{"id":37279,"date":"2003-03-26T00:01:37","date_gmt":"2003-03-25T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37279"},"modified":"2022-07-08T18:24:17","modified_gmt":"2022-07-08T16:24:17","slug":"politische-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/26\/politische-gedanken\/","title":{"rendered":"Politische Gedanken"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben in einer extrem oberfl\u00e4chlich gewordenen Gesellschaft, in der viele nur darauf bedacht sind, die richtigen Moden f\u00fcr sich zu finden: Im Konsumieren von \u201aMusik\u2019, in der Kleidung, in der Darstellung der eigenen Rolle ohne nennenswerte Pers\u00f6nlichkeit, in der j\u00e4mmerlichen Identit\u00e4tssuche, die zu einem ganz kleinen Ich mit ganz gro\u00dfen Anspr\u00fcchen und Erwartungen f\u00fchrt \u2013 andererseits sehe ich oft genug junge Menschen, die sich nicht verf\u00fchren lassen von dem derzeit so auftrumpfenden \u00d6konomismus, auch etliche Erwachsene denken nicht nur an die Spa\u00dfseite des Lebens. Und doch wird ja eine denkende Minderheit von der Mehrheit verlacht &#8211; vielleicht war das immer so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist das Leben, das die nicht gern denkende Mehrheit ihr Privatleben nennt, das sie also der \u00d6ffentlichkeit stiehlt, zuh\u00f6chst politisch. Die naiven Nihilisten, die an alles und nichts glauben, manchmal beides zur gleichen Zeit, m\u00fcssen sich \u201ewegen des Vakuums und des Selbsthasses in ihrem Inneren zerst\u00f6ren. Heute werden sie aus den gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen und Verletzungen geboren, die auftreten, sobald verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Kurz, sie werden geboren aus den sozialen Bedingungen schneller Ums\u00e4tze, gesteuerter Veralterung und eines systematischen Wandels, der Selbstzweck ist &#8230; Je mehr T\u00e4uschungen und L\u00fcge man braucht, um bestehende Bedingungen aufrecht zu erhalten, desto mehr Tyrannei ist f\u00fcr die Aufrechterhaltung von T\u00e4uschung und L\u00fcge selbst n\u00f6tig. Heute herrscht der Tyrann nicht mit der Keule oder Faust, sondern er f\u00fchrt, als Marktforscher getarnt, seine Herde auf den Weg der N\u00fctzlichkeit und des Komforts\u201c der \u201a\u00d6konomisten\u2019. [Herbert Marshall McLuhan, New York 1951]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich hat der Kritiker das Recht, einen gesellschaftlichen Entwurf zu beschreiben, der besser sein soll als die herrschende Realit\u00e4t, und nat\u00fcrlich kann er gelassen \u00fcber dem Vorwurf stehen, dieser Entwurf sei eine Utopie. Jeder ideale Plan ist f\u00fcr eine (oft lange) Zeit utopisch, aber wesentliche Teile werden nach und nach im Lauf der Geschichte dann doch realisiert, und vielleicht hat Hegel Recht, der meinte, in der Geschichte vollziehe sich die Vernunft, bis sie absolut, also mit dem G\u00f6ttlichen eins werde &#8211; das l\u00e4sst sich auch ohne Gott denken. Jedenfalls ist jede Resignation der Tod jeder Politik der Ver\u00e4nderung. Wir sind keine Tiere, sondern wir haben Geist und wissen, dass wir den K\u00f6rper (materialistische Begierden aller Art) disziplinieren m\u00fcssen, wenn wir nicht hinter die Tiere zur\u00fcckfallen wollen. Das \u00f6konomistische Prinzip aber setzt absolut auf die Begierden des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist, wie der Geist gegen die selbstzerst\u00f6rerischen Begierden des K\u00f6rpers gewinnt. Die Masse der Einzelnen schafft es nicht, das beweist die Geschichte, und so ist eine gesellschaftliche Verfassung zu finden, in der das m\u00f6glich ist. Ich glaube auch, dass die derzeitige Form der Demokratie nicht die geeignete L\u00f6sung sein kann. Hier hat Karl Marx mit seiner Analyse, dass die b\u00fcrgerliche Demokratie im Wesentlichen nur der Ausschuss des Kapitals ist, immer noch Recht &#8211; nur dass