{"id":37630,"date":"2023-07-16T00:01:55","date_gmt":"2023-07-15T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37630"},"modified":"2022-02-25T17:30:00","modified_gmt":"2022-02-25T16:30:00","slug":"die-stimme","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/16\/die-stimme\/","title":{"rendered":"Die Stimme"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Blicke auf Stimme<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Worte f\u00fcr Stimme<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Musik<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Trocken gesagt eine Sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">eine Win-Win Sache und dar\u00fcber<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">rentabel: ein Mal komponiert<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">spielbar mannigfach ohne<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Materialerm\u00fcdung dazu universell.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Sie ist Freilauf des Gehirns.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Auf H\u00f6rpromenaden klingende Skulpturen<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">changierend in Form zwirbelnd<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">wellend angelegte Variationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Mit ihr kann man dem Materiellen<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">das Andere entgegensetzen das gr\u00f6sser ist<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Die Formel offen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">wo die Interpretation<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">mehrdeutig wird<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">wird mehrdeutig<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">die Interpretation.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Was ist des Tons Chronologie?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Wie lange dauert die Farbe eines Lauts?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Wie schmeckt Dur wie Moll<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">ist C vertrauter Freund?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">In der Stille wird sie geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Aus der Stille t\u00f6nt sie heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Die Stille ist in ihrem Klang zugegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder hat sie. Sie ist t\u00e4glich im Gebrauch. Tr\u00e4ger, \u00dcbermittler, ein Medium von Sprache, Inhalt. Der, der spricht mit und mittels ihr, er ben\u00f6tigt die Stimme, um die Worte, S\u00e4tze heran zu tragen zu dem, der h\u00f6rt, zu dem, der verstehen will. <i>Was<\/i> gesagt wird, ist vordergr\u00fcndig wichtiger als <i>wie<\/i> es gesagt wird, wenngleich das Wie auch ungeh\u00f6rt wahrgenommen wird. Die Stimme \u00fcbertrage Emotionen, hei\u00dft es. Die Stimme gelte als Fenster zur Seele, sagt man. Ist sich der Tr\u00e4ger seiner Stimme bewusst &#8211; ob, um das Gesagte hervorzuheben oder ob um der Stimme an und f\u00fcr sich Ausdruck zu verleihen &#8211; gilt die Stimme als gesteigert. Besonders dann, wenn die Stimme sich mit dem Element Musik verbindet. Im Gef\u00e4\u00df der Musik, die, egal welcher Art, in einem Korsett aus Regeln steckt \u2013 Rhythmus, Harmonien, Melodielinien, Begleitinstrumenten, der Struktur allgemein -, empfindet man die Stimme als \u00fcberh\u00f6ht. Eine Stimme, die in der Musik aufgehoben ist, betritt eine neue Sph\u00e4re und kn\u00fcpft sich ab von der Stelle, die allt\u00e4glich ist, die allgemein g\u00fcltig ist. Sie wird zu einer besonderen Stimme. Zu einer Stimme, die f\u00fcr alle sprechen kann, einer, die nicht diese Stimme sind und nicht sein k\u00f6nnen, erst gar nicht jetzt, wo sie doch ihren momentanen und einzigartigen Soloplatz mittig der Musik eingenommen hat. Dort entfaltet sie sich, f\u00fcr sich, f\u00fcr den Tr\u00e4ger, den Zuh\u00f6rer und f\u00fcr die Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>G.H., Berlin 2009, Aufnahmestudio, 17.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Erste Mikrophon-Probe. G.H.&#8217;s Stimme wird mittig gesetzt, etwas vorne. Die Band ringsum. Der Hall kommt sp\u00e4ter hinzu. Vorl\u00e4ufiges Reiseziel erreicht. Das Setting ist da und der Rest beim k\u00fcnftigen H\u00f6rer: er wird den Ort mit seiner Vorstellung anreichern, etwas von sich hineinlegen, wird das eine Ereignis vor Ort zu einem neuen Ereignis, seinem Ereignis machen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht immer muss die Transformation von Sprech- zur Gesangstimme etwas G\u00f6ttliches darstellen, was es hierzulande oftmals ja tut. Da ist viel Kult um den Gesang, um den S\u00e4nger. Hier, die langbeinige Bandfrontfrau mit L\u00f6wenm\u00e4hne. Dort, das ausdrucksstarke Starlet am Opern- oder Musicalhimmel. Wir verschwenden keine Zeit das uns Beeindruckende auf den Sockel der Bewunderung zu heben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gewissen L\u00e4ndern werden die Sprechstimmen und die Gesangstimmen nicht als in zwei verschiedenen Welten stattfindende Ph\u00e4nomene angesehen. Da geht die eine leicht in die andere hin\u00fcber. Da werden die Schritte zwischen einem nebenbei gesagten Wort und einer gesungenen Melodie ganz klein gehalten. Hierzulande jedoch, wo man Showb\u00fchnen kennt und pflegt, kennen wir das Ph\u00e4nomen nur allzu gut, wo die sprechende Stimme angesichts einer singenden in ihrer Wirkung nachsteht. Freilich, wer singt, nimmt erstmals einen gr\u00f6\u00dferen, meistens auch lauteren, (Klang)Raum ein. Mitunter ist die Gesangsstimme effektvoller, weil die gesungenen Noten in der Regel l\u00e4nger dauern als die im Vergleich relativ kurzen, eher im kleineren Tonumfang stattfindenden T\u00f6ne der gesprochenen S\u00e4tze. Man f\u00e4llt dem Singenden auch nicht so leicht ins Wort \u2013 und jedes singende Einklingen w\u00fcrde quasi zu einem Duett -, sondern man l\u00e4sst den Singenden, was er zu singen hat zu Ende singen, wo demgegen\u00fcber das Ausredenlassen in der Praxis nicht immer so gut funktioniert. Und dies ironischerweise, obschon der Sprecher meistens von sich aus etwas sagt, etwas, das ihn direkt betrifft, wo hingegen der S\u00e4nger oftmals etwas interpretiert, das ein anderer komponiert, vertextet hat. Er stellt also etwas dar, was zwar aus ihm kommt, aber ihn nicht unbedingt auch darstellt. Der S\u00e4nger lebt etwas, das er sein k\u00f6nnte, sein m\u00f6chte, aber m\u00f6glicherweise gar nicht ist. Gerade das scheint besonders wertvoll und unantastbar zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.T., Barcelona 1996, 20.40 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.T. singt sich ihren Raum frei und befreit bei ihrem Publikum einen gespiegelten. Aber es ist mehr. T.T. hat den Raum, den sie zur Verf\u00fcgung hat ge\u00f6ffnet und die Zuschauer vor deren Raum in ihren herbeigef\u00fchrt. Der abgeholte Zuh\u00f6rer ist \u00e4u\u00dferst wach. Die Stimme hier, das Ohr dort. Verschiebung der R\u00e4ume. Teilung der Zeit durch Sinne. Eine Welt entsteht neben der wirklichen, wodurch die wirkliche noch pr\u00e4ziser, noch echter erscheint.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bei einem G\u00e4nsehaut hervorruft, bedeutet f\u00fcr einen anderen ein sanftes Anr\u00fchren, ein Innehalten, ein tiefer Atemzug, erzeugt durch etwas \u00c4u\u00dferes, wenn auch nicht Fassbares. Es kann ein Aufwirbeln einer Sehnsucht sein, die etwas in ihm wachruft ohne merkliche \u00e4u\u00dfere Anzeichen. Ber\u00fchrt im Innern, unsagbar in Worten, angekn\u00fcpft an etwas, das ihm vielleicht abhanden gekommen ist. Im H\u00f6rerlebnis die Befreiung des \u00dcberlagerten und Versch\u00fctteten. Und wenn es nur Augenblicke der Illusion sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man spricht von der Tragkraft der Stimme. Je nach Veranlagung, Training und Einsatz tr\u00e4gt die Stimme mal mehr, mal weniger. Wenn sie aber absolut tr\u00e4gt, ist sie in dem Moment imstande unter Umst\u00e4nden alles zu tragen. Und somit Fragen erst gar nicht entstehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>B.D., Los Angeles, 1952, 23.02 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>B.D.&#8217;s Stimme ist klein. Geringer Umfang, tendenziell wenig Durchsetzungskraft, eher unscheinbarer Natur, die einer sparsamen, sorgf\u00e4ltigen Begleitung bedarf. Umso gr\u00f6\u00dfer der Charakter selbst, welcher sich weder in der Stimmfarbe, noch in artifiziell herbeigef\u00fchrten Effekten zeigt. Er dr\u00fcckt sich vielmehr dadurch aus, dass B.D. eben mit der Stimme zu singen vermag, die ihr gegeben ist. Ohne jeglichen Zusatz, der kaschiert, besch\u00f6nigt oder mehr sein will als vorhanden ist. Dies l\u00e4sst B.D. umso authentischer, von \u00e4u\u00dferen<\/i> <i>Erwartungen unbeirrt, wirken. B.D. ist frei, was ihr Stil verleiht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Personenkult um S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger ist gelegentlich derart gro\u00df, dass man, abgelenkt durch Visuelles oder die Art, wie die Stimme zum Ausdruck kommt oder wie sie in Szene gesetzt wird, das eigentliche H\u00f6ren vergisst. Angeregt durch eine immanente Pr\u00e4senz von Gesangsstimmen und Gesangsmusik f\u00fchlt sich so mancher zum Experten berufen, dar\u00fcber zu urteilen, welcher S\u00e4nger, welche S\u00e4ngerin \u00fcber eine gute Stimme verf\u00fcgt und wer nicht. Wobei die Kriterien gelegentlich zu einem einzigen subjektiven Kriterium zusammenklumpen, ohne weitere Differenzierung. Innerhalb weniger Sekunden wei\u00df der Beurteiler offenbar Bescheid: gute Stimme, guter S\u00e4nger, respektive umgekehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcrwahr ist es nicht einzig an den Experten oder an den Musikern \u00fcber Musik zu urteilen. Denn gerade den Musikern fehlt mitunter jene Distanz, die das durch Musik leidenschaftlich Geweckte \u00fcbersetzbar macht. Kann sich der Musiker in die Lage versetzen, die tats\u00e4chlich vorliegt, wenn Musiker w\u00e4hrend des Musizierens miteinander im Dialog sind, ist er gut beraten, weder allzu sehr in den Fachjargon zu greifen noch allzu allgemein zu werden. Eine Band, die \u201edie Bude rockt\u201c, ein S\u00e4nger, der \u201emit warmer Stimme das Publikum ber\u00fchrte\u201c, f\u00fchrt zu einem austauschbaren Vokabular, das genauso wenig aussagt wie die Kritik dar\u00fcber berauschend wirkt, n\u00e4mlich, dass der vierte Takt zu hektisch in den f\u00fcnften wechselte und dass die Triole im zweiten Satz zu kaprizi\u00f6s ausfiel. Eine pr\u00e4zise und zugleich leidenschaftliche Beschreibung, die an die Musik heranf\u00fchrt, neugierig macht oder gar bildet, ist eine rare Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.K., San Francisco, 1982, 11.00 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00dcberzeugt durch eine hervorragende Diktion. Man h\u00e4ngt an den Lippen dieser S\u00e4ngerin, ist begeistert zudem von ihrer Leichtigkeit, zwischen den Noten spielerisch mit ihrem Pianisten zu flirten oder vielmehr mit ihm durch die Songs zu flirten, als w\u00fcrden sie gerade etwas tun, das leichter nicht sein kann. Wie ein unbeschwertes,<\/i> <i>vergn\u00fcgliches Flanieren durch einen Park.