{"id":37257,"date":"2003-04-06T00:01:30","date_gmt":"2003-04-05T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37257"},"modified":"2022-06-06T13:28:54","modified_gmt":"2022-06-06T11:28:54","slug":"meine-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/06\/meine-musik\/","title":{"rendered":"Meine Musik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lebte nach dem Zweiten Weltkrieg mit meinen Gro\u00dfeltern und meiner Mutter (mein Vater kehrte erst 1954 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcck) in zwei gro\u00dfen, miteinander verbundenen Wohnungen in Halle an der Saale. Ich h\u00f6rte bei meiner Mutter den Larifari-Rundfunk, der sich heute so gigantisch leer aufplustert. Aber bei meinen Gro\u00dfeltern durfte ich an alles ran, an die Dor\u00e9-Bibel, Raffael-, Michelangelo- und Altdorfer-Mappen &#8211; und ans Grammophon mit den 78er Platten, Michael Haydns \u201aKindersinfonie\u2019, Mozarts Kleine Nachtmusik, Chor\u00e4le von Bach, Johann Strau\u00df\u2019 Walzer An der sch\u00f6nen blauen Donau &#8211; da war ich 6 Jahre alt. Das war die erste Begegnung mit MUSIK. Meine Mutter sang aber sehr sch\u00f6n Schlager der Zeit, \u201eRegentropfen, die an mein Fenster klopfen\u201c, mit meiner Frankfurterisch sprechenden Gro\u00dfmutter sang ich Rheinlieder&#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich mit 7 meine Greifswalder Tante mit meinen Gro\u00dfeltern besuchte, durchst\u00f6berte ich die Schallplattenst\u00e4nder, mein Onkel hatte ein elektrisch betriebenes Grammophon, ich h\u00f6rte Schuberts \u201eUnvollendete\u201c \u2013 auf 4 Platten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erster Opernbesuch war im Jahr 1954: \u201eZar und Zimmermann\u201c von Lortzing. Es ist ein Jammer, dass diese wunderbare Oper heute fast nicht mehr gespielt wird. Ein Jahr sp\u00e4ter Mozarts \u201eZauberfl\u00f6te\u201c, die erste Arie der K\u00f6nigin der Nacht sang ich ohne Text nach, das wei\u00df ich noch. In dieser Zeit h\u00f6rte ich auch Humperdincks grandiose Oper \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c, die leider nicht f\u00fcr Erwachsene inszeniert wird, sondern immer nur in der Weihnachtszeit f\u00fcr Kinder.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unvergesslich: Beethovens F\u00fcnfte, die ich im Treppenhaus der Villa Westfalia mit allen Bewohnern des Hauses 1956 h\u00f6rte. Gerd P\u00f6rschmann, ein Untermieter, legte die Platte auf, riss seine T\u00fcr auf und rief das ganze Haus herbei, meine Gro\u00dfeltern, die Gr\u00e4fin (unsere Vermieterin) und ihre erwachsenen T\u00f6chter, meinen Vater, der unter dem Dach wohnte und Medizin studierte. Ich kam auch gelaufen, sah P\u00f6rschmann dirigieren und h\u00f6rte zu. \u201eDie Schicksalssinfonie!\u201c, rief P\u00f6rschmann, \u201ees gibt nichts Gr\u00f6\u00dferes!\u201c Die T\u00f6ne schallten aus dem kleinen Lautsprecher im Plattenspieler durch das ganze Haus. Und als der erste Satz endete, fielen wir uns alle in die Arme.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein schwerh\u00f6riger Gro\u00dfvater sang, wenn er sich allein glaubte, Motive aus Wagners Opern, er brummte sie vor sich hin, variierte sie und extemporierte \u00e4hnliche Melodien und Rhythmen. Auf der Toilette, wo er viel Zeit verbrachte, summte er stets die gleiche Melodie. Ich konnte sie noch viele Jahre nach seinem Tod still im Kopf singen. Es war eine Variante des Walk\u00fcrenritts, den ich kennenlernte, als ich die Oper Jahre sp\u00e4ter im Radio h\u00f6rte. