{"id":33753,"date":"2016-10-20T00:01:30","date_gmt":"2016-10-19T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33753"},"modified":"2022-02-23T12:02:13","modified_gmt":"2022-02-23T11:02:13","slug":"aufstieg-und-ausblick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/20\/aufstieg-und-ausblick\/","title":{"rendered":"Aufstieg und Ausblick"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine sch\u00f6ne F\u00fcgung, so stehts in den Annalen, erzwingt einen besonderen Abschlu\u00df; und so soll es auch hier sein, aber der Geist spielt nicht mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr bin ich nun, gr\u00fcbelnd und schreibend, schon hier, sch\u00f6n liegt der Bergfried vor mir, \u00fcber der Landschaft, dahinter der Weg am Brunnen vorbei, das W\u00fcrzg\u00e4rtlein und das atemnehmende Panorama, f\u00fcnfundzwanzig Quadratkilometer bis zum Th\u00fcringer Wald. Es gibt nicht viele Dinge, die gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner sind als der Anblick eines leuchtenden Landstrichs, <i>Comfortably Numb <\/i>vielleicht, 1994 im Earls Court, David Gilmour beim zweiten Solo, Rick Wright in Keyboard-Gewittern: <i>is there anybody in there<\/i>; Sam Browns schwarzes Kleid \u2013 die Bewegung ihres stimmbegnadeten Munds.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der zugigen H\u00f6he des letzten Umgangs der Burg ist man, denkt mir, momentlang, verwandt mit dem Wind, man steht, und um einen breitet sich das Zechsteinmeer aus: jagende Plesiosaurier in feiner Bewegung, der Pterodactylus in Gestalt eines Falken im Anflug, und das Licht \u00fcber der rauschenden Landschaft, blau, eine frappierende <i>light-show<\/i>. \u201aGl\u00fccklich ist nur der, der sieht\u2018, hei\u00dft es, und was ich bedaure, ist, da\u00df es mir \u00fcbers Jahr nicht gelungen ist, den Bergfried zu besteigen &#8230; jeder war oben, sagte die Museumsfrau heute zu mir; alle, nur ich nicht &#8230; die zweite Stiege habe ich nie \u00fcberwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein: in meinen Gedichten war ich l\u00e4ngst dort; und in der Wirklichkeit hat mich der sich stets ver\u00e4ndernde Blick aus den S\u00fcdfenstern des Hauptfl\u00fcgels gelockt und begeistert; der Grafenblick \u00fcber die Stadt; einzig die <i>Unterbewu\u00dftseinsschwellenstr\u00f6mungskaskade<\/i> gebietet\u00a0 mir Einhalt mit Schwei\u00dfflu\u00df und wackelndem Knie. Wie eine Allergie kommt die Angst, da\u00df sich das Holz unter mir eben verfl\u00fcssigt; von der Gro\u00dfmutter hab ichs und steige, wieder und wieder, hinab; \u2013 aber ich verspreche auch, wiederzukommen und erneut den Aufstieg zu versuchen: von oben z\u00f6ge mich, tr\u00e4umt mir, die Sehnsucht nach Weite und Licht, das den <i>gegl\u00fcckten Augenblick<\/i> ausmacht &#8230; und von unten sch\u00f6be die Raniser B\u00fcrgerversammlung und feuerte mich an: alle w\u00e4ren gekommen, um mir den Aufstieg zu bringen. Und der neue Stadtschreiber, ein Trommler, schl\u00fcge ein paar ekstatische Takte, \u2013 dann, bin ich mir sicher, w\u00fcrd\u2019 ichs auch schaffen, ach, und k\u00f6nnte bis zur Maxh\u00fctte sehn; ach, und vielleicht w\u00e4re Nebel, und die Falken griffen mich an; ach, und ich m\u00fc\u00dfte, oben endlich, dort oben bleiben, in grausamer, fliegender Panik vor dem Abstieg, wo ich, denkt mir, die zweite Stiege nach unten nie \u00fcberw\u00e4nde; ach, und von Saalfeld aus oder Erfurt m\u00fc\u00dfte man mich mit dem Hubschrauber holen und \u00fcber der Senke abseilen &#8230; die Tauben verjagt, die sanierte Turmhaube zerst\u00f6rt; ach, verhungern m\u00fc\u00dfte ich dort, \u00e4ngstlich und elend, und die Touristen k\u00e4men und gingen, unbeschwert, heiter, ich w\u00fcrde es niemals verstehn. \u201aGl\u00fccklich ist nur der, der sieht\u2018, so hei\u00dft es, deshalb komme ich wieder, den Aufstieg versuchen, den Triumph-Moment anzuvisieren, immer gewi\u00df, es bis zur zweiten Stiege zu schaffen, und im Geist schon oben zu sein, zu sagen: \u201eWelch Herrlichkeit!\u201c, <i>comfortably numb<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorerst aber bin ich noch unten und f\u00fcttre die Stare und Tauben, die sich nach dem Mahl in die Haube des Bergfrieds verziehn und nicht ahnen, da\u00df ich l\u00e4ngst auf dem Weg bin, wild und entschlossen; vor Entschlossenheit platzend, im Glei\u00dfen der schwindenden Sonne, wie von Sinnen, vom Rosen-Bier herrlich bet\u00e4ubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">+++<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht hinter den H\u00fcgeln des Walds eine weitere Landschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine sch\u00f6ne F\u00fcgung, so stehts in den Annalen, erzwingt einen besonderen Abschlu\u00df; und so soll es auch hier sein, aber der Geist spielt nicht mit. 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