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musik, respektive die Wahrnehmung von Musik ist eine komplexe Angelegenheit, nicht einfach in Worte zu fassen, da sie auch abstrakt ist. Unz\u00e4hlige Bilder und Metaphern, die sich auftun, nachvollziehbare Analysen, die verlocken aufgezeigt, erl\u00e4utert zu werden. Dann die Passion selbst, vor der sowohl der Laie als auch der Profi nicht Halt machen kann und die artikuliert werden m\u00f6chte. Dar\u00fcber hinaus h\u00f6rt, beziehungsweise f\u00fchlt sich dasselbe Musikst\u00fcck an einem Tag ganz anders an als an einem anderen. Das Geh\u00f6rte ist von einer z\u00e4rtlichen Konstitution und daher vielleicht blo\u00df mit Vorsicht in Worte zu zerlegen. Die zum Genuss offen liegenden Stellen k\u00f6nnen auf verschiedene Weisen entkernt werden. Egal, wie meisterlich am Ende eine Beschreibung pr\u00e4sentiert wird, stets ist sie auch von eigenen Anspr\u00fcchen und vom individuellen Geschmack gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>F.M., Dublin, 1999, 11.08 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>F.M. hat sich entwickelt. Wurde von Auftritt zu Auftritt professioneller, selbstsicherer. Studioalbum nach Studioalbum. Der ehemals rohe Diamant wurde geschliffen und \u00fcberschliffen. Denn obschon F.M. technisch besser wurde, mehr stimmliche M\u00f6glichkeiten demonstrieren konnte, ist etwas Unperfektes verloren gegangen, das in den fr\u00fcheren Aufnahmen charmant war und nun fehlt. Die Fragilit\u00e4t war einst eine Br\u00fccke von einer besonderen Qualit\u00e4t, \u00fcber die der Zuh\u00f6rer gerne ging.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einem selbst h\u00e4ngt es auch ab, ob man es lieber der Umgebung \u00fcberl\u00e4sst Einfluss auf einen zu nehmen oder ob man sich seine eigenen Vorstellungen selbst erarbeiten m\u00f6chte. Wobei die Vorstellungen anfangs nur vage sein k\u00f6nnen. Geschmacksbildung ist ein Prozess, der allemal empfohlen ist. Nicht, um am vermeintlichen Ende einzig gut von schlecht unterscheiden zu k\u00f6nnen, sondern, um sich der musikalischen und s\u00e4ngerischen Vielfalt zu vergegenw\u00e4rtigen. Es geht um die Reise, mehr denn als um das zu erreichende Ziel. Denn auf dem Weg zur Unterscheidung und zur angeblichen \u00dcbersicht, begegnen einem Unmengen an Darstellern und Interpreten. Wer sich am Anfang seiner Reise befindet, sieht vor lauter B\u00e4umen den Wald nicht, selbst wenn er sich nur auf die menschliche Stimme, ein bestimmtes Genre, eine kurze Zeitepoche oder ein Land konzentriert. Wer in die Tiefe geht, dem ist noch mehr Tiefe sicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>C.R., Dallas, 1963, 19.00 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die kr\u00e4ftige Stimme ist das eine. Beeindruckend ist, dass C.R. bei jedem Song eine Geschichte erz\u00e4hlt als w\u00e4re es die eigens hautnah erlebte. Jeder Seufzer, jeder Gl\u00fccksmoment sind somit Einladungen, mitzuleiden, sich mitzufreuen und mehr: man geht in die eigene Vita, erinnert, erlebt erneut, hofft. Man h\u00f6rt gebannt zu. Und jede Wiederholung, die Wort f\u00fcr Wort dasselbe aussagt, verweist auf die Nuancen und Facetten, die subtiler nicht vorgetragen werden k\u00f6nnen. Selbst zwischen den Noten oder innerhalb eines einzigen Wortes sind Abstufungen anzutreffen, die sanft elektrisieren. Nicht selten sind sie befreiend, da von selbstironischer Selbstreflexion. Wir folgen C.R.\u2019s Spur, l\u00f6sen uns in der Spur auf und kommen bei uns an.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt keinen diesen einen Wald, so wie es diesen einen Weg nicht geben kann. Wer aufbricht, wei\u00df anfangs nicht, ob er sich im Zick Zack durch dornige B\u00fcsche irren wird, ob er von Lichtung zu Lichtung gef\u00fchrt wird oder ob er dem Waldrand entlang schleicht. \u00dcberall Irrwege, Umwege, Verw\u00e4sserungen und Ablenkungen inmitten einer angenehmen Form von Einsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>K.E., Paris, 2001, 22.45 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>K.E. bietet viel. Die Band geht mit, das Publikum ist bestens eingebunden. Die Liebe f\u00fcr die Musik ist sp\u00fcrbar, gleichwohl ist etwas von K.E.&#8217;s Haltung ebenfalls deutlich wahrnehmbar, das viel Platz und Energie einnimmt und wom\u00f6glich auf Kosten von etwas anderem geht: K.E. h\u00f6rt sich gut zu. Bisweilen hat es den Eindruck, sie suhle sich im eigenen Sound. K.E. liebt die eigene Stimme offensichtlich sehr. Erstaunlich ist, wie viel Raum diese Liebe einnimmt und wie K.E. es schafft diesen Raum Wort f\u00fcr Wort, Strophe f\u00fcr Strophe f\u00fcr sich herauszusch\u00e4len bis zur H\u00f6rbarkeit. Mit ihren Gesten entfacht K.E. ein Feuer, das nicht lodert. Es besteht aus Kohlest\u00fccken, die nach und nach vergl\u00fchen. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo beginnen? Man beginnt chronologisch. Oder beim Bekanntheitsgrad. Man geht \u00fcber die scharf Kritisierten oder die Verkannten. Man w\u00e4hlt die Literatur zum Einstieg. Oder man nimmt Querverweise. Man geht Anregungen und Nebenbemerkungen nach. Man f\u00e4ngt irgendwo mittig an, von wo die Wege in alle Richtungen m\u00f6glich sind, auch in die falschen. Oder man nimmt sich die Nebenfiguren, um sich an die Hauptfiguren heranzutasten, vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich dabei vom eigenen Geschmack leiten zu lassen, ist nicht verkehrt. Doch inwiefern ist dieser Geschmack die Vorliebe von unserem Umfeld, gepr\u00e4gt von der uns umgebenden Kultur? Sich dabei nicht in die Irre f\u00fchren zu lassen, ist nicht minder schwierig, als sich die eigene Neugierde zu bewahren und ihr nachzugehen. Neugier ist eine Verwandte der Lust, und Lust ist auf der Erkundungsreise ein wichtiger Antrieb. Vor allem, wenn sich die geglaubten Neigungen als Irrungen herausstellen und Korrekturen bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>D.F., Malibu, 1995, 23.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Keine sch\u00f6ne Stimme, vielleicht sogar eine h\u00e4ssliche Stimme: n\u00e4selnd, manchmal sprechend, kratzend, knarrend, r\u00f6chelnd und flach. Faszinierend geschmeidig jedoch bettet sich diese Stimme in die Musik. D.F. begleitet sich selbst, unterstreicht das Knarzende, bahnt sich den Weg durch die folgenden Akkorde. Das Timing der Pausen, die sich als leicht betonte H\u00f6hepunkte herausstellen, ist bemerkenswert unaufdringlich. Es ist das flie\u00dfende Gesamtpaket, das einen einnimmt, vom ersten gesungenen und angespielten Ton an. D.F. knurrt wie ein Tier, trifft den einen oder anderen Ton wie zuf\u00e4llig. Stimmumfang klein, Stimmfarbe nicht unbedingt angenehm. Manchmal ist die Stimme fast sprechend, bricht ab. Schurke oder Meister? Das Lied ist jedenfalls da. Was anderes sollte D.F. tun, als es zu singen. Und weil D.F. ist, der sich um nicht viel schert als um den Moment, darf das St\u00fcck entsprechend charakteristisch ausfallen. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht zieht sich durch die Phase der Erkundung etwas durch wie ein ausgeleiertes T-Shirt, das uns begleitet und das wir nicht wegwerfen k\u00f6nnen, obschon alles darauf hindeutet, sich ihm zu entledigen, es endlich hinter uns zu lassen, dar\u00fcber zu stehen, weiter zu ziehen. Oder aber wir \u00e4ndern die Ansichten auf dieser Reise komplett und krempeln alles mehrfach um, so, als w\u00fcrden wir selber in einem Waschgang durchgeschleudert. Diese Exkursion mit und f\u00fcr sich zu tun, hei\u00dft, die einzelnen H\u00f6rerlebnisse zu Ereignissen werden zu lassen. Ereignisse, die sich an pers\u00f6nliche Erfahrungen ankn\u00fcpfen lassen. Diese Ereignisse stehen zeitlich voneinander, sind in der jeweiligen Zeit und im jeweiligen Raum eingefangen und sind somit einmalig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>A.D., Athen 1973, 23.45 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die T\u00f6ne nie wirklich rein, immer ein wenig kantig, von unten angeschlagen, just an der Grenze zu etwas, das erwartungsvoll macht. Der Hinweis z\u00e4hlt und die meisterliche Art auf diese Weise den Song zu einer Skulptur zu mei\u00dfeln. Kokett ohne aufgesetztes Gebaren. Sexy durch den Mut daneben zu hauen oder sexy dadurch diesen Mut zuzulassen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Vorlieben f\u00fcr bestimmte Stimmfrequenzen. Ob sie im Verh\u00e4ltnis zur eigenen Stimme stehen oder Erfahrungswerte sind, die von unserer Kindheit her r\u00fchren oder anders gepr\u00e4gt sind, bleibt Spekulation. Auf alle F\u00e4lle verm\u00f6gen jene Stimmfrequenzen, die wir besonders m\u00f6gen etwas in uns anzuschlagen, das uns gl\u00fccklich macht. Diese Vorliebe hat etwas Hartn\u00e4ckiges wie Faszinierendes. Vielleicht ist diese Vorliebe ein Ankerpunkt oder ein Kompass, der unsere Urteilskraft \u00fcberhaupt in Bewegung setzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>E.C., Mailand, 1970, 19.18 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>E.C. ist eine minimalistische S\u00e4ngerin in dem Sinne, da sie die St\u00fccke einzeln zu nehmen scheint und sie behutsam f\u00fcr den Zuh\u00f6rer pr\u00e4sentiert, als w\u00e4re es das Kostbarste auf der Welt oder zumindest in dem Moment, wo E.C. singt. Sie hat ein beispielloses Gesp\u00fcr f\u00fcr besondere, aussagekr\u00e4ftige Stellen innerhalb eines St\u00fcckes und sie n\u00e4hert sich ihnen behutsam und mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt an, aber auch mit Sicherheit. Sie pr\u00e4sentiert dem Zuh\u00f6rer die Stellen mit Stolz, f\u00fchrt sie aber nicht vor, demonstriert nie, sondern schlie\u00dft ihren Schatz und diesen offen gelegten Kern, den sie mit dem Zuh\u00f6rer teilt, nach dem kurzen Moment der Offenbarung gleich wieder, weil er kostbar ist.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unmengen an H\u00f6rerlebnissen zu bewerten, zu ordnen nach Merkmalen, nach vorgegebenen oder sich heraus kristallisierenden Kriterien, ben\u00f6tigen logischerweise nicht wenig Zeitraum. Man wird der Musik nicht gerecht, wenn wir nur taktweise Schubert h\u00f6ren oder einzig Zeit f\u00fcr die Musik \u00fcbrighaben, wenn wir dabei noch lesen oder andere Dinge verrichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht kann sich jemand der Faszination\u00a0 f\u00fcr eine bestimmte Stimme von Anfang an nicht entziehen. Ein anderer kommt m\u00f6glicherweise auf eine Stimme als Qualit\u00e4t zur\u00fcck, wenn er f\u00fcnfzig andere Stimmen geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musik in einen musikalischen Kontext zu stellen, ist eine einfache Methode, um geordnet vorzugehen. Auch die einzelnen Interpretationen desselben St\u00fccks zu vergleichen, ist ergiebig. Wichtiger aber ist es, die H\u00f6rschule als spielerisches, pers\u00f6nliches Experiment zu betrachten, bei dem die Musik selbst niemals verlieren darf, in dem Sinne nicht, dass man ihrer nie \u00fcberdr\u00fcssig werden sollte. Diese Experimentierr\u00e4ume k\u00f6nnen n\u00e4chtliche einsame Stunden sein mit einem Glas Wein, Kopfh\u00f6rer auf den Ohren, oder aber Live-Konzerte, die mit anderen geteilt werden. In thematische Radiosendungen reinzuh\u00f6ren lohnt sich. Ebenso legitim ist es, beim Plattenverk\u00e4ufer nach Lust und Laune quer durch die Empfehlungen des Verk\u00e4ufers oder durch eine intuitive Wahl der LP\/CD der Covers in die Alben reinzuh\u00f6ren. Es gibt keinen richtigen Weg, aber es ist gut, ihn zu suchen und zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>A.J., 2011, Genf, 22:43 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Ansatz klar und frei von Pathos. A.J. singt \u00e4u\u00dferst werktreu. Jede Note ist am richtigen Ort. Man merkt ihr die Ernsthaftigkeit, die \u00dcberzeugung, mit welcher sie eine Linie ansetzt, an. Diese korrekte Art k\u00f6nnte zur These verleiten, dass A.J. brav klingt, doch stattdessen ist ihr Gesang innig. Die Nuancen, die sie individuell einflicht, sind derart klein, dass sie kaum h\u00f6rbar, sondern nur zart f\u00fchlbar sind. So klingt jede Strophe just blo\u00df wenig, nur subtil anders als die andere, und trotzdem bleibt man als Zuh\u00f6rer mit Spannung dabei. A.J. singt wie ein japanischer Kalligraph zeichnet: akkurater Strich, schwarze Tusche auf handgesch\u00f6pftem Papier. Wenige Striche, keine unn\u00f6tige Gef\u00fchlsregung und ein einziger Durchgang.