{"id":3621,"date":"2012-04-20T01:20:28","date_gmt":"2012-04-19T23:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3621"},"modified":"2018-03-09T18:57:16","modified_gmt":"2018-03-09T17:57:16","slug":"tanz-auf-der-tierhaut-lyrischer-essay-mit-verschiedenen-materialien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/20\/tanz-auf-der-tierhaut-lyrischer-essay-mit-verschiedenen-materialien\/","title":{"rendered":"Tanz auf der Tierhaut. Lyrischer Essay mit verschiedenen Materialien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Anselm Kiefer<\/strong>, ein bildenden K\u00fcnstler der von sich sagt, dass er in Bildern denkt, wobei die Gedichte ihm helfen, ist noch <strong>bis 29.5.2012 eine Ausstellung<\/strong> im Umfang von 15 Werken aus der <strong>Sammlung Essl bei Wien\/Klosterneuburg gewidmet<\/strong>. In seinen raumgreifenden Bildern und Installationen, die sich nur mosaikweise erschlie\u00dfen lassen, in der st\u00fcckweisen Ann\u00e4herung des Betrachters wie an poetische Zeilen die das R\u00e4tsel des Inhalts hinter den Worten nicht gleich offenlegen, setzt er sich mit unterschiedlichen Grundtheman auseinander. Mich hat das Werk mit dem Titel &#8220; t\u00f6nend wie des Kalbs Haut die Erde&#8220; besonders angesprochen. \u00dcber verbrannter Erde baut sich eine Berglandschaft auf, ein Stethoskop scheint den Klang der Erde nachzusp\u00fcren, der Titel ist einem Gedicht von Friedrich H\u00f6lderlin entlehnt.<\/p>\n<p>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/AK_toenend-wie-des-Kalbes-haut-die-erde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3622\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/AK_toenend-wie-des-Kalbes-haut-die-erde-300x206.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"206\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/AK_toenend-wie-des-Kalbes-haut-die-erde-300x206.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/AK_toenend-wie-des-Kalbes-haut-die-erde-1024x705.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>t\u00f6nend wie des Kalbs Haut die Erde<\/strong>, 2011<br \/>\n\u00d6l, Emulsion, Acryl, Schellack, Kohle und Blei auf Leinwand<br \/>\n380 x 560 x 14 cm<br \/>\n\u00a9 Anselm Kiefer<br \/>\nFotonachweis: Ulrich Ghezzi courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris \u00b7 Salzburg<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Kunst- und Theaterkritiker Peter Iden, der anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung als Gastredner kam, spricht in die von Anselm Kiefer dargestelltem Werk verlangte Dringlichkeit an, alle nur erdenklichen Materialien als Werkstoffe in Anspruch zu nehmen, um das Verm\u00f6gen der Kunst, selber eine Realit\u00e4t zu stiften, die von h\u00f6herem Rang ist als die Wirklichkeit die uns umgibt, auszusch\u00f6pfen. Das Freilegen von Schichten des Vergangenen versteht Kiefer in der Ausf\u00fchrung Idens zugleich als Anstrengung als auch den einzigen Weg, Zukunft zu gewinnen. Dass der K\u00fcnstler sich dabei nicht nur durch die Kunst entwickelt, sondern die Kunst durch ihn, wird sp\u00fcrbar angesichts des Sogs nach der Suche des Entstehungsprozesses am Bild\/der Installation selbst. Die Suche nach einer Antwort beim ausstellenden K\u00fcnstler \u00fcbertr\u00e4gt sich auf die eigene des Betrachters, bei mir als Betrachterin:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Tanz auf der Tierhaut<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ank\u00fcndigung. Nicht