{"id":34285,"date":"2019-01-18T00:01:30","date_gmt":"2019-01-17T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34285"},"modified":"2022-02-19T17:53:41","modified_gmt":"2022-02-19T16:53:41","slug":"nackte-fakten-verkleidete-fiktionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/18\/nackte-fakten-verkleidete-fiktionen\/","title":{"rendered":"Poesie als Mittel zur Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><strong><i>\u00a0<\/i><\/strong><span style=\"color: #888888;\"><em>Der Vorlass erm\u00f6glicht Autoren einen Dialog mit dem eigenen Leben, wie es im Falle des Nachlasses nur der Nachwelt m\u00f6glich ist. Der Tanz zwischen Fremdheit und Selbstheit, der jeder Autobiografie eigen ist, ist beim Wiederlesen alter Papiere mit Blick auf einen Vorlass potenziert, denn jetzt ist der dringlichste Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen, bevor die anderen am Zuge sind, in den Literaturarchiven der Welt.<\/em><\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Jan Wilm<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Cross the border, close the Gap&#8220;, lautete das Motto der Moderne. In seinem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1016\"><i>Vorlass<\/i><\/a> analysiert A.J. Weigoni, wie sich Zeit und Identit\u00e4t im Lesen und Wiederlesen spiegeln, Fakten die Fiktion beeinflussen, wie das Gelesene und Gesehene von den Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt, unter denen es geschrieben wurde. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Ger\u00e4uschen, Farben und geistigen Rhythmen, das in die Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realit\u00e4t \u00fcbernommen wird.\u00a0 In seinen erz\u00e4hlerischen Werken geht Weigoni von der Grundannahme aus, da\u00df man mit Fakten l\u00fcgen kann und mitunter Fiktionen bem\u00fchen mu\u00df, um zur Wahrheit vorzusto\u00dfen. Spannend wird es vor allem dann, wenn die Texte \u00fcber Literatur sprechen, dabei sind es eher intertextuelle Bez\u00fcge als metatextuelle Verweise, die diese <em>Gebrauchsprosa<\/em> als Texte ausweisen und somit gleichsam aus der Diegese hinaus auf den Akt des Lesens deuten. Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, pers\u00f6nlicher Biographie und politischen Ereignissen, von den Querverweisen zwischen Literatur und Kunst, H\u00f6rspiel und Medienp\u00e4dagogik, Musik und Fussball und von den Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft machen dieses Buch zu einer komplexen Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">In der Chronik des Zusammenhangs ist dieser <em>Vorlass<\/em> ein Handapparat<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder einzelne Leser, den die Poesie gewinnt, ist ein Gewinn f\u00fcr eine m\u00f6gliche Erkenntnisf\u00e4higkeit von Literatur. Es gibt viele F\u00e4hrten in diesem Erg\u00e4nzungsband, nicht wenige verweisen auf das Schreiben und den spielerischen Umgang mit der Sprache. In diesem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1016\"><em>Vorlass<\/em><\/a> geht es um die unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des freien Falls. Weigoni l\u00e4\u00dft die Literatur gegen ihre eigenen Verfahren antreten, den \u00e4sthetischen Prozess mit seinen Fallen und Untiefen, und macht sie in all seiner Virulenz und k\u00e4mpferischen Anstrengung anschaulich. Das Werk dieses Romanciers ist zweifelsohne ein eminent konsequentes und unkorrumpierbares Beispiel f\u00fcr den Versuch, durch Erz\u00e4hlen, Sammeln, Wiederholen, Variieren und Erg\u00e4nzen eines Reservoirs von Geschichten zum Unverbr\u00fcchlichen vorzudringen. Dabei verliert sich Weigoni nie in blo\u00dfer autobiografischer Selbstvergegenst\u00e4ndlichung. Er hat sich die Einsicht zu eigen gemacht, da\u00df objektive Wahrheiten nicht mehr zu erreichen sind, und diese Einsicht nun sprachliche Form werden l\u00e4\u00dft. Der Antrieb f\u00fcr das Schreiben ist f\u00fcr diesen Romancier die Schaffung eines festen Fundaments seiner Existenz zu sein, die Konstruktion eines transzendentalen Obdachs.<\/p>\n<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\">VerDichtung &#8211; \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/a> <span style=\"color: #888888;\"><em>ist ein Essay von A. J. Weigoni, der \u00fcber zeitgeistige Subjektivismen hinaus das Verfertigen von Lyrik thematisiert und Schreiben in einen psychozozialen Kontext stellt. Die Jaynes&#8217;sche These aus den 1970er-Jahren von der &#8222;Sprache als Wahrnehmungsorgan&#8220; findet in Weigonis Essay eine neue Entsprechung.