{"id":3568,"date":"2003-04-30T00:01:00","date_gmt":"2003-04-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3568"},"modified":"2022-06-06T13:55:42","modified_gmt":"2022-06-06T11:55:42","slug":"wild-horses-could-not-drag-me-away","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/30\/wild-horses-could-not-drag-me-away\/","title":{"rendered":"Wild Horses Could Not Drag Me Away"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-3610\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover3.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover3.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover3-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der mit gebrochenen F\u00fc\u00dfen in die L\u00fcfte steigt, die ihm jedwede Landung verwehren. Heutzutage scheint Literatur der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin-de-si\u00e8cle-belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden bzw. existentiellen Werkzeuge zum Ausdruck bringt. Diese Autoren wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschw\u00f6ren. Die alten Fragen der Literatur bleiben erhalten, wie etwa die nach dem Geschlechterverh\u00e4ltnis oder dem Rest Unerkl\u00e4rlichem, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht. Deshalb sollte sich die neue Literatur nicht frontal gegen die Religionen stellen. Aber sie mu\u00df die sogar bei Atheisten bislang unzureichend ausgebildete Anschauung st\u00e4rken, da\u00df Moral und Ethik keineswegs nur \u00fcber religi\u00f6se \u00dcberzeugungen funktionsf\u00e4hig werden. Es geht um eine Erweiterung des literarisches Feldes.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Hinterland<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit den 1990ern und vest\u00e4rkt in den Jahren nach 2000 erscheinen regelm\u00e4\u00dfig lebendige, originelle Lyriktitel in seit 2005 mit dem Label \u203aHinterland\u2039 versehenen l\u00e4ndlichen Gegenden\u00a0\u2212 der in Sistig\/Eifel beheimateten Edition YE, dem im rheinl\u00e4ndischen Weilerswist agierenden Verlag Ralf Liebe, dem Verlag Peter Engstler aus Ostheim\/Rh\u00f6n oder der im bayerischen Marklkofen angesiedelten Silver Horse Edition. Ihre Lyrik beschreibt einen Nicht-Stillstand. Diese Dichter versuchen mit der elementaren Geste des Schreibenden, die Sprache anzusto\u00dfen, in Schwingung zu versetzen, in Bewegung zu bringen; sie als Material zu verwenden, oder vielmehr als eigenst\u00e4ndigen K\u00f6rper, und sie zu vertwisten, zu Bockspr\u00fcngen und drolligen Saturnalien anzuheizen, anzureizen. In der Bandbreite dieser Publikationen zeigt sich, wie der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben wurde. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in gro\u00dfer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich die Dichtung aus dem Hinterland bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erz\u00e4hl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengeb\u00e4rende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitss\u00e4ttigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die \u00fcberrascht, vor den Kopf st\u00f6\u00dft, verf\u00fchrt. Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Diese Innitiativen bringen sie zum Leuchten. Ob Peripherie Zentrum oder Zentrum Peripherie ist, entscheiden die interessierten Leserinnen und Leser mit jedem neuen Gedichtband neu.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Relativ<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Lyrik \u203aschwierig\u2039? Als ein Genre, welches enger als jede andere literarische Gattung an Klang und Rhythmus von Sprache gebunden sind, sind Gedichte f\u00fcr den Laien bisweilen schwer zu be\/greifen. Wirtschaftlich betrachtet, ist Lyrik sowieso glatter Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Und so haben Lyrikeditoren wie Peter Ettl es schwer und leicht zugleich: \u00bbEs ist halt alles relativ\u00ab, wie es in \u00d6don von Horvaths St\u00fcck \u00bbItalienische Nacht\u00ab immer wieder hei\u00dft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Frage, ob man als Herausgeber von Lyrik-Anthologien ein Masochist sein mu\u00df, antwortet Axel Kutsch:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Im Prinzip nicht. Aber es bleibt kaum aus, da\u00df man im Laufe einer langj\u00e4hrigen Herausgebert\u00e4tigkeit zum Masochisten wird. Es spricht sich schnell in Deutschland herum, wenn irgendwo seri\u00f6se Anthologien ediert werden, also Sammelb\u00e4nde, bei denen die Autorinnen und Autoren sich nicht finanziell zu beteiligen brauchen und ebensowenig zu Mindestabnahmen gen\u00f6tigt werden. Und dann hagelt es schon bald Gedichte. Manche Einsender schicken wenige Texte, andere 40 bis 50, obwohl in einer Anthologie bestenfalls ein paar Beitr\u00e4ge pro Autor ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen. Es ist dann auch haufenweise lyrischer Schrott darunter, f\u00fcr dessen Lekt\u00fcre man