{"id":35974,"date":"2017-02-16T00:01:02","date_gmt":"2017-02-15T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35974"},"modified":"2022-04-02T09:54:17","modified_gmt":"2022-04-02T07:54:17","slug":"artenbedrohte-tiere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/16\/artenbedrohte-tiere\/","title":{"rendered":"Artenbedrohte Tiere"},"content":{"rendered":"<p><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der seit 1838 mitten in Amsterdam existierende k\u00f6nigliche Tierpark Artis ist mit \u00fcber 7000 Tieren ein beliebter Ausflugsort f\u00fcr In- und Ausl\u00e4nder geworden. In dem vorliegenden Roman handelt es sich um den Amsterdamer Privatzoo <i>Artis<\/i>, der sich dringend finanziell und infrastrukturell sanieren muss. Diese Aufgabe hat sich der neue Zoodirektor Edo Morell mit einem Masterplan gestellt. Er hat vor zwei Jahren sein Amt angetreten und versucht seine k\u00fchnen Umgestaltungspl\u00e4ne dem Verwaltungsrat des Zoologischen Gartens schmackhaft zu machen. Vorgestellt wird er in der Funktion eines Ich-Erz\u00e4hlers, der seine besonderen Qualit\u00e4ten dem Leser anpreist. Er ist ein selbstbewusster, fachlich kompetenter und durchsetzungsf\u00e4higer Routinier, der sich in vier Bereichen besonders gut auskennt: der finanziell abgesicherten Umsetzung von Pl\u00e4nen, der vielseitigen Werbung f\u00fcr eine moderne und attraktive Tierpr\u00e4sentation, im Management eines mittelgro\u00dfen Betriebs mit sehr gemischtem Personal und in der Bewertung des Sozialverhaltens der ihm anvertrauten Tiere. Diese Eigenschaften sind umso notwendiger, weil er vor allem seine Reformen gegen einen Verwaltungsbeirat mit einem mehrheitlichen Rentneranteil durchsetzen muss. In Frank Rida, Mitglied dieses Verwaltungsbeirats, einem betagten Kunsthistoriker, findet er einen weitsichtigen Unterst\u00fctzer seiner ehrgeizigen Pl\u00e4ne. Sie beziehen sich auch auf die Vermehrung des schmalen Bestands an afrikanischen Nash\u00f6rnern. Zu diesem Zweck engagiert er die s\u00fcdafrikanische Nashorn-Spezialistin Sahria Maran f\u00fcr die Aufzucht dieser immer seltener werdender Tierart, die vor allem in den Savannen Afrikas einer t\u00f6dlichen Bedrohung ausgesetzt ist: den Wilderern, die im Auftrag von mafi\u00f6sen Gesch\u00e4ftsleuten die H\u00f6rner der Breit- und Spitznash\u00f6rner von den toten Tierk\u00f6rpern abs\u00e4gen, die H\u00f6rner so schnell wie m\u00f6glich meist nach China oder Vietnam transportieren lassen, wo sie f\u00fcr Libibo st\u00e4rkende Hormonpr\u00e4parate verarbeitet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die narrative Struktur des Romans zeichnet sich durch geschickt gew\u00e4hlte Schachz\u00fcge aus, die dem Plot eine wachsende Spannung\u00a0 verleihen. In verschiedenen R\u00fcckblenden werden die drei wichtigsten Protagonisten nicht nur vorgestellt. Ihre Ich-Erz\u00e4hler-Positionen vermittelt auch ein hohes Ma\u00df an Authentizit\u00e4t, das dem Leser die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umt, nicht nur deren jeweils eigene Wahrnehmung von der Zukunft des Tierparks zu erfassen, sondern auch eine wechselseitige Bewertung der beiden wesentlichen Handlungstr\u00e4ger, Edo und Sahria, vorzunehmen. Dar\u00fcber hinaus f\u00fcgt der Autor im Kapitel III die Aufzeichnungen eines Tonbandes in den Handlungsstrang ein. Es ist die Stimme des Vaters von Sahria, der kurz vor seinem Tod seine lebenslangen Begegnungen mit frei lebenden Tieren in einem 100.000 Hektar umfassenden Naturschutzpark, \u00fcber die erste Begegnung mit seiner sp\u00e4teren Ehefrau, einer niederl\u00e4ndischen Tiersch\u00fctzerin, und \u00fcber die Brutalit\u00e4t der Wilderer, erz\u00e4hlt. Diese Aufzeichnungen, in denen der Vater auch \u00fcber die Ermordung von Sahrias Ehemann durch eine Wilderer-Bande und die Verwundung seiner Tochter Sahrias bei diesem \u00dcberfall berichtet, dienen gleichsam als archetypisches Gegenmodell zur Tierwelt in einem Zoologischen Garten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in diesem nach einem Masterplan umgestalteten Zoo <i>Artis <\/i>laufen sensationelle und tragische Ereignisse ab. Der Nashornbulle Albrecht schwebt zwecks Befruchtung von Ursula mit einem Hubschrauber aus dem Tierpark in Berlin kommend unter riesigem Presserummel ein. Wie spektakul\u00e4r dieses Ereignis ist, verdeutlicht die folgende Passage. Albrecht, von seinen Fesseln befreit, erwacht, und ist noch halb bet\u00e4ubt von einem Narkosemittel: \u201eAlbrecht steht, sein Kopf wackelt. Kerzengerade steht er da wie ein Basaltblock, steifbeinig und mit vertr\u00e4umten Blick.\u201c (S. 102) Dieser stilistisch abgewogenen Darstellung der Landung im Zoo folgt Tage sp\u00e4ter die naturalistische Beschreibung des Befruchtungsaktes, in dem Albrecht seine auserw\u00e4hlte Nashorndame Ursula mit viel M\u00fche schw\u00e4ngert. Doch dann setzen dramatische Ungl\u00fccksf\u00e4lle ein. Wilderer erschie\u00dfen Ursula in einer Regennacht auf dem Gel\u00e4nde des Tierparks und berauben sie ihrer H\u00f6rner. Die zweite Nashorndame Angela, die bereits von Albrecht geschw\u00e4ngert wurde, siecht an einer Geb\u00e4rmutterzyste dahin. Das gesamte werbetr\u00e4chtige Umgestaltungsprogramm von <i>Artis<\/i> ist damit in Gefahr. Sahria, eben noch\u00a0 in Edo verliebt, erkennt nun in ihrem Geliebten einen skrupellosen Tier-Manager, der selbst Albrecht auf eine gigantische zoologische Zirkusshow durch die Welt schicken will, um die schwindenden Einnahmen seines Tierbetriebs zu kompensieren. Das Desaster nimmt seinen Lauf. W\u00e4hrend Sahria, w\u00fctend \u00fcber die \u00fcblen Vermarktungsstrategien ihres einst bewunderten Liebhabers und Zoo-Direktors nach S\u00fcdafrika zur\u00fcckkehrt, inszeniert Edo seine gro\u00dfe Show, auf der Albrecht mit gro\u00dfem Tamtam &#8211; selbst niederl\u00e4ndische Regierungsmitglieder sind erschienen &#8211; auf die Reise in alle gro\u00dfen europ\u00e4ischen Tierg\u00e4rten geschickt werden soll. Doch die Show platzt, weil eine Gruppe von Tiersch\u00fctzern dem Spektakel ein Ende bereiten will. Das sensationsgeile Publikum wird stattdessen mit einem Kinofilm \u00fcber Nash\u00f6rner abgelenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lodewijk van Oord, Jg. 1977, hat mit seinem lustigen und zugleich problembeladenen Roman einen weltweit brisanten Konflikt zwischen internationalen Tierschutzvereinen und Zoologischen G\u00e4rten aufgegriffen. K\u00f6nnen artenbedrohte Tiere aus Afrika und Asien, wo sie von mafi\u00f6sen Wilderern abgeschlachtet werden, in europ\u00e4ischen Tierparks \u00fcberleben, in denen finanztr\u00e4chtige Arterhaltungsprogramme zugleich von kapitalgesteuerten Strategien begleitet werden? Gibt es angesichts ihres drohenden Scheiterns dennoch Auswege?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89417 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-640x1024.jpg 640w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-768x1228.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-961x1536.jpg 961w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-560x895.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-260x416.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Nashorn.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Das letzte Nashorn. <\/b>Roman. von Lodewijk van Oord.\u00a0Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Christian Burkhardt. M\u00fcnchen (Knaus) 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Der seit 1838 mitten in Amsterdam existierende k\u00f6nigliche Tierpark Artis ist mit \u00fcber 7000 Tieren ein beliebter Ausflugsort f\u00fcr In- und Ausl\u00e4nder geworden. 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