{"id":37249,"date":"2023-09-14T00:01:06","date_gmt":"2023-09-13T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37249"},"modified":"2022-02-25T19:47:57","modified_gmt":"2022-02-25T18:47:57","slug":"ueber-analyse-und-interpretation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/14\/ueber-analyse-und-interpretation\/","title":{"rendered":"\u00dcber Analyse und Interpretation"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Analysieren ist Beschreiben ist zugleich immer auch Deuten. Ohne Deutung keine Analyse, ohne Analyse keine angemessene Deutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interpretieren (Deuten) bedient sich der Analyse als einer Magd; dabei ist die Methode der Analyse nie starr, sondern stets auf (oft mehrere) denkbare Verstehens- und Deutungsans\u00e4tze ausgerichtet. Auch die Analyse, die vorgibt, zun\u00e4chst nicht auf Deutung ausgerichtet zu sein, unterliegt der dialektischen Zusammengeh\u00f6rigkeit von Interpretation und Analyse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interpretation ist stets ein individueller Verstehensakt, der Konsens anstrebt, hierbei leistet die Analyse wichtige Hilfsdienste als Methode f\u00fcr das Nachweisen, Belegen, Begr\u00fcnden, Verdeutlichen, Erl\u00e4utern und Herstellen von textinternen und textexternen Bez\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Analyse erm\u00f6glicht eine teilweise \u00dcberpr\u00fcfung der Deutungsm\u00f6glichkeiten am Text, vor allem in Bezug auf die Stimmigkeit der Deutung f\u00fcr den ganzen Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutung ist angewiesen auf Erfahrungen des Lesers in der Welt und mit Texten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk steht in einer arch\u00e4ologischen Beziehung zum Sch\u00f6pfer, etwa: Wann, warum, wo, wie, wozu hat der Autor einen Text geschrieben \u2013 diese Fragen sind nat\u00fcrlich f\u00fcr den Leser oft interessant, aber keine unbedingte Voraussetzung, denn der Leser kann den Text auch aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit heraus deuten und zu Deutungen gelangen, die f\u00fcr ihn allein, manchmal auch f\u00fcr viele g\u00fcltig sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Werk hat also vom Autor unabh\u00e4ngige Bedeutungen und Wirkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt nichts Festes. Alles ist im Fluss. Die einzig ad\u00e4quate Analyse ist eine Fiktion. Das Gleiche gilt f\u00fcr die Interpretation. Der Wunsch nach einer idealen Interpretation, die f\u00fcr immer G\u00fcltigkeit bes\u00e4\u00dfe, w\u00e4re der Tod der Literatur und des Denkens. Damit wird der Deutungsbeliebigkeit keineswegs das Wort geredet. Die (analytische) Absicherung einer Deutung am Text und die \u00dcberpr\u00fcfung der Gef\u00fchle, Assoziationen und Intuitionen des Lesers im Diskurs mit anderen Lesern ist eine notwendige Methode. Hierbei kann die Literaturwissenschaft Wichtiges beitragen; sie ist jedoch nicht der h\u00f6chste Richter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichtung intendiert oder erm\u00f6glicht unabsichtlich Polyvalenz \u2013 w\u00e4re sie auf Analyse hin geschrieben, w\u00e4re sie als etwas Sekund\u00e4res, Minderes zu verwerfen. Analyse will Gewissheit, die letztlich nicht zu haben ist und gar nicht prim\u00e4r erstrebenswert ist. Analyse strebt danach, prim\u00e4r zu sein, sie enth\u00e4lt eine zerst\u00f6rerische Tendenz, wenn sie alles zu rationalisieren versucht. Literarische Werke sind ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach keine R\u00e4tsel im Sinne naturwissenschaftlicher Ph\u00e4nomene, deren Gesetze vollst\u00e4ndig zu entdecken w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Analysieren liegt das a priori zum Scheitern verurteilte Bestreben, die Welt rationalistisch zu begreifen und dem Willen zu unterwerfen. Der Interpret l\u00e4sst der Dichtung ihre Autonomie, ihr Prim\u00e4rsein, ihre Wandlungsf\u00e4higkeit und ihre Geheimnisse, die er nur ahnend l\u00fcftet, ihren Zauber, den er f\u00fchlend und vergleichend zu begreifen sucht. Der interpretierende Leser wird im Prozess seines Verstehens gleichsam selbst zum Dichter, wenigstens zum Nachdichter, er wei\u00df, dass es keine eindeutige \u00dcbersetzung des Gelesenen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich wollen aber Analytiker wie Interpreten am Ende das gleiche Ziel erreichen \u2013 eine Art von \u00dcbersetzung eines literarischen Textes in einen anderen Text im weitesten Sinne des Textbegriffs, welche m\u00f6glichst viele andere akzeptieren. Dabei ist der Analytiker vorsichtiger, auf Sicherheit bedacht; der Interpret k\u00fchner, unsicherer. Sie geh\u00f6ren beide zusammen. Der Leser, der die Schizophrenie von Analyse und Deutung in sich selbst annimmt, \u00fcberwindet alle drei Aspekte: Er \u00fcberwindet die Analyse, er \u00fcberwindet die Deutung und er \u00fcberwindet das Bewusstsein, zwischen zwei St\u00fchlen zu sitzen. Er findet zur dialektischen Einheit, wenn er das Rationale und die Intuition, Form und Inhalt, Absicht und Zufall, Idee und Sprache als verschiedene Seiten eines Werks in ihrer gegenseitigen Bedingtheit versteht. Wenn dem Leser diese Synthese gelingt, wird er selber zum Dichter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch &#8222;gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs&#8220;. Wir pr\u00e4sentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel\u00a0<em>Splitter, nicht einmal Fragmente<\/em>. Lesen Sie zu seinen\u00a0<i>Arthurgeschichten<\/i>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel. Eine Einf\u00fchrung in seine\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Analysieren ist Beschreiben ist zugleich immer auch Deuten. Ohne Deutung keine Analyse, ohne Analyse keine angemessene Deutung. Interpretieren (Deuten) bedient sich der Analyse als einer Magd; dabei ist die Methode der Analyse nie starr, sondern stets auf (oft mehrere)&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/14\/ueber-analyse-und-interpretation\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-37249","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37249"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100724,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37249\/revisions\/100724"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}