{"id":36743,"date":"2024-06-10T00:01:01","date_gmt":"2024-06-09T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36743"},"modified":"2026-01-05T13:31:14","modified_gmt":"2026-01-05T12:31:14","slug":"eine-suche-nach-der-unmittelbarkeit-im-vermittelten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/06\/10\/eine-suche-nach-der-unmittelbarkeit-im-vermittelten\/","title":{"rendered":"Eine Suche nach der Unmittelbarkeit im Vermittelten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie des 21. Jahrhunderts steht an einem faszinierenden Scheideweg. In einer Zeit, in der Technologie und soziale Medien unseren Alltag durchdringen, sind die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Ausdruck und Kommunikation vielf\u00e4ltiger denn je. Doch w\u00e4hrend diese neuen Medien neue Wege er\u00f6ffnen, stellen sie zugleich die traditionelle Konzeption von Poesie in Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie findet Poesie ihren Platz in einer Welt, die sich so schnell ver\u00e4ndert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie des 21. Jahrhunderts atmet in den Ritzen der Algorithmen. Sie ist nicht mehr der marmorne Tempel der Romantik, kein erhabenes Monument aus Versma\u00dfen und Reimen, das in staubigen Bibliotheken verweilt. Die VerDichtung kriecht durch die Pixel, flackert auf Bildschirmen auf, verschwindet in den Feeds der sozialen Netzwerke. Was als bedeutet Poesie heute? &#8211; Eine Hashtag-Explosion? &#8211; Ein viraler Vers, der Likes sammelt wie ein Bettler M\u00fcnzen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Oder der stille Schrei in der \u00dcberflutung, der sich gegen die Tyrannei des Scrollens wehrt?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt kann man als Palimpsest aus Datenstr\u00f6men betrachten, als ein flackerndes Display, auf dem die Wirklichkeit nur noch als Echo ihrer eigenen Digitalisierung erscheint. Inmitten dieser kybernetischen Kakofonie stellt sich die Frage nach der Poesie dringlicher denn je.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist das Gedicht noch jener \u201eFlaschenpost\u201c-Moment, von dem Celan einst sprach, oder ist es l\u00e4ngst zum blo\u00dfen Content-Snippet verkommen, das im Feed der Belanglosigkeit versinkt?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir die Wurzeln. Im 20. Jahrhundert brach die Poesie aus ihren Ketten \u2013 Dada, Surrealismus, Beat Generation, sie alle waren Revolten gegen das Starre. Doch das 21. Jahrhundert hat diese Revolte demokratisiert, oder schlimmer: kommerzialisiert. Jeder mit einem Smartphone zu Lyriker mutieren. Instagram-Poeten wie Rupi Kaur verkaufen Millionen, ihre Zeilen kurz, scharf, wie Memes geschnitten. Ist das Fortschritt? Oder Verarmung? Kaurs Milch und Honig flie\u00dft s\u00fc\u00df, jedoch flach \u2013 Gedichte f\u00fcr die Aufmerksamkeitsspanne eines Wimpernschlags. Wo bleibt die Tiefe, die Langform, die uns zwingt, innezuhalten? Erinnern wir an die Subkultur. In den Fanzines der 70er, den Punkschriften, Kriegspoesie eine Waffe. Mark Perry mit Sniffin&#8216; Glue \u2013 roh, ungeschliffen, anti-elit\u00e4r. Heute lebt dies in der Slam-Poesie fort, in Spoken Word dokumentiert auf YouTube-Kan\u00e4len. Performer wie Sarah Kay reissen B\u00fchnen ein, ihre Worte pulsieren mit Rhythmus der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist das noch Poesie oder bereits Performance?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im neuen Deutschland mischen Autoren wie Nora Gomringer Lyrik mit Multimedia, Videos, Sounds. Poesie wird hybride, ein Bastardkind aus Text und Tech. Doch die Gefahr lauert: Die Digitalisierung fragmentiert. Gedichte werden zu Snippets, zerschnitten f\u00fcr TikTok. Was passiert mit der epischen Form? Der lange Erz\u00e4hlung, wie bei Durs Gr\u00fcnbein? Sie ringen mit Geschichte, mit dem Erbe des 20. Jahrhunderts \u2013 Holocaust und Mauerfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Man muss kein Prophet sein, im 21. Jahrhundert wird Poesie politisch, \u00f6kologisch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt die Frage nach der Sprache. Globalisierung macht Englisch dominant, doch regionale Dialekte rebellieren. In Afrika, Asien, Lateinamerika bl\u00fcht Poesie in indigenen Zungen \u2013 Warsan Shire aus Somalia, ihre Verse \u00fcber Migration: \u201eNiemand verl\u00e4sst sein Zuhause, es sei denn, sein Zuhause ist das Maul eines Hais.