{"id":3583,"date":"2012-04-19T01:14:08","date_gmt":"2012-04-18T23:14:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3583"},"modified":"2012-06-26T10:24:29","modified_gmt":"2012-06-26T08:24:29","slug":"alte-an-die-macht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/19\/alte-an-die-macht\/","title":{"rendered":"Alte an die Macht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/DSC00596.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3586 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/DSC00596-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/DSC00596-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/DSC00596-837x1024.jpg 837w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/a>Mancher meiner in die Jahre gekommenen Altersgenossen glaubt nur deswegen in unertr\u00e4glichen Zeiten zu leben, weil er sich und seine Hilf- und Tatenlosigkeit kaum ertragen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekanntlich ist es einfacher, eigenes Missbefinden \u2013 wie etwa Einsamkeit \u2013. von sich weg auf die Verh\u00e4ltnisse zu schieben. Zum Beispiel auf Computer- und Internetausw\u00fcchse, die f\u00fchlbare pers\u00f6nliche Kontakte und echte zwischenmenschliche Kommunikation verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und diese E-Books \u2013 nat\u00fcrlich wieder mal Denglisch \u2013 die sich nicht einmal mehr wie Papier anf\u00fchlen. Doch die Papierbuch-Bestseller richten sich ausnahmlos nach Verkaufszahlen und kaum noch nach dem schriftstellerischen K\u00f6nnen der Autoren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder, dass es keine tiefgr\u00fcndige Literatur mehr gibt und der Nachwuchs allm\u00e4hlich verbl\u00f6det. Niveauverlust all\u00fcberall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seichte Comedians verbreiten im Fernsehen geistlose Albernheiten. F\u00fcr geistvolle Kabarettisten, die es zu H\u00fcschs Zeiten noch allenthalben gab, interessieren sich allenfalls noch ergraute Theater-Besucher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die allgemeine Moral auf peinlich tiefem Niveau<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Begeisterung k\u00f6nnte ich mich all diesen Klagen anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und diese allgemeine Morallosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es h\u00f6chst erfreulich, dass ein Mitsenior zum deutschen Bundespr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde. \u00a0Der wei\u00df noch, was Moral \u00fcberhaupt bedeutet und wie er B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern und korruptionsanf\u00e4lligen Politikern ins Gewissen reden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin sind wir Alte die st\u00e4rkste W\u00e4hlergruppe und allereifrigste Wahlg\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wissen noch, was (Wahl-)Pflicht bedeutet. Wenn es uns nicht g\u00e4be, w\u00e4re die wahre Demokratie l\u00e4ngst untergegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Grund also, alles nur hilflos zu erleiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Bev\u00f6lkerungsgruppe ist dank Kindermangel und fortschrittlicher Medizin auf Wachstumskurs. Wir schaffen Arbeitspl\u00e4tze in Krankenh\u00e4usern, Pflegeheimen, bei Pflegediensten sowie den Herstellern von Medikamenten und Prothesen jeglicher Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tourismus w\u00e4re au\u00dferhalb der \u00fcblichen Saison ohne uns bei weitem kein so bl\u00fchendes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn uns die mediterrane Hitze zu schaffen macht, unterst\u00fctzen wir nach besten (von Jahr zu Jahr altersschw\u00e4cheren) Kr\u00e4ften \u00a0die Wirtschaft verschuldeter Staaten rund um das Mittelmeer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das, obwohl die k\u00fchleren Urlaubsregionen in Deutschland auch gern von unseren Renten, Pensionen und Ersparnissen Gebrauch machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Alte m\u00f6gen T\u00fcrken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Thailand lassen sich m\u00e4nnliche Altersgenossen beweisen, dass auch j\u00fcngere Frauen ihrem m\u00e4nnlichen Reiz unterliegen. Auch wir Gockel im Rentenalter haben noch unseren eitlen Stolz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da soll noch einmal jemand behaupten, unter \u00e4lteren Menschen w\u00e4re Ausl\u00e4nderfeindlichkeit besonders verbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenteil wir m\u00f6gen T\u00fcrken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zuletzt auch, weil besonders junge Muselmanen noch das Alter zu ehren wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neulich stand in der Stra\u00dfenbahn sogar einer f\u00fcr mich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War mir zwar eher unangenehm, denn obwohl ich es im R\u00fccken habe, kann ich noch ganz gut stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind halt die kulturellen Unterschiede zwischen t\u00fcrkischer Altenverehrung und deutscher Jungseniorenmentalit\u00e4t. Doch wir sind tolerant. Immerhin meinte der junge Mann es gut mit mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn Alte im Arzt-Wartezimmer sich gern gegenseitig ihr k\u00f6rperliches Leid klagen, geht es uns Senioren gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar l\u00e4sst die geistige und k\u00f6rperliche Beweglichkeit nach und der Tod r\u00fcckt unweigerlich n\u00e4her, aber sonst\u2026 .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Am liebsten noch jung und trotzig<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut, wir haben ein paar \u00c4ngste, die wir in jungen Jahren kaum kannten. Vor St\u00fcrzen, vor Demenz, vor Diebstahl und Gewalt und vor allem davor, nicht mehr mit den allgemeinen Entwicklungen und deren Geschwindigkeit mithalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider wollen j\u00fcngere Zeitgenossen mit unseren Erfahrungen nicht mehr viel anfangen. Erfahrungen sind eben l\u00e4stig und behindern Innovationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder will eigene Fehler machen und nicht von Fehlern alternder Fremder und Bekannter lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den durch allgemeinen Stress geplagten und von burn-out bedrohten Jungen und Mittelalten t\u00e4te Entschleunigung zwar gut, aber Unternehmen und Banken, vom Wachstums- und Geschwindigkeitswahn gesteuert, stehen der zunehmenden Langsamkeit im Alter entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am liebsten w\u00e4re ich auch noch jung und trotzig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings gelten heutige karriereorientierte Sch\u00fcler und Studenten weitgehend als brav und angepasst, wir Alte hingegen als stur und wenig belehrbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re nicht gerade Sturheit gegen\u00fcber der \u00dcbermacht\u00a0 von\u00a0 Bankern, Unternehmern und Wachstumsideologen besonders angesagt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: Alte an die Macht\u2026! Oder?<\/p>\n<p><em>Karl Feldkamp (68)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mancher meiner in die Jahre gekommenen Altersgenossen glaubt nur deswegen in unertr\u00e4glichen Zeiten zu leben, weil er sich und seine Hilf- und Tatenlosigkeit kaum ertragen kann. 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