{"id":37836,"date":"2017-06-21T11:11:10","date_gmt":"2017-06-21T09:11:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37836"},"modified":"2023-04-03T11:58:05","modified_gmt":"2023-04-03T09:58:05","slug":"scherz-satire-ironie-und-tiefere-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/06\/21\/scherz-satire-ironie-und-tiefere-bedeutung\/","title":{"rendered":"Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Kein Mensch verdient, daf\u00fcr geehrt zu werden, dass er lebt.<\/em><\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Jean-Paul Sartre<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur zwei harte W\u00e4hrungen kennt der deutsche Literaturbetrieb. Die eine ist: Geld. Die andere hei\u00dft: <i>Authentizit\u00e4t<\/i>. Sie ist wichtiger als Preise, weil man Preise verachten kann, wenn man authentisch ist.\u00a0Diese <em>Echtheit<\/em> ist der Grad der \u00dcbereinstimmung zwischen einer Tatsache und deren Darstellung und damit erheblich eleganter als Coolness, weil sie niemanden abschreckt. Sie ist aufregender als Pr\u00e4senz, weil sie jede Gestalt annehmen kann. Und sie ist unzug\u00e4nglicher als das, was an den Schreibakademien in Hildesheim und Leipzig abgelaicht wird, denn sie erfordert nur sich selbst. Wir stellen in diesem Onlinemagazin keine an Spezialinteressen h\u00e4ngende Leute mit sozialen Defiziten vor, sondern Lyriker, die das Zeug zu einem echten Klassiker bei Lebzeiten haben. Es ist der\u00a0redaktionelle Auftrag von\u00a0KUNO Schlaglichter auf die Szene jenseits des Hipness-Radars zu werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Romain Gary<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im deutschsprachigen Raum wird an jedem Tag mindestens ein Literaturpreis verliehen. Auszeichnungen und<i> <\/i><em>Preise \u00e4hneln &#8211; <\/em>Billy Wilder zufolge &#8211;<em> H\u00e4morrhoiden<\/em>, &#8222;fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bekommt sie jedes Arschloch.&#8220; Und in den weitaus meisten F\u00e4llen sind es die Jurys, die sich f\u00fcr ihren Geschmack auszeichnen. Im Rheinland beruft man sich dagegen auf die l\u00e4ssige Tradition von Christian Dietrich Grabbe und stellt den kom\u00f6diantischen Widerpart zu einem Literaturbetrieb dar, der \u00fcber wenig Selbstironie verf\u00fcgt. Im Jahr 2001 wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=572\"><em>Hungertuch<\/em><\/a> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der sich auf den Katholizismus beruft. Der sogenannte <i>Nahbellpreis <\/i>wurde bereits ein Jahr zuvor lanciert vom unerm\u00fcdlichen Organisator, Photographen und Lyrik-Performer Tom de Toys, es ist ein Kofferwort, das die Begriffe N\u00e4he, Gebell und Nabel mit sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Lebensl\u00e4ngliche Unbestechlichkeit <\/span><\/em><span style=\"color: #888888;\">sowie<\/span><em><span style=\"color: #888888;\"> <i>stilistische Zeitgeistresistenz<\/i><br \/>\n<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gefahr f\u00fcr die Entscheidungsfreiheit der Literaturinteressierten und ihrem kulturellen Horizont wird durch die Bildung von Filterblasen behindert, in denen Leser nur noch konsumieren, was das\u00a0Feuilleton ihnen vorschreibt und sie nie mit wirklich Neuem konfrontiert werden. Der <i>Nahbellpreis<\/i> w\u00fcrdigt: &#8222;Lebenswerke und \u00f6ffentliches Engagement von Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten&#8220;. Gem\u00e4\u00df dem Urkundentext sind <i>lebensl\u00e4ngliche Unbestechlichkeit<\/i> sowie <i>stilistische Zeitgeistresistenz<\/i> ausschlaggebend, um Interesse zu wecken. Bisherige Preistr\u00e4ger sind u.a. die\u00a0Fragmenttexterin <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Angelika Janz<\/a>, die &#8222;Rampensau&#8220; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42817\">Stan Lafleur<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">HEL<\/a>, der\u00a0Arch\u00e4ologe des analogen Alltags. Diese Autoren haben es nicht n\u00f6tig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Sch\u00f6nheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untr\u00fcgliches Gef\u00fchl f\u00fcr dramatische Zwischenr\u00e4ume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zust\u00e4nde in der Regel beil\u00e4ufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Diese Dichtergeneration ist nicht bereit, hinter die Standards einer kritischen Sprachbehandlung und also Wirklichkeitsauffassung zur\u00fcckzufallen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Kling<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufrecht und aufrichtig beschreiben <em>Nahbell<\/em>-Preistr\u00e4ger wie <a href=\"https:\/\/poemie.jimdo.com\/nahbellpreis\/preistraeger-portraits\/15-nahbell-preis-2014-kai-pohl\/\">Kai Pohl<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34105\">Clemens Schittko<\/a> eine Welt, die von Vereinzelungstendenz, Krieg, Armut, Ignoranz der herrschenden Klasse und Artensterben bestimmt ist. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2261\">Hadayatullah H\u00fcbsch<\/a> durchstreifte mit sp\u00e4hendem J\u00e4gerblick erbarmungslos die St\u00e4dte, als w\u00e4ren sie die Wildnis. Es handelt sich bei den Ver\u00f6ffentlichungen nahezu aller <em>Nahbell<\/em>-Preistr\u00e4ger um eine hoch kognitive Poetik, die urbane Alltagserfahrung destilliert, auf Gelassenheit heruntergeschaltet und zuweilen das Gezeigte staubtrocken vortr\u00e4gt. Der <i>Nahbellpreis<\/i> wird seit dem Jahre 2000 allj\u00e4hrlich am 21. Juni als alternativer Lyrik-Nobelpreis verliehen und ist mit 10 Millionen Euro der h\u00f6chstdotierte Literaturpreis. Das Preisgeld konnte allerdings bis heute mangels Sponsoren noch nicht ausgesch\u00fcttet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Solidarit\u00e4t der Solit\u00e4re<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide rheinische Anerkennungen belegen die Tradition von Christian Dietrich Grabbe, da\u00df es im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg gibt. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_99316\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99316\" class=\"wp-image-99316 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Arno_Holz-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99316\" class=\"wp-caption-text\">Arno Holz, Erfinder der Mittelachsenlyrik<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>U<span class=\"atc-textfirstletter\">nabh\u00e4ngige Literatur<\/span> lebt auch von ihren Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen. Und das ist gut so. Ein geistvoller Irrtum bewirkt oft mehr als eine belanglose Richtigkeit. Mit der Energie von Tom de Toys k\u00f6nnte man eine mittelgro\u00dfe deutsche Kleinstadt versorgen, Beleuchtung, Nahverkehr und alle Kneipen inklusive. Seine Texte in seinem wahrscheinlich wuchtigstem Band <i>METAMOTIVATION IST M\u00d6GLICH<\/i> besitzen einen rasenden Pulsschlag (<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">dazu mehr auf KUNO an anderer Stelle<\/a>), auch wenn sie mal danebengehen \u2013 und von wie vielen deutschen Off-Autoren kann man das behaupten?<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Mensch verdient, daf\u00fcr geehrt zu werden, dass er lebt. Jean-Paul Sartre Nur zwei harte W\u00e4hrungen kennt der deutsche Literaturbetrieb. Die eine ist: Geld. Die andere hei\u00dft: Authentizit\u00e4t. 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