{"id":38291,"date":"1997-06-14T00:01:10","date_gmt":"1997-06-13T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=38291"},"modified":"2021-12-07T19:12:40","modified_gmt":"2021-12-07T18:12:40","slug":"gummikinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/14\/gummikinder\/","title":{"rendered":"GUMMIKINDER"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es lebte einst der junge ferdinand, der a\u00df jeden tag hunderte s\u00fc\u00dfe gummib\u00e4ren. und eines tages, als er sich an die nase fa\u00dfte, war sie ebenfalls zu gummi geworden, da\u00df man sie eindr\u00fccken konnte. er indes dachte, das macht nichts, man kann auch mit gumminase riechen. doch eines n\u00e4chsten tages, da er sich den mund abwischte, waren seine lippen aus gummi und hingen \u00fcbers kinn hinab. er hingegen dachte, das macht nichts, man kann auch mit gummilippen essen. und a\u00df die gummib\u00e4ren ohne unterla\u00df. und eines weiteren tages hatte er augen aus gummi, die murmeln gleich in ihren h\u00f6hlen rollten. und bald war der gesamte kopf gummi. und es folgten die arme, die beine, der bauch und so fort. bis der ganze kerl wie weichgelutscht dastand und klebrig gl\u00e4nzte. da lachten die andern kinder, denn jedes einzelne k\u00f6rperteil, vom linken ohr bis zur rechten kleinen zehe, wackelte wie pudding.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ferdinand aber lief voller scham und angst in den wald und mochte keines der kinder mehr leiden. und durchquerte hastend dunkles dickicht, worin ihm ein riesiger vogel begegnete, der mit krachenden fl\u00fcgelschl\u00e4gen davonflog. und als ferdinand sich endlich besann, hatte er l\u00e4ngst jeden weg verloren. und stand ersch\u00f6pft vor einer einsamen schlucht und wu\u00dfte nicht weiter. und begann die wilden tiere zu f\u00fcrchten. und hielt nach einem hohen baum ausschau, worauf er die nacht verbringen k\u00f6nnte. da ging pl\u00f6tzlich ein windhauch durch die wipfel der b\u00e4ume. und vom nahen felsengebirge kam auf einem wei\u00dfen pferd eine fee geritten, die in ein eng anliegendes wasserfarbenes gewand aus samt geh\u00fcllt war. sie beugte sich zu ferdinand herab, strich ihm \u00fcbers haar und sagte, sie wisse von seiner not, und sie allein k\u00f6nne ihn wieder zum menschen aus fleisch und blut werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ferdinand f\u00fchlte sich erleichtert ob der verhei\u00dfungen der fee und kletterte zu ihr aufs pferd. und sie ritten, vorbei an brombeergestr\u00e4uch und wilden heckenrosen, die ihren weg s\u00e4umten, davon ins finstere innere des waldes, wo sie ihn absteigen hie\u00df und das pferd an einem pfahl festband. bald passierten sie einen engen und niedrigen eingang, der auf der abfallenden seite eines h\u00fcgels hinter dichtem geb\u00fcsch verborgen lag, gingen eine eiserne treppe hinab und liefen durch halbdunkle unterirdische g\u00e4nge. bis sie j\u00e4h im hellen licht hielten. dort erblickte ferdinand in unmittelbarer n\u00e4he ein raumschiff. und die fee hob ihn hinauf und bestieg selbst die kapsel. und nicht lange und ferdinand h\u00f6rte das rauschen beim abheben der rakete und bestaunte die erdkugel mit ihren meeren, und vor ihm lag das weite all.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und nachdem sie einige zeit geflogen waren, erschienen steinige landschaften vor ihnen. das war der mond. das raumschiff landete. und ferdinand dachte, die fee w\u00fcrde ihm nun hinaushelfen. doch wie erschrak er, als eine hexe mit giftroten augen und struppigem schopf vor ihm stand, deren kalkgef\u00e4rbtes gesicht nur m\u00fchsam die schuppige und behaarte haut verbarg. und er erkennen mu\u00dfte, da\u00df sich die fee verwandelt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die hexe griff ihn rasch an seinen haaren und stellte ihn zu einer menge anderer kinder, die gleichfalls aus gummi waren. dann lie\u00df sie die