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich nicht sicher, ob die anderen Brummeleien Wagneriaden waren. Doch er sprach immer wieder von Wagner, von Lohengrin und dem Fliegenden Holl\u00e4nder, von Siegfried und Parsifal, und brachte den Charakter der ewigen Melodie und der motivischen Verflechtung zum Ausdruck. &#8211; Manchmal, wenn Papa Carlo, der unter starken Melancholien litt, guter Dinge war, sang er mit mir zusammen \u201eDie musikalische Familie\u201c, er ahmte dann die Instrumente nach, doch geriet das mit seinem tiefen Bass und meiner hellen Jungenstimme so komisch, dass wir uns schief lachten und \u00fcber die erste Strophe nie hinauskamen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war bei uns im Elternhause ein jeder ein Musikgenie,<br \/>wir spielten t\u00e4glich ohne Pause in wunderbarer Harmonie.<br \/>Das Abendbrot war kaum genossen, die Noten wurden schnell gebracht,<br \/>so ging es frisch und unverdrossen gew\u00f6hnlich bis um Mitternacht.<br \/><i><br \/><\/i>Mama, die spielte Fl\u00f6te, Fagott der Herr Papa,<br \/>die Tante blies Trompete, Posaune Gro\u00dfmama,<br \/>und meine Schwester Jette, die spielte Klarinette,<br \/>ich selber strich zum Spa\u00df den gro\u00dfen Kontrabass.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst spielten wir ganz leise piano pianissimo&#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann machte unsere Herzen froh ein schluchzendes Adagio.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis von Begeisterung gepackt wir spielten im Dreivierteltakt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann gings los in jubilo fortissimo fortissimo! &#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Gro\u00dfvater sang Loewe-Balladen \u2013 Archibald Douglas: Ich hab es getragen sieben Jahr, und ich kann es nicht tragen mehr, wo immer die Welt am sch\u00f6nsten war, da war sie \u00f6d und leer!, Erlk\u00f6nig: Wer reitet so sp\u00e4t durch Nacht und Wind&#8230;, Prinz Eugen der edle Ritter, Tom der Reimer, und besonders gern sang er Die Uhr:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich trage, wo ich gehe,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stets eine Uhr bei mir;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieviel es geschlagen habe,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau seh ich an ihr.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich acht Jahre alt wurde, schenkten mir die Gro\u00dfeltern eine Uhr, und mein Gro\u00dfvater schrieb dazu ein Gedicht, das er mit den Versen des Liedes begann. Dann folgten die Verse an mich:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies sehr bekannte Loewe-Lied,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Deine Sehnsucht gilt,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben\u2019s auf dem Grammophon<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So manches Mal gespielt. &#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gew\u00f6hne dich an P\u00fcnktlichkeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kann die Uhr Dir geben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei f\u00fcr die Mutti stets bereit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kommst Du weit im Leben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Harmoniumkl\u00e4ngen mit der Melodie dieses Liedes wurde mein Gro\u00dfvater 1956 im Krematorium des Bonner Zentralfriedhofs verbrannt. Da war ich 11 Jahre alt. Ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter wurde mein Vater aufgebahrt, und der Organist spielte das Lied von der Uhr, diesmal im Krematorium des Waldfriedhofs von Birkenfeld \u00fcber der Enz.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pop-Musik gab es in den 50er Jahren noch gar nicht. Als ich 1955, zehn Jahre alt, in den Westen kam, war Elvis Presley gro\u00df da. Aber seine Songs lagen mir nicht, und schon gar nicht seine dummen Filme. Besser klang, zumal ich kein bisschen Englisch konnte, \u201ePack die Badehose ein\u201c. Mein Vater h\u00f6rte, als ich in meine pubert\u00e4ren Jahre kam, preu\u00dfische Marschmusik und Operetten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe mich, wie ich unter dem Radio, das auf vier Beinen stand, lag und Verdis \u201eTroubadour\u201c wie im Rausch h\u00f6rte. Vielleicht war ich da 14. Im Schulfunk des WDR kam nachmittags eine interessante Analyse: \u201eDer Freisch\u00fctz\u201c. In der Arie \u201eIst kein Gott?\u201c f\u00e4llt der h\u00f6chste Ton der Tenorlage auf \u201eGott\u201c. \u2013 Und so ging es weiter. Beethovens 5. Klavierkonzert, Mozarts \u201eEntf\u00fchrung aus dem Serail\u201c, Liszts 2. Ungarische Rhapsodie, Dvoraks Sinfonie \u201eAus der Neuen Welt\u201c, massenhaft Opernarien auf 45er LPs, die ich bei meiner Tante in Bonn h\u00f6rte, gesungen von Erna Berger, Maria Cebotari, Benjamin Gigli, Richard Tauber&#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Klasse gab es drei oder vier Gleichgesinnte, der Musikunterricht war vollkommen auf Klassik abgestellt. Am Gymnasium in Neuenb\u00fcrg an der Enz sprachen wir im Lateinunterricht \u00fcber Metren und Musik. Ich erinnere mich, wie ich die Struktur aller vier S\u00e4tze des 2. Klavierkonzerts von Brahms an die Tafel zeichnete. Bei einem Treffen meiner Klasse bei unserem Klassenlehrer, der uns in Latein, Geschichte und Deutsch unterrichtete \u2013 wir waren in der Unterprima nur noch ungef\u00e4hr 20 Sch\u00fcler \u2013, dirigierte ich Beethovens Violinkonzert, das vom Plattenspieler erklang, f\u00fcr ein imagin\u00e4res Orchester. Walter Ptok, ein Mitsch\u00fcler, brachte eines Tages die Platte \u201eLyrik und Jazz\u201c mit, Gert Westphal sprach Gedichte von Benn \u00fcber der Musik von Dave Brubeck. Im Unterricht stritten wir dar\u00fcber, ob Bachs Inventionen mit Klavier oder Cembalo, mit oder ohne Pedal zu spielen seien. Wir diskutierten \u00fcber Sinn und Unsinn von Jacques Loussier\u2019s \u201ePlay Bach\u201c und die \u201eSwingle Singers\u201c, die wir gegen unsere Eltern verteidigten. Gerhard Huber spielte ein Pr\u00e9lude von Rachmaninow, mit Bleifu\u00df auf dem Pedal, Walter Ptok rief: Nicht so sentimental, das musst du h\u00e4rter spielen, genauer! Der Musiklehrer Armbruster, der mit dem gro\u00dfen Schulchor und zwei Klavieren in der alten Turnhalle Orffs \u201eCarmina Burana\u201c auff\u00fchrte, lie\u00df uns gew\u00e4hren. Jede Stunde sprachen wir \u00fcber andere Komponisten. Wir verstanden nicht, warum Armbruster H\u00e4ndel als Lieblingskomponisten verehrte, H\u00e4ndel war f\u00fcr uns Weihnachten, wir kannten nicht eine seiner Opern, noch nicht einmal die Concerti grossi. Bach musste es sein, Mozart und Beethoven! Einmal brachte Ptok wieder den tragbaren Schallplattenspieler und das 5. Brandenburgische Konzert mit und legte es nach der 6. Stunde f\u00fcr den kleinen Club der Kulturisten auf, das waren Huber, Rexer, Klemke, Jung und ich. Die Kadenz im ersten Satz wollte nicht enden, aber es war kein Sprung in der Platte. Ptok: \u201eDas ist immer noch Weltrekord! Das hat kein Komponist mehr \u00fcberboten! Vielleicht irgendein Pianist, aber niemals so flie\u00dfend wie Bach.