{"id":35971,"date":"2017-01-26T00:01:15","date_gmt":"2017-01-25T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35971"},"modified":"2022-04-02T10:27:40","modified_gmt":"2022-04-02T08:27:40","slug":"fremde-kulturraeume-beschreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/01\/26\/fremde-kulturraeume-beschreiben\/","title":{"rendered":"Fremde Kulturr\u00e4ume beschreiben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den \u00dcberschriften der rund f\u00fcnfzig Essays, die der 1968 im masurischen Bartoszyce geborene und seit 1985 im nieders\u00e4chsischen Verden lebende Artur Becker in verschiedenen \u00fcberregionalen Zeitungen ver\u00f6ffentlicht hat, taucht der Begriff \u201aKosmopolen\u2018 nur einmal auf: \u201eDas Fahrtenbuch eines Kosmopolen aus Hausach\u201c. Dort bescheinigt der Essayist dem 1961 im Schwarzwald geborenen Jose F.A. Oliver, dessen Eltern aus Andalusien stammen, er sei ein Musterkosmopole, einer, der keine Schwierigkeiten habe, \u201efremde Kulturr\u00e4ume zu beschreiben, zu betreten und zu bestaunen.\u201c (S. 246) Und Artur Becker, ein Romancier, Dichter und Feuilletonist, der sich nach \u00fcber zwanzig Jahren in der literarischen \u00d6ffentlichkeit Deutschlands und Polens eine hohe Anerkennung verschafft hat? Er erweitert das Begriffsfeld \u201aKosmopole\u2018, eine Sch\u00f6pfung des polnischen Exil-Schriftstellers Andrzej Bobkowski. Statt an der in der polnischen Literaturwissenschaft g\u00e4ngigen Vorstellung vom tragischen Schicksal des in der Fremde dahinvegetierenden Intellektuellen festzuhalten, renoviert er den bis zu Beginn der 1990er Jahre g\u00e4ngigen Begriff. Nicht nur die im Exil weltber\u00fchmt gewordenen Schriftsteller Czes\u0142aw Mi\u0142o\u015b\u0107, Gustaw Herling-Grudzi\u0144ski oder Witold Gombrowicz k\u00f6nnten diesen ehrenvollen Titel tragen, so Becker, sondern auch alle im europ\u00e4ischen transkulturellen Raum schaffenden Literaten. Darunter auch zahlreiche deutsche Schriftsteller\/innen, die in ihren B\u00fcchern sowieso auf der Suche nach einem neuen Zuhause seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem neuen Zuhause unterwegs\u00a0 war auch Artur Becker im Fr\u00fchjahr 1985, immer in steter Erinnerung an seine literarischen Vorbilder: Zbigniew Herbert, Joseph Conrad, Czes\u0142aw Mi\u0142osz und viele andere, die schon in seiner Jugend im masurischen St\u00e4dtchen Bartoszyce zu seinen Leitfiguren wurden. Deshalb steht auch das zweite Kapitel seiner Essaysammlung unter dem Stichwort \u201eIm Geistland\u201c. Es enth\u00e4lt die geistigen Orientierungslinien, in denen sich die Grundz\u00fcge eines Weltbildes abzeichnen, das eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher religi\u00f6ser und philosophischer Vorstellungen, lebenspragmatischer Einstellungen und privater Bekenntnisse mit \u00f6ffentlicher Relevanz enth\u00e4lt. Sie zeichnen sich bereits im Vorspann zu diesem Kapitel ab: \u201eIm Zug durch Deutschland\u201c. In diesem Zug sei ihm 1985 bewusst geworden, dass er ein Kind Europas ist. Und w\u00e4hrend er durch die damalige DDR fuhr, auf dem Weg zu seinen Eltern in Verden, die bereits seit einem Jahr dort wohnten, wanderten seine Gedanken st\u00e4ndig zwischen Polen und Deutschland hin und her. Auf diese Weise schufen sie, auch mithilfe sp\u00e4ter gewonnener Einsichten und Erkenntnisse, die Umrisse des mythischen Lands \u201aKosmopolen\u2018. Dort tr\u00e4fe man, so Becker, nicht nur die heimatlosen Dichter und Philosophen, auch die Naiven und Ahnungslosen, \u201edie meinen, ihre ethische Aufrichtigkeit werde sie vor jeder denkbaren Gefahr besch\u00fctzen.\u201c. Und leider begegne man dort auch Kreaturen, die f\u00fcr sich \u201ekeinen Platz in der Welt finden k\u00f6nnen, obwohl sie intuitiv sp\u00fcren, dass es irgendwo einen heilenden Heimatort f\u00fcr ihre verzweifelten Seelen geben muss.\u201c (S. 25)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass dieses Kosmopolen auch ein gef\u00e4hrliches Land sei, wo man sich vor der Welt verstecken k\u00f6nne, habe er in seinem idyllischen Geburtsort Bartoszyce, an den masurischen Seen noch nicht versp\u00fcrt. Erst als er sp\u00e4ter die Botschaft von Stanislaw Vincenz (1888- 1971), einem nach 1945 im deutschen und franz\u00f6sischen Exil wirkenden polnischen Schriftsteller und Philosophen, begriffen habe, sei ihm klar geworden, dass sein Herz in Polen, sein Intellekt in Europa und sein K\u00f6rper der Mutter Erde geh\u00f6re. So ausgestattet mit einer weltlichen und mythischen Trinit\u00e4t musste er sich nach seiner Emigration in mehrfacher Hinsicht im kapitalistischem Westen freischwimmen: in der deutschen Sprache, in seinen ersten Gedichten, die er sich anf\u00e4nglich noch aus dem Polnischen ins Deutsche \u00fcbersetzen lie\u00df, in der vielschichtigen deutschen Sprachphilosophie und in der literarischen \u00d6ffentlichkeit, die er mit seinem Roman \u201eDer Dadajsee\u201c betrat und in dem er seine zuk\u00fcnftigen Topoi entdeckte. Zwischen dem polnischen mythischen Brachland mit katholischen und sozialistischen Idyllen, seinen