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand singt. Moduliert Schall, macht T\u00f6ne, bringt sie zum Klingen und der, der zuh\u00f6rt, ist fasziniert. Zum einen die Person vor ihm, zum anderen die Verschiebung von Wirklichkeiten. Eben noch war die Person eine sprechende Gleichgesinnte; eine, zwei, drei Noten weiter und schon ist sie dabei davon zu fliegen. In eine Sph\u00e4re, die sie fort tr\u00e4gt und umso eine intensivere zu sein scheint als die, die soeben war. Doch ebenso richtig ist, dass diese Sph\u00e4re genauso da ist, im Jetzt, transformiert durch den Gesang. Sie erhebt sich im Klang \u00fcber das Unmittelbare hinaus. Dazu das Verbindende. Oder vielmehr ein neuer Wunsch im Raum entfacht, verbunden zu werden. Man ist ganz Ohr, dem Klangraum zugetan. Man vergisst sich selbst. Diese Selbstvergessenheit f\u00fchlt sich gut an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>O.R., Turin, 1998, 15.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Durch die Kopfh\u00f6rer hindurch gelangt O.R. direkt in dein Wesen hinein. Takt f\u00fcr Takt schleicht sie sich durch die verschiedenen Kan\u00e4le, die nicht filtern k\u00f6nnen ob all der N\u00e4he, ja ob all der hyperrealen Intimit\u00e4t. Die angenehm rauchige Stimme ist wie ein Schl\u00fcssel, mit dem sie deinen Geh\u00f6rgang \u00f6ffnet, sich R\u00e4ume in dir schafft bis zum Bauch, bis zu deinem R\u00fccken, Deinen Zehen und Haarspitzen. Angenehm nah singt die Stimme wie allerlei Geheimnisse ins Mikrofon, zuweilen fast gefl\u00fcstert. Der Atemhauch, das Ansetzen einer neuen Linie sp\u00fcrbar wie ein leichter Wind. Brilliante Aufnahme, die keine Fragen aufwirft. O.R. erreicht dich wie jemand, der es versteht mit gro\u00dfer Eleganz zu k\u00f6dern.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg der Geschmacksbildung vermag bestenfalls unentwegt zu verf\u00fchren. Eine Ideologie jedoch, die \u00fcber l\u00e4ngere Zeit nicht aufrecht erhalten werden kann. Der Anker wird sich gelegentlich vom Boden l\u00f6sen, Wegweiser auf falsche F\u00e4hrten f\u00fchren. Eine Reise eben, die an einem Punkt beginnt und zu einem anderen Punkt f\u00fchrt. Bis all die Muster, die wiederkehrenden Merkmale, die \u00e4sthetischen Herausforderungen erkennbar werden, braucht es Zeit, mitunter, weil es Wege gibt, die nicht auf der Karte zu finden sind, ergo m\u00f6gliche Umwege sind. Die Anzahl an H\u00f6rerlebnissen, die notwendig ist, um zu kategorisieren, auszusortieren, mit ad\u00e4quatem Vokabular zu versehen, kurzum, um differenziert zu bewerten, ist nicht an einer Zahl festzumachen. Sie kann von Wenigen, Dutzenden bis zu Hunderten reichen oder einen das ganze Leben lang in unabgeschlossener Form begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>L.L., Br\u00fcgge 1948, 19.10 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wie nur schafft es L.L. sofort da zu sein. Ehe man das Glas auf den Tisch stellt, ist L.L. mitten drin, nach nur zwei Taktsekunden mitten drin. Und was in dieser Unmittelbarkeit auch m\u00f6glich ist: sie nimmt dich mit. Ohne zu fragen, beziehungsweise, weil du da bist. L.L. ist im St\u00fcck, das sie singt zugegen. Sie besingt es nicht, sie beherrscht es. L.L. vertraut dabei auf ihr K\u00f6nnen und auf ihre Pr\u00e4senz. Wie aus dem Epizentrum der Komposition singt sie, was zu singen das St\u00fcck abverlangt, ohne je zu schreien, ohne sich hervorzutun und ohne verf\u00fchrerischen Mittel des Sounds. Es ist eine mittige Position, die es L.L. erlaubt, dabei g\u00e4nzlich locker, ohne Attit\u00fcde ihr Ding zu machen. Sie ist hier, gerade jetzt, am einzigen richtigen Ort. Wie im Auge des Orkans steht sie und singt, w\u00e4hrend die Musik um sie kreist wie die Planeten um die Sonne kreisen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt den Ratschlag nicht. Es gibt den einen, den m\u00f6glichst gut asphaltierten Pfad, der effektiv zu sein vorgibt, nicht. Streckenweise hilft jemand einen Wegweiser aufzustellen oder sich als Begleitung zur Verf\u00fcgung zu stellen, weil er vermeintlich dieselben Interessen teilt. Vermeintlich deswegen, weil es keine genau gleichen Interessen geben kann. Sie werden nach und nach geweckt und sind an gewissen Punkten immer auch rein subjektiv gepr\u00e4gt. Wer erfahren will, muss daher wirklich erfahren. Mit dem, was er zur Verf\u00fcgung hat, dem einen und einzigen Leben n\u00e4mlich. Die Erfahrung findet innerlich statt. Auch wenn man sich gerne selbst darin t\u00e4uscht und meint, &#8211; da man schlie\u00dflich \u00fcber diese Erfahrung mit Gleichgesinnten sprechen kann \u2013 dass diese Erfahrung im Miteinander geschieht. Es ist nicht schwer zu glauben, dass es das gemeinsame Eine gibt, wenn man schlie\u00dflich gemeinsam Musik erleben kann. Die Sprache vermag nicht in Worte und somit in andere Werte zu h\u00fcllen, was vorher andernorts erfahrbar war. Wir k\u00f6nnen nicht aus unserer Haut heraus, schaffen es nicht wirklich aus unserem Denken und F\u00fchlen heraus zu treten. Es ist folglich eine innere Reise, die man macht und die sich bezahlt machen kann, wenn man sich aufrichtig auf den Weg begibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>J.N., Berlin, 1984, 14.35 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Unpr\u00e4tenti\u00f6s, schlicht, reichend bis zur Rohheit. Die \u00c4sthetik des Lieblichen wird f\u00fcr das Pure geopfert. Wobei man nichts vermisst in dem Sinne, dass etwas fehlen k\u00f6nnte. Jegliche Eitelkeit wird im Dialog mit den Musikern erstickt. Der Dialog und die dort stattfindende Sprache ist das Wichtigste. Das Instrument ist dem anderen Instrument gleichgestellt, selbst die Komposition errichtet sich nicht wie ein Monument vor einem, sondern geht in diesem Dialog, der hin und hergeht, unter, verbindet sich zu den Bausteinen und Elementen, ohne, dass man als Zuh\u00f6rer merkt wie nach und nach etwas erschaffen wird. Etwas, das man sp\u00e4ter nicht sehen wird, denn es ist nur, wenn J.N. mit den Mitmusikern mit der Gesangsstimme spricht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis man wei\u00df, welche Musik man f\u00fcr sich als eine musikalische Perle definiert hat oder meint zu ahnen, welche Muschel eine Perle beherbergt und welches vordergr\u00fcndig schimmernde Muschelgeh\u00e4use trotz Glanz f\u00fcr immer geschlossen bleibt, ben\u00f6tigt nicht nur der Auslesezeit. Das Ohr zu schulen, indem man sich einen Wortschatz aufbaut, der einen bef\u00e4higt zu kategorisieren, was man h\u00f6rt, empfiehlt sich nicht nur deswegen, weil man fachkundig, urteilssicher Fakten benennen kann, sondern weil die M\u00f6glichkeit das Geh\u00f6rte einzuteilen einem erlaubt systematisch vorzugehen. Ein System grenzt ein, macht die Unterscheidung deutlich. Es l\u00e4sst die L\u00fccken zwischen dem einen und dem anderen immer kleiner werden und somit die einzelnen Nuancierungen immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>A.P., Casablanca, 1967, 22:30 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>A.P. singt viele Noten. Nicht nur die, die zu singen sind, sondern singt sie auch jene, die zu den notierten T\u00f6nen hinleiten und solche, die von ihnen wegf\u00e4deln. Nach einer halben Stunde Zuh\u00f6ren stellt man fest, es sind zu viele T\u00f6ne. Sie sind richtig, aber nicht notwendig, da musikalisch nicht von einem Mehrwert. Sp\u00e4ter merkt man, A.P. beruft sich auf ein paar bew\u00e4hrte Tonfolgen, die, einst identifiziert, sie vorausschaubar beziehungsweise voraush\u00f6rbar werden lassen. Viele Noten, viel Gesang und zu wenig Musik. Ein unentwegtes, nerv\u00f6s machendes Sprudeln und Sch\u00e4umen lauwarmen Wassers, das nie zur M\u00fcndung gelangt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob das Ohr von Anbeginn an ganz leer ist und offen f\u00fcr alles oder ob in ihm bereits Vorlieben angelegt sind, nur schon dadurch wie wir denken, wo wir aufwachsen, in welchem Verh\u00e4ltnis wir zu unserer Umwelt stehen, in dem zur Stimme unserer Mutter, unseres Vaters, der Vorbilder beispielsweise, ist unklar. Durch Lust, Wille, Geduld, Arbeit, Intelligenz und nicht zu vergessen \u2013 vielleicht am wichtigsten -, den Geschmack selbst, welcher wiederum an die oben genannten Attribute stark angekn\u00fcpft ist, kristallisiert sich nach und nach die eigene H\u00f6rschule.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>S.P., Rom, 2000, 19.36 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>S.P. ist in die St\u00fccke, die er singt, enorm vertieft. Er erobert mit jeder angesetzten Zeile um das Vielfache von vorher. S.P. erobert sich die St\u00fccke, einen nach dem anderen. Tempor\u00e4re Lieblingsst\u00fccke, die gefeiert werden, indem sie da sind. Wir d\u00fcrfen S.P. erstaunt dabei zusehen. S.P. ist ein Taucher. Er holt Muscheln, Korallen, Seesterne aus der Tiefe und macht nicht mehr, als die gl\u00e4nzenden St\u00fccke ins Sonnenlicht zu halten.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vergleiche nur au\u00dferhalb, in der Musik alleine zu suchen, w\u00e4re nicht die ganze Wahrheit. Der H\u00f6rende muss auch sich selbst, seinen eigenen Empfindungen zuh\u00f6ren und diese bewusst nachvollziehen k\u00f6nnen. Dabei ist durchaus m\u00f6glich, dass etwas von einer Musik, die er zun\u00e4chst nicht mag, erst in ihm anklingen und Gefallen an dieser Stimme finden kann, wenn er die Musik im Kontext mit einer anderen Stimme oder Musik h\u00f6rt. Der richtige Zeitpunkt sollte ebenfalls stimmen. Denn manchmal ist man noch nicht bereit f\u00fcr etwas. Dies f\u00fchrt zum Schluss, dass es vorteilhaft ist, sich einerseits mehrere Chancen zu geben und andererseits, dass es nicht schaden kann sich selbst gut zu kennen. Um dies zu erreichen, muss man das zun\u00e4chst wollen, was wiederum bedeutet, dass man m\u00f6glichst oft und aufrichtig mit sich selbst in Kontakt bleibt. Das eigene Stilgef\u00fchl bleibt auf jeden Fall etwas hochgradig Individuelles und Subjektives, das immer lebendig, aber weder richtig noch falsch sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>O.K., Malta, 1995, 21.45 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>O.K. ist eine sinnliche S\u00e4ngerin. Sie kostet alles aus: die B\u00fchne, das Publikum, die Mitmusiker. Wie tief ihre Blicke gehen k\u00f6nnen! Die Pausen zwischen den Noten genie\u00dft sie, ebenso wie ihre Stimmfarben, die sie, je nach St\u00fcck, variieren kann und stets wei\u00df, welche wann und wie einzusetzen ist. Vor allem kostet O.K. aber die einzelnen W\u00f6rter aus, sie reizt sie beinahe aus, schmeckt sie, malmt, kauft spuckt sie frech wieder aus. Die einzelnen W\u00f6rter sind es, die einem unvergesslich bleiben.