{"id":3510,"date":"2012-04-17T15:47:26","date_gmt":"2012-04-17T13:47:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3510"},"modified":"2012-04-17T19:47:44","modified_gmt":"2012-04-17T17:47:44","slug":"der-geburtstag-meiner-russischlehrerin-oder-die-vase-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/17\/der-geburtstag-meiner-russischlehrerin-oder-die-vase-bleibt\/","title":{"rendered":"Der Geburtstag meiner Russischlehrerin oder Die Vase bleibt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<strong>Die Dimensionen von St. Petersburg<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/vase1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-3526\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/vase1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"400\" \/><\/a>Ich war in St. Petersburg auf der Sprachenschule. Ich hatte eine nette Unterkunft bei einer Gastfamilie in einem dieser vorgelagerten Stadtteile, die nur aus Hochh\u00e4usern bestehen, vorgelagert wie das Meer, aber das Meer war noch weiter drau\u00dfen bzw. fra\u00df sich in die Stadt, in Form der Newa. Wer sich eine Vorstellung von den russischen Dimensionen machen will, dem sei gesagt, dass ich bei meiner Ankunft in dieser Stadt die Fontanka (einen kleinen Seitenarm der Newa) f\u00fcr die Newa hielt, und als ich dann die Newa sah, dachte ich, ich sei am Meer!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was mich in diese Stadt trieb, war die Liebe zur russischen Literatur, aber ich war keine gute Sch\u00fclerin, genauer gesagt hatte ich Schwierigkeiten mit dem Erlernen von Vokabeln; allerdings hatte ich ein Faible f\u00fcr das Funktionieren der Sprache, also deren Grammatik. Anstatt aber meine Hausaufgaben zu machen, trieb ich mich halbe Tage mit einem Notizbuch in der Stadt herum. Zum Gl\u00fcck musste sich niemand dar\u00fcber \u00e4rgern \u2212 ich hatte mir die Kosten der Reise selbst zusammengespart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Der verschlafene Russischunterricht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von Tolstoi, Dostojewski und Nabokov hatte ich ALLES gelesen, nicht wenig von Lermontov, Bunin, Jerofejew (beiden), Marienhof und Sorokin, und nun hatte ich die Lyriker und Dramatiker noch gar nicht mitgerechnet &#8230; Im Unterricht tr\u00e4umte ich vor mich hin; so kam es dann zu Szenen wie dieser: Einer in unserer Klasse war ein wahrer Frauenheld, und Nina, die Lehrerin, fragte ihn, mit wie vielen Frauen er pro Woche ausgehen w\u00fcrde. Dann bot sie ihm einen Pakt an: Sie sei der Teufel, und er k\u00f6nne jedes M\u00e4dchen bekommen, wenn er einmal nur mit ihr ausgehen w\u00fcrde. Ich platzte heraus: Das erinnere mich an eine Erz\u00e4hlung von Bulgakov. Und wurde sofort bezischelt: Das h\u00e4tte sie doch gerade gesagt, und jetzt \u00fcbten sie den Dialog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die anderen aus der Klasse hielten mich eh f\u00fcr sonderbar, ich telefonierte nicht jeden Abend nach Hause, weil ich kein Heimweh hatte, ich hatte auch keine Sehnsucht nach einem Geliebten, weil ich die ganze Stadt liebte, mich interessierten keine Shopping-Touren, weil ich kein Geld hatte, und ich sah merkw\u00fcrdig aus, weil ich, aus Unkenntnis der Wetterlage (Oktober am finnischen Meerbusen) nur einen dicken Pulli mitgenommen hatte, und den zog ich gar nicht mehr aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein ber\u00fchmtes Gedicht von Puschkin<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eines Tages lud mich Nina zu ihrem Geburtstag ein. Ich wusste gleich ein Geschenk: Blumen (sie mussten wei\u00df sein) und der Versuch eines eigenen russischen Gedichts. (Es war zwar vermutlich recht unbeholfen, aber man w\u00fcrde dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch kommen.) An der T\u00fcr bekam ich gleich Pantoffeln angeboten, ausgelatschte, die mir viel zu klein waren. Es waren ihre Schwester mit Sohn, ihre Mutter, zwei Freundinnen da. Ebenso wie in meiner Gastfamilie fehlte auch hier der Mann, und auf die Frage, wo er denn sei, dieses herrliche Wort &#8222;kudanibud&#8220; \/ &#8222;irgendwo(hin)&#8220;. &#8222;Die Liebe kommt, die Liebe geht; aber man will sie immer haben.