die Mittel und Wege der T\u00e4uschungen und Selbstt\u00e4uschungen heute wesentlich subtiler sind als im 19. Jahrhundert. Ich bin kein Marxist oder Kommunist; diese Ideologie ist aus vielen Gr\u00fcnden in der Praxis, an der Realit\u00e4t und an den Menschen, wie sie sind, gescheitert. Aber ich suche eine sozialere Politik, eine gesamtgesellschaftliche Ausrichtung der Politik, sonst gehen wir alle in der \u00f6konomisch-\u00f6kologischen Katastrophe und in einer immer wahnsinnigeren Entwicklung der Welt\u00fcberv\u00f6lkerung unter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses gesellschaftliche Denken sollte einhergehen mit einer nationalen Identit\u00e4t, die nat\u00fcrlicher ist als die heute vor allem in Deutschland zu beobachtenden deformierten Bewusstseinszust\u00e4nde, die bis zur Selbstverleugnung einer nationalen Zusammengeh\u00f6rigkeit gehen; daf\u00fcr gibt es viele historische Gr\u00fcnde, vor allem die Hitler-Zeit. Ich wei\u00df, dass meine Generation besonders vorsichtig ist hinsichtlich der Vorbilder und Identifikationen, weil wir schlimme (Selbst-)Verf\u00fchrungen erlebten. Ich bedauere das, muss es aber als Faktum hinnehmen. Ich pers\u00f6nlich bin gern Deutscher, liebe meine Sprache, auch die deutschen Dialekte, liebe vor allem die Literatur, die Musik, das Theater, die Oper, die Kunst \u2013 und auf allen diesen Gebieten ist unser Land gro\u00df. Auch heute noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber inzwischen auch neue Gr\u00fcnde: Au\u00dfer unserer Sprache haben wir in Deutschland nicht viel gemeinsam Empfundenes &#8211; Kulturbegriffe l\u00f6sen sich auf. Eine deutsche Leitkultur ist kaum formulierbar &#8211; da hat die CDU in der Debatte um das Zuwanderungsgesetz nicht \u00fcberzeugt &#8211; weil es auch gar nicht mehr geht. Die Globalisierung (die vor allem ein \u00f6konomischer Prozess ist) ebnet die Unterschiede ein. Die V\u00f6lker werden heute zu Kunden-Gruppen, die sowieso die Sprache der Weltmacht sprechen m\u00fcssen, um zu bestehen. Ein wirklich europ\u00e4isches Bewusstsein ist au\u00dferhalb intellektueller Kreise immer weniger vorhanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da muss man sich fragen, ob der alte Begriff von nationaler Identit\u00e4t heute noch tauglich sein kann &#8211; ob er auch in deiner Idealgesellschaft n\u00fctzlich sein kann &#8211; oder ob nationale Identit\u00e4t besser aufgehoben werden muss &#8211; ganz im Sinne der Hegelschen Dialektik. Die meisten Deutschen sind auf dem Weg einer zeitgem\u00e4\u00dfen \u00dcberwindung des althergebrachten Nationalbewusstseins schon viel weiter als die meisten V\u00f6lker der Welt, eben weil wir Lehren aus einer harten Geschichtserfahrung gezogen haben. Es beweist mehr St\u00e4rke, wenn das Selbstbewusstsein eines Volks ohne nationales Brimborium und Get\u00f6se auskommt und die Kraft hat Millionen von T\u00fcrken und anderen Ausl\u00e4ndern im Lauf der Zeit zu integrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kritik an einer zurzeit instabilen Demokratie teile ich, was die technokratische K\u00e4lte und teilweise auch W\u00fcrdelosigkeit des Staates angeht. Ich glaube nicht, dass ein freies Spiel demokratischer Kr\u00e4fte zum gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Nutzen f\u00fcr alle (analog nach Adam Smith) f\u00fchrt. Denn erst die sichtbar gewordene Katastrophe (Kriege, \u00f6kologische Sch\u00e4den, \u00dcberbev\u00f6lkerung) wird uns zur Vernunft zwingen, dann ist es wahrscheinlich schon zu sp\u00e4t. Ich bin hier wenig optimistisch, ich glaube nicht, dass wir in der Evolution unseres Geistes gut aussehen. Wir werden weiterwurschteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Vernunft l\u00e4sst sich nun mal nicht von oben verordnen. Das ist Sisyphos-Arbeit von unten! Anders geht es nicht. Alles was von oben kommt &#8211; und das ist ja