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein gro\u00dfartiges Geschenk, dass wir uns Musikaufnahmen kaufen und sie beliebig oft h\u00f6ren k\u00f6nnen. Dazu sind wir frei, die Aufnahmen in allen m\u00f6glichen Lautst\u00e4rken \u2013 konzentriert mit Kopfh\u00f6rer, laut unterwegs oder leise im Hintergrund \u2013 zu genie\u00dfen. Dank unserer F\u00e4higkeit, uns mental in eine andere Lage zu versetzen, bereichern die Live-Aufnahmen, wo die Akustik des Raums, das vorhandene, raunende, klatschende Publikum und die Atmosph\u00e4re eines einzigen Abends eingefangen sind, ganz besonders. Zwar muten Aufnahmen dieser Art im Sinne der Makellosigkeit f\u00fcr den einen oder anderen weniger perfekt an als kristallklare Studioaufnahmen, doch besitzen sie etwas durch und durch Echtes. Denn allf\u00e4llige unerwartete, nicht beabsichtigte Zuf\u00e4lle, Zuspitzungen bis zu momentanen H\u00f6hepunkten, konnten hier nicht im Nachhinein wiederholt oder korrigiert werden. Perfekte Studioaufnahmen hingegen liefern eine saubere Situation, die es \u2013 au\u00dfer im Studio &#8211; so nicht gibt. In die man aber, wie durch einen Trichter gezogen dennoch hineinfindet. Gleichzeitig filtert der Zuh\u00f6rer ja auch die unmittelbare Akustik der Umgebung heraus, und schafft so selber eine zweite Ebene der k\u00fcnstlichen Umgebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>M.U., Krakau, 1969, 22.58 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Man kann nicht entscheiden, wo diese unglaubliche Souver\u00e4nit\u00e4t angelegt ist. Einerseits ist M.U. ein stiller S\u00e4nger, der auf eine unscheinbare Art und Weise vortr\u00e4gt. Andererseits ist er wach und da, und er gibt. Nicht etwa subtil, sondern raffiniert durch gelegentliche Akzentuierungen. Als ob M.U. es nicht n\u00f6tig h\u00e4tte, mehr zu tun als leicht anzutippen, um die ganze Maschinerie in Gang zu bringen. Denn ganze Musik macht er mit den wenigen Anst\u00f6\u00dfen allemal. Als w\u00fcrde er das gesamte Orchester in sich tragen, als h\u00e4tte er sich vor dem Auftritt, jahre-, gar jahrzehntelang von nichts anderem ern\u00e4hrt als von Kl\u00e4ngen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor ein Werk da ist, geht ihm ein langer, manchmal z\u00e4her, komplexer Weg voraus, sodass eine Arbeit, die \u00fcber sich hinaus in eine endliche materielle Form m\u00fcndet \u2013 wie in die einer Aufnahme beispielsweise \u2013, ist trotz der heute technischen M\u00f6glichkeiten und Zugang zu den hier n\u00f6tigen Mitteln keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Wenn man inneh\u00e4lt und sich vergegenw\u00e4rtigt, dass auf Musiktr\u00e4gern eine Zeit eingefangen wurde, ist dies zutiefst faszinierend und auch Dankbarkeit kann man empfinden daf\u00fcr, dass irgendwann irgendwo in bestimmter Konstellation Menschen mit derselben Vision in eine musikalische Kommunikation eingetreten sind, von der man als Zuh\u00f6rer noch immer zehren und daran teilhaben kann. Die \u00dcberzeugungen, W\u00fcnsche, jahrelanges Proben, zun\u00e4chst jeder f\u00fcr sich, dann die Suche nach dem Einander, nach den St\u00fccken, nach den jeweiligen Rollen innerhalb der Musik, nach den M\u00f6glichkeiten der Darbietung. All das jedenfalls f\u00fchrte letzten Endes zum Entschluss, in diese kumulierte, r\u00e4umliche und zeitliche Gegebenheit durch das Aufstellen von Mikrofonen diese Entfaltung f\u00fcr Dritte freizugeben und teilbar zu machen und die Geschichte weiterzutragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>J.J., Strassburg, 1985, 02.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ob J.J. eine Naturs\u00e4ngerin ist, akademisch gut geschult wurde oder durch Erfahrung gut geworden ist, ist nicht wichtig. Auf jeden Fall hat J.J. ein Ohr f\u00fcr Musik. Dieses Ohr wirkt sich nicht rein stimmlich aus, es dr\u00fcckt sich dadurch aus, dass J.J. scheinbar nie das Verkehrte macht und es immer irgendwie zutreffend, passend und pointiert klingt. J.J. hat, was man Geschmack nennt. Eine musikalische Intelligenz. Das gro\u00dfe Ohr, eher passiv und f\u00fcr die Musik zust\u00e4ndig. Das kleine Ohr aktiv, direkt in Verbindung mit der Stimme. Das gro\u00dfe \u00f6ffnet, das kleine korrigiert und im stimmlichen Klang entsteht das Richtige. J.J.\u2019s Stabilit\u00e4t und Zuverl\u00e4ssigkeit weckt Vertrauen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Faszinierende an der eingefangenen Zeit einer Aufnahme ist, dass sie nicht vergleichbar ist mit einem Pr\u00e4parat, das in Alkohol in einem Glas konserviert einem eher tristen Dasein fr\u00f6nt, sondern, dass jedes Mal, wenn man den Play-Knopf dr\u00fcckt, sich diese Zeit als Musik und Kraft aufs Neue entfesselt, sich befreit und damit das Potential in sich birgt, sich auf den Zuh\u00f6rer zu \u00fcbertragen, seine Sinne anzusprechen oder noch gerade verborgene Kr\u00e4fte innert k\u00fcrzester Zeit freizusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>J.E., Kairo, 1980, 23.52 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>J.E. ist absolut formsicher. Aber nicht nur die Form innerhalb eines St\u00fccks ist bemerkenswert, selbst einzelnen Textteilen gibt J.E. Gestalt. Au\u00dferdem ist der ganze Abend abgestimmt wie es ein gutes Menu ist. Die Vorspeise leitet intelligent zum Hauptgang \u00fcber, das Dessert als Kr\u00f6nung. Es fehlt nicht an Konsistenzen, Texturen, weder an Biss noch an unsichtbaren Geschmackstr\u00e4gern. Die Aromen sind vielf\u00e4ltig, der Abgang angenehm, der Nachgeschmack lang.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Musikaufnahme ahnen wir, wohl mehr als wir sie h\u00f6ren, n\u00e4mlich die Tatsache, dass in jeder Note des einzelnen Spielenden oder Singenden, nicht blo\u00df sein wahrnehmbares K\u00f6nnen vorhanden ist, sondern diese Leistung sich aus vielen Bestandteilen zusammensetzt: da liegt einer Note mehr zugrunde als eine Tonfrequenz, zugegen ist der ganze lange Weg bis dahin, bestehend aus Versuch und Irrtum, Entt\u00e4uschung, Glaube, Hoffnung, Anspruch und Wirklichkeit. Ebenso ist darin auch der noch nicht gegangene Weg angelegt: die Vision, das noch ungenutzte Potential, das erkannte Unverm\u00f6gen und der m\u00f6gliche Weg der Befreiung daraus durch Dazulernen, durch Umgehung der Schw\u00e4chen, die ganze Zukunft mithin liegt in einer solchen Note.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was es auch ist, was uns an einer Aufnahme fasziniert: wir k\u00f6nnen dabei sein und mitreisen, mitschwingen. Es darf uns gerne immer wieder auch an einem anderen Punkt fesseln, je nach unserer Lebenslage oder unserem Zustand. Dieses Etwas manifestiert sich vielleicht in einer bestimmten musikalischen Stelle. Oder es ist tendenziell in einer gewissen Tonart, dem allgemeinen Klang des Zusammenspiels oder einer bestimmten Akkordfolge zu finden. Vielleicht ist es in einer zutreffenden Textaussage eines Liedes festzumachen, oder wir k\u00f6nnen es dem Lead-Instrument, der Stimme selbst, zuordnen. Allenfalls versteckt es sich in einem Groove, einem Sound, in einer ganz bestimmten einen Note, vielleicht in der oft zitierten Pause zwischen den T\u00f6nen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.Y., Hamburg, 2009, 22.40 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.Y. findet innerhalb der ersten Sekunde, in der sie zum Singen ansetzt, sofort ihren Platz in der Musik. Dieser Ort ist ein melancholischer, elegisch sch\u00f6ner Ort. Er f\u00e4rbt auf alles ab, vereinigt alles, verbirgt alles, so wie er auch alles offenbart. Daher ist R.Y. in der Lage, mit der Kraft ihrer Stimme alles von allen Seiten zusammen zu halten. Zudem strahlt und wirkt R.Y.\u2019s Stimme etwas \u00fcberh\u00f6ht Wehm\u00fctiges aus, ohne, dass man fassen k\u00f6nnte, wie sie es schafft, sich diese riesengro\u00dfe, rein aus Gef\u00fchlen bestehende Welt, zu ergattern und jede einzelne Gef\u00fchlsperle, die aufsteigt, majest\u00e4tisch auszuf\u00fcllen, ihr wissend und mit Selbstverst\u00e4ndlichkeit, und nicht etwa mitf\u00fchlend, stattzugeben. R.Y.\u2019s Stimme flie\u00dft wie Sahne in den dunklen Kaffee der Musik und macht alles cremig.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Etwas ist ein unbedingter wie wesentlicher Teil, mitunter ist er auch Teil des Schaffers selbst und es findet sich daher in seinem Schaffen wieder. Es ist ein Etwas, das in Bewegung ist. Der eine mag dies als Energie oder als \u00c4sthetik sehen, ein anderer entdeckt darin ein St\u00fcck Gef\u00fchl. Mal ist es eine Frage des Dialogs, auf den man sich einl\u00e4sst, mal findet die Entdeckung dieses Etwas\u2019 still im inneren Prozess statt. Fehlte dieses Etwas, w\u00fcrde wom\u00f6glich auch ein St\u00fcck Seele fehlen. Nicht zuletzt ist das f\u00fcr jeden anders wahrnehmbar, ist anders verortet und daher in Worte so nicht fassbar. Dieses Etwas ist ein Faszinosum, das zu ber\u00fchren vermag. Es geht auf den H\u00f6renden \u00fcber, klingt an von subtil bis deutlich und entfacht eine andere Dimension. Wir \u00fcberqueren, wenn wir Musik h\u00f6ren, mitunter eine Br\u00fccke ins Zeitlose, ins Ewige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.C., Malibu, 1974, 15.05 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.C. singt nicht blutleer, aber g\u00e4nzlich ohne Widerstand. Alles an R.C. ist leicht, der Klang formt sich zu einer schn\u00f6rkellosen Gestalt, die einfach ist. Es bleibt R.C.\u2019s Geheimnis, ob sie dieser schlichten Beschaffenheit mehr K\u00f6rper, mehr Ecken und Kanten geben k\u00f6nnte oder ob diese Nat\u00fcrlichkeit es ist, die R.C. als stilistische Mittel perfekt beherrscht und niemals \u00fcber die Grenzen der Machbarkeit gehen w\u00fcrde. Ein Gesang wie eine \u00dcbergangsphase. Wie Streicheln.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Album zu besitzen ist wie ein Buch in der Hand zu halten oder ein anderes kulturelles Gut in Anspruch zu nehmen: nicht nur verbirgt sich in der Musikaufnahme die besagte Zeit, jene, die war innerhalb der Aufnahme, jene die auch davor gewesen sein musste oder das Potential der k\u00fcnftigen, sondern ist eine Musikaufnahme gleicherma\u00dfen H\u00fcter unserer eigenen Zeit. Denn in der Aufnahme selbst ist unsere Zeit enthalten, welche sich dann dartut, wenn wir beschlie\u00dfen das Album zu h\u00f6ren und bereit sind unsere Zeit zu schenken und sich auf dieses Abenteuer, das immer auch zeitlich passiert, einzulassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>N.B., Rio de Janeiro, 1979, 22.07 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>N.B. hat von Natur aus eine \u00e4u\u00dferst flexible Stimme, mit der N.B. vieles anstellen kann, was sie auch praktiziert. In ihren Interpretationen h\u00f6rt man an unz\u00e4hligen Stellen die Einfl\u00fcsse anderer namhaften S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger. Das ist eindrucksvoll. Fast zu verschwenderisch jedoch geht N.B. mit den Ausf\u00fchrungen um. Stilbildung und Authentizit\u00e4t, statt Nachbildung und offensichtliche Beeinflussung, w\u00fcrde f\u00fcr N.B. unweigerlich auch Einschr\u00e4nkung bedeuten. Doch wie soll sich jemand entscheiden k\u00f6nnen, wenn ihm quasi alle Wege offen stehen?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit es Mikrofone gibt, werden logischerweise auch die gegebenen technischen M\u00f6glichkeiten genutzt. Dabei geschieht es oft, dass man die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten \u00fcbergeht und sie intensiviert, verf\u00e4lscht, manipuliert, ob im negativen oder im positiven Sinne. Nicht, dass ein Mikrofon per se bedeutet, dass aus einer schlechten Stimme per Knopfdruck eine gute Stimme wird. Doch es kommt vor, dass kleine Stimmen durch gewisse Tricks von Aufnahme- und Mikrofontechnik und der damit einhergehenden Gesangstechnik, gr\u00f6\u00dfer erklingen k\u00f6nnen als sie es tats\u00e4chlich sind. Auch werden die Stimmfarben gelegentlich an die aktuellen Trends angepasst. Denn nicht nur die Musik ver\u00e4ndert sich andauernd &#8211; selbst innerhalb eines Genres wie der Klassik \u2013, auch die Stimmen sind wandelbar und unterliegen den Gesetzen und Gepflogenheiten, Vorlieben, Entwicklungen der bestimmten Zeitepochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzelne Stimmen werden heutzutage derart hauchzart und leise aufgenommen, dass sie nicht im Verh\u00e4ltnis stehen zu den akustischen Instrumenten vor Ort, sondern k\u00fcnstlich vergr\u00f6\u00dfert und \u00fcberh\u00f6ht sind. Ob durch die Platzierung inmitten des Sounds der Begleitinstrumente, ob durch die Lautst\u00e4rke oder durch die Potentierung der Stimme selbst: eine zur\u00fcckhaltende Stimme kann vorne und zentral wirken, w\u00e4hrend die Begleitmusik dezent und im Abstand gehalten wird; ein \u00e4u\u00dferst leise gesungenes St\u00fcck kann ein ganzes Bl\u00e4serorchester \u00fcberstrahlen; eine mehr gehauchte als gesungene Interpretation wird mit Volumen und Klangraum versehen und ert\u00f6nt imposant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.Y., London, 15.25 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.Y. steckt in sich selbst fest. Fast jede Strophe beginnt er auf dieselbe Weise und \u00e4hnlich beschlie\u00dft er sie. Es ist wie ein Tick der, wenn man ihn einmal diagnostiziert hat, sich derart stark in die Wahrnehmung dr\u00e4ngt, dass man nichts anderes mehr wahrnimmt und T.Y. mit der Zeit nicht mehr ertragen kann.