\u201c Wir h\u00f6rten enthusiastisch unsere Musik von selbst gekauften Schallplatten, in der tiefen Provinz gab es kaum Konzerte. In dem kleinen Schwarzwaldst\u00e4dtchen wurde ab und zu Kammermusik im Gemeindehaus gespielt, meist Barock, Telemann, aber da gingen wir nicht hin. In Pforzheim gab es ein Kammerorchester. Ein Konzert mit Hindemith schreckte uns ab, so weit waren wir noch nicht. Oder Violinsonaten von Bela Bartok. Zu fr\u00fch f\u00fcr uns. Wir diskutierten lieber \u00fcber die Frage, ob Nikolaus Harnoncourt oder Karl Richter der bessere Bach-Interpret war.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war s\u00fcchtig nach weiteren Werken der E-Musik. Eines Tages lud mich Werner Polster, ein Mitsch\u00fcler aus dem Club der Kulturisten, zu sich nach Hause ein. Unter den Schallplatten im Wohnzimmer entdeckte ich Dvoraks Cellokonzert h-moll, das ich noch nicht kannte. Die Eltern sagten: \u201eWir legen die Platte auf, h\u00f6r sie dir mal an.\u201c Werner machte sich inzwischen f\u00fcr das Fu\u00dfballspiel fertig. Und ich h\u00f6rte Dvorak im Wohnzimmer seiner Eltern&#8230; Die Musik nahm mich in Besitz. Als Werner im Trikot in der T\u00fcr stand und fragte: \u201eKommst du mit?\u201c, entschied ich mich f\u00fcr Dvorak. Da verlor ich jemanden, der mein Freund werden wollte, und ich merkte es nicht im Rausch der Musik.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pop und Rock lernte ich erst sp\u00e4t kennen \u2013 die Songs der Beatles beeindruckten mich, besonders \u201eSgt. Pepper\u2019s Lonely Hearts Club Band\u201c. Kurz darauf die Rolling Stones mit der LP \u201eTheir Satanic Majestie\u2019s Request\u201c. Das war nach dem zweij\u00e4hrigen Bundeswehrdienst. Ich war 21. Aber diese Musik ging nicht tief in meine Seele rein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Milit\u00e4rzeit schwenkte ich vom konservativen b\u00fcrgerlichen Weltbild meines Elternhauses um zur sozialdemokratischen Linie Willy Brandts und h\u00f6rte mit Kameraden auf der Stube Franz-Josef Degenhardts Lieder, \u201eIch m\u00f6chte Weintrinker sein\u201c und \u201eSpiel nicht mit den Schmuddelkindern\u201c, allerdings noch stark hedonistisch motiviert. Franz\u00f6sische Chansons hallten abends in den Fluren der Kaserne, am liebsten h\u00f6rten wir Georges Brassens, Chanson pour l\u2019Auvergnat, Les Sabots de pauvre H\u00e9l\u00e8ne, Les Philistins&#8230; Wenn ich allein das Wochenende in der Leipheimer Kaserne verbrachte, las ich Thomas Manns Erz\u00e4hlungen und das Neue Testament und h\u00f6rte die LPs, die ich mir in Ulm kaufte, eine Platte der Deutschen Grammophon kostete 25 Mark. In der Stille des Sonntags fand ich zu Bruckner (Romantische Sinfonie) und Strawinsky (Le Sacre du Printemps).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Februar 1967 war ich in Berlin und nahm an einer Fernsehsendung (\u201eJugend diskutiert\u201c) mit Matthias Walden als Moderator teil. Ich forderte in der Diskussion die Anerkennung der DDR. Danach traf ich mich in Ost-Berlin mit meiner Mutter, die in Halle lebte, im Caf\u00e9 Moskwa, wo wir auf Karl-Friedrich Kaul trafen, der uns in seinem Mustang zu einem Fotografen brachte. Im Auto sagte meine Mutter: \u201eDas ist mein Sohn aus dem Westen.