{"id":33734,"date":"2016-03-22T00:01:39","date_gmt":"2016-03-21T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33734"},"modified":"2022-02-23T12:10:57","modified_gmt":"2022-02-23T11:10:57","slug":"ein-minotaurus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/22\/ein-minotaurus\/","title":{"rendered":"Ein Minotaurus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er nennt, was er in sich tr\u00e4gt, Atem, einen schweren, unstillbaren Hunger nach Fleisch. Es ist ihm nicht um die Speise. Sondern die Lust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da der Minotaurus labyrinthisch lebt, in Irrg\u00e4rten und H\u00f6hlen, in Gem\u00e4uern und Tr\u00e4umen, ist sein Verhalten nahezu unerforscht; nicht einmal er selbst wei\u00df um die Verborgenheit seines Tuns; ihn greift manchmal die Wut dar\u00fcber, da\u00df er die Menschen bedroht und ihnen junges Fleisch abfordert, herangewachsene M\u00e4dchen, denen er br\u00fcllend durch die Labyrinthe seiner jeweiligen Behausung nachjagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, sagen die Menschen, w\u00e4re sein eigentliches Verhalten. Zu jagen. Dabei hat niemand je den \u00dcberrest einer Jungfrau gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Minotaurus erinnert sich nicht, jemals eine der Jungfern anger\u00fchrt oder gefressen zu haben. Er jagt, wenn er den Jungfrauen-Duft in den Irrg\u00e4ngen bemerkt, diesem nach, verliert sich im Jagdrausch, br\u00fcllt, tobt, gleitet und schleudert um Ecken, irrsinnig, kopflos, im Leib seines Fleisch-Irrsinns gefangen, un\u00fcberlegt, ein entfesselter D\u00e4mon, dem Untergang zurennend, wie er selbst meint, denn nichts f\u00fcrchtet er mehr als eine Begegnung, ein Zusammentreffen, pl\u00f6tzlich, mit denen, die er ins Verderben fordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist sich letztlich unbewu\u00dft sicher, da\u00df ihn nur die Verlegenheit zur Bestie antreibt. Die Schm\u00e4hungen der Menschen kr\u00e4nken ihn nur; seine Strafen sind hart aufgrund seiner Hilflosigkeit. Ihn kr\u00e4nkt, da\u00df sie die Schatten seiner Festung meiden, am Tage; ihn kr\u00e4nkt, da\u00df er sich ausdenken mu\u00df, wie sie \u00fcber ihn l\u00e4stern, nachts, in ihrer Trinkseligkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er w\u00fcrde mit ihnen sitzen und trinken und l\u00e4stern, abends, unter der rauchenden Lampe. Sie haben ihm aber als Wein ihr Blut zugeschrieben, und sie gehen ihm seitdem aus dem Blick. Die Menschen sind, seitdem sie dem Minotaurus Bosart zuschreiben, auf der Hut. Bei jedem ihrer W\u00e4chterg\u00e4nge durch ihren gr\u00e4mlichen Ort zittert der Minotaurus gedem\u00fctigt vor Zorn: Ihn, ihren Herrscher, bewachen sie schon! Ihn, der von ihnen nichts weiter verlangt als ihren Blick auf sich ruhend! Aber sie sehen ihn nicht. Sie schicken ihm j\u00e4hrlich ihren Tribut Jungfern und Speisen hinein, an seinen Fluchtort; die Menschen dringen ein in sein Reich, das der Sommersee gleicht, bis zum Tributtag. Und der Minotaurus r\u00fchrt nichts davon an, lediglich die Jungfern gehen im Hunger an die Opferspeisen, essen aus den ihm geweihten K\u00f6rben sich satt, stillen an den Obstbeigaben den Durst. Er fordert schon lange nichts mehr. Er ist des Forderns m\u00fcde. Die Vers\u00f6hnung mit ihnen w\u00e4re ihm lieb; alle die halbverhungerten, gealterten Jungfern w\u00fcrde er aus seinem Labyrinth vertreiben, in die Menschen-Obhut zur\u00fcck; niemals, bei seiner Scheu, h\u00e4tte er eine ber\u00fchrt; und noch jetzt dreht sich ihm der Magen, rebellieren die Vorm\u00e4gen, wenn er sich vorstellt, sich am faltigen Fleisch eines jammernden Dutzends Jungfrauen zu laben, hier, in den unendlichen G\u00e4ngen des Labyrinths, wo ihn niemand bemerkt h\u00e4tte, ohne diese seine fr\u00fche, sinnlose Wut; wo ihn niemand h\u00e4tte gebraucht. Au\u00dfer er sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm bleibt der Blick auf das Meer. Auf einer halboffenen Terrasse am Ende des Labyrinths sitzt er oft, monatelang, mit den wachsenden und darrenden Monden, versunken, den starken, dreifaltigen Nacken in einem tr\u00fcben Blick verkrampft und stiert in die Ferne. Das Schreien der verhungernden Jungfern, ihre huschenden Gestalten, die r\u00f6chelnden Wege, zu schleichen, sich einen Ausgang zu erschleichen; und ihre Ausrufe der Entt\u00e4uschung, ihr Geheul mi\u00dfbilligt er manchmal mit einem unwirschen Kopfruck. Er f\u00fchlt sich von ihnen gepeinigt, bewacht. Er k\u00f6nnte noch br\u00fcllen, denkt er, aber er wei\u00df, sie w\u00fcrden ihre Lichter auf ihn richten, die Stimme w\u00fcrde ihm brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sitzt nur, stoisch, und sieht auf das Meer. Er w\u00e4re nicht der Herrscher der Insel, w\u00fcnschte er sich an einen anderen Ort. Auf eine andere Insel. Und er weigert sich am Tag, die Stimmen der im Labyrinth noch immer irrenden Greisinnen zu h\u00f6ren. Verweigert sich den Nicht-Blicken der Menschen. Sitzt nur und sieht auf die See, versitzt, verwartet den Sommer, in dem Schiffe sich scheu um seine Insel dr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort w\u00fctet der Minotaurus, hei\u00dft es in den Kaj\u00fcten. Erschreckt es die Jungen im Mastkorb. Aber der Minotaurus w\u00fctet nicht mehr, er rutscht auf seinem Diwan herum, und schweigt in das nun auch schweigende Labyrinth, der schweigenden See zu. Er ist friedlich, ist ja das friedlichste Wesen der Insel. Ihn f\u00fcrchten die Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er nennt, was er in sich tr\u00e4gt, Atem, einen schweren, unstillbaren Hunger nach Fleisch. Es ist ihm nicht um die Speise. Sondern die Lust. Da der Minotaurus labyrinthisch lebt, in Irrg\u00e4rten und H\u00f6hlen, in Gem\u00e4uern und Tr\u00e4umen, ist sein&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/22\/ein-minotaurus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794],"class_list":["post-33734","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33734"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99854,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33734\/revisions\/99854"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}