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewisse Ergebnisse f\u00fchren zu einer eindr\u00fccklichen Wirkung, sie schaffen eine Intensit\u00e4t, welche die denkbare K\u00fcnstlichkeit, die dahinter steckt, der faszinierte Zuh\u00f6rer nicht ahnt. Diese M\u00f6glichkeiten wirken sich umgekehrt und unmittelbar ebenso auf die Stimmen aus. Denn sie verlangen den S\u00e4ngern neue Techniken ab. Die Anpassung der Technik eines S\u00e4ngers an die Mittel, die im Studio vorherrschen, ist gang und g\u00e4be, und man macht sie logischerweise stets zum Guten des S\u00e4ngers Stimme. Was diese Techniken freilich nicht verm\u00f6gen, ist, aus einem schlechten Musiker einen guten Musiker zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>O.L., Wien, 2004, 19.49 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>O.L. hat Klasse. Sie w\u00fcrde nie alles preisgeben, was sie kann. Zumindest nicht unmittelbar nebeneinander und undosiert. So wie O.L. nie ein Abendkleid anziehen w\u00fcrde, das sowohl glitzert, als auch R\u00fcschen hat und dar\u00fcber hinaus knapp und durchsichtig ist. Genauso handhabt es O.L. mit ihrer Stimme: wo sie in dem einen Song eine bestimmte Stimmfarbe offenlegt, verbirgt sie sie gekonnt in einem anderen Lied. Was sie vor allem tut, ist auf ihr Potential hinzudeuten, es jedoch m\u00f6glichst lange hinauszuz\u00f6gern versteht ihr Gesangsverm\u00f6gen in voller Gr\u00f6\u00dfe zu zeigen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um einem Musiker oder einer Stimme eine faire Chance zu geben, sie umfassend zu beurteilen, ist es ergiebig, diese Stimme in verschiedenen Konstellationen und \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeitspanne zu h\u00f6ren. Die Entwicklung eines Musikers kann entscheidend sein, ob eine Stimme, von der wir beeindruckt sind, halten kann, was wir glauben sie uns versprechen l\u00e4sst oder ob sie eine tempor\u00e4re Faszination auf uns aus\u00fcbt. Das ist gerade in Verbindung mit starken Songs nicht un\u00fcblich. Wiederum kann ein neues St\u00fcck oder eine neue Musikformation, aus der die Stimme herausklingt, dazu f\u00fchren, dass wir eine anf\u00e4ngliche Skepsis ablegen und einer Stimme stattgeben, die wir urspr\u00fcnglich nicht verfolgen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche S\u00e4nger legen ein imponierendes Album vor, doch die Live-Situation wirkt m\u00f6glicherweise desillusionierend. Vielleicht ist die Abstimmung auf der B\u00fchne nicht koh\u00e4rent, oder die gesch\u00e4tzte Stimmfarbe kommt live nicht zur Geltung. Unter Umst\u00e4nden ist es die pure Akustik vor Ort, die vom einwandfreien Studioalbum abweicht. Auch umgekehrte Erfahrungen sind m\u00f6glich: dass ein Live-Erlebnis beeindruckt, wo einen eine Aufnahme, die man im Radio h\u00f6rt, wenig bezaubert. Es macht sich jedoch bezahlt, den Erwartungen oder den Bedenken, die in uns sind, nachzugehen und zu versuchen herauszufinden, ob eine geachtete Stimme diese Spannungen aufrecht halten kann, respektive, ob eine Stimme, die uns durch eine Aufnahme wenig ergreift, es im Konzert hingegen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.K., Washington, 1982, 00.15 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>R.K. singt n\u00fcchtern, frisch. Sie n\u00e4hert sich einem St\u00fcck vorsichtig und mit Respekt an, aber messerscharf. Gelegentlich dr\u00fcckt etwas Scheues durch, als w\u00fcrde Schmalz durchsickern wollen, doch R.K. l\u00e4sst ihn nicht wirklich zu. Sie singt zuweilen, als w\u00e4re sie mit dem Komponisten im Dialog, als w\u00fcrde sie gelegentlich von ihm an die Hand genommen werden wollen, mit ihm und seinem Wohlwollen den n\u00e4chsten Schritt nehmend. R.K. ist in ihren Gesten sparsam. Die Stimme im Grunde durchschnittlich, jedoch von gro\u00dfer Nat\u00fcrlichkeit. Man vermisst nichts. R.K. macht nicht Musik, sie singt nicht, sie interpretiert nicht. Sie l\u00e4sst stattdessen geschehen, l\u00e4sst Musik durch sie hindurch laufen und das Gesamte zu einer kleinen, \u00fcberschaubaren und entspannten Angelegenheit werden. Ein wohliges Schaukelerlebnis.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Konzertbesuch macht sich bezahlt, nicht nur, weil man mit eigenen Augen sieht, wie sichtbare Bewegungen zu T\u00f6nen und verschmelzenden Kl\u00e4ngen werden, sondern weil man sich dort auch der Vorstellung hingeben kann, in einem einzigen Zeitraum zu sein mit allem, was uns in diesem Konzert umgibt. Wir sind mit den anderen Zuh\u00f6rern Eins, gleichwohl sind die Musiker in dialogischer Harmonie. Wir gehen in Musikst\u00fccke hinein, gehen mit den Rhythmen, dem Fluss der Melodien mit. Zugleich beobachten wir, was auf der B\u00fchne geschieht. Wir beobachten mitunter, was dabei mit uns selbst passiert, welche Gef\u00fchle beim Zuh\u00f6ren und Wahrnehmen entfacht werden, wohin uns diese Reise f\u00fchrt. Wir k\u00f6nnen uns dem zugleich innen wie auch dem au\u00dfen stattgebenden Spiel hingeben und Sinnesreize erleben, die uns und unser Denken durchdringen. In den meisten F\u00e4llen ist die Musiklautst\u00e4rke, die in einem Konzertsaal, einem Club vorherrscht, um einiges lauter als in den eigenen vier W\u00e4nden, was bisweilen bedeutet, dass wir dabei Gl\u00fcckshormone aussch\u00fctten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zuh\u00f6ren der Sologesangsstimme entpuppt sich als besonders einfach, da nicht nur die Stimme zentral aus der Musik hervortritt, auch ist diese singul\u00e4re Erscheinung des Singenden ein Gegen\u00fcber, mit dem wir uns im Nu identifizieren k\u00f6nnen. Die Stimme \u00fcbertr\u00e4gt Worte und Inhalte, welche wir imstande sind nachzuvollziehen, uns zu diesen Worten etwas auszumalen, es dann mit unserer Geschichte zu assoziieren, Erinnerungen, W\u00fcnsche freilegen. Songtexte sind in den allermeisten F\u00e4llen sprachlich so verfasst wie die Menschen mit dem vertrauten Du sprechen, egal in welcher anderen Fachsprache sie kundig sind und brillieren. Liedtexte behandeln Themen, die die meisten betreffen. Dadurch sind sie allgemein verst\u00e4ndlich, gar universell. Durch gesungene Worte erschlie\u00dft sich uns die Musik sehr direkt. Selbst banale Aussagen k\u00f6nnen durch die Musik \u00fcberh\u00f6ht, durch Wiederholung pathetisiert erscheinen und kommen bei uns nachdr\u00fccklich an. Die Aussagen sind dank der \u00fcberschaubarer Begrenzung und des musikalischen Rahmens innerhalb eines Liedes auf positive Weise eingeschr\u00e4nkt. Die Aussagen bewegen sich in einem Raster, entrinnen nicht ohne diese Ordnung, und diese Einschr\u00e4nkung wirkt sich so aus, dass sie keiner weiteren \u00dcberzeugung bedarf und sich das St\u00fcck bedeutend, glaubw\u00fcrdig anh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>G.G., Lissabon, 1973, 11.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ob G.G. Amateurin ist, die die Musik liebt, aber nie gelernt hat korrekt mit ihrer Stimme umzugehen, weshalb die Stimme heiser klingt, bricht, manchmal flach ist oder im Gegenteil, ob G.G. ein Profi durch und durch ist und seit Jahrzehnten auf allen B\u00fchnen zuhause, was ihr diese Schroffheit einverleibt, ist die Frage. Doch G.G. hat es geschafft, ihre schlechte Technik in Effekte zu verwandeln. Eine Meisterin &#8211; da exakt und konsequent &#8211; des frechen Kaschierens und des kindlichen Offenbarens der M\u00e4ngel zugleich. Nicht nur ihre Mitmusiker, auch das Publikum zollt ihr daf\u00fcr viel Respekt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gut tut die \u00dcbersichtlichkeit und Selbstregelung, wenn wir in einem Konzert sitzen: der Alltag, die Sorgen, das Banale bleiben drau\u00dfen. Hier ist anderes Licht, die Gespr\u00e4che verlaufen anders, die Rollen des Alltags verschwinden, man ist Gast und Teil einer Atmosph\u00e4re. Hier wird zudem etwas gestaltet, kumuliert, aufrecht erhalten, emporgehoben, entfaltet, und dies alles ist im Grunde f\u00fcr uns da, f\u00fcr die, die gekommen sind. Ein Angebot und ein Deal. In uns werden all diese offenkundigen und verborgenen Bestrebungen m\u00fcnden und etwas mit uns anstellen. Eine Form von Spannung, aber auch von \u00dcbersicht und Ordnung. Wenn es losgeht, gibt es keine Willk\u00fcr mehr, sondern \u00fcbernimmt hier das gewollte Konstrukt. Der Zufall wird in kleinen Portionen gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was auch Teil der Pr\u00e4sentation ist, kann man als Treue, Lust, Besessenheit betrachten: Die jahrelange Treue des Musikers zur Musik, die Lust am Musizieren und die Besessenheit, die es braucht f\u00fcr all dieses Schleifen und Feilen, Ausprobieren, ja Scheitern bis zur Beherrschung des Instruments, bis zum Verst\u00e4ndnis der Musik, die es braucht, und was den Musikern erm\u00f6glicht, all das Genannte auf der B\u00fchne uns, den Zuh\u00f6rern, als Ausbeute, als berauschendes Happening anzubieten und in einer neuen Reise fortzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese best\u00e4ndige, lustvolle, leidvolle und leidenschaftliche Tat zieht uns in ihren Bann, verzaubert uns. Wir sp\u00fcren die Energie und die Sch\u00f6pfung, die sich in den T\u00f6nen und Klangfarben zeigt. Wir sind in diesem Konzertrahmen angehalten von A bis Z da zu sein. Wir schalten nicht zwischendurch ein wie wir das vom Radioh\u00f6ren kennen, weil die Musik in den meisten F\u00e4llen schon spielt, wenn wir auf den Knopf dr\u00fccken und die Musik oder die Stimmen immer weiterlaufen, wenn wir am Zielort angekommen sind und den Apparat wieder ausschalten. Hier sind die Gesetze anders. Wir f\u00fcgen uns zur Publikumsgruppe, treten mit Erwartung ins Geschehen ein. Wir lassen uns mitnehmen, vielleicht fesseln, und wir harren dabei bis zur Zugabe aus. Wir k\u00f6nnen eingrenzen zwischen Beginn und Schluss und freuen uns, wenn etwas vom Refrain in uns h\u00e4ngenbleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>U.T., 14.3.1983, Oslo, 17.16 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Verf\u00fchrerin, umschmeichelnd, t\u00e4nzelnd, manchmal kokett. Sie bereitet dem Zuh\u00f6rer gr\u00f6\u00dftes Vergn\u00fcgen durch die Art wie sie ist. Sie fesselt. Ihre Blicke, die K\u00f6rperspannung sind Teil ihrer Stimme. Betritt U.T. die B\u00fchne, macht sie mit einem Augenaufschlag bereits Beute. Dann sticht sie mit ihrem Stachel unmerklich zu. Die S\u00fc\u00dfe ihres Giftes wirkt f\u00fcr den Rest des Abends angenehm l\u00e4hmend. Man m\u00f6chte keine andere Bet\u00e4ubung als diese. U.T. hat keine samtige Stimme, aber Samt ist in der Art wie sie singt. Eine sinnliche S\u00e4ngerin durch und durch. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir schauen zur B\u00fchne und sehen: Es singt. Jemand singt. Jemand singt etwas. Zudem das Ph\u00e4nomen, dass etwas durch jemanden singt und zu dem H\u00f6rer hinzu, \u00fcber ihn hinweg und in ihn hinein. Der Blick zur B\u00fchne ist ein Blick auf jemanden, der seine Seele offenlegt, sich entfaltet, das Innere nach au\u00dfen transportiert und sich ein St\u00fcck weit ausliefert. Die singende Erscheinung wird zu einem zu betrachtenden Objekt, das zugleich sein Subjektivstes preisgibt. Dieses unschuldig Anmutende, Entbl\u00f6\u00dfte und Angreifbare auf der einen Seite. Auf der anderen die St\u00e4rke der Eigenheit, welche sich nicht nur optisch einfindet, sondern die auch akustisch erklingt. Sie erklingt innerhalb der Gesetze eines musikalischen Gebildes, das in sich nicht fassbar, nicht durchdringbar ist und in der Konsequenz auch den Zuh\u00f6rer schutzlos macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>B.F., La Rochelle, 2010, 19.47 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Das Comeback von B.F. war ein mediales Ereignis, was unweigerlich zum ausverkauften Konzert im kleinen, aber feinen Club f\u00fchrte. B.F. versprach, was eine einstige Diva zu versprechen hat: B\u00fchnenpr\u00e4senz, manieristisches Gebaren, Glamour, gelegentlich gestreute Spr\u00fcche sowie die Darbietung ihrer bekanntesten Hits. Drei\u00dfig Jahre jedoch, ohne die Stimme regelm\u00e4\u00dfig zu benutzen, k\u00f6nnen katastrophal sein, wenn man es verpasst, eine stilistische Anpassung an die gegenw\u00e4rtigen M\u00f6glichkeiten zu machen. B.F. hat es vers\u00e4umt, da anzukn\u00fcpfen wo sie heute steht und sich selbst auf ihrem Weg zu begleiten. Es ist der Unterschied zwischen der pittoresken Patina einer alten Hausfassade und einer heruntergekommenen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der S\u00e4nger ist Mensch mit Stimme. Seine Stimme und sein K\u00f6rper ist das Instrument. Des S\u00e4ngers Funktion befindet sich in einer geregelten Musikkapsel, deren Codes die anderen Musiker permanent lesen, und die aber \u00e4u\u00dferst durchdringbar ist f\u00fcr jene, die au\u00dferhalb stehen und das Gesamtkonstrukt erfassen. Nicht nur kanalisieren auch die Zuh\u00f6rer das Abstrakte in etwas f\u00fcr sie Konkretes und Einzigartiges, sie sind gleich mit vielen Sinnen mit der Darbietung besch\u00e4ftigt: mit den Augen, die auf die Bewegungen achten, mit den Ohren, durch die alles geht, mit dem F\u00fchlen, dem Denken, das sie durch die musikalischen Impulse durchdringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>D.R., Johannesburg, 2010, 21.11 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>D.R.\u2019s Glaubw\u00fcrdigkeit geht darauf zur\u00fcck, dass sich D.R. stilistisch und im Tonumfang relativ stark eingeschr\u00e4nkt hat. Sie changiert wenig zwischen Tonqualit\u00e4t und Betonung von einzelnen W\u00f6rtern und singt in leichter Abfolge mal verz\u00f6gert, mal auf den Takt exakt. Sparsamer Vibrato, gute Diktion, die Noten allesamt mittig genagelt. D.R. bewegt sich im St\u00fcck in Begleitung der Noten wie auf einer leicht wogenden Seeplatte, nie die Balance verlierend. Sie scheint das St\u00fcck wie durch eine innere Haltung zu tragen. Ihre Stimme bleibt stets unaffektiert. D.R. konzentriert sich darauf, den zu singenden Song unpr\u00e4tenti\u00f6s zu interpretieren. Sie tr\u00e4gt ihn vor. D.R.\u2019s Stimme findet einen guten Ort im St\u00fcck. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musik ist Bewegung. Im Bewusstwerden eines Nachklangs von einzelnen Noten, sprudeln bereits neue Kl\u00e4nge auf einen zu. Selbst Wiederholungen entfachen nicht dieselben Emotionen. Eine winzige Verschiebung in einem Akkord oder einer Note, eine kleine Hebung oder Senkung, ein Vorhalt, ein minimaler Tempowechsel, gedacht als weiche \u00dcberleitung, als Akzent oder subtile Betonung, sind auf der technischen Seite kleine Bewegungen, benennbare Mittel, g\u00e4ngige Methoden und blo\u00df wenige Zentimeter entfernte Schritte auf Tasten, Stegen, Bogenhaltungen, Mundst\u00fccken von Blasinstrumenten usw., im Geh\u00f6rgang des Zuh\u00f6rers jedoch, bedeuten sie gro\u00dfe Welten, Wendepunkte, Z\u00e4suren, bisweilen alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>U.R., Hong Kong, 2003, 23.10 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Eine nat\u00fcrliche Stimme ist es nicht, die U.R. benutzt. Viel zu expressiv, mit zu viel Nachdruck ist diese Stimme versehen, als es dieselbe sein kann, die U.R. benutzte, w\u00fcrde sie just en passant, unbeschwert, singen. Viel zu feierlich scheint U.R. dieser Akt des Singens in diesem Moment, dieser Song und in dieser Atmosph\u00e4re, als dass sie es der Nat\u00fcrlichkeit alleine \u00fcberlassen w\u00fcrde. U.R. m\u00f6chte diesen Augenblick ganz f\u00fcr sich, er geh\u00f6rt U.R. und sie nimmt ihn: mit verschwenderisch viel Luft, manchmal n\u00e4selnd, mit extrem langgezogene Linien, H\u00f6hen, die eigentlich au\u00dferhalb ihres Umfangs liegen. Man leidet nahezu mit, ist aber mit seltsamer Bewunderung dabei. Der Atem stockt, wenn U.R. Sekunden nach ihrer Darbietung regungslos in einer Pose verharrt und ergriffen dem Nachklang lauscht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine singende Stimme vermag die Emotionen der zuh\u00f6renden Person zu entfachen, die Person im Ganzen anzuheben, sie zu Aufbr\u00fcchen, H\u00f6hepunkten oder in Tiefen mitzunehmen, ihr ein Gef\u00fchl zu vermitteln, das sich wie eine innere Umarmung anf\u00fchlt. So leicht man sich dem Ph\u00e4nomen hingeben darf, so leichtf\u00fc\u00dfig und rasch alles passiert, werden wir bei den meisten Konzerten mit Gehalten, die in uns angelegt sind, aufs Neue angef\u00fcllt und die dann bestenfalls nachhaltig wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Stimme von einem Menschen kommt, hat etwas Urspr\u00fcngliches, Nat\u00fcrliches und Archaisches. Die Stimme ist unmittelbar und doch nicht greifbar. In der Musik gesteigert, k\u00fcnstlerisch erh\u00f6ht. Dennoch kommt diese Stimme von einem Gegen\u00fcber. Wo der Klavierspieler ebenso rasch die Finger auf den Tasten spielen lassen kann, so bespielt er doch mit dem Werkzeug Hand ein Instrument, das au\u00dferhalb ist, das andere gebaut haben und das ein Ding ist. W\u00e4hrend die Stimme durch den menschlichen K\u00f6rper hallt. Durch einen K\u00f6rper, der lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>M.D., Tokio, 1977, 00.20 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>M.D. bringt mit, was man Natur, gute Gene, ein Geschenk nennen kann. M.D. hat das Gl\u00fcck, dass ihre Stimme selbst von einem unglaublichen und einzigartigen Timbre ist. Ein Timbre und ein Sound, die \u00e4u\u00dferst s\u00e4ngerisch sind in dem Sinne, dass sie eben nicht nur angenehm, wohlklingend und sch\u00f6n sind, sondern alle Instrumente in sich vereinen und mit sofortiger Wirkung Musik schaffen, wenn M.D. zu singen anstimmt. M.D. scheint ein gl\u00fccklicher Mensch zu sein, der so etwas wie Gl\u00fcck in ihrer Stimme innehat, dass sie es mit jedem Ton, den sie ansetzt frei- und bei ihren Zuh\u00f6rern anlegt. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es f\u00fcr Au\u00dfenstehende reizvoll zu erfahren wie alles, was als Musikprodukt am Ende daherkommt, entsteht. Dies zu erkl\u00e4ren, ist jedoch schwieriger, als wenn zum Beispiel ein bildender K\u00fcnstler sein Atelier \u00f6ffnete und in der Lage w\u00e4re, durch Dokumentation, die Prozesse seines Schaffens relativ klar zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Gesang entf\u00e4llt vieles davon, was in einem Atelier selbsterkl\u00e4rend ist, weil aufgrund von einzelnen Tonleitern und technischer Schwierigkeiten, die man mit Worten erl\u00e4utern kann, sich beispielsweise keine Expression erkl\u00e4ren l\u00e4sst, die oft erst im Kontext des musikalischen Dialogs zum Leben erweckt wird. Nicht nur ist die Stimme nicht fassbar, sondern hat die Demonstration in Bruchst\u00fccken wenig mit Musik zu tun, ist streckenweise nichts als eine Trocken\u00fcbung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ton ist immer schon wieder vorbei, wenn er gesungen ist. In der Musik geht es immer weiter, es ist ein Elaborat ohne Stillstand. Kaum hat man eine Gesangszeile hinter sich gebracht, die, bevor sie war, dies oder das bedeutete, schon ist sie nichts als Vergangenheit, die etwas gemeint hat. Was aber nur nachtr\u00e4glich erfassbar ist, denn w\u00e4hrend des Singakts ist eine eigentliche Reflexion f\u00fcr den S\u00e4nger aus Zeitgr\u00fcnden kaum m\u00f6glich. Der S\u00e4nger ist bereits wieder vier Takte weiter, setzt zu einer neuen Wendung, einem neuen H\u00f6hepunkt an. Selbst, wenn er irgendwo l\u00e4nger verbleibt, und beispielsweise auf einer Note Halt macht \u2013 hallend, pr\u00e4sent und eindringlich \u2013, ist dennoch kein musikalischer Stillstand zugegen, denn im Hintergrund pulsiert es, ob h\u00f6rbar oder unh\u00f6rbar, stets weiter. Die Musiker bleiben nie stehen, die Reise geht immer weiter, immer weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>D.G., Sydney, 1990, 19.45 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wenn D.G. singt, wird es in der ganzen Musik ruhiger. Alles wirkt minimalistisch, auf das Wesentlichste reduziert. D.G. ist gut vorbereitet, aber auf der Hut. Sie lauscht, ergibt sich wachst dem Dialogischen. Man kann sich nicht ausmalen, was als n\u00e4chstes passieren wird. Es ist nie Z\u00f6gern, sondern alles Teil eines einzigen dramatischen Akts. Die Spannung muss gehalten werden. D. G. suggeriert, dass alles, was bisher geschah, blo\u00df die Vorbereitung auf eine Steigerung ist. Dadurch wird die Erwartung aufs H\u00f6chste ausgereizt. Welche Steigerung? Mitunter die der Pausen zwischen den T\u00f6nen. Pausen, die bei D.G. voll von Klang und voller Wissen sind.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht nicht darum die Pause zu r\u00fchmen, deren Wichtigkeit zu betonen und festzuhalten, welches Temperament des einzelnen Musikers oder S\u00e4ngers es bedarf die Pause zur Kr\u00f6nung werden zu lassen. Doch es ist Tatsache, dass jede Musik darin entsteht und nur dort entstehen kann, wo keine Musik ist. Und die Pause eine tempor\u00e4re Metapher f\u00fcr diese Basis sein kann. Musik findet aus der Stille und Ruhe heraus statt. Sie kommt und entsteht von dort, wo kein Ton ist. Dies ist, angesichts des Klangs und Schalls, die wir unter Musik verstehen, mitunter eine Herausforderung, sich n\u00e4mlich diese abstrakte Leere vorzustellen, in der der alles stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der S\u00e4nger \u00fcbt mitunter jahrelang an einem bestimmten Vokal bis er feststellt, dass einzig die Kieferposition um zwei Millimeter versetzt werden musste, um einen bisher nicht gut erreichbaren Ton in der gew\u00fcnschten Qualit\u00e4t zu erlangen. Das kann im S\u00e4nger selbst die Welt, ja eine neue Entwicklungsstufe und Dimension bedeuten; f\u00fcr die \u00e4u\u00dfere Welt ist dieser Erfolg wahrscheinlich nicht einmal h\u00f6rbar oder gar nicht einmal n\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr viel passiert im Kopf des S\u00e4ngers. Der Kopf muss das Richtige denken, sich vorstellen, sich w\u00fcnschen oder erfahren haben, damit das, was Stimme und Ohr ist, im Akt des\u00a0 Singens greift. Dieses Denken zu erfassen, zu begreifen und sich bei der Durchf\u00fchrung daran zu orientieren ist eine Crux. Denn beim Singen selbst sollte jegliches Denken und Reflektieren m\u00f6glichst wieder verschwunden sein, so notwendig es ist, dass es zuvor da war oder sp\u00e4ter sein wird, und sich um den Gesang herum manifestiert. Denn Singen ohne Vorstellung und ohne innere Haltung kann zuweilen prek\u00e4r sein, wenn sich die nat\u00fcrliche s\u00e4ngerisch-musikalische Intelligenz nicht durchsetzen kann und ohne diese Vision Fehlentscheidungen w\u00e4hrend des Singens getroffen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sanfte Beginn, weich und leicht in dem einen spezifischen St\u00fcck kann die Garantie f\u00fcr den sp\u00e4teren Flug sein. Wo der gleiche Anfang, anstelle vielleicht eines klaren und dominanten, in einem anderen St\u00fcck einen Sturzflug bedeuten kann. Oder der allzu klare