{"id":33635,"date":"2022-04-09T00:01:07","date_gmt":"2022-04-08T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33635"},"modified":"2022-02-24T06:05:08","modified_gmt":"2022-02-24T05:05:08","slug":"nachtfahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/09\/nachtfahrt\/","title":{"rendered":"Nachtfahrt"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Im Rauschen unabl\u00e4ssig fallenden Regens l\u00f6ste sich das Zuggeratter auf, ein Innenger\u00e4usch, das auf der Wahrnehmungsfolie rasender Vorw\u00e4rtsbewegung drinnen und drau\u00dfen miteinander vern\u00e4hte. In durchn\u00e4sster Kleidung lie\u00df ich mich in den noch angew\u00e4rmten Sitz am Fenster fallen, w\u00e4hrend einige Abteile weiter eine Schiebet\u00fcr heftig geschlossen wurde. <i>Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe, verliebt zu sein&#8230;mit leiblichen Augen, darin ich mich selbst beschaue&#8230;: Wie viele Dinge gab es noch, die ich nicht einsah? Und wieviele Dinge gab es d o c h!, die ich alle nicht brauchte! <\/i>Meine H\u00e4nde tasteten sich an den Polstern entlang zu den unbequemen Kopfst\u00fctzen, den offen gelassenen stinkigen Aschenbechern, den e periculoso-Haltegriffen, fettig, Menschenfett! Das Schwitzwasser an der nachtdunklen Scheibe, ein rauchstinkender Extrakt, er schmierte. Eine Coladose, platt getreten, schepperte durch das Abteil und erzeugte eine nerv\u00f6se Rhythmik ohne ersichtlichen Antrieb. <i>Ja, mich umgab tats\u00e4chlich das Schattenbild der Einsicht, eine undisziplinierte Tapete der Wirklichkeit, wie man sie aus den ganz gro\u00dfen Denkh\u00e4usern kurz vor einem aufwendig angek\u00fcndigten Empfang kennt. Vertrauen auf die eigene Kraft l\u00e4sst das Denken selbst\u00e4ndige Bahnen einschlagen, &#8211; allein, ich bildete mir nicht einmal mehr ein, jene Art von Erscheinungen wahrzunehmen, die man t\u00e4glich bei v\u00f6lligem Wachsein registriert, damit man nicht vergisst, dass zwei Dinge zugleich nicht denselben Raum einnehmen k\u00f6nnen.<\/i> Ganz angef\u00fcllt mit den Ger\u00e4uschbotschaften meines Unterwegsseins im fremdgerichteten Bewegtwerden hatte ich nicht bemerkt, dass der Schaffner eingetreten war. Seine wie f\u00fcr Pr\u00fcfzwecke geborene Hand hatte sich Zutritt verschafft. Es knisterte. In\u00a0 seiner bauschigen trockenen Regenhaut \u00fcber der Uniform \u00e4hnelte er entfernt einem Engel, und auch seine Stimme besa\u00df einen \u00fcberwiegend g\u00fctigen Klang. Betrachtete er nicht das\u00a0 nass gewellte St\u00fcck Papier, das ich ihm mit gro\u00dfartiger Geste in die f\u00fcr nur wenige Gesten und Geb\u00e4rden pr\u00e4parierte Hand gelegt hatte, &#8211; unter Aufbietung aller ihm zur Verf\u00fcgung und im Ged\u00e4chtnis haftenden Imaginationskraft,- so wie Gary Grace mit den Augen verschlingt, als sie ihm verspricht, seinen Doppelg\u00e4nger zu \u00fcberf\u00fchren, und zwar so, dass f\u00fcr immer ein innerer Unterschied \u00fcbrig bleibt, der\u00a0 sich dadurch verr\u00e4t, dass die Oberfl\u00e4che, die den Falschen, den Verkleideten umschlie\u00dft, dem Original unm\u00f6glich angeh\u00f6ren konnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Eine ungew\u00f6hnliche&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Fahrt, ja, Fahrt, oder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Fahrt hin, Fahrt her, Sie sind doch <i>dunkel<\/i>!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Diese Worte hatte es gegeben, jedes Wort f\u00fcr sich genommen belanglos, im fast betonungslosen Aussprechen fl\u00fcchtig wie der Bildwechsel in einem Werbefilm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Schweigen, Geratter, Krise, Bl\u00fcten treibende Krise. Die Tapete fremdgewollten Sprechens schwoll merklich zu einem Relief an, das ich aus fernen Tagen wiedererkannte: <i>Ein leichtgl\u00e4ubiger Pilzsammler mit transparentem K\u00f6rperinnerem stirbt langsam bei vollem Bewusstsein am Fundort seines einmaligen Exemplars, das er ungekocht gekostet haben musste. Die Symptome seiner allerletzten Aufregung und des \u00fcbereilten Pilzgenusses im Rohzustand sind dieselben. Der makellos gewachsene, ein wenig angebissene Pilz im Moosbett und der sichtbar in der Magengegend pl\u00f6tzlich unterbrochene Blutkreislauf des Finders markieren die plastischen Elemente des Bildes.