kinder in reih und glied antreten und sprach: \u00bbheute endlich fiel mir das neunundneunzigste gummikind in den scho\u00df. und so kommt der ersehnte tag. meine diener kochen schon das wasser im gro\u00dfen kessel, um euch hineinzuwerfen, da\u00df ich die haut von euren knochen ziehn und mir zum trocknen h\u00e4ngen kann. denn die menschen der erde versto\u00dfen und verfolgen mich alte frau. und daher mu\u00df ich fortan auf dem monde leben. hier aber ist es kalt und dunkel, und ich friere. und darum werd ich mit euren knochen mein haus mir bauen, das mich sch\u00fctzt und w\u00e4rmt. und eure h\u00e4ute sollen mich zudem bekleiden und bedecken. dies sei euer dank daf\u00fcr, da\u00df ich euch befreit hab vom menschen.\u00ab und als sie gesprochen hatte, begannen die kinder zu klagen, und weinten und flehten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die hexe unterdessen schritt unger\u00fchrt davon zur tat und betrachtete minutenlang l\u00fcstern das brodelnde wasser. die kinder standen jetzt wie erstarrt, ehe sie, eines nach dem andern, ihren kleinen finger mit dem kleinen finger ihres nachbarn ber\u00fchrten, bis sie auf diese weise alle, hand bei hand, verbunden waren. daraufhin trat der junge ferdinand hervor und fl\u00fcsterte, sie sollten die hexe mit gewalt ergreifen. und eines der m\u00e4dchen sagte, man m\u00fcsse sie mit neunundneunzig gummifingern vollstopfen, dann w\u00fcrde sie ihre zauberkraft verlieren. kurzerhand bi\u00df sich jedes kind einen seiner kleinen finger ab. und die st\u00e4rksten der kinder \u00fcberfielen die hexe gemeinsam von hinten und zwangen sie durch die kraft ihrer masse im kampf zu boden. und steckten ihr die gummifinger in den mund, da\u00df sie manche mehrmals erbrechen mu\u00dfte. und kannten keine gnade mehr und lie\u00dfen nicht locker, bevor nicht alle neunundneunzig finger endg\u00fcltig verschluckt waren. da wurde die hexe selber zu gummi und schrumpfte und fiel in sich zusammen. und die kinder warfen sie ins kochende wasser. und sie ging unter darin und verdampfte. und nur ihr kopf schaute noch einmal f\u00fcr momente mit traurigen augen hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die diener der hexe aber hatten, als sie bemerkten, was geschah, vor schreck das weite gesucht und das raumschiff gestartet. und waren mit allen vorr\u00e4ten geflohen. und so sa\u00dfen die neunundneunzig gummikinder nun allein samt ihrer verbliebenen achthunderteinundneunzig finger. und es fehlte ihnen alles zum leben. und sie hungerten und froren. und a\u00dfen und tranken bald die klebrig z\u00e4he fl\u00fcssigkeit, die vom k\u00f6rper der hexe noch \u00fcbrig war. und wenn sie nicht alle miteinander gestorben sind, dann haben die einen die andern geschlachtet und aufgegessen und aus den knochen der toten ihr haus gebaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">traumnotat aus <strong>reise im flug<\/strong>, von Holger Benkel, Verlag blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995<\/p>\n<p><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-49456 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg 330w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>mei\u00dfelbrut<\/strong>,\u00a0Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Edition Das Labor<\/a>, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; es lebte einst der junge ferdinand, der a\u00df jeden tag hunderte s\u00fc\u00dfe gummib\u00e4ren. und eines tages, als er sich an die nase fa\u00dfte, war sie ebenfalls zu gummi geworden, da\u00df man sie eindr\u00fccken konnte. er indes dachte, das macht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/14\/gummikinder\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":49456,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-38291","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38291\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}