{"id":38325,"date":"2000-06-29T00:01:00","date_gmt":"2000-06-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=38325"},"modified":"2021-12-27T17:46:49","modified_gmt":"2021-12-27T16:46:49","slug":"sonne-und-eis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/06\/29\/sonne-und-eis\/","title":{"rendered":"SONNE UND EIS"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich sehe die sonne allein und nackt mit ausgebreiteten armen und einem schemenhaft verschwommenen bleichen gesicht neben mir unter b\u00e4umen liegen. indem sie langsam verglimmend in meinen augen erlischt, weht bl\u00fctenstaub auf mich herab, den insekten best\u00e4uben, wodurch er st\u00e4ndig aufwirbelt und niederf\u00e4llt. bald aber umgibt mich rauch, und ich denke, die atmosph\u00e4re d\u00fcnstet so. der qualm jedoch erdr\u00fcckt die luft. ich sp\u00fcre, wie mein kopf oberhalb der augenbrauen taub wird, und bemerke, da\u00df der brand aus meinem eigenen fleisch kommt. ich ziehe mir die decke \u00fcbers gesicht und ber\u00fchre eine z\u00fcndschnur auf der haut, die sofort funken spr\u00fcht, ehe mir kochend hei\u00dfes wasser aus dem k\u00f6rper flie\u00dft und dutzende k\u00fcken entschl\u00fcpfen, die davonlaufen, wobei die glocken eines nahen klosters l\u00e4uten. kurz darauf liege ich, mit harnisch und panzer bekleidet, im gelbbraun verbrannten gras unterm verschleierten himmel, und bienen umsummen mich. ansonsten herrscht v\u00f6llige stille. und die luft lastet l\u00e4hmend auf meiner brust. unversehens bin ich in einem see von fischen umgeben, und mein gesicht gleitet wei\u00df leuchtend durch ein diffuses licht, das schnell gefriert und mir den atem abdr\u00fcckt. die sonne schwebt jetzt graublau gl\u00e4nzend \u00fcberm eis und beobachtet scheinbar gleichm\u00fctig, wie ich meinen k\u00f6rper knirschend an der unterseite des eises reibe, um es zu durchbrechen, w\u00e4hrend die leiber der fische neben mir bereits mit offenen m\u00e4ulern erstarrt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">traumnotat aus <strong>reise im flug<\/strong>, von Holger Benkel, Verlag blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995<\/p>\n<div style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Radierung von Francisco de Goya<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der besonderen Kompetenz der Dichter f\u00fcr die Sprache und die Botschaft der Tr\u00e4ume wurde durch Siegmund Freud fundamental neu gestellt. Im 21. Jahrhundert ist die Akzeptanz des Tr\u00e4umens und des Tagtr\u00e4umens weitaus gr\u00f6\u00dfer als noch vor hundert Jahren. Tr\u00e4umen wird nicht mehr nur den Schamanen oder Dichter-Sehern, als bedeutsam zugemessen, sondern praktisch jedermann. Gleichwohl wird den Dichtern noch immer eine &#8218;eigene&#8216; Kompetenz auf dem Gebiet des Traums zugesprochen &#8211; Freud sah sie sogar als seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner an, mit Modellanalysen versuchte er diese Kompetenz zu best\u00e4tigen. Die <em>Traumnotate<\/em> von Holger Benkel sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich sehe die sonne allein und nackt mit ausgebreiteten armen und einem schemenhaft verschwommenen bleichen gesicht neben mir unter b\u00e4umen liegen. indem sie langsam verglimmend in meinen augen erlischt, weht bl\u00fctenstaub auf mich herab, den insekten best\u00e4uben, wodurch er&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/06\/29\/sonne-und-eis\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":49456,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-38325","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38325"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38325\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}