwas zu sehen, nicht zerst\u00f6rte Autos, sondern nett feiernde Leute.\u201c Statement. Der DJ beendet sein Tagewerk, jemand greift zur Gitarre und singt. Nicht gut, aber ehrlich. Die Leute sind zufrieden, Applaus auch f\u00fcr die Staatsdiener. Unglaublich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen war er zu dieser Adresse gefahren, Adler- Ecke Sternstra\u00dfe, Dortmund Mitte-West. Dort hatten sich seit ein paar Jahren einige junge K\u00fcnstler zusammen getan. Salon Atelier. 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