Fokus auf eine bestimmte Tonfolge, auf die sich der S\u00e4nger freut, weil er darin aufgeht, etwas f\u00fcr kurze Sekunden \u00f6ffnet, das ihm Gl\u00fccksgef\u00fchle beschert, bewegt sich dank Konzentration und Fokus mit einem Sicherheitsseil im Gep\u00e4ck, oder er entscheidet sich f\u00fcr das freie Laufen auf einer schmalen Kante am Abgrund, weil der gew\u00fcnschte Effekt eben dieses Risiko ben\u00f6tigt, ansonsten die Sache schulmeisterlich, affektiert oder schal wirken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch eine nur um wenige T\u00f6ne zu hoch oder zu tief gelegte Tonlage l\u00e4sst den S\u00e4nger vielleicht im falschen Moment scheitern, wo eine behutsam gew\u00e4hlte Tonlage diesen kritischen Punkt umgehen k\u00f6nnte, wenn immer auch auf die Gefahr hin, dass dadurch die Spannung abhanden kommt und das Endresultat w\u00fcrzlos wirkt. Es ist immer eine Gratwanderung zwischen dem Anspruch, alles leicht aussehen zu lassen und doch die dramaturgische Spannung halten zu m\u00fcssen, damit es w\u00f6rtlich spannend bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>K.T., Ischia, 1998, 00.07 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Man wird das Gef\u00fchl nicht los, K.T. singe so wie sie meint singen zu m\u00fcssen, damit es richtig klingt. Doch gerade deshalb h\u00f6rt es sich nie ganz richtig an. Dieser Anspruch klebt an K.T. wie eine schlecht sitzende Hose, die einem nur auff\u00e4llt, wenn man sich achtet. Erstaunlich dennoch, dass sie Erfolg hat. Die Show ist gut aufgezogen, es hat von allem und somit f\u00fcr jeden etwas dabei. K.T. lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, jedoch stets gut gelaunt, mit sch\u00f6nem L\u00e4cheln im Gesicht und dem entsprechend kurzen oder engem Kleid. Das Management hinter K.T. ist \u00e4u\u00dferst strebsam. Ehe man sich versieht etwas zum Konzert X zu sagen, ist schon das n\u00e4chste Album auf dem Markt. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der nicht singende Zuh\u00f6rer denkt, wenn er sich das Singen vorstellt, gelegentlich zu sehr an zu erreichende H\u00f6hen, an Stimm\u00fcbungen, an die leidenschaftliche Expression des S\u00e4ngers, die herauszustechen hat, eine unmittelbar und h\u00f6chst emotional mit dem Leben des S\u00e4ngers verbundene Geschichte, die sich durch die St\u00fccke ziehen muss und so weiter. Dabei ist die Realit\u00e4t viel verworrener und steckt in unz\u00e4hligen Details.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe seiner s\u00e4ngerischen Zeit durchl\u00e4uft, wie alle Musiker, auch der S\u00e4nger Tiefen und H\u00f6hen. Er lebt in Widerspr\u00fcchen. So muss er fokussiert sein auf das, was er singt, gleichzeitig muss er wie ein Radar auf der Hut sein f\u00fcr die Wahrnehmung seiner musikalischen Begleiter, um trotz Konzentration auf das eigentliche Singen, die kleinsten Ver\u00e4nderungen mitzubekommen und darauf zu reagieren. Der S\u00e4nger wird beim Studium mit Lehrern oft mit einer Unmenge von Bildern konfrontiert, weil beispielsweise der Gesangsunterricht nicht so anschaulich durchgef\u00fchrt werden kann wie Instrumentalunterricht, da die Stimme ja ein Instrument ist, das nicht sichtbar ist. Der S\u00e4nger muss sowohl eine Vorstellung davon haben wie er klingen m\u00f6chte, gleichwohl muss er herausfinden, wie er selbst am besten und am authentischsten klingt und muss damit leben, zwar besser werden zu wollen, jedoch dar\u00fcber im Klaren sein, dass er sein einziges Instrument ist, welches er nicht austauschen kann und somit per se eingeschr\u00e4nkt ist. Er muss also darauf bauen, was er hat, was seine Stimme hergibt und er muss an seine Stimme glauben. Ebenso wie er sie und ihre Grenzen kennen sollte und wissen, in welchem Gebilde sein Ausdruck und seine stimmlichen Bewegungen und musikalischen Reisen mittels der Stimme am besten gelingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht jeder S\u00e4nger hat ein bestimmtes Idol, so aber doch bestimmte Vorstellungen von Lieblingsstimmen, ob in Kontexten oder generell. Er wird sich mit diesen anderen Stimmen auf diese oder jene Art konfrontieren: ob in der praktischen Nachahmung, im theoretischen Vergleich oder in der Bewunderung. Der S\u00e4nger hat zudem eine eigene Vorstellung davon wie er selbst klingt, und er wird eine bestimmte Zeit brauchen, um sich an seine Stimme zu gew\u00f6hnen, wenn er sie auf einem Tontr\u00e4ger zum ersten Mal h\u00f6rt. Er wird davon schockiert oder im Positiven Sinne \u00fcberw\u00e4ltigt sein, und diese Erfahrung wird erneut Einfluss nehmen auf sein Singen, wenn gelegentlich nur tempor\u00e4r. Nach einer bestimmten Zeit wird er mit einer musikalischen Distanz dieser anderen Stimme auf dem Tontr\u00e4ger zuh\u00f6ren k\u00f6nnen. Er wird eine feine Grenze ziehen k\u00f6nnen zwischen derjenigen Stimme, die dort erklingt und der Stimme, die noch unmittelbarer da und in ihm ist, wenn er sie im Singen selbst gewahrt und nutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der S\u00e4nger probiert sich aus, experimentiert mit Kl\u00e4ngen, Klangfarben, erklimmt Klangh\u00f6hen und Tiefen, versucht sich in verschiedenen F\u00e4rbungen und Effekten, am besten dennoch darum wissend, dass es trotz all der spielerischen oder durchaus ernst gemeinten Eskapaden, die er freilich auch in der Praxis sp\u00e4ter anwenden kann, seine nat\u00fcrliche Stimme, die sich stets ein wenig um die Indifferenzlage herum bewegt, nie ganz aus dem Fokus und aus dem Ohr verlieren sollte. Die sogenannte nat\u00fcrliche Stimme ist jene, die immer ohne Anstrengung da ist. Dennoch verlieren sich viele S\u00e4nger auf ihren experimentellen Pfaden und finden nicht mehr zu dieser eigentlichen Naturstimme zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht nur die nat\u00fcrliche Stimme und das Bewusstsein dar\u00fcber sind elementar wichtig. Auch die K\u00f6rperspannung des S\u00e4ngers ist eine unverzichtbare Basis, da eine entspannte, offene Haltung die verschiedenen Resonanzr\u00e4ume (wie Kehlkopf, <a title=\"Rachen\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rachen\">Rachen<\/a>, <a title=\"Mundh\u00f6hle\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mundh%C3%B6hle\">Mundh\u00f6hle<\/a>, Nasenhaupth\u00f6hle), in denen die Stimme stattfindet, in ihrer jeweiligen ganzen Gr\u00f6\u00dfe ausgef\u00fcllt und zum Schwingen gebracht werden kann. Nur in gro\u00dfen Klangr\u00e4umen, den inneren wie den \u00e4u\u00dferen, kann sich das Stimminstrument voll entfalten und im Gesamtumfang h\u00f6rbar werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch selbst der beste S\u00e4nger wird irgendwann mit der Beschr\u00e4nkung seiner technischen Mittel konfrontiert. Denn es gibt keinen S\u00e4nger, der alles machen kann. Das ist so schmerzhaft wie lehrreich. Ein gut beratener S\u00e4nger wird sich durch diese neue Bestandesaufnahme zu einer neuen Ann\u00e4herung herangef\u00fchrt sehen und die Karten von Wunsch und Realit\u00e4t neu f\u00fcr sich mischen. Dies kann mitunter sogar der Beginn einer neuen Entwicklung bedeuten, die ihn sogar bis zu einem unvergleichlichen Stil f\u00fchren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anspruch und die Wirklichkeit k\u00f6nnen sich auch in einer einzigen Vokabel abspielen. Die Arbeit an einem einzelnen Wort, das nicht nur nach der Vorstellung des S\u00e4ngers artikuliert werden soll, sondern er das Wort als das erklingen lassen m\u00f6chte, was der S\u00e4nger f\u00fchlt und damit ausdr\u00fccken m\u00f6chte \u2013 als Funke, als Metapher, als Etwas, das vorher eingeengt war und just in diesem Wort explodieren sollte \u2013, geht immer wieder \u00fcber die technischen Mittel hinaus. Doch was den S\u00e4nger nicht befriedigt, weil er dieses Wort zwar immer genau so denkt und singt wie es sich in seiner Vorstellung abspielt, aber er es dennoch nicht genauso h\u00f6ren kann wie er es h\u00f6ren m\u00f6chte, ist es die Anstrengung allemal wert. Denn m\u00f6glicherweise vermag ein Zuh\u00f6rer diese Anstrengung und die Absicht trotzdem m\u00fchelos zu erleben, beziehungsweise das vom S\u00e4nger gew\u00fcnschte Resultat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele \u00dcbungen, wie das Herumreiten auf einer Tonfolge bis man sie richtig kann und danach die Erkenntnis, dass man sie nicht mag, weil sie sich schlecht anf\u00fchlt, nicht das entfacht, was einem zuvor vorgeschwebt ist, sind Trocken\u00fcbungen, ohne, dass der S\u00e4nger das hier Gelernte unmittelbar in der Interpretation eines St\u00fccks beim Singen anwenden kann. Dennoch braucht der S\u00e4nger viele solcher kleinen Reisen, auch jene, die \u00e4u\u00dferst unmusikalisch daherkommen, um vielleicht im richtigen Moment etwas aus dem Vokabular hervorzuholen, das dem S\u00e4nger als reines Werkzeug in der musikalischen Darbietung weiterhilft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Reduktion aus der F\u00fclle heraus ist eine andere als eine Reduktion aus einer kleinen Auswahl heraus. Nicht zuletzt entscheidend f\u00fcr das Z\u00fcnglein an der Waage ist der eigentliche Geschmack des S\u00e4ngers und wie er selbst als Mensch ist. Der eine muss ausprobieren und Material anh\u00e4ufen, ein anderer reduziert sich von vornherein aufs Minimum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Anstrengungen finden durchaus im Kopf des S\u00e4ngers statt oder in einer Zeit, wo er s\u00e4ngerisch gar nicht aktiv ist. Und keine Frage ist Kehlkopft\u00e4tigkeit anders anstrengend als ein Marathonlauf. Die Muskelarbeit an den Stimmb\u00e4ndern zeigt sich in einer eher subtileren Form. Es ist wenig auch nicht allzu aufregend, den S\u00e4nger bei der Arbeit an Vokalen, ihn bei der Suche nach den richtigen Klangfarben, der Diktion, dem Ansatzrohr, dem Vibrato usw. zu beobachten. Manche \u00dcbungen sind oftmals Versuche, sich einem Musikst\u00fcck anzun\u00e4hern. Der Stimmeinsatz und -Absatz am Anfang und am Ende einer Zeile oder eines Liedes will gepr\u00fcft sein. Immer wieder soll auch die Koordination mit der Atmung, die f\u00fcr eine bestimmte L\u00e4nge ausreichen muss, gepr\u00fcft werden. Die St\u00fctze, wichtig f\u00fcr die Artikulation, welche wiederum tr\u00e4gt, muss vorbereitet werden. Das Stimmregister will richtig gew\u00e4hlt sein, je nach gew\u00fcnschter Dynamik und Ausdruck. Sowie muss sich der S\u00e4nger \u00fcberhaupt unz\u00e4hligen musikalischen und \u00e4sthetischen Fragen stellen und sie f\u00fcr sich l\u00f6sen. Dies alles tut er gelegentlich sogar ohne eine Sekunde bewusst dar\u00fcber nachzudenken, sondern geschieht dies unbewusst und im Singen selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>F.R., Chicago, 17.23 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>F.R. ist ein reifer Musiker. Er versteht, was er tut und l\u00e4sst das Publikum nicht daran zweifeln, dass F.R. alles, was er macht, fest im Griff hat. F.R. ist ein erfahrener Weltenbummler, der schon viel gesehen und erlebt zu haben scheint, und dem man deshalb nichts vorzumachen braucht. Er hat den bestimmten Dreh raus, ist aber ein Wiederholungst\u00e4ter, was ihm zwar eine gewisse Mattheit verleiht, die aber nicht ohne Charme ist. Es ist reizvoll zuzuwarten, F.R. Zeit zur Entfaltung seines Raums zu geben, weil er garantiert noch andere R\u00e4ume \u00f6ffnen wird, und ein paar Nummern im sp\u00e4teren Programm hat, die ihn subtil aus seiner Haut werden fahren lassen und auf die es sich lohnt, geduldig und zuversichtlich zu warten. Trotz seiner \u00fcberlegten Art, seiner Routine, ist F.R. ein konzentrierter S\u00e4nger, der sich den St\u00fccken ergibt und durch seinen Gesang immer wieder aufs Neue der Musik dienlich ist.