&#8220; Unser Thema war sofort die Liebe; und die Kunst. Nina erz\u00e4hlte davon, wie 8 M\u00e4nner sie gemalt h\u00e4tten, auf einer Insel; anschlie\u00dfend sei sie ins Wasser gesprungen. Ich zitierte Puschkin, den selbst ich auswendig lernen konnte, weil er so rhythmisch war:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u042f \u0412\u0430\u0441 \u043b\u044e\u0431\u0438\u043b: \u043b\u044e\u0431\u043e\u0432\u044c \u0435\u0449\u0435, \u0431\u044b\u0442\u044c \u043c\u043e\u0436\u0435\u0442,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u0412 \u0434\u0443\u0448\u0435 \u043c\u043e\u0435\u0439 \u0443\u0433\u0430\u0441\u043b\u0430 \u043d\u0435 \u0441\u043e\u0432\u0441\u0435\u043c;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nina und ihre Mutter beendeten im Wechsel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u041d\u043e \u043f\u0443\u0441\u0442\u044c \u043e\u043d\u0430 \u0412\u0430\u0441 \u0431\u043e\u043b\u044c\u0448\u0435 \u043d\u0435 \u0442\u0440\u0435\u0432\u043e\u0436\u0438\u0442;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u042f \u043d\u0435 \u0445\u043e\u0447\u0443 \u043f\u0435\u0447\u0430\u043b\u0438\u0442\u044c \u0412\u0430\u0441 \u043d\u0438\u0447\u0435\u043c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u042f \u0412\u0430\u0441 \u043b\u044e\u0431\u0438\u043b \u0431\u0435\u0437\u043c\u043e\u043b\u0432\u043d\u043e , \u0431\u0435\u0437\u043d\u0430\u0434\u0435\u0436\u043d\u043e ,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u0422\u043e \u0440\u043e\u0431\u043e\u0441\u0442\u044c\u044e , \u0442\u043e \u0440\u0435\u0432\u043d\u043e\u0441\u0442\u044c\u044e \u0442\u043e\u043c\u0438\u043c ;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u042f \u0412\u0430\u0441 \u043b\u044e\u0431\u0438\u043b \u0442\u0430\u043a \u043f\u043b\u0430\u043c\u0435\u043d\u043d\u043e , \u0442\u0430\u043a \u043d\u0435\u0436\u043d\u043e,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\">\u041a\u0430\u043a \u0434\u0430\u0439 \u0432\u0430\u043c \u0431\u043e\u0433 \u043b\u044e\u0431\u0438\u043c\u043e\u0439 \u0431\u044b\u0442\u044c \u0434\u0440\u0443\u0433\u0438\u043c .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Merkw\u00fcrdige \u00dcbersetzungen und eine Vase<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Gedicht, das ich ihr mitgebracht hatte, handelt vom Regen. Und weil der Regen im Russischen geht und nicht wie im Deutschen f\u00e4llt und ich darauf meine lyrischen Betrachtungen aufbaue, haderten wir schon im ersten Absatz mit dem Sinn einer \u00dcbersetzung. Allm\u00e4hlich sollte jetzt aber gegessen werden. &#8222;Kuschatje!&#8220;, forderte Nina uns auf. Es gab viel Fettiges und S\u00fc\u00dfes, (T\u00f6rtchen!), ohne das der harte russische Alltag nicht zu ertragen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als ich wieder auf der Stra\u00dfe war, musste ich an die merkw\u00fcrdigen \u00dcbersetzungen denken, die es von Puschkins Gedicht gab, die versuchten, den Rhythmus und die Melodie nachzuahmen, ohne auf die Sprache zu achten, ich meine: die Grammatik. Meiner Meinung nach lebte das Gedicht in erster Linie von den grammatischen Bez\u00fcgen, der Rest war Beiwerk und nat\u00fcrlich genial, weils trotzdem reimt (andereseits ein Muss in der romantischen Zeit, 1829 ist das Gedicht entstanden). Es gibt nur ein Nomen (au\u00dfer dem Ich): die Liebe. Und die wird gleich in der ersten Zeile erw\u00e4hnt. Und sie ist auch die einzige Aktive. Alles Folgende sind Differenzierungen dieses Gef\u00fchls in Bezug auf die Person, die geliebt wird, ein Besingen. Und die wird nicht mit &#8222;du&#8220; sondern mit &#8222;Sie&#8220; angesprochen. Und dieses russische &#8222;Sie&#8220;, im Akkusativ &#8222;Vas&#8220;, kommt im Gedicht viermal