{"id":33740,"date":"2016-05-23T00:01:52","date_gmt":"2016-05-22T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33740"},"modified":"2022-02-23T12:09:12","modified_gmt":"2022-02-23T11:09:12","slug":"elftes-nachtstueck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/05\/23\/elftes-nachtstueck\/","title":{"rendered":"Elftes Nachtst\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du gehst falsch mit ihr um, die dir in treuer Ergebung in den Tr\u00e4umen erscheint. Du bef\u00fcrchtest sie, weil sie den Traum-Anschein st\u00f6rt, und sehnst sie herbei. \u00c4onen, seitdem du ihrem traurigen Mandelgesicht ein L\u00e4cheln entlocktest, zu eurem Kennenlernen vielleicht und lange vorbei. Sie liebt dich vom ersten Tag an, sagt sie und dr\u00fcckt sich in Sch\u00fcchternheit an dich, mit ihrem zitternden und frierenden Leib. Du kannst dich des Gel\u00f6bnisses nicht mehr erinnern, aber es ist nun unabweisbar: sie geh\u00f6rt nun zu dir; unaufh\u00f6rlich schluckt sie deine und der Anderen hilflose Dem\u00fctigungen; und sie ist dir noch fremd, so, wie du versuchst, dich in deinem Traumzentrum zurechtzufinden; sie, die du schon heimlich und unwissend begehrst; keinen geraden Blick k\u00f6nnt ihr, in eurer Verwirrung und der angestrengt unterdr\u00fcckten Peinlichkeit eurer ungleichen Begegnung, aufeinander lassen. Ihr Leib, wenn du sie heimlich beobachten kannst, schwankt immer zwischen \u00fcppig und schmal, ihre Br\u00fcste zeichnen sich einzig fest ab und ihr entschlossenes, vor Entschlossenheit, zu dir zu geh\u00f6ren, ersch\u00f6pftes Gesicht. Du stehst schon in ihrem Duft und bist ihr schon geneigt; allein, du wei\u00dft, weil du in dir noch Hindernisse, deine Unfreiheit, vermutest, sie noch nicht zu umfangen, wie sie es sich w\u00fcnscht und was die Befreiung w\u00e4re, wie das Erwachen aus einem Traum in einen Traum, der leichter gef\u00fcgt ist &#8230; aus einer alkoholerzeugten Verwirrung: sie in deinen Arm einzuschlie\u00dfen, ihren nach dem Ende der Dem\u00fctigung durch deinen sch\u00fcchternen Stumpfsinn gierenden Leib zu erw\u00e4rmen. Fast wagt sie nicht mehr, als w\u00e4re ihr eine Schuld zuteil, den Mandelblick zu heben. Du bist ein schmutziger Despot in deiner Ratlosigkeit. Du wirst verzweifeln dar\u00fcber, wenn du dich nicht endlich aufmachst, aufraffst aus deiner Todsucht, die deine Regungen weiter und weiter zersprengt. Du mu\u00dft dich aus dem Bannkreis der Andern befreien. <i>Du mu\u00dft dein Leben \u00e4ndern<\/i>. Und du h\u00e4ltst dich von nun ab an ihren Duft, mit dem sie dir gegen\u00fcbersteht und unersch\u00fctterlich folgt. Ihre Kraft ist unersch\u00f6pflich. Nach bitteren Gewaltm\u00e4rschen, auf denen sie deine Fluchten verfolgte, schmiegt sie sich dir wieder an; endlich begreifst du und sp\u00fcrst auch den Bann ihrer Aura, ihrer K\u00f6rperlichkeit. Und der jetzt klar gerichtete Blick in dein Gesicht gibt den Ausschlag, da\u00df du ihr wirklich verf\u00e4llst. Sie hat sich in der Anstrengung gegen deine Agonie Narben und Falten beigebracht; ihre Kleidung ist zerrissen, die Haut ihrer Glieder zerschrammt. Aber der Blick ist dir nun heilig, und du nimmst endlich ihren unter frostigem Schwei\u00df bebenden Leib in den Arm; und du merkst, da\u00df du selbst im Frost fast umgekommen sein mu\u00dft, in deiner Abgestumpftheit. Die Anderen schweigen, sie haben dazu kein Wort mehr zu sagen. Die K\u00f6rper der Schein-Geliebten aus fr\u00fcheren Tr\u00e4umen, die dich gehindert haben, dich ihr hinzugeben, weichen zur\u00fcck. Alle Blicke Fremder scheiden; du f\u00fchlst nur noch deinen Blick, nun unabl\u00e4ssig und die vorangegangene Br\u00fcskheit nicht mehr begreifend, auf sie gerichtet. Sie liegt dir in ma\u00dfloser Ersch\u00f6pfung im Arm, wie du ihr. Es ist der Augenblick deiner Erl\u00f6sung, wenn du begreifst, da\u00df die Liebe zu dir gekommen ist. Du hast nichts daf\u00fcr getan. Du warst mit dir besch\u00e4ftigt zu lange, lange genug. Es ist ein Geschenk, dessen du vielleicht unw\u00fcrdig bist, steht es dir f\u00fcr eine Sekunde im Kopf, und in der Bef\u00fcrchtung, da\u00df der Augenblick dieses Gedankens nicht mehr vergeht, klammerst du dich an sie; und du gibst ihr einen Namen: du nennst sie, in Erinnerung an die unsterbliche Liebe eines sterblichen Dichters, fortan Hoki-San; und sie wird bei dir bleiben, \u00fcber die \u00c4onen hinweg, die es dauerte, in deinem Gesicht ein L\u00e4cheln zu erregen; endlich, im Lohn f\u00fcr diese Unentwegtheit, in diesem Traum, da sie dich verfolgte, Hoki-San, und aus dem du nicht mehr erwachst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Du gehst falsch mit ihr um, die dir in treuer Ergebung in den Tr\u00e4umen erscheint. 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