nicht immer der Segen -, h\u00e4lt nicht dauerhaft. Dieses VON-OBEN-DENKEN hat zum Niedergang des von Preu\u00dfen gef\u00fchrten Reichs gef\u00fchrt: Sozialistengesetz, Kulturkampf sind nur Beispiele f\u00fcr das Scheitern einer solchen Politik. Wenn man an Bismarcks Versicherungs-Gesetzgebung von oben denkt, so war auch sie nicht nur aus reiner Vernunft geboren, sondern auch gegen die Sozialdemokratie gerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Au\u00dfenpolitik betrifft, so bin ich f\u00fcr eine vorsichtige Weiterentwicklung: Gr\u00f6\u00dferes deutsches Gewicht, aber unbedingt integriert in eine europ\u00e4ische Politik mit den USA als Partner. Vorsicht vor deutschen (Sonder-)Wegen. Deutschland kann jetzt daran mitwirken die bestehenden (Milit\u00e4r-)B\u00fcndnisse zu beleben bzw. umzugestalten. Ich f\u00fchle mich trotz meiner amerikakritischen Haltung weltpolitisch als Deutscher so sicher wie nie zuvor in der deutschen Geschichte &#8211; wegen des B\u00fcndnisses mit den USA. Nat\u00fcrlich hat dieses B\u00fcndnis seine rein machtpolitische Seite; es ist nat\u00fcrlich sehr vorteilhaft an der Seite des f\u00fchrenden Weltpolizisten im Rahmen der Weltausbeutung zu stehen. In der Au\u00dfenpolitik wird Moral kleingeschrieben, beides muss flexibel sein. Mir kommt es darauf an, dass die Moral so wenig Not leidet, wie nur m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Klartext: Was die Weltressourcen angeht, so wird hier die Moral auf der Strecke bleiben. Ich denke, dass Deutschland Energie und Bodensch\u00e4tze niemals allein sichern kann. Wir k\u00f6nnen dies \u2013 leider! \u2013 nur mit den USA und dem Westblock (in dem die EU aufgeht) sichern. Es ist die pure Heuchelei, die USA wegen Irak zu kritisieren und zugleich alle Vorteile des Westens zu genie\u00dfen. Die USA und ihre Verb\u00fcndeten verteidigen \u201aunser\u2019 \u00d6l, \u201aunsere\u2019 M\u00e4rkte. Und unsere Politiker \u2013 auch die Gr\u00fcnen \u2013 ziehen da im Prinzip mit. Ich f\u00e4nde eine andere Welt auch sch\u00f6ner, aber sie ist nicht so, sie ist, wie sie ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wir die F\u00e4ulnis und das Schlechte unserer Zeit \u00fcberwinden, wei\u00df ich nicht. Die politische Relativit\u00e4tstheorie \u2013 etwa eine Synthese von Sozialismus und Kapitalismus, oder eine Synthese von Realpolitik und Friedenspolitik \u2013 ist noch nicht geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[An Thomas von F\u00fcrstenberg]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_9174\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9174\" class=\"size-full wp-image-9174\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9174\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch &#8222;gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs&#8220;. Wir pr\u00e4sentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel\u00a0<em>Splitter, nicht einmal Fragmente<\/em>. Lesen Sie zu seinen\u00a0<i>Arthurgeschichten<\/i>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel. Eine Einf\u00fchrung in seine\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wir leben in einer extrem oberfl\u00e4chlich gewordenen Gesellschaft, in der viele nur darauf bedacht sind, die richtigen Moden f\u00fcr sich zu finden: Im Konsumieren von \u201aMusik\u2019, in der Kleidung, in der Darstellung der eigenen Rolle ohne nennenswerte Pers\u00f6nlichkeit, in&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/26\/politische-gedanken\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-37279","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37279"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37279\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100504,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37279\/revisions\/100504"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}