{"id":37242,"date":"2010-04-05T00:00:13","date_gmt":"2010-04-04T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=37242"},"modified":"2021-08-14T09:29:02","modified_gmt":"2021-08-14T07:29:02","slug":"eskapismus-verwandlung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/04\/05\/eskapismus-verwandlung-der-welt\/","title":{"rendered":"Eskapismus \u2013 Verwandlung der Welt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eskapismus in die Hermetik der Kunst ist eine Flucht nach vorn &#8211; auf der Suche nach der verlorenen Sprache will der K\u00fcnstler die Welt begreifen\u2026 Ein Lyriker kann nur so schreiben, wie er verfasst ist. Wenn seine Situation sich immer mehr in Richtung Hermetik entwickelt, wenn er also zum Beispiel materiell und geistig isoliert ist, bringt er eben dies zum Ausdruck. So ist der geschriebene Ausdruck des hermetischen Zustandes ein Ausweg. Kunst hat oftmals diese Genese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst dient der Befreiung der schrei(b)enden Seele, und das ermutigt die lesende Seele. Und: Erst die Kr\u00e4fte, die den Schreibenden zur Hermetik bewegen, WEIL ER ES ANDERS NICHT SAGEN KANN, bringen jene Authentizit\u00e4t hervor, die gro\u00dfe Literatur ausmacht, um die es einzig geht. Hermetik ist letztlich der Versuch, das Unsagbare doch noch zu formulieren. Der Eskapismus des K\u00fcnstlers ist eine Flucht nach vorn auf der Suche nach der verlorenen Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Axiom 1: Ich denke, dass das Sich-Verschlie\u00dfende das Neue, zun\u00e4chst Fremde ist, das Leser oft unmittelbar nach Erscheinen eines Werks nicht so gut verstehen wie Leser sp\u00e4ter. Wirklich gute und dauerhaft wirkende Literatur kommt in einer neuen Sprache oder Schreib-Weise daher. Manchmal ist ein Werk noch heute vermutlich nicht gen\u00fcgend verstanden, etwa Faust II oder Ulysses oder Der Mann ohne Eigenschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermetik will sich nicht verschlie\u00dfen, im Gegenteil, der hermetisch Schreibende schreibt gar nicht verschlossen, sondern er rei\u00dft geradezu verschlossene Horizonte auf!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Axiom 2: Ich denke, es ist genau umgekehrt: Der gr\u00f6\u00dfte Widerstand wurde beim Schreiben gesucht: N\u00e4mlich die unverstandene und verschlossene Welt aufzuschlie\u00dfen. Das geht nur mit einem neuen Schl\u00fcssel, mit einer neuen Sprache: Wittgenstein, Heidegger, Grass, Ionesco, Beckett, Jandl, Jelinek\u2026!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Suche tief in sich selbst hinein ist keine Flucht, kein Ausweichen, sondern der Versuch, moralische Schranken und Erkenntnismauern einzurei\u00dfen, um neue Sichtm\u00f6glichkeit zu gewinnen. Wer in sich geht, will sein Au\u00dfen verstehen &#8211; und umgekehrt. So in Musils Roman \u201eDie Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rle\u00df\u201c, rein sprachlich zwar konventionell, aber in den Bildern und in der Handlung nichts Geringeres als eine poetische Vorwegnahme von wesentlichen Erkenntnissen Sigmund Freuds und erste Ahnungen vom heraufziehenden Faschismus, der im Sp\u00e4timperialismus seine Wurzeln hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der so Suchende muss eine neue Sprache finden und sprechen, wenn er zu neuen Erkenntnissen gelangen will. Ob diese zur \u201aBotschaft\u2019 f\u00fcr den Leser werden, ist eine andere Sache; intendiert ist so etwas meist nicht, die Intention ergibt sich oft beim Leser a posteriori. Ich verstehe in diesem Zusammenhang Sprache im weitesten Sinne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern ist die Frage, ob Hermetik lebensnotwendig sei, eigentlich irrelevant. Hermetik ergibt sich aus dem Drang zur Originalit\u00e4t, wenn die Ergebnisse dieses Drangs Ratlosigkeit beim Leser erzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Axiom 3: Nicht nur der K\u00fcnstler ist zum Eskapismus \u201agen\u00f6tigt\u2019, sondern auch der Leser. Beim Lesen eines literarischen Werks treffen sich Autor und Leser, wenn sie aus ihren verschiedenen Perspektiven heraus die Welt (zu begreifen ver)suchen. Der Leser steigt wie der Schreibende auf in eine neue Dimension des Denkens und Verstehens. (So war es einst auch mit dem biblischen Erz\u00e4hlen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott als K\u00fcnstler (und der K\u00fcnstler als Gott im Kleinen) &#8211; das ist eine Idee, die mich schon lange besch\u00e4ftigt. An