{"id":33756,"date":"2016-11-23T00:01:53","date_gmt":"2016-11-22T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33756"},"modified":"2022-02-23T12:00:26","modified_gmt":"2022-02-23T11:00:26","slug":"obsession-und-beglueckung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/11\/23\/obsession-und-beglueckung\/","title":{"rendered":"Obsession und Begl\u00fcckung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><br \/>\nEine autopoetische Betrachtung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Literatur habe ich es mir nicht leicht gemacht, obwohl der Urgrund meiner Poetik denkbar einfach ist: Ich schreibe, um mich meiner Anwesenheit zu versichern. Das ist das Leichteste, meint man \u2013 in meiner Situation ist es unheimlich schwer zugleich. Aus der unglaublichen Verlorenheit des Nicht-Wissens erst war ein Anfang zu filtern, sprachlos und hilflos f\u00fchlte ich mich zun\u00e4chst, \u00fcber die Jahre dem Wenigen ausgeliefert, das ich Ahnung nennen will und in dem ich meine Rettung glaubte: die Ahnung von der Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00dfte mich lange beflei\u00dfigen, gegen die Trauer anzuschreiben, und gegen das Nichts, das die Verluste der Kindheit in mir hinterlie\u00dfen. Ich habe viel dar\u00fcber nachgedacht, was mich sonst retten k\u00f6nnte &#8230; aber das Hinterlassen von Buchstaben auf dem Papier erschien mir als das Triftigste, der wichtigste Grund, sich eines wie auch immer gearteten Anwesendseins bewu\u00dft zu werden. Ich habe das in der Jugend dringend gebraucht, um einige Schatten zu \u00fcberwinden: die Schatten, ohne die ich heute kein Schriftsteller w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer schreibt, geht nicht verloren \u2013 das scheint mir noch heute eine Hoffnung wert, auch wenn ich wei\u00df, da\u00df in der jetzigen Welt der Sprachk\u00fcnstler, ja, ich will sagen, der Schamane des Worts, keine Aufgabe mehr zu haben scheint. Es begann mit der Sichtung des Ungl\u00fccks, das mich, wie ich f\u00fchlte, umgab; und erstreckte sich bald \u00fcber einen w\u00fcsten Haufen von Texten, von denen ich nicht wu\u00dfte, ob sie was taugen oder je einem literarischen Anspruch gen\u00fcgen k\u00f6nnten. Ich tr\u00e4umte schon von B\u00fcchern, aber ich konnte sie noch nicht schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Zeitlang hatte ich es mit Zoologie versucht: ich wollte ein ber\u00fchmter Tierschriftsteller, ein Tierbeschreiber werden &#8230; bis ich bemerkte, da\u00df es die Menschen waren, um die es mir ging, um ihre N\u00e4he und Ferne und ihre \u2013 wirklichen oder ertr\u00e4umten \u2013 Bez\u00fcge zu mir. So ist mein allererstes Gedicht denn auch eines aus Liebeskummer, ich widmete es dem M\u00e4dchen, das verliebt war in mich und das sich nicht wagte, mich anzusprechen, genauso wenig wie ich sie. Au\u00dfer ein paar K\u00fcssen war nichts zwischen uns; was blieb, war ein Gedicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein sehr gutes Gedicht, wie ich heute nat\u00fcrlich wei\u00df, aber ein Anfang. Es klang, so glaube ich, wie eine sehr schlechte \u00dcbersetzung eines Songs von D\u00e9p\u00eache Mode, jener britischen Band, die ich damals zu lieben begann und noch heute verehre. Immerhin, ich hatte von nun an eine M\u00f6glichkeit, meinen Schmerz und meine jugendliche Verwirrung &#8230; irgendwie &#8230; in Worte zu bringen. Und: ich hatte zeitig mein Thema gefunden \u2013 die Liebe und die Probleme, die sie bereitet als Krankheit und Dummheit und aufregendste Sache der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte also fortan die Literatur (oder was ich darunter verstand) zur Artikulierung meines Haders mit der Welt. Eine regelrechte Explosion in meinem Schreiben bewirkte der Freitod meines Vaters 1992: die schwierige Beziehung zu ihm und die Verwirrung um seinen Verlust, ohne da\u00df wir jemals eine Aussprache h\u00e4tten f\u00fchren k\u00f6nnen, wurde fortan ein zentrales Thema meiner Arbeit. Heute habe ich das allerdings \u00fcberwunden und widme mich vielen Dingen, der komplizierte Beginn hat sich in die Breite verlegt, wor\u00fcber ich froh bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich haben mir ein paar Dichter auf meinem Weg wichtige Impulse gegeben: H\u00f6lderlin, vor dem ich mich erst f\u00fcrchtete; auch Goethe, den ich umst\u00e4ndlich entdecken mu\u00dfte; der Expressionismus, Octavio Paz, Celan, Wolfgang Hilbig. Ich bin mir nicht sicher, ob einem so eine gewaltige Vorbilderreihe wirklich n\u00fctzt; aber ich sah in diesen Vorg\u00e4ngern ein Symptom auch meiner Versuche zweifellos best\u00e4tigt \u2013 Schreib-Obsession und absolute Hingabe an die Stoffe &#8230; und die Begl\u00fcckung im Schreibakt, der f\u00fcr mich eine Art Obdach ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nun doch schon zehn oder f\u00fcnfzehn Jahre her, inzwischen war ich gl\u00fccklich und ungl\u00fccklich verliebt, habe zwei Kinder gezeugt und das Unterfangen, ein anst\u00e4ndiger Vater zu sein, von Anfang an beherzt in Angriff genommen &#8230; habe studiert und war in dem reichen Land, aus dem ich komme und wo der Schreiber nicht immer viel gilt, oft in finanzieller Verzweiflung wegen meines langsamen und unergiebigen Berufs, aber auch einige Male im Fokus von Ehrungen und Stadtschreiber\u00e4mtern und beschwere mich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bleibt, ist die Liebe zur Sprache und das Bekenntnis zur Kunst. Es ist oft das Dunkle und Unausgesprochene, was mich bewegt, weshalb man mir manchmal eine sp\u00e4te Romantiker-Anwartschaft zuschreibt, was nicht korrekt ist, aber auch kein gro\u00dfer Faux-pas. Es liegt in den unaufgearbeiteten Dingen begr\u00fcndet, die mich doch noch besch\u00e4ftigen. Mittlerweile sehe ich aber auch die tats\u00e4chlichen Dinge um mich und kann im Angesicht der Realit\u00e4ten durchaus das Gef\u00fchl der Kreativit\u00e4t ausleben; und das, will ich meinen, l\u00e4\u00dft mich hoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine autopoetische Betrachtung \u00a0 Mit der Literatur habe ich es mir nicht leicht gemacht, obwohl der Urgrund meiner Poetik denkbar einfach ist: Ich schreibe, um mich meiner Anwesenheit zu versichern. Das ist das Leichteste, meint man \u2013 in meiner Situation&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/11\/23\/obsession-und-beglueckung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794],"class_list":["post-33756","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33756","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33756"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99842,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33756\/revisions\/99842"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}