vielschichtigen famili\u00e4ren polnisch-deutschen Verbindungen und der Entdeckung der deutschen Kulturlandschaft wartete eine radikale Aufgabe auf ihn, die er nicht nur in den Orten am polnischen-deutschen Kreuzweg zu bew\u00e4ltigen hatte. Auch auf anderen europ\u00e4ischen Schaupl\u00e4tzen, wo er sein schriftstellerisches und poetisches Handwerk erlernte, sammelte er Erfahrungen, die den Kern seines reiferen Schaffens bildeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ergebnis dieser komprimierten poetologischen Erkenntnisse sind die Essays aus den Abschnitten IV und V, die dem Schaffen seiner dichterischen Vorbilder und Zeitgenossen wie deren literaturphilosophischen Einsichten gewidmet sind. Dabei f\u00e4llt auf, dass er nicht nur seinen vielen osteurop\u00e4ischen Vorbildern, sondern auch jenen in Westeuropa und den USA lebenden Philosophen und Dichtern huldigt, deren Werke auch sein dialektisch geschultes kosmopolnisches Weltbild bereichert haben. Besonders zu erw\u00e4hnen sind hier die seit Jahrzehnten in Paris und Neapel wirkenden polnischen Exilschriftsteller Jerzy Giedroyc (1906-2000) und Gustav Herling-Grudzi\u0144ski (1919-2000), deren flexible bzw. unnachgiebige Haltung gegen\u00fcber den kommunistischen Machthabern Becker als Anschauungsunterricht f\u00fcr die Bewertung der polnischen Nach-Wende-Politik und als Lehrst\u00fcck f\u00fcr seinen pers\u00f6nlichen Umgang mit erlebter Geschichte dient. In solchen Essays wie \u201eIm Zug durch Polen\u201c und \u201eVon der Spaltung der Polen\u201c offenbart nicht nur der Essayist seine politische Flexibilit\u00e4t im Umgang mit Geschichte, sie flie\u00dft auch in sein belletristisches Schaffen ein, in dem seine Figuren nicht nur unter der schicksalhaften und tragischen Geschichte leiden, sondern auch deren komische und groteske Wesensmerkmale mit polnischer Gelassenheit ertragen. Davon zeugen nicht nur seine Romane, in denen sich immer mehr eine barocke Fabulierlust abzeichnet. Doch damit nicht genug. Seine Essays beschreiben \u2013 unter Absicherung von Zeugenaussagen seiner Verwandtschaft &#8211; auch die realen Abl\u00e4ufe der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Sie sensibilisieren damit seine Leser auch f\u00fcr die aktuellen Diskussionen in Deutschland um die Fl\u00fcchtlinge aus dem Vorderen Orient oder um den drohenden Zerfall der EU. Ist Artur Becker mit den feuilletonistischen Betrachtungen eines Zeitgenossen nun Zuhause angelangt? Im Gespr\u00e4ch mit Axel Helbig, Redakteur der Kunst- und Literaturzeitschrift \u201eOstragehege\u201c, bezeichnet er sich als einen auf polnischen Fundamenten gereiften Dichter, der in Deutschland sein intellektuelles R\u00fcstzeug erwarb, um nach dem Vorbild von Czes\u0142aw Mi\u0142osz, der an der polnisch-litauischen Grenze aufwuchs, seinen Weg in das kosmopolnische Europa zu gehen. Dass er sein schriftstellerisches Zuhause im norddeutschen Verden fand, ist ein Gl\u00fccksfall nicht nur f\u00fcr die deutsche literarische \u00d6ffentlichkeit sondern auch f\u00fcr die polnisch-deutsche Beziehungsgeschichte nach 1990 geworden. Seine offenm\u00fcndigen und offenherzigen Reflexionen \u00fcber eine leidvolle und oft missverstandene Geschichte der \u201eWiedergutmachung\u201c spiegeln sich in vielen seiner Essays wider. Sie sind vor allem jenen Lesern zu empfehlen sind, die sich nicht nur eine kritische Aufarbeitung polnisch-deutscher Nachkriegsgeschichte w\u00fcnschen, sondern etwas \u00fcber dieses Kosmopolen wissen wollen, von dem Artur Becker so engagiert und kritisch, da und dort auch ironisch erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Kosmopolen<\/strong>. Auf der Suche nach einem europ\u00e4ischen Zuhause. Essays von Artur Becker. Frankfurt (Weissbooks) 2016<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Kosmopolen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89414 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Kosmopolen-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Kosmopolen-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Kosmopolen-160x243.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Kosmopolen.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In den \u00dcberschriften der rund f\u00fcnfzig Essays, die der 1968 im masurischen Bartoszyce geborene und seit 1985 im nieders\u00e4chsischen Verden lebende Artur Becker in verschiedenen \u00fcberregionalen Zeitungen ver\u00f6ffentlicht hat, taucht der Begriff \u201aKosmopolen\u2018 nur einmal auf: \u201eDas Fahrtenbuch eines&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/01\/26\/fremde-kulturraeume-beschreiben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1920,1158],"class_list":["post-35971","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-artur-becker","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35971"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35971\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102509,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35971\/revisions\/102509"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}