in einem Cafe mit Holztischen und Fensternischen mit Blick auf Altbauten, sondern auf einem Flachbildschirm. Die Idee. Nicht als Nachhall einer Er\u00f6rterung zur Schreibkunst, sondern da wo ich bin, aus der lokalen Position, in der Ort und Einfall sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen wie eine sich befruchtende Doppelgestalt. Die Ausf\u00fchrung: Ich durchstreife meinen Bl\u00e4tterwald f\u00fcr die fast m\u00e4rchenhaft anmutende Aufgabe, einen alten Baum zu f\u00e4llen und daraus einen nicht zu vermuteten Gewinn zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00e4uberlich aufeinander gelegt liegen sie vor mir, sie, meine unz\u00e4hligen Kinder. Sie, die in der Welt drau\u00dfen nicht Fu\u00df fassen konnten. Beschrieben sehen sie aus wie jedes andere St\u00fcck Papier. Doch diese hier sind bereits im gefragten Normseitenformat, um keine Anpassungsh\u00fcrde auszulassen, um gewiss in den Umlauf zu kommen. Gleichartig mit den anderen sein, und dennoch, dennoch einzigartig. Das ist das Kunstst\u00fcck, das sie mich Schreibversuch f\u00fcr Schreibversuch lehrten, eine Leistung, die meinen Erzeugern selbst nicht als Glanznummer in der Kinderstube gelungen ist. Die \u201eHochsprache\u201c mit der sie mich \u201egro\u00dfzogen\u201c, deren Ausdrucksweise gar nicht zu den Spielen der Kindertage passten \u2013 ausgenommen Ausz\u00e4hlverse und Kinderreime &#8211; hat mir zun\u00e4chst auf der Randzone von Au\u00dfenseitern meinen Platz zugewiesen, in der jedoch genug Raum gewesen ist f\u00fcr unz\u00e4hlige Eingebungen zum Erfinden von Geschichten. Und f\u00fcr erste Verst\u00e4ndnisse \u00fcber die Bedeutung von Sprache als T\u00fcr\u00f6ffner oder Riegel. Entgegen meinem r\u00fchrigen Bestreben, meinen Textspr\u00f6sslingen Form und Inhalt mit auf den Weg zu geben die aufeinander bezogen sind, sodass Rahmen und Stoff einander nicht umgebungsfremd absto\u00dfen, schreit mir jede hier grausam zu: Was hast du mir mitgegeben auf dem Weg. Warum komme ich nicht an?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht war es ja ein zu gro\u00dfer Blick auf die Voraussetzungen die erf\u00fcllt werden m\u00fcssen, ein Zuviel an vorauseilender Umsicht und Vorsicht, wie Kuchen und Wein als Wegzehrung in fast jedem M\u00e4rchen f\u00fcr die zun\u00e4chst scheiternden Helden, um keinen Hunger und Durst leisten zu m\u00fcssen, ja \u00fcberhaupt erst nicht in die N\u00e4he von Mangel zu kommen. Ich schalte das Ohr aus, das f\u00fcr den Empfang von Vorw\u00fcrfen zust\u00e4ndig ist, und streiche zu meiner Beruhigung \u00fcber den anderen Sto\u00df auf meinem Schreibtisch. Dort strecken die erfolgreichen lyrischen Abk\u00f6mmlinge meines schriftstellerischen Fleisches frech ihre Zungen hinaus. Lesezeichen aus Anthologien, Literaturzeitschriften und Kulturmagazinen von Gedichten und einer experimentellen, aber noch einsamen Kurzgeschichte, die sich fast fremdelnd zwischen sie zu schmiegen scheint. Ich denke mir, dass f\u00fcr Texte die ein Ganzes sind der Moment kommt, wo sie ein selbst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, abgesetzt von meinem textenden K\u00f6rper und zu Textk\u00f6rper werden wie abgenabelte, unabh\u00e4ngiger gewordene Kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00e4mtliche Ratschl\u00e4ge auf diesem Weg dorthin muten mir im Nachhinein mehr als Schl\u00e4ge denn als Rat an, auch f\u00fcr mein kreatives Ego. Anders kann