\u201c Kaul: \u201eNa, junger Mann, wie gef\u00e4llt es Ihnen in der Deutschen Demokratischen Republik?\u201c Ich: \u201eDie DDR ist ein Unrechtsstaat, eine Diktatur mit Pseudosozialismus.\u201c Meiner Mutter stockte der Atem. Kaul war politischer Rechtsanwalt und wirkte zuweilen bei Sudel-Edes Schwarzem Kanal mit. \u201eAha\u201c, sagte Kaul, \u201eda sind Sie bei dem Nazischwein Kiesinger in der Tat besser aufgehoben.\u201c Als Kaul uns vor dem Fotoladen abgesetzt hatte, war das Treffen mit meiner Mutter beendet. Sie warf mir vor, sie in eine unkalkulierbare Situation gebracht zu haben, ich blieb bei meiner Meinung. Unsere Wege trennten sich. Ich ging ins \u201eHaus der deutsch-tschechoslowakischen Freundschaft\u201c und kaufte mir etliche Supraphon-Schallplatten mit russischen Komponisten der Gegenwart: Prokofiews 3. Klavierkonzert, Katschaturians Violinkonzert, ein Klavierkonzert von Kabalewski. Und Werke von Honegger, Janacek, Kammermusik von Hindemith, Roussel, Milhaud, Poulenc&#8230; Ich musste als Angestellter im Bonner Verteidigungsministerium meinen Abstecher nach Ost-Berlin bei meinem Dienstherrn melden. Zwei Mal besuchten mich Mitarbeiter des Milit\u00e4rischen Abschirm-Dienstes (MAD) oder des Bundesnachrichtendienstes (BND) oder des Verfassungsschutzes und verlangten Auskunft \u00fcber jeden Schritt von mir, auch eine vollst\u00e4ndige Liste der von mir gekauften Schallplatten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich nach der Milit\u00e4rzeit vor dem Abendabitur stand, legte ich zum Lernen Richard Strauss\u2019 Tondichtung Also sprach Zarathustra, Wagners Ouvert\u00fcren und den Fliegenden Holl\u00e4nder bis in die sp\u00e4te Nacht auf. Das war der Baronin, meiner Vermieterin, obwohl sie schwerh\u00f6rig war, zu laut, ich musste den Apparat leiser drehen. Die Musik, die ich h\u00f6rte, drang so tief in mein Unterbewusstsein ein, dass ich eines Nachts eine neue Wagner-Musik tr\u00e4umte, das Orchester dr\u00f6hnte und kreiste in meinem Kopf, ich wachte auf und drehte die Musik ab, die ich komponieren musste, ohne sie je richtig geh\u00f6rt zu haben. Es muss damit zusammenh\u00e4ngen, dass ich in diesen Tagen Kleists Erz\u00e4hlung \u201eC\u00e4cilie oder die Gewalt der Musik\u201c las, mit der sich mein Traum geheimnisvoll ber\u00fchrte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Zeit h\u00f6rte ich Stockhausens \u201eGesang der J\u00fcnglinge im Feuerofen\u201c, ein geniales, aber m\u00fchsames Tonbandgeschnipsel, als Vorstufe der elektronischen Musik, die ihren Weltmittelpunkt in K\u00f6ln beim WDR hatte. Spiral, das Klavierst\u00fcck XI und Zyklus f\u00fcr einen Schlagzeuger waren kammermusikalische Werke Stockhausens, die ich, wie Sch\u00f6nbergs Violinkonzert, auflegte, wenn mir die romantische Musik zuviel wurde. Mauricio Kagels unernste Musik war mir dagegen zu beliebig.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfang der 80er Jahre entdeckte ich die \u201eEinst\u00fcrzenden Neubauten\u201c mit FM Einheit, die Heiner M\u00fcllers \u201eHamletmaschine\u201c zu einer Art Musikh\u00f6rspiel machten, mit dem Autor als Sprecher, dessen rauchige Stimme das eigene Selbstbewusstsein vertonte. FM Einheit schrieb Ende des Jahrtausends die Oper \u201eAlzheimer 2000. Toter Trakt\u201c, die mit dem bombastischen Stahlr\u00f6hrenschlagzeug die terroristische Atmosph\u00e4re auf die Bonner Opernb\u00fchne hochmischte. Oder