{"id":35983,"date":"2017-03-17T00:01:23","date_gmt":"2017-03-16T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35983"},"modified":"2022-04-02T09:43:50","modified_gmt":"2022-04-02T07:43:50","slug":"trost-in-der-niemandslaendischen-sprachheimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/17\/trost-in-der-niemandslaendischen-sprachheimat\/","title":{"rendered":"Trost in der niemandsl\u00e4ndischen Sprachheimat"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der aus dem Iran stammende Schriftsteller, Lyriker und Literaturwissenschaftler, seit 1983 in Deutschland lebend, entwickelt in seinen Erz\u00e4hlungen und Gedichten den spezifische Blickwinkel eines Ausl\u00e4nders, der bei der Begegnung mit anderen Heimatvertriebenen wie auch mit Deutschen den geduldigen und oft auch erstaunten Dialogpartner spielt. Geduldig, weil sein Ich-Erz\u00e4hler in \u201eIch bin ein Ausl\u00e4nder und das ist auch gut so\u201c das Gespr\u00e4ch mit \u00e4lteren deutschen Zeitgenossen in den U-Bahnen von Hamburg und Berlin sucht. Sein Motiv? Er wird immer wieder nach seiner Herkunft und seiner Nationalit\u00e4t gefragt. Grund genug, um die geografischen Kenntnisse seiner Gespr\u00e4chspartner zu \u00fcberpr\u00fcfen und ihnen ab und zu auch aus lauter Spa\u00df eine andere Identit\u00e4t vorzugaukeln. Ein Spiel, in dem er nicht nur viel \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Deutschen \u00fcber die \u201eZugereisten\u201c erf\u00e4hrt, sondern auch beobachtet, wie die anderen Ausl\u00e4nder sich gegen\u00fcber ihren \u201eGastgebern\u201c verhalten und von welchen Eindr\u00fccken sie sich gegen\u00fcber ihrem \u201eGastland\u201c leiten lassen. Wie intensiv und tiefenschichtig die Beobachtungen des Ich-Erz\u00e4hlers sind, verdeutlicht die Erz\u00e4hlpassage \u201eHeiratsantrag in der U-Bahn Linie 3\u201c. Er nimmt eine schlafende Frau in den Drei\u00dfigern wahr, beschreibt ihre im Traum versunkenen sch\u00f6nen Gesichtsz\u00fcge, die sich j\u00e4h beim Aufwachen ver\u00e4ndern, ja sogar \u201enicht mehr sch\u00f6n oder erotisch wie im Schlaf\u201c sind. Und schon nach der zweiten Station \u00e4ndert sich die Situation, der Erz\u00e4hler steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die eben aufgewachte Nadine, die auf Deutsch mit einer Maryam plaudert, die am Eppendorfer Baum zugestiegen ist. Und in diesem Gespr\u00e4ch geht es um das Verh\u00e4ltnis von Weiblichkeit zu M\u00e4nnlichkeit \u2013 im Iran, aus dem Maryam gerade zur\u00fcckgekehrt ist, und in Deutschland. Es sind spannende Wahrnehmungen \u00fcber die im Iran von m\u00e4nnlichen Blicken bel\u00e4stigte Frau, die im \u201ek\u00fchlen\u201c Deutschland so etwas vermisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Gespr\u00e4che verfolgt der Leser auch zwischen den anderen vier Stationen. Ehedramen, materielle Not und seelisches Leid, geh\u00e4ssige Urteile \u00fcber die \u201eAnderen\u201c, auch vonseiten der Ausl\u00e4nder, reihen sich nahtlos aneinander. Doch der Erz\u00e4hler beobachte nicht nur, er mischt sich auch ein, macht sich lustig \u00fcber die Versuche von irgendwelchen deutschen Besserwissern, ihm etwas \u201everst\u00e4ndlich\u201c machen wollen. Und die sich dann wundern, wenn der \u201ebl\u00f6de Ausl\u00e4nder\u201c sie mit wohlgeformten deutschsprachigen S\u00e4tzen ins Bockshorn jagt. So wie ein mittdrei\u00dfigj\u00e4hriger\u00a0 L\u00fcmmel, der sein Liebesdrama lauthals per Handy abwickelt und sich dann noch beschwert, dass er von einem Ausl\u00e4nder auf den Arm genommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wie kompliziert der Alltag eines alleinstehenden Ausl\u00e4nders abl\u00e4uft, wenn er unverhofft zu einem Festakt mit Krawattenzwang eingeladen wird, beschreibt die komische Episode von einem, der auszog, sein Missgeschick zu besiegen. Der Dozent kauft sich eine Krawatte zu diesem Anlass, muss jedoch feststellen, dass er das feierliche Schmuckst\u00fcck nicht binden kann. Auf der verzweifelten Suche nach jemanden, der ihm einen Krawattenknoten binden k\u00f6nnte, passieren ihm die verr\u00fccktesten Missgeschicke. Eine Kurzgeschichte, in der das Groteske das Tragisch-Komische \u00fcberw\u00e4ltigt und die Absurdit\u00e4t menschlicher Existenzweisen thematisiert wird. Zugleich greift sie die schicksalhafte Existenz eines Fl\u00fcchtlings auf, der auf der Suche nach Geborgenheit in immer neue Zwangssituationen ger\u00e4t, ein geduldeter, oft auch anerkannter Emigrant, der stets mit der Frage konfrontiert wird: Woher kommst du?, ohne eine Antwort geben zu k\u00f6nnen, weil er nach vielen Jahren als Ausl\u00e4nder nur noch in einer Art Zwischenexistenz lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mahmood Falaki hat seine langj\u00e4hrige Emigrationszeit mit zahlreichen literarischen und wissenschaftlichen Publikationen angereichert. In diesem Zeitraum hat er in seiner Poetik eine besondere psychomentale und \u00e4sthetische Haltung entwickelt.