{"id":36725,"date":"2024-04-13T00:01:06","date_gmt":"2024-04-12T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36725"},"modified":"2026-01-07T14:26:23","modified_gmt":"2026-01-07T13:26:23","slug":"eine-entfaltung-von-sprache-und-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/13\/eine-entfaltung-von-sprache-und-bedeutung\/","title":{"rendered":"Eine Entfaltung von Sprache und Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>das Leben rinnt aus <\/i>uns<i> wie Blut <\/i><\/p>\n<p align=\"right\">geben und nehmen<\/p>\n<p align=\"right\">hegen und hirnen<\/p>\n<p align=\"right\">verwegen sein wo man<\/p>\n<p align=\"right\">fr\u00fcher doch weise wahr Fehler<\/p>\n<p align=\"right\">machen denn wir<\/p>\n<p align=\"right\">wissen<i> das Leben rinnt aus <\/i>uns<i><\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>wie Blut <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte meinen, eine Partitur diene der Ordnung. Doch in der \u201eWortspielhalle\u201c ist die Ordnung nur eine Maske f\u00fcr die Unendlichkeit. Die Sprecher wandeln durch G\u00e4nge aus Phonemen. Reyer und Weigoni haben keinen Text geschrieben; sie haben einen Raum kartographiert, in dem das Wort nicht l\u00e4nger Diener der Bedeutung ist, sondern ein autonomes Wesen, das in den Hallen der Akustik widerhallt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gemeinsame Arbeit von Sophie Reyer und A.J. Weigoni beruht auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft, ihre <em>Wortspielhalle<\/em> erzielt einen Schwebezustand zwischen \u00e4u\u00dferster Konkretion und symbolischer Aufladung. Ich erinnere mich an die Vorstellung, dass jedes Wort ein Spiegel ist, der ein anderes Wort reflektiert, bis der Sinn in einer unendlichen Regression verloren geht. In dieser Sprechpartitur wird die Sprache zerlegt \u2013 nicht durch Destruktion, sondern durch eine Art heiliger Geometrie des Klangs. Es ist eine Architektur aus Atemz\u00fcgen, besonders in der akustischen Umsetzung mit der Schauspielerin Marion Haberstroh. Wenn man die <span data-sfc-cp=\"\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\"><em>Wortspielhalle <\/em>mit den Arbeiten von Peter Meilchen<\/span> betrachtet, begreift man, dass hier das Sprechen selbst zum Ereignis wird, das \u00fcber die blo\u00dfe Mitteilung hinausgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren scheinen zu wissen, dass die Welt aus Sprache besteht und dass Sprache, wenn man sie nur lang genug in einer Halle einsperrt, beginnt, mit sich selbst zu spielen. Es ist ein Spiel ohne W\u00fcrfel, ein Schachzug gegen das Schweigen. Wer diese Partitur liest \u2013 oder vielmehr: wer sie bewohnt \u2013, erkennt, dass die <em>Wortspielhalle<\/em> kein Ort ist, den man betritt, sondern ein Zustand, in dem man das Echo seiner eigenen Existenz als reinen Klang vernimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Wortspielhalle<\/em> ist nicht einfach ein physischer Ort, sondern ein metaphorischer Raum, in dem Sprache sich entfaltet und die Grenzen der Kommunikation neu definiert werden. Hier treffen W\u00f6rter aufeinander, tanzen eine Choreografie aus Bedeutung und Klang und verschmelzen in einem Spiel der Assoziationen. Jeder Satz enth\u00fcllt eine Schicht von Bedeutungen, die oft im Verborgenen bleiben. Reyer und Weigoni schaffen es, diese Schichten freizulegen und einen Dialog zwischen den verschiedenen Ebenen der Sprache zu initiieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Spiel mit Worten ist nicht nur ein \u00e4sthetisches Vergn\u00fcgen, sondern eine tiefere philosophische Auseinandersetzung mit der Natur des Seins. In der <em>Wortspielhalle<\/em> wird das Wort selbst zur Hauptfigur \u2013 es wird gespalten, verwandelt und neu zusammengesetzt. Hier wird deutlich, dass Sprache nicht statisch ist, sondern sich im st\u00e4ndigen Wandel befindet. In diesem Raum wird das Unsichtbare sichtbar: die Art und Weise, wie Worte und Bedeutungen sich gegenseitig bedingen.