Jethro Tull, Leonard Cohen, Bobby McFerrin. Die \u201aKlassik\u2019, zunehmend Kammermusik und moderne, zeitgen\u00f6ssische Musik blieb ganz oben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Strawinsky lebte noch&#8230;! Und Picasso&#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6rte Elly Ney in Bonn die drei letzten Sonaten Beethovens spielen, in der subjektivistischen Musikauffassung des Fin de Si\u00e8cle. Als sie \u201eGuten Abend, gute Nacht\u201c von Brahms als Zugabe spielte, lag die Beethovenhalle der Ehrenb\u00fcrgerin zu F\u00fc\u00dfen, viele weinten. Es war wie im Woki, wenn \u201eVom Winde verweht\u201c lief. Scarlett bittet Rhett Buttler um Verzeihung, da verwandelte sich das Kino in einen Tr\u00e4nenpalast. Auch bei \u201eAlexis Zorbas\u201c. Der Sirtaki in der Schluss-Szene schl\u00e4gt ein ins Tr\u00e4nenmodul wie eine Sturmflut.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hindemith, Orff, Prokofiews beide Violinkonzerte, Schostakowitschs 5. Sinfonie, Bartoks 3. Klavierkonzert und sechs Streichquartette, Bergs Violinkonzert und \u201eWozzeck\u201c, Sch\u00f6nbergs Gurre-Lieder, Violinkonzert, Variationen f\u00fcr Orchester, Hanns Eislers Deutsche Sinfonie, Boris Blachers 2. Klavierkonzert, Fortners Movements, H\u00f6ller, Ligeti, Lutoslawski, Stockhausen, Britten, Elgars Violinkonzert, Pendereckis Lukas-Passion &#8230; das waren meine Helden der Gegenwart. Erst viel sp\u00e4ter kamen Karl Amadeus Hartmann, Conlon Nancarrow, Sofia Gubaidulina, Alfred Schnittke, Kancheli, E\u00f6tv\u00f6s, Kurtag, Rihm, Moiret und andere hinzu.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00fctz, Purcell, Bach, H\u00e4ndel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Chopin, Schubert, Schumann, Brahms, Dvorak, Tschaikowsky, Debussy, Ravel, Bruckner, Mahler, Richard Strauss &#8230; das waren die alten Helden. Verdi kam mit der Oper dazu. Wagner auch, aber \u00fcber \u201eLohengrin\u201c, den ich in Texten und Bildern schon in der Kindheit durch meinen Gro\u00dfvater kennengelernt hatte, kam ich lange Zeit nicht hinaus. \u201eNie sollst du mich befragen\u201c war eine stehende Redewendung meines Gro\u00dfvaters, meist im ehelichen Disput mit Mama Louise. Zum \u201eRing\u201c kam ich erst in den 90er Jahren, zu \u201eTristan\u201c fr\u00fcher. \u201eParsifal\u201c ist die sch\u00f6nste Entdeckung. Ich las um die Jahrtau-sendwende den \u201eZauberberg\u201c mit meinen Sch\u00fclern, da passte beim Durcharbeiten an meinem Schreibtisch die Musik zum Kapitel \u201eF\u00fclle des Wohllauts\u201c. Ich dachte zur\u00fcck an eine Zeit meines Studiums, in der ich mich dem Stumpfsinn des Nichtstuns hingab und richtungslos lauter unn\u00fctze Dinge tat: Ich z\u00e4hlte meine B\u00fccher, damals waren es nicht mehr als 300, schrieb Statistiken \u00fcber Reichstagswahlen, verglich die Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger und las einen Science-Fiction-Roman nach dem anderen, statt in der Universit\u00e4tsbibliothek die Literatur \u00fcber deutsche Milit\u00e4rdoktrin vor und nach dem Ersten Weltkrieg auszuwerten. Damals war ich wie Castorp im vorangehenden Kapitel: \u201eDer gro\u00dfe Stumpsinn\u201c. Das freie Spiel aller geistigen Kr\u00e4fte findet auf vielen Feldern statt, leider auch auf dem Schlachtfeld, wo Castorp f\u00e4llt. Thomas Mann begleitet den Tod des kritisch geliebten Scheiterers mit Schuberts Lied vom Lindenbaum &#8230; Und nun gewinne ich, so manches Mal ein zweiter Castorp, seit zwei Jahren \u201eDie Meistersinger\u201c, die zu h\u00f6ren ich ein Leben lang z\u00f6gerte, in der Furcht vor deutscht\u00fcmelnder Folklore. Aber die Musik flie\u00dft und tanzt so leicht dahin wie in keiner anderen Wagner-Oper.