ich den ungleichen Transfer nicht erkl\u00e4ren, der mittels der beiden Stapel vor mir sichtbar wird, ebenso wie in der Umkehr der Anzahl der gelesenen B\u00fccher in Prosa, die bei weitem die der lyrischen Exemplare \u00fcbertrifft. Ich w\u00fcrge und sp\u00fcre in der Enge des Halses einen Widerstand, diese Erw\u00e4gung hinunterzuschlucken. Ein kurzer Hustenreiz erl\u00f6st mich von dieser Absicht. Ein Griff in den Einkaufskorb, der als Ablage f\u00fcr angelesene B\u00fccher neben den von B\u00fcchert\u00fcrmen verbauten Schreibtisch herhalten muss. Obenauf Celan\u2019s Gesammelte Gedichte. Umgeknickte Seitenecken hindern mich am freien Bl\u00e4ttern. Ein Ruck, ein Halt, eine gekennzeichnete Stelle sticht mir farbgrell ins Auge: \u201eLies nicht mehr- schau!\/ Schau nicht mehr \u2013 geh! \/\/ Geh, deine Stunde \/ hat keine Schwestern, du bist &#8211; \/ bist zuhaus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich stehe auf. Ich gehe. Zum Sofa. In kleinen Schritten. R\u00fcckw\u00e4rts. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gesamtgedicht entstammt dem Abschnitt des Bandes \u201eSprachgitter\u201c, in der das Bem\u00fchen Celans um die Gewinnung einer individuellen, dem Moment verhafteten kreat\u00fcrlichen Sprache sich mir repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit der Sprache anbot. Ein Entwurf des nur im Sprechen \u2013 in der Sprache \u2013 existierenden Dichters, der die Muttersprache aus seinen leidvollen Erfahrungen heraus zu seinem Wohn-Raum erkl\u00e4rte. Das Buch von einem f\u00f6rderlichen Autor empfohlen, dessen These, dass Schriftsteller, die in der Sprache schreiben und nicht nur mit der Sprache, bei ihren Lesern und Leserinnen auch anders ankommen. Die Frage nach der G\u00fcltigkeit der Behauptung wird zur Versuchung \u2013 zum Versuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich bette das Buch. In meinen Scho\u00df. Ein Nest. Gedankenvoll nestle ich entlang der papierenen Wohnstatt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuhause meines Weltbildes k\u00f6nnen Menschen sowohl im realen Leben als auch lesehandelnd in Bewegung, in Ber\u00fchrung kommen, in einem Gef\u00fchlszustand sein. In der linearen Handlung der gesprochenen oder geschriebenen Sprache laufen Worte jedoch unseren Erfahrungen und M\u00f6glichkeiten nach. Erlebnisse werden nicht gleichzeitig verbalisiert, sondern in der Erinnerungsspur. Selbst auftauchende Bilder die sich als komplexe Gebilde anbieten, m\u00fcssen in Einzelf\u00e4den der Erz\u00e4hlung zerlegt und zu neuem Erz\u00e4hlgarn versponnen werden. Von dieser allgemeing\u00fcltigen Erfahrung ausgehend, scheint eine \u201eIn der Sprache sein\u201c &#8211; Konstellation schwer vorstellbar. In dieser Stillstand-Situation greife ich zum paradoxen Trick, eine Gegenprobe zu machen und die Frage zu stellen, was es denn hei\u00dft mit der Sprache zu sein. Zwei Personen erscheinen da vor meinem inneren Auge: die Sprache und die Person, die mit ihr ist. Sie geh\u00f6ren trotz jeweils eigener Identit\u00e4t verbindlich und partnerschaftlich zusammen. Das n\u00e4chste Bild das sich fast nat\u00fcrlich daraus ergibt, ist das passende Gegenbild, in der die eine Peron in der anderen ist \u2013 gleichsam in der personifizierten Sprache. Dort, an einem verstandesm\u00e4\u00dfig schwer zug\u00e4nglichen Ort, erscheint sie geborgen. Schon aus der Vielschichtigkeit der beiden vorgestellten Bilder wird mir &#8211; wieder