\u201c Hier ist Poesie \u00dcberleben, Zeugnis. In Europa hingegen: Experimente mit einer KI.\u00a0Ist das bereits die Zukunft? Oder der Tod der Seele? \u00a0Eine der auff\u00e4lligsten Entwicklungen in der zeitgen\u00f6ssischen Poesie ist ihre Diversit\u00e4t. Gedichte stammen nicht mehr nur aus den klassischen Kan\u00e4len. Die Stimmen von marginalisierten Gruppen, LGBTQ+-Poeten und internationalen Schriftstellern finden zunehmend Geh\u00f6r. Diese Diversit\u00e4t bringt nicht nur neue Themen in die Poesie, sondern auch neue Stile und Formen. Experimentelle Ans\u00e4tze, wie visuelle Poesie und Multimedia-Arbeiten, verschmelzen mit klassischen Strukturen und erweitern die Vorstellung davon, was Poesie sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist kein Produkt, vielmehr ein Prozess. Sie durchdringt das Kastensystem der Kulturindustrie. Verteilt durch PDFs, Blogs, gar zur\u00fcck zum Gedruckten? Fanzines 2.0 \u2013 selbstgemacht, verteilt in Nischen. Sie sucht den K\u00f6rper zur\u00fcck, die Pr\u00e4senz. Festivals wie das Poesiefestival Berlin zeigen: Poesie lebt im Austausch. Was bleibt? Poesie im 21. Jahrhundert ist nomadisch, fl\u00fcchtig, widerst\u00e4ndig. Sie k\u00e4mpft gegen die Algorithmen, die der Betrachter mit dem f\u00fcttern, was sie wollen, nicht was sie brauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sie fragt: Wer bin ich in diesem digitalen Strom? Und antwortet in Fragmenten, die uns zusammenf\u00fcgen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie des 21. Jahrhunderts ist \u2013 sofern sie f\u00fcrderhin relevant bleiben will \u2013 eine Poesie der Reibung. Sie stemmt sich gegen die glatte Oberfl\u00e4che der Benutzeroberfl\u00e4chen. Ein Gedicht darf nicht \u201euser-friendly\u201c sein. Es muss sperrig sein, ein Stein im Schuh der beschleunigten Kommunikation. Wir erleben eine R\u00fcckkehr zur Haptik des Wortes: Die \u201eKonkrete Poesie\u201c erf\u00e4hrt eine digitale Renaissance, in der Typografie nicht mehr nur Vehikel, sondern Fleischwerdung des Sinns ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die heutige Lyrik operiert im Grenzbereich.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist ein Hybridwesen. Wir sehen die Performance, das Spoken Word, das sich mit elektronischen Soundscapes verm\u00e4hlt. Die Poesie ist aus dem Elfenbeinturm in die Clubs und auf die Bildschirme gewandert. Doch Vorsicht: Die Gefahr der Trivialisierung ist gro\u00df. Wo alles \u201epoetisch\u201c gelabelt wird \u2013 vom Werbeslogan bis zum Instagram-Post \u2013, verliert das Wort seine Fallh\u00f6he.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Poesie des 21. Jahrhunderts sind Themen wie Identit\u00e4t, Umwelt, Technologie und soziale Gerechtigkeit gegenw\u00e4rtig. Poeten reflektieren die Herausforderungen unserer Zeit, sei es der Klimawandel, die politischen Spannungen oder der Kampf um Gleichberechtigung. Durch die Linse der Poesie werden pers\u00f6nliche Erfahrungen mit kollektiven Krisen verkn\u00fcpft, was einen tiefen Resonanzraum schafft. Gedichte k\u00f6nnen als kraftvolle Werkzeuge dienen, um Gef\u00fchle von Entfremdung oder Hoffnung zu artikulieren, und erm\u00f6glichen es den Lesern, sich in einem universellen Kontext wiederzufinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist das Demokratisierung oder Verlust der Autorschaft? Baudrillard w\u00fcrde wahrscheinlich l\u00e4cheln: Simulakra.