{"id":36730,"date":"2024-10-13T00:01:14","date_gmt":"2024-10-12T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36730"},"modified":"2024-09-04T05:34:30","modified_gmt":"2024-09-04T03:34:30","slug":"lupinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/13\/lupinen\/","title":{"rendered":"Ein doppelsinniges Gew\u00e4chs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wahrheiten st\u00fcrzen aus der Deckung,<br \/>\nknirschen im hellen Haus<br \/>\nw\u00e4chst blinder Schnee.<br \/>\nNur die zaudernden Tr\u00e4umer<br \/>\nm\u00e4hen ihre Worte,<br \/>\nh\u00fcten Gr\u00e4ser,<br \/>\ndenen ich trauen mag<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jane Wels<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl ihre Bl\u00e4tter fast nur aus Zwischenr\u00e4umen bestehen, kann die Lupine dank feiner H\u00e4rchen an der Blattoberseite und den R\u00e4ndern damit Tropfen festhalten. Man nimmt dies kaum war, weil Wasser durchsichtig ist; aber manchmal scheint das Licht hindurch. Darin \u00e4hnelt die Pflanze einem Gedicht, denn auch die K\u00f6nigsgattung der Literatur besteht aus Zwischenr\u00e4umen. Zwischen den Zeilen, zwischen den Zeiten. Jeder Leser hat die Chance mit seiner Erg\u00e4nzungsleistung diese Zwischenr\u00e4ume zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist Kultur eine veredelte Form der Natur?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Band <em>Schwankende Lupinen<\/em> erfahren wir erneut, das nur die Lyrik dem Verstand die M\u00f6glichkeit gibt, S\u00e4tze, Bilder und die Natur zusammenzudenken. Der Sinn dieser Poesie, in dem ethischen Imperativ, \u00e4ndert das Leben durch das Tun, auf einer Metaebene lassen sich die Lupinen als ein Anschreiben gegen den Klimawandel lesen. Auch wenn die Erkenntnis nicht neu ist: Lyrik ist eine Gattung, die zwischen den Zeilen Zeit und Raum gibt, weil diese Leerstellen dann ihrerseits vom Leser Raum und Zeit einfordern. Gedichte dehnen sich aus, wenn man sie liest. Das Abtragen der Schichten, Auff\u00e4chern der Bedeutungsstr\u00e4nge, der Rhythmen und Kl\u00e4nge, der Br\u00fcche und Widerspr\u00fcche, die es, diese K\u00f6nigsdisziplin, in sich tr\u00e4gt. Ein Gedicht wird nicht nur im horizontalen Textverlauf rezipiert, sondern muss im Leseprozess auch mit jenen vertikalen Verbindungen versehen werden, welche die Position eines Elements im Zusammenhang mit jenen gleicher Positionierung kennzeichnen. Jane Wels f\u00fcgt die Worte aneinander, die niemals von selbst zueinander f\u00e4nden, zwischen denen jedoch eine Anziehungskraft besteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Oft f\u00fchrt der Blick auf die Lyrik auf eine Mischung aus Unverst\u00e4ndnis und Faszination zur\u00fcck.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie die Gattung Lyrik seit dem Gilgamesch-Epos, z\u00e4hlen Lupinen zu den \u00e4ltesten Kulturpflanzen. Die Gedichte von Jane Wels sind mitunter so divers, wie die beschriebene Pflanze, sie sind so vielf\u00e4ltig und widerspr\u00fcchlich wie das Laben selbst. Die Unstimmigkeiten von Kultur und Natur erm\u00f6glichen der Poetin auf inhaltlicher Seite, sich behutsam dem Material zu n\u00e4hern, w\u00e4hrend sie auf formaler Seite die Gemachtheit dieser Gedichte abrunden und poetisieren kann. Dies, ohne in das mulchige Gel\u00e4nde des Nature Writing abzurutschen. Die beschreibende und empfindende Autorin muss sich nicht zwischen dem Subjekt und dem objektiven Ansatz des naturwissenschaftlichen Denkens entscheiden. Sie m\u00e4andert entschlossen zwischen Sprachspiel und Sinnsuche. Die Samen insbesondere wilder Lupinen enthalten einen giftigen Stoff, der den Tod durch Ateml\u00e4hmung verursachen kann. Bestimmte Zuchtformen hingegen sind ungiftig und nicht bitter. Sie k\u00f6nnen jedoch f\u00fcr Allergiker problematisch sein. Auch der Leser befindet sich also in Gefahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mein Wolf<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>heult sich durch kulturelle Codes,<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>das Fell gestr\u00e4ubt<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>von den Endlosschleifen der Erwartungsbr\u00fcche<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jane Wels<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir finden einige dieser programmatischen Gedichte in Wels\u2018 lyrischem Deb\u00fcts <em>Schwankende Lupinen. <\/em>Es gibt in diesem Band noch einige sehr kurze Gedichte, allen ist gemein, dass ihr formaler Minimalismus eine semantische Dehnung beg\u00fcnstigt, da der korsettartige Kontext besonders locker gekn\u00fcpft ist. Lyrik ist immer auch ein Nachdenken \u00fcber sprachliche Begriffe. Die Sprache selbst, so scheint es, tanzt um die Fremdheit der Worte, wild, aufbegehrend, die sinnliche Welt mit allen Sinnen einsaugend. Seit Arthur Rimbauds emphatischer Proklamation: \u201cIch ist ein anderer\u201d stellt das lyrische \u201eIch\u201c im 21. Jahrhundert lediglich eine pragmatische Verhaltensstrategie dar. Die Menschen wissen, dass sie \u00fcber eine multiple Pers\u00f6nlichkeit verf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Erfahrung des Ichs f\u00fchrt \u00fcber Natur und Farben, Kl\u00e4nge und K\u00fcnste, die Wels mit einem reichen Instrumentarium an ebenso originellen wie leicht fassbaren Metaphern in die Sichtbarkeit der Worte auf dem Papier \u00fcberf\u00fchrt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dieses Papier ist im Fall der edition offenes feld ein matt gestrichenes und ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr Haptiker, die dem Lesetempo angemessen nur langsam umbl\u00e4ttern wollen. Wirtschaftlich gesehen ist Lyrik selbstverst\u00e4ndlich blanker Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Lyrik w\u00e4re nach allen \u00f6konomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem h\u00e4lt sie sich nach wie vor, notfalls eben in dieser bibliophilen Form. Und \u00e4hnlich wie die <em>vivisektionen<\/em> von Werner Weimar-Mazur, sind diese Gedichte kurze, teils spielerische Texte. Im Interesse der Lyrik ist diesem Verlag eine lange Zukunft zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schwankende Lupinen<\/strong>. Gedichte von Jane Wels. edition offenes feld, 2024<\/p>\n<div id=\"attachment_105670\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-105670\" class=\"wp-image-105670 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Lupinen-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-105670\" class=\"wp-caption-text\">Die B\u00fccher der edition offenes feld sind ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr Haptiker<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192\u00a0 Lyrik lotet das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen aus. Dies versucht auch ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/01\/ein-leben-ohne-poesie-waere-moeglich-jedoch-sinnlos\/\">Essay<\/a> zum Beginn des Lyrikjahres 2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrheiten st\u00fcrzen aus der Deckung, knirschen im hellen Haus w\u00e4chst blinder Schnee. Nur die zaudernden Tr\u00e4umer m\u00e4hen ihre Worte, h\u00fcten Gr\u00e4ser, denen ich trauen mag. 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