<\/p>\n<p>Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wir sind alle nur Interpreten einer Partitur, deren Sch\u00f6pfer wir im Moment des Sprechens vergessen. Reyer und Weigoni haben uns lediglich den Schl\u00fcssel zu einer dieser Hallen \u00fcberreicht, in denen das Wort noch jung ist und die Welt noch nicht durch Definitionen erstarrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Fragment der <em>Wortspielhalle<\/em> ist Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen ist. Die Dichotomie zwischen Autor und Leser, zwischen Sch\u00f6pfer und Konsument verwischt sich, und wir sind alle Teil des Spiels. In einer Weise, die die Komplexit\u00e4t und die Faszination der Sprache feiert, l\u00e4dt die &#8222;Wortspielhalle&#8220; uns ein, die Rolle des Flaneurs zu \u00fcbernehmen, der die unendlichen M\u00f6glichkeiten der Sprache erkundet, w\u00e4hrend er gleichzeitig in einen Dialog mit den Wortsch\u00f6pfungen der Menschheit tritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Wortspielhalle<\/em> von Sophie Reyer und A.J. Weigoni ist mehr als eine Sprechpartitur \u2013 sie ist ein Raum der M\u00f6glichkeiten, ein interaktives Labyrinth von Sprache, das uns herausfordert, die Weiten der Bedeutung zu durchdringen. In der Reflexion \u00fcber diese Sprechpartitur finden wir uns in einem ewigen Spiel wieder, in dem jedes Wort ein Fenster zur Unendlichkeit \u00f6ffnet und uns in die Tiefen der menschlichen Erfahrung entf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren erschien: <strong>Wortspielhalle<\/strong>, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer &amp; A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014<\/p>\n<div id=\"attachment_98578\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98578\" class=\"wp-image-98578 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Wortspielhalle_Cover-e1645551555962.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98578\" class=\"wp-caption-text\">Cover: Fr\u00fchlingel von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Die Sprechpartitur wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sophie_Reyer\">Sophie Reyer<\/a> und A.J. Weigoni lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19038\">hier<\/a>. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen sei auch\u00a0das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Reyer und Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/19\/hoeherwertige-konfiguration\/\">h\u00f6herwertige Konfiguration<\/a> entdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/29\/zikaden-und-haeher\/\">Zikaden und H\u00e4her<\/a>n nach. <span data-offset-key=\"7ldlg-0-0\">Ein weiterer Blick beleuchtet die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/20\/erkenntnisinstrument\/\">Inventionen<\/a> von Peter Meilchen. <\/span>Ein Essay fasst das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\"><em>transmediale Projekt <\/em><\/a><em>Wortspielhalle<\/em> zusammen<em>. <\/em>Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>. Alle <em>LiteraturClips<\/em> dieses Projekts k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?author=124\">hier<\/a> abgerufen werden. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 das Leben rinnt aus uns wie Blut geben und nehmen hegen und hirnen verwegen sein wo man fr\u00fcher doch weise wahr Fehler machen denn wir wissen das Leben rinnt aus uns wie Blut \u00a0 Man k\u00f6nnte meinen, eine Partitur&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/13\/eine-entfaltung-von-sprache-und-bedeutung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":110,"featured_media":98578,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,1524,1151,52,394],"class_list":["post-36725","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-betty-davis","tag-marion-haberstroh","tag-peter-meilchen","tag-sophie-reyer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/110"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36725"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36725\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106994,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36725\/revisions\/106994"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98578"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}