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie im 21. Jahrhundert ist ein bemerkenswerter Spiegel unserer Zeit. Sie spiegelt die Komplexit\u00e4t eines sich wandelnden Lebensstils wider und l\u00e4dt ein, \u00fcber das Gew\u00f6hnliche hinaus zu denken. Der Dialog zwischen Tradition und Innovation schafft eine dynamische Landschaft, die sowohl alte als auch neue Stimmen umfasst. In einer Welt, die oft l\u00e4rmend und chaotisch erscheint, bietet die Poesie einen Raum f\u00fcr Reflexion und Verbindung. Sie bleibt eine essentielle Form des k\u00fcnstlerischen Ausdrucks, die weiterhin den Puls der Gesellschaft erfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer besitzt die Worte?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise ist die Poesie heute der letzte Ort, an dem das Paradoxon ausgehalten werden kann. Wir leben in einer bin\u00e4ren Welt, doch das Gedicht ist non-bin\u00e4r; es ist das \u201eDazwischen\u201c. Es ist der Klang, der entsteht, wenn der Sinn an der Form zerschellt und als neues Licht wieder auftaucht. Die akademische Poesie ist dagegen hermetisch, nur f\u00fcr Wenige. Ihr Gegenpol ist die Street-Poetry. Poesie \u00fcberlebt, mutiert. Sie ist der Puls. Unruhig, suchend. Wir brauchen Poeten als \u00b4St\u00f6rsender` im reibungslosen Ablauf der Information. Sie sind diejenigen, die den Takt der Zeit nicht nur mitmachen, sondern ihn synkopieren. Die Poesie im 21. Jahrhundert ist kein Luxusgut f\u00fcr Bildungsb\u00fcrger, wird zu einem \u00dcberlebensmittel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Lehrt uns Lyrik das genaue Hinsehen in einer \u00c4ra der Blindheit durch \u00dcberreizung?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende bleibt das poetische Wort. Nackt, fragil und doch von einer Kraft, die kein Prozessor simulieren kann. Denn im Gedicht zittert immer auch die Sterblichkeit mit \u2013 und genau das ist es, was uns zwischen Avataren und Automaten, daran erinnert, dass wir noch immer f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorlass<\/strong>, Gebrauchsprosa von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<div id=\"attachment_60290\" style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-60290\" class=\"wp-image-60290 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-664x1024.jpg 664w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-560x863.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-260x401.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-160x247.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover.jpg 722w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-60290\" class=\"wp-caption-text\">Cover: Original-Schablonendruck von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche Betrachtungen erinnern vor der Ferne besehen an die \u201eFlaneurstexte\u201c der 1920-er Jahre, die als \u201eReproduktion von Gro\u00dfstadterfahrung\u201c gelesen werden k\u00f6nnen, z.B. wenn der Autor eine Fahrt zum Flinger Broich beschreibt. Auch die \u201ekurzessayistische Feuilletonprosa\u201c kommt in einer Auseinandersitzung mit den Beach Boys nicht zu kurz. Diese Passagen wirken beinahe wie eine Hommage Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Kritik der Konsumkultur. Als \u201ekulturkritische Kurzessayistik\u201c \u00a0kann man daher eine Polemik von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/bartleby\/\">Lesung<\/a> lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem <em>Schuber<\/em> aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich. Und nur in diesem Schuber enthalten sind das H\u00f6rbuch <em>630, <\/em>sowie Weigonis Gebrauchsprosa <em>Vorlass, <\/em>in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Eine W\u00fcrdigung des lyrischen Gesamtwerks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Poesie des 21. Jahrhunderts steht an einem faszinierenden Scheideweg. In einer Zeit, in der Technologie und soziale Medien unseren Alltag durchdringen, sind die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Ausdruck und Kommunikation vielf\u00e4ltiger denn je. 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