Gott als K\u00fcnstler muss ich glauben (ich w\u00fcnschte mir, ich k\u00f6nnte es; jedenfalls h\u00e4tte ich gern so eine Sch\u00f6pfung, ohne Krebs und Genozid, aber ohne paradiesische Langweile. So eine Sch\u00f6pfung haben wir aber nicht &#8211; es liegt an uns, den Rohentwurf zu gestalten. Ebenbild Gottes zu sein ist der Auftrag (oder die selbstgestellte Aufgabe) f\u00fcr uns, zu K\u00fcnstlern zu werden, die die Welt als Kunstwerk begreifen und zu einem lebbaren w\u00fcrdevollen Menschsein umgestalten. Insofern schlie\u00dfe ich mich dem utopischen Wollen von Joseph Beuys und seiner Idee der sozialen Plastik an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich: Wenn Gott so ein eskapistischer K\u00fcnstler war: Welche Not hatte er, die Welt zu erschaffen? War es Not(!)wendigkeit, also ein logischer Zwang?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drogen helfen nicht beim Schreibakt. In dem Moment, wo der K\u00fcnstler arbeitet, ist der k\u00fcnstlerische Akt seine \u201aDroge&#8216;, sein Lebensgrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behauptung, dass K\u00fcnstler nicht die Normalit\u00e4t eines durchschnittlichen B\u00fcrgers haben, trifft sicher bei vielen K\u00fcnstlern zu. So eine durchschnittliche Normalit\u00e4t und geistige Gesundheit ist nicht erstrebenswert. Ich will kein Tier mit Bewusstsein sein, das nur frisst, eine H\u00fctte baut, sich vermehrt und dann stirbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschsein bedeutet, diese Grundbedingungen des Lebens zu transzendieren, zu \u00fcberwinden, ein Werk zu schaffen. Dieses Werk muss kein k\u00fcnstlerisches im engeren Sinne sein. Ein solches Werk ist auch eine reiche Lebensgestaltung, die gute Erziehung der Kinder und eine beseelte Berufsaus\u00fcbung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztlich ist jeder Autor eine Art Religionsstifter im Kleinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun zur\u00fcck zur Ausgangsthese. Es ist klar, dass ein K\u00fcnstler, der in und\/oder an der Welt leidet oder in ihr tiefe Erfahrungen macht(e), die ihn verletz(t)en, mehr zu sagen hat und mehr bewegen kann im Rezipienten als zum Beispiel das Gefasel auf RTL-Niveau. Eskapismus bezieht sich auf das Gef\u00fchl und die Erkenntnis, dass viele Dichter die Welt (wie sie ist) nicht aushalten. Sie haben ein utopisches Wollen. Sie beschreiben die Welt aus dieser Perspektive heraus. Etwa Kafka.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde wollt ihr Literatur nur als Unterhaltung im Chat-Ma\u00dfstab. Das Schwere, die Arbeit des Lesens und Erkenntnisstrebens ist euch zuwider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr bel\u00e4chelt das Hermetische eines Georg Trakl, die Hintersinnigkeit eines Thomas Mann, wollt lieber das handwerklich Gekonnte, die Tiefe und die Schwermut der Philosophie allenfalls als Bildungszitat oder umgebogen in den Scherz, in die Ironie, in EUREN seichten Eskapismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verzweiflung, die Kleist oder B\u00fcchner oder Beckett oder Joyce ergriffen hat, die interessiert euch doch nicht, weil euch eure Welt, die ihr euch ganz handwerklich imaginiert, gef\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele kennen die Welt nicht, wie sie auch die Literatur nicht kennen &#8211; aber sie spielen sich auf als die Gesunden, die Normalen mit dem trivialen Menschenverstand, Handwerker des Banalen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zu widerlegen ist die Tatsache, dass heute so gut wie jeder Weltflucht begeht. Wir m\u00fcssten nur \u00fcberlegen, ob die Flucht ins \u201aFeiern\u2019 dieselbe ist wie bei einem K\u00fcnstler. Teils ja. Allen gemeinsam ist ein Leiden an der Welt. Erschiene dem Spiels\u00fcchtigen World of Warcraft nicht sch\u00f6ner als das Reale, w\u00fcrde er sich ja lieber in der Wirklichkeit aufhalten. Aber so ein Spieler ist kein K\u00fcnstler, er verkommt im vorgedachten Rahmen eines handwerklichen Regelwerks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche (nicht DER) Dichter, Schriftsteller, Autoren fl\u00fcchten aus der Welt und\/oder in sich selbst; das geschieht mit und ohne Absicht. Grund: Die Widerspr\u00fcche der Welt sind nur schwer auszuhalten und werden in der Flucht sublimiert, umgewandelt in eine schriftstellerische Produktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen, die an den Widerspr\u00fcchen des Lebens leiden, egal ob diese Widerspr\u00fcche sie