{"id":33971,"date":"2009-12-17T00:01:44","date_gmt":"2009-12-16T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33971"},"modified":"2021-06-27T08:16:32","modified_gmt":"2021-06-27T06:16:32","slug":"bled-ist-mehr-als-ein-ort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/17\/bled-ist-mehr-als-ein-ort\/","title":{"rendered":"Bled ist mehr als ein Ort"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Winterabenden sitze ich manchmal an meinem Schreibtisch in Wien vor den Ordnern meines Fotoarchives, schlage meine Aufnahmen von Bled auf &#8211; es sind \u00fcber die Jahre schon sehr viele &#8211; und bl\u00e4ttere in diesem Bilderbuch. Durch eine Lupe betrachte ich die Gesichter und erinnere mich dabei an jeden einzelnen Augenblick, da ich das Bild gemacht habe. Alle Gesichter und Personen sind aufgehoben in diesem Fotoarchiv, sie sind mir aber auch gut in Erinnerung. Bei manchen Gesichtern halte ich im Schauen etwas l\u00e4nger inne, gedenke der Freunde und Kollegen, die nicht mehr leben, die es nicht mehr gibt; au\u00dfer in der Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch das Glas meiner Lupe l\u00e4chelt mich Branko Hofman an; Tone Svetina schaut grimmig, Kumbatovi\u010d verschmitzt, Mira Miheli\u010d ernst, mein Freund Valentin Polan\u0161ek spitzb\u00fcbisch. Jean Charles Lombard wirkt zerbrechlich. Ich erinnere mich an unsere letzte Begegnung in Bled. In einem Gedicht habe ich sie beschrieben. Ich erinnere mich aber auch gerne an die Lebhaftigkeit der Gespr\u00e4che in den Kaffeepausen oder bei Tisch, an den vornehmen Empfang in der Tito-Villa, an das zwanglose, herzliche Zusammensein bei den <i>\u201ePicknicks\u201c,<\/i> bei denen wir immer gut gegessen und getrunken, bisweilen sogar getanzt haben; der wei\u00dfhaarige, stets galante Igor Torkar tanzt mit der Franz\u00f6sin R\u00e9gine Deforges. Ein Foto zeigt den finnischen Dichter Arto Kyt\u00f6honka beim akrobatischen Solotanz; ein anderes Peteris Petersons aus Riga\/Lettland, damals noch Sowjetunion, mit dem ich mich sp\u00e4ter in Wien getroffen habe. Immer wieder habe ich mich mit Freunden aus Bled in Wien oder anderswo getroffen. Und oft habe ich auf die Frage, woher wir uns kennen, dann erkl\u00e4rend gesagt:<i> \u201eAus Bled!\u201c<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe im Laufe der Jahre in Bled auch viele Adressen gesammelt; auf Visitenkarten, auf Zettelchen. Die meisten aber habe ich sorgf\u00e4ltig in kleinen Adressheften gesammelt, in denen die Namen nach einem Register alphabetisch geordnet sind. Auf dem Umschlag tragen die Hefte Jahreszahlen, so da\u00df ich wei\u00df, wann ich wen in Bled kennengelernt habe. Namen und Adressen sind stets in der eigenen Handschrift der Kollegen und Kolleginnen, so da\u00df diese Eintragungen auch kleine pers\u00f6nliche Dokumente sind. Auf manchen Seiten gibt es Notizen aus Vortr\u00e4gen und Diskussionen; manchmal auch ein Gedicht von mir. Um die Personen identifizieren und ihnen ihre Portr\u00e4tfotografien zuschicken zu k\u00f6nnen, habe ich da oder dort auch Vermerke gemacht, wie: Roter Pullover, wei\u00dfe Bluse, Brille, Bart, schwarze Haare, goldene Ohrringe, Hut. Manchmal bl\u00e4ttere ich diese Hefte durch; dann werden mir die Personen gegenw\u00e4rtig, auch wenn die Begegnungen mit ihnen schon viele Jahre zur\u00fcckliegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach so vielen Jahren erkenne ich, da\u00df Bled f\u00fcr mich eine wichtige und entscheidende Schnittstelle und Drehscheibe war, was sich auch in vielen \u00dcbersetzungen meiner Gedichte in andere Sprachen und in fremdsprachigen Publikationen manifestiert. In Bled wurden viele dieser Kontakte vermittelt und geschlossen. Bled ist f\u00fcr mich mehr als nur ein Ort f\u00fcr eine allj\u00e4hrlich dort stattfindende P.E.N.-Konferenz. Bled war f\u00fcr mich von Anfang an eine wichtige Begegnungsst\u00e4tte mit SchriftstellerInnen und Intellektuellen, von denen viele zu meinen Freunden geworden sind. Ohne die Begegnungen in Bled h\u00e4tte es viele meiner bis heute wirksamen internationalen Beziehungen nicht gegeben. Jedes Treffen in Bled war wie eine T\u00fcr, die sich mir ge\u00f6ffnet hat, die mir ge\u00f6ffnet wurde. Und daf\u00fcr bin ich sehr dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bled war und ist aber auch jedes Mal das Erlebnis einer wundersch\u00f6nen Naturlandschaft. Stundenlange Spazierg\u00e4nge am Ufer des Sees, manchmal nur ein Rundgang in einer kurzen Pause zwischen Vortr\u00e4gen und Diskussionen, Meinungen und Standpunkten. Immer waren diese Begegnungen mit Gedanken, Meinungen und Menschen Br\u00fccken f\u00fcr mich, manchmal zu bisher Unbekanntem und \u00fcber oft weite Distanzen hinweg; zu anderen L\u00e4ndern, Kulturen, Ideologien, Gesellschaftsmodellen; zu Glaubenshaltungen, Hoffnungen, Utopien, Illusionen. Ich habe das mir Entgegengebrachte stets bereitwillig angenommen, mich darauf eingelassen, das Gespr\u00e4ch mit anderen gesucht und auch gefunden. Der Dialog ist das Wesentliche f\u00fcr mich an der in diesen Tagen gelebten Gemeinschaft von Dichtern, Schriftstellern, Intellektuellen, die bei aller Gegens\u00e4tzlichkeit doch ein Bestreben eint, n\u00e4mlich einander zuzuh\u00f6ren und zu verstehen; vielleicht auch auf manche der Fragen eine Antwort zu finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_14688\" style=\"width: 316px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/pvpr4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14688\" class=\"size-full wp-image-14688\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/pvpr4.jpg\" alt=\"\" width=\"306\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/pvpr4.jpg 306w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/pvpr4-300x205.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14688\" class=\"wp-caption-text\">Peter Paul Wiplinger bei der Internationalen PEN-Konferenz, Warschau 1999<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; An Winterabenden sitze ich manchmal an meinem Schreibtisch in Wien vor den Ordnern meines Fotoarchives, schlage meine Aufnahmen von Bled auf &#8211; es sind \u00fcber die Jahre schon sehr viele &#8211; und bl\u00e4ttere in diesem Bilderbuch. 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