\u00a0 Sie zeichnet sich in seinem Gedichtband \u201eKlang aus Ferne und Felsen\u201c (2008 und 2013) in bestimmten Passagen ab. \u201eIch wurde wieder wie ein Kind:\/ Nur auf den Fl\u00fcgeln der Erinnerung \/ flieht man vor der Fremdheit.\u201c (S. 39) Und welch intensives, warmherziges Verh\u00e4ltnis der Dichter Falaki, der auch eine hochspannende wissenschaftliche Abhandlung \u00fcber Goethe und Hafis an der Germanistischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t in Hamburg verteidigt hat, zu dem auf Hamburger G\u00e4nsemarkt als Denkmal verehrten Gotthold Ephraim Lessing hat, beweist sein Gedicht \u201eDichter sind Fremde\u201c: \u2026. \/ Am G\u00e4nsemarkt \/ sitzt Lessing , \/ die Finger im Buch versenkt \/ sein Buch mit Wort-Tropfen gef\u00fcllt: \/ Kein Regenschirm sch\u00fctzt seinen Kopf \/ Dichter werden \/ zu Statuen \/ oder Wort los \/ \u2026\u201c (S. 43).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass radikal schaffende Dichter in ihren Vaterl\u00e4ndern und ihren Muttersprachen immer wieder als Fremde verp\u00f6nt werden, ist Bestandteil zahlreicher nationaler Literaturgeschichten geworden, dass aber ein zwangsexilierter Dichter in einer niemandsl\u00e4ndischen Sprache denkt und schreibt, geh\u00f6rt zu den bittersten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Mahmood Falakis Zw\u00f6lf-Zeilen-Traktat \u00fcber diese von niemandem gesprochene Sprache wirkt auf mich wie eine Ersch\u00fctterung, deren Auswirkung sicherlich nur individuell nachvollzogen werden kann: \u201eIch bin ein Wort \/ das seinen Satz verlor. \/ Seit meiner Geburt bin ich ein Reisender, \/ der immer in niemandsl\u00e4ndischer Sprache \/ gelandet ist. \/ Ich bin ein Wort \/ das seinen Satz verlor; \/ ein paradigmatisches Wesen \/ das sein Syntagma sucht. \/ Ich bin ein Signifikant \/ ohne Signifi\u00e9.\u201c (S. 44)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem lautlichen Bedeutungstr\u00e4ger, der seine Bedeutung verlor, sp\u00fcrt Marietta Armena in ihren Grafiken nach. Im Zeichengewirr tauchen markante K\u00f6pfe und verwischte Silhouetten auf, manchmal auch in sich versunkene K\u00f6rper. Ihre Blicke sind beinahe erloschen, wenn es nicht da und dort ein Aufb\u00e4umen gegen die Sprache, gegen den von ihr transportierten Wahnsinn gebe. Was bleibt ist mehr als ein Klang aus Ferne und Felsen, der Tr\u00e4ume vom anderen Leben wachruft. Es sind vielmehr die Spruchgedichte, die \u00fcbrigens manchmal an \u00fcppig geformte Haikus erinnern, in denen die Tr\u00e4ume in der Realit\u00e4t das zum Schweigen verurteilte dichterische Wort wachrufen. Also doch noch ein Trost in der niemandsl\u00e4ndischen Sprachheimat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ich bin Ausl\u00e4nder und das ist auch gut so<\/b>. Kurzgeschichten von Mahmood Falaki. Bremen (Sujet Verlag) 2016.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Klang aus Ferne und Felsen<\/b>. Lyrik von Mahmood Falaki. Grafiken Marietta Armena. Bremen (Sujet Verlag) 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Klang-aus-Ferne-und-Felsen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89420 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Klang-aus-Ferne-und-Felsen-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Klang-aus-Ferne-und-Felsen-186x300.jpg 186w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Klang-aus-Ferne-und-Felsen-160x258.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Klang-aus-Ferne-und-Felsen.jpg 260w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der aus dem Iran stammende Schriftsteller, Lyriker und Literaturwissenschaftler, seit 1983 in Deutschland lebend, entwickelt in seinen Erz\u00e4hlungen und Gedichten den spezifische Blickwinkel eines Ausl\u00e4nders, der bei der Begegnung mit anderen Heimatvertriebenen wie auch mit Deutschen den geduldigen und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/17\/trost-in-der-niemandslaendischen-sprachheimat\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1923,1158],"class_list":["post-35983","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-mahmood-falaki","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102507,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983\/revisions\/102507"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}