selbst oder andere betrifft, setzen sich politisch ein zur Verminderung des Leids, oder schreiben, oder komponieren, oder sie malen oder philosophieren. Ich denke, dass solche Sublimationen (egal ob mit oder ohne Intention) bis in die Unterhaltungskunst und -industrie hinein reichen und dort genutzt werden. Wenn es gro\u00dfe und langfristige Welterkl\u00e4rungen sind, dann ben\u00f6tigen sie eine neue Sprache, neue Darstellungsweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vermute, dass jeder Dichter (von Robert Gernhardt bis Goethe) durch Leid und Erfahrungen gehen muss und durch die im Schreiben gelebte Einsamkeit (die ich als eine Flucht ins Begreifen verstehe, wo die Suche zur Sucht werden kann) und schmerzvoll gewonnene Erkenntnisse zu ganz neuen Ansichten und Einsichten des Lebens gelangt &#8211; und in diesem Neuen liegt zun\u00e4chst das Hermetische, das sich jedoch mit der Zeit entschl\u00fcsseln l\u00e4sst, oft zu einem wiederum neuen Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich behaupte &#8211; in einfachen Worten -, dass ein Dichter von einigem Rang nicht nur ein Handwerker, ein in Worten ge\u00fcbter Mensch ist, der nach vorhandenen Schemata in einer konventionellen Sprache gute B\u00fccher schreibt, sondern aufgrund genauer Beobachtungen und naher Erfahrungen sich derart in seine Inhalte vertieft und so speziell darin wird, dass er sich dar\u00fcber am Ende kaum noch mit einem anderen unterhalten kann und immer einsamer wird, zumal er zur Darstellung seiner Erfahrungen UND Visionen (egal wie intendiert diese sind) neue Strukturen und neue Sprachen entwickelt, die ihn verst\u00e4rkt in eine hermetische Position bringen. So erf\u00e4hrt der Dichter eine doppelte (oder ineinandergeschachtelte) Hermetik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist nun das Eskapistische daran?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist auch ein Doppeltes: Der Dichter muss die Welt verlassen, um eine neue Perspektive zu ihr entwickeln zu k\u00f6nnen. Er bleibt nat\u00fcrlich, weil er leben will, in dieser Welt, er tritt aber geistig aus ihr heraus, um diese neue Perspektive zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Aspekt besteht darin, dass er die erfahrene und in Dichtung umgesetzte Welt flieht, weil er sie jetzt noch weniger ertragen kann als vorher. Er sublimiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen zweiten Aspekt kennt jeder, der nach dem Stress des Tages ins Kino geht oder ins Bistro oder ein (leichtes oder schweres) Buch liest. Nach den M\u00fchen der Ebenen will jeder in die Leichtigkeit des Seins einsteigen, in eine Fiktion oder in eine kurzfristige Harmonie der Dinge in der Umgebung. Eskapismus wird man so eine verst\u00e4ndliche und n\u00fctzliche Haltung nicht nennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer aber aus der Realit\u00e4t flieht, um ihr \u00fcberwiegend oder ganz zu entgehen &#8211; etwa in komplexen Computerspielen -, der verh\u00e4lt sich eskapistisch. Allerdings nicht wie ein Dichter. Dessen Eskapismus ist gerechtfertigt durch eine Auseinandersetzung mit der Welt und seiner Beziehung zur Welt, also auch mit sich selbst, diese Arbeit wird produktiv in einem schriftstellerischen Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der so beschriebene Dichter gelangt durch eine besonders tief erfahrene (oft auch erlittene) Weltber\u00fchrung bei gleichzeitiger Distanz (Isolierung) zu einer neuen Sicht der Welt in einer neuen Sprache in neuen Schreibstrukturen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Bergmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13357 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Bergmann-241x300.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Bergmann-241x300.jpg 241w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Bergmann.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><\/a><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/22\/uber-twitteratur\/\">Fazit<\/a> von Ulrich Bergmann zur <em>Twitteratur<\/em> viel eher skeptisch aus. Er stellte KUNO seine Hypochondrische Aphorismen zur Verf\u00fcgung.\u00a0Zur weiteren Information ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eskapismus in die Hermetik der Kunst ist eine Flucht nach vorn &#8211; auf der Suche nach der verlorenen Sprache will der K\u00fcnstler die Welt begreifen\u2026 Ein Lyriker kann nur so schreiben, wie er verfasst ist. 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