<\/i> Grauen, schl\u00e4friges Versinken beim Anblick gutgemeinter Bildmuster darin, Spekulationen im Halbd\u00e4mmer; hinter dem leicht windbewegten Blumenvorhang spitzt verz\u00fcckt der Engel die Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Mann in der Regenhaut war mein Feind, er war mit Schafsgesicht aufgetaucht, dem sein Wolfshunger den Blick tr\u00fcbte. Ein Kenner der Alltagsmagie wei\u00df die Sympathie, die W\u00fcnschelrute, die ungefilterten Ahnungen, die Wirkung fremder Einbildungskraft auf unwissendlich geschw\u00e4ngerte Frauen, die Einfl\u00fcsse der Mondwechsel auf den gesamten irdischen Organismus sehr wohl einzusch\u00e4tzen. Nur so konnte ich es mir erkl\u00e4ren, dass der Schaffner sich in einen Kellner verwandelte, der mir f\u00fcr Bruchteile von Sekunden ein ungenie\u00dfbares Gericht vor die Nase hielt. Und sofort darauf schl\u00fcpfte in den Kellner die zwielichtige Erscheinung des (bei seinem gr\u00f6\u00dften und letzten Coup ertappten) Juwelendiebes von Nizza, und einen Augenblick sp\u00e4ter ging darin vollkommen die selbstgef\u00e4llige Gestalt des zu Ansehen gelangten spanischen Piraten auf, der im bewegten Wellengang auf Deck seines Beuteschiffes Haltung zu bewahren sucht angesichts einer fatamorganischen Erscheinung Ihrer Majest\u00e4t. Und was f\u00fcr den Schaffner mein zweifelhaftes Papier, f\u00fcr den Kellner das obsz\u00f6ne Gericht, f\u00fcr den Juwelendieb das attrappierte Geschmeide, f\u00fcr den Piraten der K\u00f6niginnenkuss bedeutet hatte, das muss sich jetzt, f\u00fcr einen erfahrenen Leser dieser Zeilen, als Verwandlungsbild einer geschnitzten Negermaske aus dem achtzehnten Jahrhundert bew\u00e4hren, und es muss auf Endg\u00fcltigkeit beharren. <i>Die Oberfl\u00e4che einer Attrappe kann die seines Vorbildes, des Originals, durchaus, nein, unbedingt mit einschlie\u00dfen. Ja, Vertrauen auf die eigene Kraft l\u00e4sst es sein: das Denken. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Meine Kleidung lud sich warm auf und dampfte, seine unter dem Transparent gesch\u00fctzte Uniform galt in diesem Nebel nichts mehr. <i>Aber wie viele Dinge gab es noch, die ich brauchte? Und wie viele Dinge gab es doch, die ich einsah!<\/i> Die Luft, die unseren Abstand f\u00fcllte, war vergiftet. Die Fahrt sollte zu den schwimmenden Inseln gehen, auf denen das Leben eine sekund\u00e4re Rolle spielte, sofern es der Zukunft angeh\u00f6rt, deren Machenschaften l\u00e4ngst durchschaut sind, zu den schwimmenden Inseln, auf denen sich die Vergangenheit in improvisierten Kapiteln v\u00f6llig unspektakul\u00e4r wiederholen, spiegeln, verdoppeln, vermehren, vervielf\u00e4ltigen, zersplittern, zerfasern darf,- und, wenn es dort \u00fcberall zu eng wird: steigern muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wie unkontrolliert war doch die Faust, als sie &#8211; nicht zuschlug sondern &#8211; etwas Wichtiges umklammerte! Ich wollte ihm nichts wei\u00df machen, &#8211; \u00a0im Licht der schwachen Leseleuchte, die ich eingeschaltet hatte, war nichts zu besch\u00f6nigen. Er stand versteinert im faden Licht, Fadlicht, feingepixelt mit dem Geruch nassen\u00a0 Stoffes, er schwankte ein wenig, ohne von der Fl\u00e4che, die seine gro\u00dfen Dienstf\u00fc\u00dfe bedeckten, auch nur einen Zentimeter freizugeben, wor\u00fcber gr\u00fcbelte er ? Meine anf\u00e4ngliche Neigung f\u00fcr ihn war schlie\u00dflich, ich betone: einer\u00a0 wiederum anonymisierten Ahnung gewichen &#8211; immer will der Wunsch hoch hinaus, selten verkriecht sich das Ideal! Ich ahnte: dass es mit uns weiterging, dass mit uns der Waggon auf die Grenze zu und durch ein von Schlafenszeit zerr\u00fcttetes Land schaukelte. Sp\u00e4ter w\u00fcrde er verschwinden, und alle, die das Wort Erscheinung aussprechen k\u00f6nnen, werden einer Krise das Wort reden, wenn es weiter so regnet. Eine widerspenstige Tapete kann R\u00e4ume f\u00fcllen, ohne, dass heute jemand verwirrt wegschauen muss. Aber du wirst vom Geiste weggef\u00fchrt, ohne das Gleis verlassen zu m\u00fcssen, in H\u00e4user anderw\u00e4rtig und auf Gefahrenstellen, wirst die massige Dunkelheit der W\u00e4lder und vereinzelt eine menschliche Regung wahrnehmen m\u00fcssen aus den hier und da \u00fcbern\u00e4chtigten Fenstern ihrer Behausungen, jetzt ist die Zeit f\u00fcr ein Comeback der Gem\u00fctlichkeit angebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Jemand hat sich schon einmal, beim lustvollen Anblick einer k\u00fcnstlichen Torte, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Zunge gebissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00f6se Bilder r\u00e4chen sich auch sp\u00e4ter nicht aber sp\u00e4testens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><\/h4>\n<div id=\"attachment_19507\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19507\" class=\"size-full wp-image-19507\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19507\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rauschen unabl\u00e4ssig fallenden Regens l\u00f6ste sich das Zuggeratter auf, ein Innenger\u00e4usch, das auf der Wahrnehmungsfolie rasender Vorw\u00e4rtsbewegung drinnen und drau\u00dfen miteinander vern\u00e4hte. 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