{"id":36874,"date":"2001-08-10T17:13:09","date_gmt":"2001-08-10T15:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36874"},"modified":"2022-02-27T16:52:50","modified_gmt":"2022-02-27T15:52:50","slug":"das-hungertuch-an-barbara-ester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/08\/10\/das-hungertuch-an-barbara-ester\/","title":{"rendered":"Das Hungertuch an Barbara Ester"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Barbara Ester aus Wanne-Eickel erh\u00e4lt das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2001.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Warum halten wir Serient\u00e4ter, die ungestraft ihre Schwerverbrechen begehen, f\u00fcr gro\u00dfe K\u00fcnstler?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Impotenz des Herzens veranlasst die Protagonistin Jackie, eine psychopathische Serienm\u00f6rderin, sich selbst als Parasit und Vampir zu sehen. Sie kann nichts f\u00fcr die Zerst\u00f6rung, die sie verursacht, denn Jackie ist letztlich ihr eigenes Opfer, damit \u00e4hnelt sie vielen Gestalten der expressionistischen Literatur, eine Fremde unter ihren Mitmenschen. Der psychologische Prozess, den man in der Entwicklung des Vampirismus beobachtet, der sich im Werk <em>Massaker<\/em> als Serienmord manifestiert, ist folgender: Die Flucht vor einer unertr\u00e4glichen Wirklichkeit erzeugt ein Gef\u00fchl der Leere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Massaker<\/em> erz\u00e4hlt vom Niedergang des Individualismus im 21. Jahrhundert an philosophiegeschichtlicher Bedeutung. Anhand des Sprachrealismus, dem sich Barbara Ester verpflichtet, impliziert sie gesellschaftspolitische Vorbehalte gegen die konventionelle Literatursprache, so dass man von der dargebotenen Sprachproduktion als Sprachkritik und Gesellschaftskritik sprechen kann. Es ist die umgangssprachliche Beschreibung von Allt\u00e4glichem, welche eine st\u00e4rkere Dialektik auf moralisch\u2013ethischer Ebene beherbergt, als jede elaborierte Abhandlung h\u00e4tte evozieren k\u00f6nnen. Dass spannende Unterhaltungslekt\u00fcre das soziale Engagement im Leser hervorrufen kann, beweist <em>Massaker<\/em> durch die Nachdenklichkeit, die es zur\u00fcckl\u00e4sst, wenn man den Trubel des Geschehens, n\u00e4mlich der Cranger Kirmes hinter sich gelassen hat, dann blickt man auf den hysterischen Trubel einer viel gr\u00f6\u00dferen Kirmes: Der atomisierenden Maschinerie der modernen Gesellschaft, die das Individuum ermordet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Kunstraum D\u00fcsseldorf, Dezember 2001<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe MetaPhon. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen. Da dieses Gossenheft vergriffen ist und &#8211; wie die anderen Gossenhafte zu \u00fcberteuerten Preisen im sogenannten modernen Antiquariat gehandelt werden &#8211; k\u00f6nnen es als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/tag\/massaker\/\">Fortsetzungsroman<\/a> auf KUNO nachlesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barbara Ester aus Wanne-Eickel erh\u00e4lt das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2001. Warum halten wir Serient\u00e4ter, die ungestraft ihre Schwerverbrechen begehen, f\u00fcr gro\u00dfe K\u00fcnstler? 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