{"id":36893,"date":"2005-10-01T00:01:11","date_gmt":"2005-09-30T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36893"},"modified":"2024-09-11T20:10:39","modified_gmt":"2024-09-11T18:10:39","slug":"das-hungertuch-fuer-almuth-hickl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/01\/das-hungertuch-fuer-almuth-hickl\/","title":{"rendered":"Das Hungertuch f\u00fcr Almuth Hickl"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Almuth Hickl erhielt in Anerkennung ihres k\u00fcnstlerischen Werks das Hungertuch f\u00fcr Bildende Kunst 2005<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12805 size-medium alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/FreibankAlmuthHickl-300x210.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"210\" \/><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Almuth Hickl arbeitet mit Werkgruppen, herbeigef\u00fchrt werden diese Serien durch spielerisches Experimentieren. Ihr serielles Arbeiten sorgt f\u00fcr Bewegungsimpulse: Das M\u00e4andernde, das assoziative Andocken und elastische Verschlingen von Erfahrungen, Erinnerungen und Empfindungen formen ihre Vorgehensweise: Wie viel Zeit lassen wir uns f\u00fcr\u00a0Wahrnehmungen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sich das Leben tats\u00e4chlich in allem beschleunigt und die Aufmerksamkeitsspannen unaufhaltsam sinken, k\u00f6nnte Hickl in den Ruhestand gehen. Was sie pr\u00e4sentiert, funktioniert als Absage an die Fl\u00fcchtigkeit. Diese Artistin befragt das Material, wird aber gleichzeitig auch von den Werkzeugen angeregt. Diese Doppelsinnigkeit inspiriert sie zu ihren Bildern. In einem Spannungsfeld, das von der Druckgrafik bis hin zu digitaler Fotographie reicht, entstehen Mischformen, bei denen Hickl aus einer relativen Absichtslosigkeit feste Spielregeln entwickelt und zumeist in eine gro\u00dfz\u00fcgige Plastizit\u00e4t des aufbereiteten Materials\u00a0m\u00fcnden\u00a0l\u00e4sst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Mischung aus Pr\u00e4senz und Abwesenheit, von Perfektion und Nonchalance beeindruckt . Sie ist eine Frau mit Witz und Charme, eine Artistin, die mit ihren Kollegen ausgesprochen freundschaftlich umgeht. Treffsicher zog sie die begabtesten Sch\u00fcler und Mitarbeiter heran, um Projekte wie beispielsweise \u00bbRaumstrukturen \/ Menschenspuren\u00ab zu realisieren. Im Gewirr von B\u00fcrokratie und anderweitigen Angeboten zeigt Hickl, wie frei man mit einer oft \u00fcberm\u00e4chtig wirkenden Technologie umgehen kann. Sie besch\u00e4ftigt sich zwar kritisch, aber gleichzeitig mit Begeisterung mit einem Medium, das gerade die deutsche Kunstszene nur mit einem geh\u00f6rigen Ma\u00df an Kulturpessimismus\u00a0behandelt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Hickl richtet sich das verst\u00e4rkte Interesse am Verst\u00e4ndnis der Neuen Medien auf die &#8222;weichen&#8220; Formen des Symbolischen und deren Deutung. Die Symbole bewusster oder unbewusster Art, die \u00fcberall in der menschlichen Lebenswelt pr\u00e4sent sind, wurden lange Zeit nur von wenigen K\u00fcnstlern wahrgenommen. Kein Blick ist unschuldig, erst recht nicht im Zeitalter mechanischer Reproduktionsmedien. Jeder Blick ist insgeheim Manipulation, bem\u00e4chtigt sich dessen, was er fixiert. Und gerade auch die Leinwand ist davon betroffen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht immer findet, wer sucht. Doch gibt eine unabgeschlossene Suche oftmals mehr her, als ein vermeintlicher Fund. Eine Ironie der Technik, die Walter Benjamin in seinem ber\u00fchmten Kunstwerkaufsatz nicht erahnen konnte: Das Reproduzierte l\u00e4uft dem Original den Rang ab. Zugleich aber m\u00fcssen die Artisten feststellen, dass Zeichen unterschiedlich gelesen werden. Einerlei, ob Bilder analog oder digital entstehen, sind Wahrheit und Fiktion kaum voneinander zu unterscheiden; geht man nur nah genug heran, verlieren die Bilder ihren Informationswert und die Konstruiertheit seiner Bildwelten wird sichtbar. Hickl verwischt die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei. Ihre detailgetreue Wiedergabe erweist sich als unerwartet abstrakt. Wird Fotografie erst in der Verweigerung des Abbildhaften autonome Kunst?