{"id":36728,"date":"2024-05-13T00:01:53","date_gmt":"2024-05-12T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36728"},"modified":"2026-01-07T13:41:27","modified_gmt":"2026-01-07T12:41:27","slug":"keine-wahllose-verwandtschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/05\/13\/keine-wahllose-verwandtschaft\/","title":{"rendered":"Keine wahllose Verwandtschaft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Moderne, jene Epoche der technischen Reproduzierbarkeit, hat die \u00b4Aura` des Kunstwerks zerstreut wie Staub im Wind der Geschichte. Walter Benjamin, der Flaneur der intellektuellen Abgr\u00fcnde, h\u00e4tte in A.J. Weigoni einen Verwandten erkannt \u2013 einen, der in den Fragmenten der Lyrik die verlorenen Schichten der Erinnerung aufsp\u00fcrt. Weigonis Werk, ein Labyrinth aus Poesie, Performance und experimenteller Prosa, widersteht der Flachheit des Digitalen, indem es die Materialit\u00e4t des Wortes betont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni repr\u00e4sentiert das zeitgen\u00f6ssische Wort als Palimpest, in dem jede Schicht von Bedeutung auf die n\u00e4chste wirkt. Wie Walter Benjamin es in seinen tiefgreifenden Analysen der Kultur verstanden hat, ist das Werk eines Schriftstellers nicht nur die Summe seiner Teile, sondern ein Zusammenspiel von Geschichte, Sprache und Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni greift oft auf die Fragmentierung der modernen Existenz zur\u00fcck. Seine Texte sind nicht mehr linear; sie reflektieren die Vielschichtigkeit der heutigen Gesellschaft, \u00e4hnlich wie Benjamin die zersplitterte Wahrnehmung des modernen Lebens beschreibt. In einer Welt, in der jeder Augenblick durch Bilder und Kl\u00e4nge saturiert ist, sucht Weigoni nach dem Authentischen im Verg\u00e4nglichen. Seine Sprache ist sowohl poetisch als auch analytisch, sie schafft es, das Momentane festzuhalten und gleichzeitig den Fluss der Zeit zu betonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zentrales Element in Weigonis Werk ist das Spiel. In Anlehnung an Benjamin erinnert der Autor den Leser daran, dass Geschichte nicht linear verl\u00e4uft, sondern in Schichten jongliert. Jedes Wort wird zum Zeugen einer Epoche, die sich in den Gedanken und Emotionen einf\u00e4ngt. Die Ruinen sind nicht nur Dinge des Vergangenen; sie laden den Leser ein, den Kontext neu zu bestimmen und die Bedeutungen zu hinterfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Benjamin in seiner Betrachtung von Aura und Kopie unterstreicht, bringt Weigoni die Frage nach der Echtheit von Erz\u00e4hlungen ins Spiel. In Zeiten der Reproduzierbarkeit wird das Originelle rar, und doch wagt Weigoni, in den Abgr\u00fcnden der menschlichen Erfahrung zu graben \u2013 immer auf der Suche nach dem Funken des Wirklichen. Sein Werk er\u00f6ffnet somit einen Dialog \u00fcber das verlorene Sein, die melancholische Wiederentdeckung des Unsichtbaren in einer Welt, die sich stetig wandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Benjamin in seinen &#8222;Denkbildern&#8220; die Stadt als Text entschl\u00fcsselt, so sammelt Weigoni in B\u00e4nden wie &#8222;Dichterloh&#8220; die Reliquien der Literatur. Seine Gedichte sind keine blo\u00dfen Reproduktionen; sie evozieren die Aura des Einmaligen, jene &#8222;ferne N\u00e4he&#8220;, die Benjamin der Kunst zuschrieb. In einer Zeit, da das Buch zur Ware wird, publizierte Weigoni bei der &#8222;Edition Das Labor&#8220;, einem Refugium f\u00fcr die artistische Avantgarde. Hier verschmelzen Klangpoesie und visueller Text, erinnert an Benjamins These vom Verlust der Erz\u00e4hlkunst durch die Information. Weigonis Performances, oft in Kollaboration mit K\u00fcnstlern wie Frank Michaelis, machen die Sprache zum Ereignis, zum dialektischen Bild, das im Stillstand der Geschichte aufblitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Konstellation der Gegenwart erscheint das Werk von A.J. Weigoni nicht als blo\u00dfes Schriftwerk, sondern als ein <em data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">Passagen-Werk<\/em> der Postmoderne, in dem die Tr\u00fcmmer der Hochkultur mit dem Strandgut des Digitalen kollidieren. Benjamin h\u00e4tte in Weigoni den Sammler erkannt, der im Tr\u00f6delmarkt der Sprache nach jenen