{"id":33737,"date":"2016-04-21T00:02:42","date_gmt":"2016-04-20T22:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33737"},"modified":"2022-02-23T12:10:02","modified_gmt":"2022-02-23T11:10:02","slug":"ueberfahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/21\/ueberfahrt\/","title":{"rendered":"\u00dcberfahrt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Gro\u00dfmutter starb, lag das Land nicht im Schatten, wie es die gro\u00dfen Dichter beschreiben, wenn der Welt und einem ihrer Wesen Ungerechtigkeit widerf\u00e4hrt. Es war Ende August, der Hochsommer neigte sich schon und verbr\u00fchte den Landstrich mit Sonne und giftigen Gewittern. Ich war mit meiner Familie auf der Flucht gewesen; heute denke ich, es war die Flucht vor dem Unvermeidlichen, denn das kommende Ende der Gro\u00dfmutter sah au\u00dfer mir jeder. W\u00e4hrend wir an der Ostseek\u00fcste kantiges Streicheis \u2013 \u201akakaowy\u2018 und \u201avanillowy\u2018 \u2013 fra\u00dfen, lag die Gro\u00dfmutter im s\u00e4chsischen E. auf einem Meer aus Schmerzen und begann zu versinken; ihr zerfressener Leib wechselte bereits die Ufer, und das ihr bis ins Alter gebliebene Temperament verwehte in Morphium-Schwaden, die sich in regelm\u00e4\u00dfiger Beflissenheit wie Platzregen in sie ergossen. Ich h\u00e4tte mit dem Tod der Gro\u00dfmutter niemals gerechnet, aber er kam mit der Berechtigung eines uralten Fluchs, der sich in einer Familie ausbreitet und sich in Gestalt unz\u00e4hliger Metastasen im Pankreas und im Darm der Gro\u00dfmutter festhielt, aber das wu\u00dfte ich nicht; und noch w\u00e4hrend ich in Kolberg herumstand und mit den Meinigen Eis fra\u00df, glaubte ich, die Gro\u00dfmutter nach unserer R\u00fcckkehr aus Polen in die Arme schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen und ihre Genesung erwarten. Auf dem Krankenbett war ihr einst tiefschwarzes Haar wei\u00df geworden, aber ich dachte mir, sie k\u00f6nne es sich nach der Genesung wieder schwarz f\u00e4rben lassen; und ich sagte mir, die Kontur ihres geschundenen Leibs k\u00f6nnte sie mit einem der Sommerkleider kaschieren, an denen sie noch kurz vor der Krankheit herumgen\u00e4ht hatte. Jetzt, da sie gestorben sein sollte, glaubte ich nicht an die S\u00e4tze, die die Mutter mir sagte, als sie aus dem Krankenhaus zur\u00fcckgekehrt war. Die Sonne schien, unbarmherzig, nachdem sich das Gewitter gelegt hatte. Auf der Stra\u00dfe br\u00fcllten sich die Nachbarn \u00fcber die Z\u00e4une der Vorg\u00e4rten derbe Scherze ins Ohr. Ich hielt mir die selbigen zu und wollte nicht h\u00f6ren, wie in meinen Gedanken der F\u00e4hrmann die Gro\u00dfmutter schon ins Boot gehievt hatte und mit den Ger\u00e4uschen des Ablegens befasst war und wie nebenher den Obolus kassierte. Ja, auch die Gro\u00dfmutter hatte F\u00e4hrgeld zu zahlen; ich h\u00e4tte ihr gern zuvor die M\u00fcnze gestohlen; und ich w\u00e4re ihr, wenn mich nicht Wut oder die Tr\u00e4nen \u00fcber die schleichende Unabdingbarkeit ihres Todes gehindert h\u00e4tten, an den Nachtort gefolgt, willens, sie noch einmal heraufzuholen, und sei es f\u00fcr den einen Moment, wenn die Gewitter abziehn und das Licht hinter den Dachfirsten der H\u00e4user wieder hervorbricht. Aber da sah ich, w\u00e4hrend ich mich weinend auf dem Bett wand: der Kahn war l\u00e4ngst schon gekentert, der F\u00e4hrmann schwimmend entflohn, und die Gro\u00dfmutter war bald in den Fluten des Kokytos verschwunden, drei Tage, nachdem wir aus Polen zur\u00fcckgekehrt waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als die Gro\u00dfmutter starb, lag das Land nicht im Schatten, wie es die gro\u00dfen Dichter beschreiben, wenn der Welt und einem ihrer Wesen Ungerechtigkeit widerf\u00e4hrt. 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