{"id":36488,"date":"2011-01-15T17:00:31","date_gmt":"2011-01-15T16:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36488"},"modified":"2024-09-21T07:01:06","modified_gmt":"2024-09-21T05:01:06","slug":"am-wasser-gebaut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/15\/am-wasser-gebaut\/","title":{"rendered":"Am Wasser gebaut"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Stadt ist am Wasser gebaut. Sie liegt zwischen zwei Fl\u00fcssen, die sich treffen. Nach einem langen Weg finden sie hier zu\u2013 und ineinander, vermischen ihre Wasser, werden eins. In dieser Stadt zwischen den Fl\u00fcssen wurde ich geboren. Das ist schon eine Weile her. Seitdem hat sie sich ver\u00e4ndert. Sie wurde gr\u00f6\u00dfer, wuchs \u00fcber die Felder, die es fr\u00fcher an den Ufern gab. Auch ich bin gewachsen, ein St\u00fcck in den Himmel hinein, wie eine \u00c4hre. Mit jedem Atemzug habe ich Stadtluft erobert, mich Schritt f\u00fcr Schritt mit Stra\u00dfen und Gassen bekannt gemacht. Als ich \u00e4lter wurde, haben sich meine Wege gedehnt. \u00dcber das Wohnviertel hinaus, bis hin zu den Fl\u00fcssen. Diese werden manchmal neugierig und verlassen ihr Bett. Sie stehen auf, ganz langsam, wie nach einem langen Schlaf, \u00fcbersteigen Mauern und B\u00f6schungen. Dahinter haben sie es leicht, sich in den Stra\u00dfen zu versch\u00fctten. Dann werden aus Holzbrettern Stege gebaut, \u00fcber die Menschen gehen, und Boote schwimmen durch die Gassen. Aus den Fenstern schauen alte Menschen, warten auf Brot, Butter und Milch. K\u00f6rbe an Seilen schwingen vor Fassaden. Wenn sich die Fl\u00fcsse in meiner Stadt umsehen, haben sie es nicht leicht, wieder in ihr Bett zu finden. Sie kennen die Wege und Pl\u00e4tze nicht so wie ich. Sie sind seltener dort. Ihre Erinnerung reicht daf\u00fcr aber weiter zur\u00fcck als meine. So weit, dass sie verwirrt sind, denn meine Stadt hat sich f\u00fcr sie noch mehr ver\u00e4ndert als f\u00fcr mich. Die Fl\u00fcsse erinnern eine Zeit, in der es das Labyrinth aus H\u00e4userschluchten noch nicht gab. Damals konnten sie sich den Weg leicht merken. Heute dauert es einige Tage, bis das Wasser sich orientiert, woher es kam, wohin es geh\u00f6rt: Es geh\u00f6rt ins Bett, in das es f\u00e4llt. Wenn die Stra\u00dfen und Keller getrocknet sind, halten die Fl\u00fcsse als Wiedergutmachung ihre Ufer hin. Von dort sieht man wei\u00dfe und schwarze Schiffe auf dem Wasser schwimmen. Auf den Wei\u00dfen winken Menschen. Die Schwarzen schleppen sich m\u00fcde dahin. Sie bewegen sich langsam. So langsam, dass man selbst langsam wird. Das flatterige Blut entspannt. Langsam kommen die Schiffe an, langsam gleiten sie vor\u00fcber und langsam werden sie kleiner und verschwinden hinter der Biegung. Auf dem Wasser hat man Zeit. Am Ufer nur dann, wenn man sie mitbringt. Ich habe gerne welche in den Taschen. Sobald ich etwas Zeit gespart habe, die ich verschwenden kann, setze ich mich auf eine Bank, packe eine gute Stunde aus und lasse die Gedanken mit der Str\u00f6mung treiben. Flussabw\u00e4rts liegt die Zukunft. Dort w\u00fcrde ich gerne am Wasser bauen, weit hinter den steilen Weinh\u00e4ngen, wo Meere sich weiten. Die T\u00e4ler der beiden Fl\u00fcsse sind eng. Man st\u00f6\u00dft sich schnell den Blick an einer Felskante wund, wenn man zu den Wolken abschweift. Das Meer hat keine schroffen Kanten. Es ist weich und flach bis zum Horizont. Es begegnet mir mit Weite, damit auch ich weit werde. Dort soll mein Haus stehen, mit hohen R\u00e4umen, hohen Fenstern, hohen B\u00e4umen. Im Garten werde ich leicht, wenn ich Wellen oder Bl\u00e4tter rauschen h\u00f6re und \u00fcber das ger\u00e4umige Wasser sehe.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Stadt, auf der Bank am Ufer, ist der m\u00e4chtige Fluss meine Wasserader. Sein Str\u00f6men entf\u00fchrt mich zum Meer. Er ist breit, tr\u00e4gt Lasten auf den Schultern. Geduldig l\u00e4\u00dft er sich auch mit meinen Gedanken beladen. Sie haben auf einem der schwarzen Schiffe angeheuert und fahren stromabw\u00e4rts, weit hinunter, wo das Meer auf mich wartet. Irgendwann werde ich dort im Garten vor meinem Haus sitzen, den Wellen zuh\u00f6ren und so lange an die Fl\u00fcsse meiner Stadt denken, bis ich sie wiedersehen m\u00f6chte, um mich daran zu erinnern, woher ich komme. Dann nehme ich den Blick vom Meer, verlasse den Garten, die B\u00e4ume und fahre stromaufw\u00e4rts in die Vergangenheit. Die Bank am Ufer wartet schon. Mir ist, als h\u00e4tte ich lange geschlafen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p><strong>Heimspiel<\/strong> von Klaus Krumscheid, mit Andreas Noga<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rheintor, Linz \u2013 Anno Domini 2011<\/strong>, Edition Das Labor 2011. \u2013 Limitierte und handsignierte Auflage von 100 Exemplaren. \u2013 Dem Exemplar 1 \u2013 50 liegt ein Holzschnitt von Haimo Hieronymus bei.<\/p>\r\n<div id=\"attachment_98474\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98474\" class=\"wp-image-98474 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Rheintor-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98474\" class=\"wp-caption-text\">Rheintor, Photo: Klaus Krumscheid<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/10\/rheintor-revisited\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":19610,\"sizeSlug\":\"large\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Meine Stadt ist am Wasser gebaut. Sie liegt zwischen zwei Fl\u00fcssen, die sich treffen. Nach einem langen Weg finden sie hier zu\u2013 und ineinander, vermischen ihre Wasser, werden eins. In dieser Stadt zwischen den Fl\u00fcssen wurde ich geboren. 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