vor, und ich finde es herrlich. Es ist f\u00fcr mich eine kostbaren Vase, vielleicht so eine, wie sie im Schloss Peter des Gro\u00dfen ausgestellt ist, eine Vase, deren Material allein mehrere Jahre zur Herstellung braucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Russischen wird alles, bis auf Namen (und hier eben die Anrede), kleingeschrieben, auch das unterst\u00fctzt diesen Charakter des Unfassbaren, schwer Festzuhaltenden. Ich \u00fcberlegte: Was k\u00f6nnte man an der \u00dcbersetzung besser machen? K\u00f6nnte man im Deutschen alles kleinschreiben? Aber dann w\u00fcrde sozusagen die Vase wegfallen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Sprache als B\u00fchne<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/leningrad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-3532\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/leningrad.jpg\" alt=\"\" width=\"293\" height=\"211\" \/><\/a>Bald bin ich wieder bei meiner Gastfamilie, die Hochh\u00e4user haben in diesem Stadtteil einen etwas anderen Pastellton. Baufahrzeuge kriechen wie Insekten vor ihnen dahin, wirbeln Staub auf, lassen sie schwebend erscheinen. Dazwischen viel Platz, \u00d6dnis, Schlamml\u00f6cher, Steppe, in der ein paar Kinder Fu\u00dfball spielen und niemand geht au\u00dfer mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Sprache ist also, \u00e4hnlich wie die Stadt, eine gro\u00dfartig angelegte B\u00fchne. Aber sie wird allt\u00e4glich benutzt! Zu meiner Verwunderung hantieren sie leichtf\u00fc\u00dfig mit W\u00f6rtern, von denen jedes zweite so schwer und verziert ist, wie ein Kronleuchter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und deswegen leuchtet sie immer noch, wenn sie\u00a0\u2212 wie im Gedicht\u00a0\u2212 entkleidet ist, aufs Wesentliche reduziert, nicht aufgeladen mit Bildern \/ Namen. Sie wiederholt sich sogar ein wenig, suchend &#8230; mit Partikeln, tastet sich voran, wie eben das Gef\u00fchl, das sie beschreibt (was die \u00dcbersetzung mit einer gereimten Nachdichtung zerst\u00f6rt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat\u00fcrlich f\u00e4llt mir auch keine L\u00f6sung ein, die der literarischen Kritik standh\u00e4lt, ich bin keine \u00dcbersetzerin, nur eine Liebhaberin der Ursprungssprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Post Scriptum<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine \u00dcbersetzung des Puschkin-Gedichts:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich liebte Sie, aber die Liebe ist vielleicht \/ in meiner Seele noch nicht ganz erloschen, \/ doch will ich Sie damit nicht weiter beunruhigen, \/ ich m\u00f6chte Sie durch nichts betr\u00fcben. \/\/ Ich liebte Sie, still und hoffnungslos, \/ mal von Sch\u00fcchterheit, mal von Eifersucht gequ\u00e4lt, \/ ich liebte Sie so leidenschaftlich, so z\u00e4rtlich \/ gebs Gott, dass ein anderer Sie so liebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00dcbersetzung von Eric Boerner:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Ich liebte dich; und liebe wohl noch immer,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Denn ganz erstarb&#8217;s in meiner Seele nicht;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Doch m\u00f6ge dies Gef\u00fchl dich nicht bek\u00fcmmern;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Ich stellte es nicht gern in schlechtes Licht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Ich liebte schweigend, ohne Zuversicht,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Von Sch\u00fcchternheit, von Eifersucht gequ\u00e4lt;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Ich liebte dich so innig und so z\u00e4rtlich,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;padding-left: 30px\"><em>Gott mit dir, wird der andre so beseelt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Die Dimensionen von St. Petersburg Ich war in St. Petersburg auf der Sprachenschule. 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