einmal &#8211; ersichtlich, dass die deutsche Sprache, um sie in ihren Zusammensetzungen, Facetten und in ihren Tiefen auszusch\u00f6pfen, eines anderen Zuganges als des ausschlie\u00dflich wissenschaftlichen oder literarischen oder psychologischen Standpunktes bedarf. Auch f\u00fcr mich halte ich es reflexiv notwendig, mich immer wieder von den Doppel- und Mehrdeutigkeiten von Worten und Begriffen anleiten, bei der Hand nehmen und in R\u00e4ume f\u00fchren lassen, die nicht nur jenseits des \u201eVerworteten\u201c beheimatet sind, sondern \u00fcberhaupt in Spielr\u00e4ume vorzudringen, die zun\u00e4chst \u201eundenkbar\u201c also eigentlich unvorstellbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die dunklen Buchstaben auf dem hell gehaltenen Buchumschlag. Handschriftliches des Dichters. Sie zerlegen sich. Es demontiert sich. Etwas. Manches. Immer mehr flimmernde Einzelteilchen tauchen auf, stieben auseinander. Zu einem unlesbaren Brei. T\u00f6pfchen koch\u2019. T\u00f6pfchen steh\u2019. Ich gerate in einen gedankenfreien Durchschlupf. Undeutlich und verhei\u00dfungsvoll wie das Fremde, noch Unentdeckte aus Kindertagen, sp\u00fcrt es sich an. Es bittet um einige Bissen Verpflegung. Ich gehe. Zur\u00fcck. An den Schreibtisch und lege das Buch in den Korb. Dieses geflochtene Beh\u00e4ltnis, wieder ganz voll. Ich st\u00fctze mein angef\u00fclltes Haupt, lehne die Stirn an meine H\u00e4nde. Die Lust auf das Neue. Ein Greifen, ein Begreifen, zuerst nur \u00e4u\u00dferlich wie an meiner Sch\u00e4deldecke um mich dann immer tiefer einzuw\u00fchlen wie in mein dichtes Haar.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Geschwisterpaar Vernunft und Verstand. Ihre Arbeitseinstellung hat dem Unbekannten, das aus dem Geh\u00f6lz der sch\u00f6pferischen Tiefe aufgetaucht war, den Wunsch an der Teilhabe an den Ressourcen, an gen\u00fcgend vorhandener Wegzehrung, abgeschlagen. Die beiden wiesen es mit Unfreundlichkeit zur\u00fcck, die sich niederschlug ins eigene Bein das ein Fortschreiten, eine Entwicklung von Figuren verunm\u00f6glichte, die einfuhr in die Hand, welche die Handlungen wie zu einer unl\u00f6sbaren, weil abgehackten Aufgabe werden lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich sp\u00fcre, wie sich vor meinen Augen etwas\u00a0 vollzieht, <\/em>eine Verwandlung wie in einem M\u00e4rchen<em>. <\/em>Ich unterbreche mein Zwiegespr\u00e4ch mit mir. Ein Blatt Papier. Es hat sich aus der erdr\u00fcckenden Lage zwischen den B\u00fcchern ein wenig hervorgeschoben. Ich nehme es auf, in meine H\u00e4nde, taste mich vorw\u00e4rts auf dem fast unleserlichen Notizzettel. Und entziffere m\u00fchsam, silbenweise:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache von SchriftstellerInnen und DichterInnen, die Leser und LeserInnen ber\u00fchren, ansprechen und ein St\u00fcck weit in einem Erkenntnisprozess mitnehmen und begleiten, ist eine, die in diesem f\u00fcr uns Menschen so wichtigen Spielraum verankert ist. Sie ist \u00e4hnlich der Kindersprache, die zu gewissen Zeiten Worte tats\u00e4chlich wie konkrete Objekte behandelt und \u00fcber die Ebene des Fleisches hinaus, \u00fcber sinnlich-konkrete Erfahrungen als kennzeichnende Kommunikation, l\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da spricht etwas meine neugierige Seele an, da ber\u00fchrt verschiedenes mein literarisches Gem\u00fct. Ich erinnere mich eines kleinen Taschenbuches einer Autorin, die ich im