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht der S\u00e4nger w\u00f6rtlich und physisch an seine Grenzen, ist dieses Ph\u00e4nomen auch beim Zuh\u00f6rer sp\u00fcrbar. Er h\u00f6rt, geht mit, sp\u00fcrt die erklommene H\u00f6he, die erforschte Tiefe, die kratzende, fast brechende Stimme. Gekonntes Einsetzen dieser Mittel kann magisch sein. Ein falscher Einsatz allerdings kann entlarvend sein, die Grenzen vorf\u00fchren und sp\u00e4tere H\u00f6hepunkte unn\u00f6tig tr\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein neues St\u00fcck ist fast immer, zumindest punktuell, eine neue Herausforderung. Nicht nur wegen der zu erlernenden Melodie oder dem Vertrautwerden mit den Akkordfolgen. Die Stilistik ist zu untersuchen, ebenso die Findung der f\u00fcr den S\u00e4nger richtigen Interpretation. Der S\u00e4nger m\u00f6chte sich auf ein St\u00fcck einlassen, will offen sein, gerade am Anfang. Doch am Anfang l\u00e4sst das St\u00fcck viele Interpretationen zu und der S\u00e4nger muss sich irgendwann f\u00fcr die eine, seine, entscheiden, ohne vorher alle ausprobiert zu haben. Er geht dabei behutsam vor, sucht bestimmte Stellen, den Spannungsbogen, den roten Faden, damit die Echtheit der Intention nicht verloren geht. In einem Musikst\u00fcck sucht der S\u00e4nger sehr lange, manchmal mehr als in den M\u00f6glichkeiten seiner Technik. Gelegentlich vergehen Jahre, bis er dieses besondere Etwas, das er aufgesp\u00fcrt hat. Das Etwas, das Seins ist, das in seine eigene Geschichte passt, ob der gelebten oder der ungelebten, und welche dem St\u00fcck aus seiner Sicht gerecht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch selbst wenn er diese besondere Stelle gefunden hat, bleibt die Frage, wie er an sie herangeht, wie er sie singend immer wieder aufs Neue entdeckt und nicht zu fr\u00fch verr\u00e4t, sodass sie m\u00f6glichst lange geheimnisvoll bleibt und dann feierlich enth\u00fcllt werden kann im Teilen mit dem Zuh\u00f6rer. Mit welchen Verf\u00fchrungen oder zielgeraden Ann\u00e4herungen soll der S\u00e4nger daran gehen? Mit Fokus oder mit Flirt? Enth\u00fcllend oder andeutend? Genie\u00dfend oder Teil des Genusses jemand anderem \u00fcberlassend? Und wie kommt der S\u00e4nger aus der Stelle wieder heraus, ohne darin plump stecken zu bleiben, ohne zu pathetisieren, ohne manieristisch zu werden? Mit vernebelnder Leichtigkeit oder mit klarem Schnitt? Wie kann die Stelle erahnbar sein vor deren Erreichung, wie nachwirken, nachdem sie geschah, und wie soll sie in den verbleibenden Rest des St\u00fccks einf\u00fcgt sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>G.E., Dubrovnik, 2007, 22.18 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>G.E. ist pure Energie. Schreit sich f\u00f6rmlich die Seele aus dem Leib. Sie vibriert, dehnt die T\u00f6ne bis zum schieren Auseinanderfallen, sie jauchzt und st\u00f6hnt. Sie holt das Publikum dort ab, wo die Masse abgeholt werden m\u00f6chte: in den musikalischen Kapriolen, den eing\u00e4ngigen Vamps, den stimmlichen H\u00f6hepunkten, die allesamt irgendwo um das hohe C herum liegen m\u00fcssen, der rhythmischen Maschine in den Tiefen. G.E. l\u00e4sst ihre H\u00fcften kreisen, tanzt mit den Armen, stampft mit den F\u00fcssen, schwitzt und kreischt und bringt auf diese Weise den einen oder anderen um den halben Verstand. Eine unversch\u00e4mt belebende Erscheinung.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche St\u00fccke betonen sosehr die Schw\u00e4chen, dass der S\u00e4nger sich dieser St\u00fccke entledigen muss, auch wenn er sie liebt und bei anderen Interpreten sch\u00e4tzt. Im passiven H\u00f6ren oder aktivem Mitsingen mit anderen scheint alles m\u00f6glich. Doch ist man lediglich vom Ger\u00fcst der musikalischen Begleiter im St\u00fcck gehalten, befindet man sich mitunter wie in einem Vakuum, verliert die Orientierung, tappt im Dunkeln, handelt nach Gesetzen, die man sich anders gedacht hat oder die sich anders angef\u00fchlt haben als mit dem Playback. Das geliebte St\u00fcck entpuppt sich als Falle, als Herausforderung, als Grenzerfahrung. Man m\u00f6chte vergessen durch das St\u00fcck hindurchgleiten, das Ich darin verschwinden lassen, und ist in Wirklichkeit neben dem St\u00fcck oder blo\u00df am St\u00fcck dran, aber nicht darin selbst, sogar, wenn man technisch alles richtig zu machen scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>K.T., Buenos Aires, 1981, 01.17 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ein Virtuose, ohne Frage. Man merkt K.T. eine umfangreiche und praktische Bildung an. Er scheint hier wie dort zu Hause zu sein und wird dadurch f\u00fcr den Zuh\u00f6rer nicht wirklich fassbar. Was nicht schlimm w\u00e4re, wenn sich in diese vermeintliche Harmonie nicht auch der Eindruck von leichter Verlorenheit, ja gar Gleichg\u00fcltigkeit mischen w\u00fcrde. Scheinbar ohne Strapazen klettert K.T. Tonleitern rauf und runter, zieht Register, beeindruckt durch wagemutige Spr\u00fcnge, beherrscht das Vokabular, egal ob in einer superschnellen Uptempo- oder ob in einer schmusigen Latin-Nummer. Man kann qualitativ nichts bem\u00e4ngeln und doch ist das, was K.T. bietet, an vielen Stellen nichts weiter als Demonstration. K.T. ist nicht angebunden an das Eigentliche, an das Ger\u00fcst, an das Herz der Musik, sondern scheint wie davon abgekoppelt. Man geht berauscht und beeindruckt aus dem Konzert, begleitet von einem faden Nachgeschmack.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des S\u00e4ngers Arbeit ist nicht die eines Handwerkers, der vor der Aufgabe die M\u00f6glichkeit hat alles auf einen Plan zu zeichnen, seine Werkzeuge bereitzulegen. Das Jetzt, in dem der S\u00e4nger aktiv ist und welches sofort gleich wieder verschwindet, verunm\u00f6glicht, dass der S\u00e4nger von vorne bis hinten abgesichert ist, vor allem, wenn er bereit ist, ein wenig Risiko einzugehen, in dem Sinne, dass er sich auf das Risiko der Mitwirkenden einl\u00e4sst und minimale Korrekturen macht, spontan entstehende Interpretationsvarianten erlaubt. Gerade im Jazz ist dieses Tanzen auf dem Seil ohne Sicherheit etwas Gewohntes und Routiniertes, das aber dennoch vor allem als Einstellung ge\u00fcbt werden kann. So gesehen kann sich mancher S\u00e4nger lediglich auf die eigene Vorstellung st\u00fctzen und darauf vertrauen, dass er sich quasi automatisch oder auf Abruf der richtigen gestalterischen Mittel bedient, wenn es das St\u00fcck erfordert. Und w\u00e4hrend ihm gelegentlich allerlei Aspekte durch den Kopf gehen, entstr\u00f6men seinem Mund gleichzeitig die Melodien. Die Musik ist fl\u00fcchtig, spielt immer vorw\u00e4rts. Und bevor der S\u00e4nger merkt, was geschehen ist, ob er sich bei einem Fehler ertappt oder eine positive Wendung einf\u00e4ngt, ist es zugleich klar, dass eine exakte Wiederholung mit dem selbem Gef\u00fchl nicht wahrscheinlich ist, blo\u00df die Ann\u00e4herung daran. Und w\u00e4hrenddessen ist man wiederum ein paar Takte weiter, weil man sich in der Gleichzeitigkeit befindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>C.W., Montr\u00e9al, 1999, 23.37 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die Intonation l\u00e4sst bei C.W. deutlich zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Da ihr Anschlag jedoch im Bereich des Zumutbaren liegt, da er noch immer innerhalb der jeweiligen Tonfrequenz stattfindet, wird es einzig f\u00fcr denjenigen, der mit einem absoluten Geh\u00f6r ausgestattet ist, zu einer Anstrengung, wenn er C.W. zuh\u00f6ren m\u00f6chte. Die Konsequenz, mit welcher C.W. immerzu leicht daneben, unscharf, n\u00e4mlich unterhalb des Grundtons intoniert, machen C.W. allemal unverwechselbar und unikal. Diese leichte Schiefe, an die man sich gut gew\u00f6hnen kann, ist substanziell bis auf die Knochen. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der S\u00e4nger m\u00f6chte zeigen, nicht sparsam sein, sich selbst im Akt entfalten. Er hat eine vage oder klare Vorstellung davon, was er erreichen m\u00f6chte, muss aber selbst herausfinden und ausprobieren wie er dies erreichen kann. Dabei ist er ganz auf sich selbst gestellt. Nicht selten bewirkt er etwas \u2013 das zwar technisch durchaus erkl\u00e4rbar ist \u2013, was aber anderes angedacht war. Ein Tempo beispielsweise, dass er verschleppt, aber nicht, weil er vorhatte, das Tempo zu verschleppen, sondern, weil er dadurch, dass er es verschleppt, etwas Bestimmtes aussagen wollte. Oder er denkt daran, den Text eines St\u00fcckes so zu pr\u00e4sentieren, dass er richtig ist, dass der Text gelebt, erz\u00e4hlt wird, wobei er s\u00e4ngerisch etwas umsetzt, das mitschwingt und am Ende zentraler wird, als die urspr\u00fcngliche Idee von diesem Text. Vision und Vorhaben vermischen, \u00fcberlagern sich h\u00e4ufig. Der Effekt ist ein Stilmittel, nicht selten jedoch von einer anderen Auswirkung auf den H\u00f6rer. Dimensionen und Sinne gehen ineinander \u00fcber. Der Gesang ist einmal mehr nicht greifbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der S\u00e4nger m\u00f6chte eine Steigerung herbeif\u00fchren, einen H\u00f6hepunkt erreichen. Wie oft aber gelingt ihm das wirklich? Vielleicht muss er sich zufrieden geben, wie einst ein Lyriker \u00fcber seine Gedichte meinte, n\u00e4mlich, dass wenn er nur ein einziges Gedicht zu schreiben imstande w\u00e4re \u2013 von all den Hunderten, die er schrieb \u2013 dann k\u00f6nne er sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen \u00fcber dieses eine vollkommene. Bei einem S\u00e4nger sind es mitunter wenige Sekunden eines einmaligen Gl\u00fccks, auf dem er jahrelang baut und hofft, und dieses Gl\u00fcck immer wieder aufs Neue ersehnt. Und welche \u00dcberraschung, wenn nicht durch Willen, sondern mitunter beim unbeschwerten Drauflossingen sich etwas losl\u00f6st und einen eigenen Weg geht, das Bet\u00f6rung ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeitwahrnehmung beim Singen ist eine andere. Drei Minuten k\u00f6nnen sich wie zehn Sekunden anf\u00fchlen oder eine Pause, ein zu kurz beendeter Satz wie eine kleine Ewigkeit, die Tausend Fragen und Unsicherheiten ausl\u00f6sen kann. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck jedenfalls, dass die Musik da ist, die Begleitung tr\u00e4gt, dem S\u00e4nger pulsierend zur Seite steht, ihm treu ist, ihm den Weg weist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.R., Moskau, 1995, 18.24 Uhr:<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>T.R. gibt der Musik und der im Gesang dargestellten Komposition eine menschliche Dimension. T.R. belebt, ist expressiv, fesselnd. Der Himmel ist T.R.\u2019s B\u00fchne. Dort kreist sie wie ein Milan durch die L\u00fcfte, taucht, schie\u00dft empor, segelt erneut, zeichnet unsichtbare Linien, w\u00e4hrend ihre Musiker wie Wolken vor\u00fcberziehen.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blicke auf Stimme Worte f\u00fcr Stimme Musik Trocken gesagt eine Sprache eine Win-Win Sache und dar\u00fcber rentabel: ein Mal komponiert spielbar mannigfach ohne Materialerm\u00fcdung dazu universell. Sie ist Freilauf des Gehirns. Auf H\u00f6rpromenaden klingende Skulpturen changierend in Form zwirbelnd wellend&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/16\/die-stimme\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":149,"featured_media":100429,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1803],"class_list":["post-37630","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/149"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37630"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37630\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100644,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37630\/revisions\/100644"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100429"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37630"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}