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4hnliches Erscheinungsbild gemalt g\u00e4be weniger R\u00e4tsel auf, denn erst die fotografische Produktionsbedingung provoziert den Diskurs \u00fcber das vermeintlich Reale. Dabei sind diese digitalen Abz\u00fcge so konkret wie die Lichtbilder des Bauhauses: Sie dokumentieren den direkten Lichteinfall bei der Entwicklung eines Farbfotos. Das wird im Vergleich zur Stillebenmalerei vergangener Jahrhunderte deutlich. Die Stilllebenmaler malten die Dinge so wirklich wie m\u00f6glich (weswegen man auch von trompe l\u2019\u0153il spricht) und lie\u00dfen aus Farbe Fr\u00fcchte, Blumen und Tiere lebensecht und zum Greifen nah entstehen. Sie ahmten auch Druckstellen, faule Flecken oder Wurml\u00f6cher nach, um die Betrachter immer n\u00e4her und tiefer ins Bild zu locken. Hickl verf\u00fchrt ebenfalls mit einer perfekten malerischen Illusion der Bodenfl\u00e4che, aber dann st\u00f6\u00dft sie ihre Betrachter zur\u00fcck. Statt auf mehr Information und Details treffen wir beim Nahekommen auf immer weniger. Was gerade noch eine bet\u00f6rend wirklichkeitsgetreue Wiedergabe war, zerf\u00e4llt in Farbfl\u00e4chen. Das Abbild wird beinahe abstrakt, das Gemalte erscheint k\u00fcnstlich und gar nicht mehr realistisch. Die Aufdeckung dessen, was Bilder im Innersten zusammenh\u00e4lt, ist befragbar. Die digitale Bearbeitung l\u00f6st Motive aus ihrem urspr\u00fcnglichen Kontext und das generierte Bild wird wiederum zu einer allgemeing\u00fcltigen Analogie. Der Betrachter, die Betrachterin kann sich auf das einzelne Bild zubewegen, ihm entgegen\u2013 kommen, es bedarf der \u00dcberwindung der Distanz.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Netz als &#8222;demokratisches&#8220; Medium globaler Information missverstehen, das wird anhand ihrer Arbeiten klar, ist ein Fehler. Hickl will eine Begegnung zwischen den Abgebildeten und dem Betrachter erm\u00f6glichen. Sie lenkt den Blick auf die manipulative Verf\u00fchrungsmacht der Bilder und nutzt dieses Wissen als Instrument kritischer Weltsicht im Umgang mit aktuellen Bildern unseres Alltags: Leben die Bilder ganz aus\u00a0sich\u00a0selbst?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder ist es nicht vielmehr so, dass erst die Betrachter \u2013 quer durch die Zeiten \u2013 ihre fl\u00fcchtigen Konstruktionen und Leseweisen ihnen einschreiben?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vergr\u00f6\u00dfern von kopiergesch\u00fctzten, reduzierten Bildinformationen im Internet ist eine Strategie, die nicht nur die Konsistenz digitaler Bilder reflektiert, sondern auch die Malerei, die sich fotorealistisch nennt. Was sehen wir, wenn wir meinen ganz nah an der Realit\u00e4t dran zu sein?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hickl ist ein inspirierender Geist, sie liebt die sogenannten Neuen Medien und f\u00fchrt sie aber zugleich vor, indem sie diese Maschinen humanisieren will. Weil hier mediale Arch\u00e4ologie mit einer Entdeckerfreude zusammengeht, unterstreichen diese Arbeiten die zunehmende Bedeutung des Bildes, welches heute die Wortkultur \u00fcberlagert hat und die Sinne usurpiert. Licht, Perspektive, Spiegelung und die Illusion von Bewegung verleihen den Abbildungen einen geheimnisvollen Charakter. Ihre Perspektive ist auch eine Anspielung auf die Tradition der Malerei bis in die Postmoderne. Seit der Erfindung der Zentralperspektive wurde ein Gem\u00e4lde als Fenster in eine andere, h\u00f6here oder k\u00fcnstliche Wirklichkeit verstanden. Die Nachahmung der Welt war daf\u00fcr die Bedingung. In der Postmoderne wird das Abbilden verworfen und die Bildfl\u00e4che in ihrer Fl\u00e4chigkeit zum Gegenstand gemacht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Baukasten der Postmoderne generiert laufend neue Bilder, am Computer entworfen, vermischt sich die verf\u00fcgbaren Ikonen miteinander. Virtuelle und wirkliche Welten \u00fcberlagern sich, um sich zu einem Bild zusammenzuf\u00fcgen. Beim Betrachten ihrer Bilder f\u00fchlt man sich an Nikolaus Cusanus&#8216; Schrift \u00bbDe Visione Dei\u00ab erinnert, in der ein blickendes Bild beschrieben wird, von dem sich der Betrachter immer schon wahrgenommen wei\u00df. Hier wird der Sehende zum Gesehenen, der Suchende zum Gefundenen. So homogen ihre Werkgruppen sind, so heterogen erscheint die Handschrift der Artistin, wenn man die Werkgruppen nebeneinander stellt, vielf\u00e4ltig wie das Leben selbst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #333333;\">Bismarkturm, 2005<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1148 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch.jpg 384w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Im Jahr 2001 wurde mit dem <em>Hungertuch<\/em> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von K\u00fcnstlern an K\u00fcnstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem K\u00fcnstlerpreis.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\"><span style=\"color: #333333;\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Und ein <a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Almuth Hickl erhielt in Anerkennung ihres k\u00fcnstlerischen Werks das Hungertuch f\u00fcr Bildende Kunst 2005 &nbsp; Almuth Hickl arbeitet mit Werkgruppen, herbeigef\u00fchrt werden diese Serien durch spielerisches Experimentieren. 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