Literaturhaus pers\u00f6nlich kennen gelernt habe, eine recht bodenst\u00e4ndig wirkende Frau, die mit Leichtigkeit, Humor und erfrischend originell schreibt. Mit Hilfe ihrer Erz\u00e4hlung Fleisch an die Rippen der Notizzeilen setzen. F\u00fcr diese \u00dcberlegungen lasse ich den Plot des Prosabandes in meinem Kopfkino vorbeiziehen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schriftsetzer namens Heinz Gr\u00fcnebaum, ein Mann der von Berufs wegen mit der Sprache zu tun hat, setzt taktil Buchstaben zu W\u00f6rter und S\u00e4tzen. Als Protagonist in Katja Lange-M\u00fcllers \u201eDie Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Prosbichs Druckerei\u201c kommt er auf die Idee, \u201eWei\u00dfe W\u00f6rter\u201c zu kreieren, Aussparungen in den Zeilenabst\u00e4nden mit der Feile f\u00fcr seine Zwecke zu bearbeiten. Die Strukturen zwischen den W\u00f6rtern und Zeichen steuert er im Handsatz so, dass sich Formen ergeben, die er sich w\u00fcnscht, sich vorstellt. Der Mann arbeitet recht konkret mit Sprache und geht anfangs ebenso gegenst\u00e4ndlich in die Sprache hinein, zun\u00e4chst in deren Wortzwischenr\u00e4ume. Er nennt es in besagter Geschichte sein &#8222;Ventil\u201c, um seinen Affekten Ausdruck zu verschaffen. So wird ein Schriftsetzer zum Schriftsteller, dessen Not erfinderisch gemacht hat, die, wie jede Bedr\u00e4ngnis einen Weg findet, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Denkraum, der mich in sich h\u00e4lt, ein Beh\u00e4lter. Klar spulen sich meine Ideen von einer Rolle ab, deren Kurbel ich nicht zum Stoppen bringe. Mich hingeben in den Prozess, aufgehen darin, das Denken und Schreiben vernetzen, ich f\u00fchle mich in einen milchigtr\u00fcben Zustand versetzt. Die S\u00e4tze gesetzter, Schritt f\u00fcr Schritt, eine Hochstimmung dennoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier scheint eine Schnittstelle zu sein. Sich versenken wie ein argloser Dummling, der zwar als solcher behandelt, sich dennoch nicht um die Einw\u00fcrfe anderer k\u00fcmmert. Vertrauensvoll im Leben stehen und entsprechend zuversichtlich in Kontakt mit sich und hilfreichen Gestalten bleibend, kommen die Elemente aus den Pr\u00fcfungsaufgaben einem dabei zu Hilfe, um aus einer Situation auszubrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Spitze der Feder birst ab. Die Schw\u00e4rze der Schreibspur unterbrochen, die sich flie\u00dfend ihr Bett in die Schichten des Pergaments gegraben hat. Ich suche. Nach meinem Federvorrat. Fieberhaft st\u00f6bere ich in der Schreibtischlade. Die Suche, sie erinnert mich an die Jagd nach manchem richtigem Wort, heftig schiebe ich die erste Lade zu, \u00f6ffne die zweite, die dritte, die vierte. Im Arbeitsrausch, im Ausf\u00fchrungswunsch, fast suchtartig. Ich bin in einer Aufgabe. Doch bin ich auch in der Sprache? Die urspr\u00fcngliche Frage l\u00e4sst mich aufblicken und nach dem n\u00e4chsten Buch greifen das auf einem der Lekt\u00fcret\u00fcrme seit Monaten den Abschlussstein bildet, ein Gedichtband des Wiener Lyrikers Robert Schindel. \u201eWundwurzel\u201c. Verlangsamt in meiner Untersuchung erfasst mich die Ahnung wohin Sucht, wie auch die Wortsucht eine ist , anstatt der Wortsuche, hinf\u00fchrt. So schreibt der Autor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchlie\u00dflich muss ich in der Sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Sprache losgehen, einzelne<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00f6rter