dialektischen Bildern sucht, die im Moment ihrer Erkennbarkeit aufblitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis \u00c4sthetik ist eine der Montage. Wie der Flaneur, der die Pariser Arkaden durchstreift, durchmisst Weigoni die semantischen R\u00e4ume zwischen H\u00f6rspiel, Lyrik und Essay. Er praktiziert ein \u201eEingedenken\u201c genannte Arch\u00e4ologie des Wortes, die sich weigert, die Geschichte als lineare Fortschrittserz\u00e4hlung zu akzeptieren. In seinen \u201eUnsch\u00e4rfen\u201c wird die Aura des Kunstwerks nicht durch technische Reproduzierbarkeit vernichtet, sondern durch eine bewusste Fragmentierung neu zur Disposition gestellt. Es ist eine Literatur des Chocs, die den Leser aus der b\u00fcrgerlichen Versunkenheit rei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man betrachte Weigonis Arbeit am \u201eVexierbild\u201c: Hier wird die Sprache zum optischen Unbewussten. Was bei Benjamin die Fotografie leistete \u2013 das Sichtbarmachen von R\u00e4umen, die das menschliche Auge \u00fcbergeht \u2013, leistet bei Weigoni die Intermedialit\u00e4t. Seine Texte sind Partituren, die erst im polyphonen Raum zwischen Autor und Rezipient ihre wahre Materialit\u00e4t entfalten. In Weigonis Werk erkennt man die Benjamin&#8217;sche Warnung: Die Reproduzierbarkeit entzaubert, doch der Poet rekonstruiert. Seine Lyrik, fragmentarisch und assoziativ, fordert zur Konstellation heraus, zur Konstruktion neuer Sinnwelten. So bleibt dieser &#8222;VerDichter&#8220; ein Zeuge der verborgenen Geschichte der Literatur, ein Sammler in der Epoche des Verlusts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Autor ist ein Lumpensammler der Metaphern. Er b\u00fcckt sich nach dem Abseitigen, um es in der Montage des Textes zu politisieren. In der Melancholie Weigonis schwingt stets die Hoffnung auf eine Rettung des Vergangenen mit \u2013 eine messianische Stillstellung des Geschehens inmitten des medialen Rauschens. So steht Weigoni wie der <em data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">Angelus Novus<\/em> vor den Ruinen der Sprache: Das Antlitz der Zukunft zugewandt, w\u00e4hrend er die Tr\u00fcmmer der Tradition zu einem neuen, provisorischen Ganzen f\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren erschien: <strong>Wortspielhalle<\/strong>, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer &amp; A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014<\/p>\n<div id=\"attachment_98578\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98578\" class=\"wp-image-98578 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Wortspielhalle_Cover-e1645551555962.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98578\" class=\"wp-caption-text\">Cover: Fr\u00fchlingel von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Die Sprechpartitur wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sophie_Reyer\">Sophie Reyer<\/a> und A.J. Weigoni lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19038\">hier<\/a>. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen sei auch\u00a0das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Reyer und Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/19\/hoeherwertige-konfiguration\/\">h\u00f6herwertige Konfiguration<\/a> entdeckt Luther Blissett in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/29\/zikaden-und-haeher\/\">Zikaden und H\u00e4her<\/a>n nach. <span data-offset-key=\"7ldlg-0-0\">Ein weiterer Blick beleuchtet die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/20\/erkenntnisinstrument\/\">Inventionen<\/a> von Peter Meilchen. <\/span>Ein Essay fasst das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\"><em>transmediale Projekt <\/em><\/a><em>Wortspielhalle<\/em> zusammen<em>. <\/em>Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>. Alle <em>LiteraturClips<\/em> dieses Projekts k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?author=124\">hier<\/a> abgerufen werden. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Moderne, jene Epoche der technischen Reproduzierbarkeit, hat die \u00b4Aura` des Kunstwerks zerstreut wie Staub im Wind der Geschichte. Walter Benjamin, der Flaneur der intellektuellen Abgr\u00fcnde, h\u00e4tte in A.J. 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