{"id":36953,"date":"2016-05-31T00:01:53","date_gmt":"2016-05-30T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36953"},"modified":"2022-04-02T13:11:32","modified_gmt":"2022-04-02T11:11:32","slug":"band-8-der-kaukasischen-bibliothek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/05\/31\/band-8-der-kaukasischen-bibliothek\/","title":{"rendered":"Band 8 der Kaukasischen Bibliothek"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einen ersten Blick auf den Band 8 der Kaukasischen Bibliothek des Herausgebers Uli Rothfuss wirft, den \u00fcberrascht das schr\u00e4g\u00a0 platzierte Foto auf der Umschlagseite: Schota Tschantladse und seine Freunde Guran Dotschanaschwili und Ansor Asatiani. Es sind Namen, die selbst f\u00fcr georgisch eingeweihte Liebhaber von Lyrik bislang unbekannt waren. Das Vorwort von Bela Tsiburia \u201eSchota Tschantladse \u2013 ein un-sowjetischer Dichter im sowjetischen Georgien\u201c kl\u00e4rt \u00fcber diesen Tatbestand auf. Schote Tschantladse, 1928 im westgeorgischen Zemo Aketi, 1968 in Tbilissi gestorben, geh\u00f6rt zu jener tragischen Dichtergeneration, die, in die stalinistische \u00c4ra hineingeboren, ihre ersten Versuche der Beschreibung einer demagogisch verf\u00e4lschten Realit\u00e4t unter der Einwirkung einer rigiden Kulturpolitik unternahmen. Auch der Ende der 1940er Jahre deb\u00fctierende Schota habe, wie die \u00e4lteren Vertreter der in den 1920er Jahren sowjetisierten Georgien, hymnische Gedichte auf den Diktator Stalin geschrieben und ver\u00f6ffentlicht. Doch bereits die ersten drei in diesem Band abgedruckten, zwischen 1949 und 1952 geschriebenen, aus dem Privatarchiv von Tschantladse geretteten Gedichte signalisieren Anzeichen einer un-sowjetischen Poetik. Tsiburias Feststellung, dass Schota der erste Dichter gewesen sei, der \u201ezu seiner Zeit Gedichte in der Ich-Form\u201c geschrieben habe, findet bereits in \u201eNeue S\u00e4ufer\u201c (1949) seine Best\u00e4tigung. Die \u201eNeuen S\u00e4ufer\u201c lieben in den Kellern Tbilissis bei Weinges\u00e4ngen \u201eden asiatischen Schrei des Herzens\u201c und ein Ich sehnt sich \u201enach dem altbekannten Taari\u201c (Morgenlied zur Begr\u00fc\u00dfung des Sonnenaufgangs). Noch deutlicher wird dieses Bekenntnis zu einer inneren Freiheit der Pers\u00f6nlichkeit, zu einer Poetik der Morgend\u00e4mmerung, die die d\u00fcsteren Schatten einer kleinb\u00fcrgerlich-sowjetischen Abendd\u00e4mmerung abwerfen will, in dem \u201eManifest\u201c aus dem Jahr 1952. Auch die \u201eAgonie des K\u00f6rpers- die Todesursache (eine medizinische Symphonie)\u201c aus dem Jahr 1953 \u2013 im Todesjahr Stalins &#8211; , der vor allem in seinem Geburtsland Georgien mindestens bis zur ersten offiziellen Enth\u00fcllung seiner gigantischen Verbrechen 1956 eine hymnische Verehrung seiner Landsleute erfuhr, ist ein Zeugnis der individuellen Erfahrung der Sterblichkeit des menschlichen K\u00f6rpers\u00a0 im Gegensatz zum hohl-pathetischen kollektiven K\u00f6rper der sowjetischen Propaganda. 1956 dann das befreiende Bekenntnis zum Dichter-Sein: \u201e\u201cich bin ein Mensch \/ Ich mag es in einer Blume die Liebe zu sehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sicherlich bedeutendste Zeugnis der hier abgedruckten Texte ist das prosaisch-dramatische Poem \u201eProchor\u201c, nach dem Namen einer der sieben Diakone der Jerusalemer Urgemeinde. Es brachte, so Tsipuria, \u201eein neues Thema in die georgische Literatur, eine versteckte Kritik am Bolschewismus, ein Blo\u00dfstellen des kollektiven Denkens und des Massenbewusstseins. \u2026 eine Aufdeckung des russischen Kolonialismus.\u201c Der Schlosser Prochor, der ein entfremdetes Verh\u00e4ltnis zu seiner Stadt Tbilissi hat, bewegt sich in der Stra\u00dfenbahn zwischen Wohnst\u00e4tte und Arbeitsplatz, wird st\u00e4ndig konfrontiert mit russischsprachigen emphatischen Losungen, mit der Angst vor Kontrollen, mit l\u00e4stigen Aufrufen, seinen j\u00e4mmerlichen Lohn mit dem betr\u00fcgerischen Kauf von Lotteriescheinen \u201eaufzubessern\u201c, landet im Krankenhaus. Symptomatisch f\u00fcr die Kritik am russischen Kolonialismus sind dabei die st\u00e4ndig in den georgischen Text eingebauten Versatzst\u00fccke, in denen ab und zu \u2013sicherlich beabsichtigt \u2013 auch falsche russische grammatische Formen verwendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend enth\u00e4lt der Paperback zahlreiche Aufzeichnungen, die den Charakter von Aphorismen, M\u00e4rchenfragmenten und Epigrammen. Sie zeugen von dem Charakter einer lebensklugen, oft sogar witzigen Pers\u00f6nlichkeit, die sicherlich, wenn er nicht wegen einer Infektion nach einer Blinddarmoperation fr\u00fchzeitig gestorben w\u00e4re, die georgische Literatur der Nach-Stalin\u00e4ra um manch weitere Sch\u00e4tze bereichert h\u00e4tte. Mit dem hier vorliegenden deutschsprachigen Ausschnitt aus seinem Oeuvre in der \u00dcbersetzung von Maja Lisowski ist ein verdienstvoller Einblick in die reichhaltige Nachkriegsliteratur des s\u00fcdkaukasischen Landes geschaffen worden. Mit einer, ungeachtet der Anerkennung der \u00dcbersetzer-Leistung, kritischen Anmerkung. H\u00e4ufige Druckfehler wie auch syntaktische M\u00e4ngel bremsen da und dort den Lesefluss! Wie schade, denn die gegenw\u00e4rtig in der deutschsprachigen Literaturlandschaft einzigartige georgische Bibliothek verdient eine hohe W\u00fcrdigung &#8211; auch f\u00fcr den Verleger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Manifest, <\/b>Gedichte, Prosa, Aufzeichnungen von Schota Tschantladse. Nach einer Auswahl von Dato Barbakadse, mit einem Vorwort von Prof. Dr. Bela Tsipuria. \u00dcbersetzung aus dem Georgischen von Maja Lisowski. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2016<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=36953&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Manifest_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Manifest_Cover.jpg 350w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Manifest_Cover-210x300.jpg 210w\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer einen ersten Blick auf den Band 8 der Kaukasischen Bibliothek des Herausgebers Uli Rothfuss wirft, den \u00fcberrascht das schr\u00e4g\u00a0 platzierte Foto auf der Umschlagseite: Schota Tschantladse und seine Freunde Guran Dotschanaschwili und Ansor Asatiani. 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