<\/em><\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Dr. Joachim Paul<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses &#8222;Beiwerkchen&#8220; verweigert sich der umstandslosen Zuordnung, es ist eine <em>Gebrauchsprosa<\/em>, die sowohl biographische, werkgenetische als auch poetologische Fragen beantwortet. Das vorliegende Gebinde ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem schreibenden Ich im Verh\u00e4ltnis zur Poesie, der Frage wie sich das alles in Worte fassen l\u00e4sst, die mehr spiegeln als die Schreibenden. Im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1016\"><em>Vorlass<\/em><\/a> b\u00fcndelt Weigoni die Motive seines Schreibens in einem vielstimmigen Buch. Dieser Zusatzband des Prosa-Schubers ist ein Dokument des poetischen Realismus. Was den Essays von Weigoni die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft. In diesem Band findet sich die dekonstruktive Aufl\u00f6sung der mehr oder weniger strikt gezogenen Grenzen zwischen Elite- und Massenkultur, zwischen Literatur und Wissenschaft, Kunst und Publizistik. Simultanit\u00e4t ist ein gef\u00e4hrlicher Reichtum, die \u00dcberf\u00fclle von Gelerntem und fl\u00fcchtig Aneigbarem, f\u00fchrt zur Abstraktionen. Weigoni wirft Schlaglichter auf die zwischen Medium und Textur changierende Beschaffenheit des Lesens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Parerga und Paralipomena<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mischung von essayistisch-literarischen und glossierenden Beitr\u00e4gen, l\u00e4dt ein, die einzelnen hochkar\u00e4tigen Bestandteile zu kosten, dabei sollte die entdeckerische Freude an den mal spannenden und emotionalen, mal literarisch verschlungenen, metaphorischen, kognitiven, materialen und medialen Ausfl\u00fcgen ins Reich des Lesens \u00fcberwiegen. Der Sammelband fordert durch seine Vielseitigkeit eher dazu auf, sich einen eigenen Weg durch sein Werk zu bahnen. Was gern Intertextualit\u00e4t genannt wird, bei Weigoni wird es unaufdringlich und ohne \u00dcberheblichkeit Gestalt, das ist eine Kunst zu nennen. Diese <i>Gebrauchsprosa<\/i> zeigt, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar macht, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, dass die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorlass<\/strong>, Gebrauchsprosa von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<div style=\"width: 183px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=34285&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/VorlassCover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 173px) 100vw, 173px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/VorlassCover.jpg 722w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/VorlassCover-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/VorlassCover-664x1024.jpg 664w\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Cover: Original-Schablonendruck von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem <em>Schuber<\/em> aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich. Es ist ein weiterer Akt der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/2017\/01\/18\/gedichte\/\">Werkoffenbarung<\/a>. Darin enthalten sind die Novelle <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a>, die Erz\u00e4hlungen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\">Zombies<\/a>, der Novellen-Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em><\/a><em>.\u00a0<\/em>Der erste Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/09\/jahrestag-des-mauerfalls\/\"><i>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/i><\/a><i> <\/i>und der &#8222;Heimatroman&#8220; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/18\/seismograph-des-uebergangs-2\/\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a>.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Und nur in diesem Schuber enthalten sind das H\u00f6rbuch <em>630, <\/em>sowie Weigonis Gebrauchsprosa <em>Vorlass, <\/em>in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Eine W\u00fcrdigung des lyrischen Gesamtwerks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Der Vorlass erm\u00f6glicht Autoren einen Dialog mit dem eigenen Leben, wie es im Falle des Nachlasses nur der Nachwelt m\u00f6glich ist. 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