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lese demn\u00e4chst Thomas Manns \u201eDoktor Faustus\u201c noch einmal, darin sind so viele Musik-Bez\u00fcge wie in keinem anderen Roman. Thomas Manns These, dass die Musik der Deutschen Wurzel und Kommentar ihres (!) Untergangs sei, teile ich nicht. Die Assoziation liegt verf\u00fchrerisch nah, und ein wenig ist ja auch dran &#8211; Heine sagt im \u201eWinterm\u00e4rchen\u201c: Man schl\u00e4ft so gut in deutschen Betten&#8230; Der verschlafene, naive Michel, die Egozentrik deutscher Au\u00dfenpolitik seit Bismarck, den ich in Grund und Boden verurteile, auch innenpolitisch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wohl eine gro\u00dfe Sorge aller jungen Generationen, als spie\u00dfig zu gelten. Die gr\u00f6\u00dften und zugleich \u00e4rmsten Verrenkungen beobachtete ich bei Sch\u00fclern in der oft weit ausgelebten \u00c4ra der Reifung zum Erwachsenen, aber auch wieder im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, wo viele Angst haben (m\u00fcssen), letztlich doch wie ihre Eltern zu werden&#8230; Es gibt eine wohltuende Normalit\u00e4t und Regularit\u00e4t, die unsere Kr\u00e4fte nicht vert\u00e4ndeln l\u00e4sst in unn\u00fctzen und oft vergeblichen Abwehrk\u00e4mpfen gegen das So-sein-wie-andere. Wirkliche Individualit\u00e4t gibt es nur durch das Tun. Die Anbindung der Person an bestimmte Vorgaben (Musik h\u00f6ren&#8230;) reicht da kaum aus. Es sind hilflose Versuche, sich \u00fcber Musik zu definieren. Das habe ich auch nicht mit diesem Text versucht, also meiner Erinnerung an ein mir zwar wichtiges, aber wenig beweiskr\u00e4ftiges Konsum-verhalten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach&#8230; Mir tut die Beobachtung weh, dass sich so viele junge Leute durch zwei Jahrzehnte Industriemusik durchfressen, ehe sie Bob Dylan und Bach und Co. finden. Die meisten aber gaffen hinauf zu Lady Gagas Venusberg oder saufen sich in Pop-sentimentalismen m\u00fcde. R. I. P.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0 \u00a0 ***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-12206 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner1.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner1.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt. Eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/unbewust-hochste-lust\/\">Lesart<\/a> pr\u00e4sentiert Ulrich Bergmann auf KUNO.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich lebte nach dem Zweiten Weltkrieg mit meinen Gro\u00dfeltern und meiner Mutter (mein Vater kehrte erst 1954 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcck) in zwei gro\u00dfen, miteinander verbundenen Wohnungen in Halle an der Saale. Ich h\u00f6rte bei meiner Mutter den Larifari-Rundfunk,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/06\/meine-musik\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-37257","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37257"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37257\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103523,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37257\/revisions\/103523"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}