eigentlich Schmerzensgeld erhalten m\u00fc\u00dftet. Aber als engagierter Herausgeber liest man alles bis zur letzten Zeile, \u00e4rgert sich, da\u00df so viele Dilettanten sich offenbar f\u00fcr Dichter halten und legt den Kram ad acta: nicht verwendungsf\u00e4hig. Ja, so wird man allm\u00e4hlich zum Lyrikmasochisten, in den Augen der Dilettanten wohl eher zum Sadisten, weil man von ihnen nicht mal einen Dreizeiler ver\u00f6ffentlicht. Allerdings bleiben immer genug annehmbare bis hervorragende neue Gedichte auch weniger bekannter Verfasser \u00fcbrig, mit denen man Jahr f\u00fcr Jahr lesenswerte und niveauvolle Anthologien f\u00fcllen kann. Da kommt Entdeckerfreude auf, die f\u00fcr den vielen Schrott entsch\u00e4digt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Silver Horse Edition<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Silver Horse Edition pr\u00e4sentiert Peter Ettl so unterschiedliche Lyriker wie Michael Arenz, Maximilian Zander, Michael Hillen, Andreas Noga, Gerd Sonntag, Marianne Gla\u00dfer, Christa Wisskirchen, Frank Milautzcki, J\u00fcrgen V\u00f6lkert-Marten, Axel Kutsch oder Theo Breuer. Die gro\u00dfe Gabe von Theo Breuer, die ich in dessen Gedichtb\u00e4nden \u00bbNacht im Kreuz\u00ab und \u00bbWortlos\u00ab erlebe, ist es, das, was ich lese, wie soeben geschehen aussehen zu lassen. Immer wieder gibt es diese Momente in seinen Gedichten \u2212 Szenen, die sich im Ged\u00e4chtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind \u2013 eine Art Triumph des Gedichts. Der Strippenzieher aus dem Hinterland \u00fcber seine Zusammenarbeit mit dem Herausgeber Peter Ettl:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Als Peter Ettl 2006 mit dem Vorschlag an mich herantrat, einen Gedichtband in seiner neuen Lyrikreihe herauszugeben, reagierte ich zun\u00e4chst abwartend. Ich hatte gerade die Herausgabe der Monographie \u00bbAus dem Hinterland. Lyrik nach 2000\u00ab hinter mir, und mir war \u00fcberhaupt nicht nach einem weiteren Buch. Ich bat um Bedenkzeit und schlug Axel Kutsch vor, bei dessen Band \u00bbStille Nacht nur bis acht\u00ab ich das Lektorat \u00fcbernahm. Das war gleichsam Initialz\u00fcndung sowohl f\u00fcr meinen Band als auch die seitdem immer intensiver gewordene Zusammenarbeit, die 2009 in einen zweiten Band von mir in der Reihe m\u00fcndete und die ich nicht mehr missen m\u00f6chte. Peter Ettl ist ein gef\u00fchlvoller und zuverl\u00e4ssiger Herausgeber, in dessen katzenumsprungener Silver Horse Edition ich mich sauwohl f\u00fchle, zumal die Lyrikreihe von Band zu Band an Format und Profil gewinnt.<\/em><\/p>\r\n<div style=\"text-align: right;\">\u00a0<\/div>\r\n<div style=\"text-align: right;\">\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen eigenen Gedichten verbindet Peter Ettl sich Genauigkeit der Beobachtung und Kunstfertigkeit. \u00dcppig angelegte Weltentw\u00fcrfe spart aus, seine Arbeit mit Vers und Satz ist zuweilen filigran und hart zu gleich, als wollte die Kunst gegen die Bedeutung ank\u00e4mpfen, die das Wort im Gebrauch angenommen hat. Es ist Sprachrettung, die hier betrieben wird. Ein Blick in den Band\u00a0<em>Gleitfl\u00fcge zwischen den Gezeiten<\/em> zeigt, da\u00df Peter Ettl mit wenigen Strichen literarische Bilder entwirft, von der Einsamkeit, der Aufl\u00f6sung des Individuums, vom Brachliegen aller erworbenen F\u00e4higkeiten, von der Sehnsucht nach einem anderen Leben, aber auch vom Lebenswillen. Es ergeben sich lapidare Kontraste, gemischt mit Redensarten, Slang, Anspielungen und Zitaten aus M\u00e4rchen und Kirchenliedern. Die sogenannte Provinz ist keine literarische terra incognita, kein wei\u00dfer Fleck in den Atlanten der Lyrik mehr. Die fragilste der literarischen Formen gilt gemeinhin als deren teuerste, und dies im doppelten Sinn: Die Randst\u00e4ndigkeit der Lyrik abseits des \u00f6konomischen Gewinns steht in direkter Proportion zu der hohen symbolischen Wertsch\u00e4tzung, mit welcher man sie bedenkt. Lyrik scheint ein Gut zu sein, das zugleich sein eigener Marktpromoter ist. Wenn es gutgeht, schafft sich Lyrik eine Gesellschaft, die bereit ist, sie am Leben zu erhalten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong data-rich-text-format-boundary=\"true\">Traumtrabanten<\/strong>. Gesammelte Gedichte von Peter Ettl, Silver Horse Edition 2003<\/p>\r\n<\/div>\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"220\" height=\"315\" class=\"wp-image-64081\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Traumtrabanten_Cover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Traumtrabanten_Cover.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Traumtrabanten_Cover-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Traumtrabanten_Cover-160x229.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der mit gebrochenen F\u00fc\u00dfen in die L\u00fcfte steigt, die ihm jedwede Landung verwehren. 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