aufschneiden, daweil mir das Blut<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gefriert, herausnehmen den Kristall<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Wort, eben den Unumst\u00f6\u00dflichen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unangenehm ists ins Wort zu gehen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anstatt ins Wirtshaus [&#8230;]\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier agiert ein mich gleichzeitig absto\u00dfender und anziehender Protagonist des Gedichtes &#8211; ein lyrisches Ich das sich von den anderen wehm\u00fctigen, hilflosen und ohnm\u00e4chtigen des Gedichtzyklus des Bandes abhebt &#8211; die notwendige Trennungsaggression ziemlich blutr\u00fcnstig, also auf einer archaischen Ebene aus. Jeder zu engen Bindung, wie das in einer Symbiose der Fall ist, wohnt diese nat\u00fcrliche Abgrenzungskraft zur Weiterentwicklung inne. So kann es auch der Sprache passieren, die sich wie eine bergende, nicht loslassende H\u00f6hle mit einem Daueraufenthaltsangebot anbietet. Der Dummling aus Grimms M\u00e4rchen \u201eDie goldene Gans\u201c verlie\u00df nicht nur sein Elternhaus \u2013 also anders als die heutigen \u201eBerufsjugendlichen\u201c im \u201eHotel Mama\u201c &#8211; er bricht aus einer ihm zugewiesenen Situation aus um etwas zu schaffen, was den Geschwistern nicht gegl\u00fcckt ist. Er legt die Wurzeln des Baumes frei, den er gef\u00e4llt hat. Und dort ist auch der Schatz, das Getier mit den begehrlich goldenen Federn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Blick. Ein Erblicken. Eine Ansichtskarte. Blauer Hintergrund, etliche schwarze Linien die verschiedenen Blauabstufungen Raum geben. Spielr\u00e4ume. Versuchsr\u00e4umlichkeiten. \u201eAus der D\u00e4mmerung\u201c, eine Erl\u00e4uterung auf der R\u00fcckseite. Sie streift mich. Von drau\u00dfen kriecht das Halbdunkel in mein Zimmer und wird vom Licht der Schreibtischlampe abgebremst. Ein kleines Sein unter erhellendem Schein. Das Bild ist von Paul Klee, einem Tagebuch f\u00fchrenden bildenden K\u00fcnstler. Er schreibt \u00fcber das gegl\u00fcckte Ende seines Ringens. Als er endlich in die Farbsprache der Malerei eingedrungen war, protokolliert er: &#8222;Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht mehr zu haschen. Sie hat mich f\u00fcr immer. Das ist der gl\u00fccklichsten Stunde Sinn: Ich und die Farben sind eins. Ich bin Maler.&#8220; Da dr\u00e4ngt sich mir im Zusammenhang mit der Verbalsprache eine Analogie auf. So k\u00f6nnte auch ein Schreibender sagen:\u00a0 Das Spiel der Worte hat mich. Ich brauche nicht mehr nach Worten zu haschen. Ich und die Sprache sind eins. Ich bin Dichter, ich bin Schriftsteller,&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Zeilen. Ich gebe sie mir etliche Male. Sanft murmelnd. Wild hallend. Zum Schluss nur mehr in selbstredenden Gedankenbildern, deren Choreografie zu Papier gebracht werden will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie ist alles noch in Schwebe. Wassertropfen klopfen auf Terrassenpl\u00e4tze, und Nebelschwaden zerfetzen wie Papierschnipsel. Ich habe Gl\u00fcck im netten Dazwischen, das sich noch nicht festzulegen scheint. Gelingen anspielende Gegen\u00fcberstellungen von Wahrem und Erfundenem auch au\u00dferhalb von schwarzwei\u00dfen Bl\u00e4ttern? Die Wirklichkeit ist nicht definierbar. Sie macht sich aber erkennbar. Ich stelle mir vor, dass ich bin, also bin ich. Ich klicke auf Bearbeiten. Alles markieren lautet der Arbeitsauftrag. Und: Gehe zu. [\u00dcberschrift] Irgendwie ist alles noch in Schwebe. Mein Name sei Goldgans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Geschriebene<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lese alles nochmals durch und gehe vertrauensselig in den Text. Der Rhythmus folgt mir, ebenso wie die Zwischent\u00f6ne, die Einf\u00e4rbungen des Geschehens. Die Szenenbilder h\u00e4ngen sich an, der Klang der Gef\u00fchle l\u00e4sst nicht mehr los, desgleichen die Sinneswahrnehmungen genauso wie die Spannung die sich als Gang auf gestrafften Seilen erprobt, die im neuen Raum im Grunde noch keinen Halt haben. Und doch h\u00e4lt sie am Text fest so wie die Grenzen, die das Papier vorgibt. Sie waren ihrer nun sieben die dem Dummling in mir vertrauten, dass die gierigen Seiten des Lebens, die am Wegrand Bettelnden und vorwurfsvoll Schreienden, auch ihren Teil bekommen. In der Sprache. Die vielen m\u00f6glichen Ausstiegsstellen, die dementsprechenden theoretische Orte im Leseprozess die den Leser herausholen aus dem \u00fcbrigen Kontext, gleichsam der unl\u00f6sbaren Aufgabenstellungen des abwehrenden K\u00f6nigs, verm\u00f6gen zu wiederholten Einsteigstellen werden, die anregen, selber Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen, die einladen das Risiko einzugehen, selbst Teil eines Ganzen zu werden das mit der Klebkraft der Gans und allem was da so dran h\u00e4ngt und nach sich zieht, am Ende uns hat und nicht umgekehrt. Das nennt sich Hoch-Zeit feiern, wie die K\u00f6nigstochter und der Dummling im erg\u00e4nzenden Widerspruch unserer Doppelgestalten, \u00e4hnlich der beiden Textstapel die nun geeinigt zueinander stehen. Der alte Baum ist zu Boden gegangen, die Wurzeln liegen offen. Eine Ank\u00fcndigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/211565_100002288536258_437662645_n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-6962\" title=\"211565_100002288536258_437662645_n\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/211565_100002288536258_437662645_n-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>JuSophie Kerschbaumer, geboren in Wien wo sie auch lebt. Schreibt schon l\u00e4nger, Traumtageb\u00fccher, Lyrik und Prosa, Ver\u00f6ffentlichungen seit Februar 2011 in div. Zeitschriften und Anthologien (wie Reibeisen, Driesch, DRUM, Maulkorb, u.a.) sowie zwei wissenschaftliche Arbeiten im Zusammenhang von Bild- und Wortentwicklung, (Metaphern- und Bildanalysen). als Diplomarbeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anselm Kiefer, ein bildenden K\u00fcnstler der von sich sagt, dass er in Bildern denkt, wobei die Gedichte ihm helfen, ist noch bis 29.5.2012 eine Ausstellung im Umfang von 15 Werken aus der Sammlung Essl bei Wien\/Klosterneuburg gewidmet. In seinen raumgreifenden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/20\/tanz-auf-der-tierhaut-lyrischer-essay-mit-verschiedenen-materialien\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[369,469],"class_list":["post-3621","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-anselm-kiefer","tag-ju-sophie-kerschbaumer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3621"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3621\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3621"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3621"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}