{"id":33633,"date":"2023-09-05T00:01:31","date_gmt":"2023-09-04T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33633"},"modified":"2022-02-25T19:22:32","modified_gmt":"2022-02-25T18:22:32","slug":"maler-male","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/05\/maler-male\/","title":{"rendered":"Maler male"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"right\"><i>Wo hast Du dich da hingestellt?<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Da passt du gar nicht hin.<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Du machst stets das denkbar Unbequemste<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>\u00a0aus deiner Lage. <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Gibst zu fr\u00fch nach, zu sp\u00e4t auf, <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>zu viel dazu, <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>zu offen klein bei.<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Tausendmal gebrauchte unhygienisch <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>gewordene Begriffe.<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Steril und glatt, immer wieder <\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>mit den Oberfl\u00e4chen ins Passende hinein geschliffen. <\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rascheln von Seidenpapier. Du bleibst Zeuge von Anfang an. Ist es dir zu hei\u00df?\u00a0 \u00d6ffne das Fenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Papier fasst du so zart an, dass <i>man<\/i> eifers\u00fcchtig werden will.\u00a0 Nun sieh zu und setz die Brille auf, K\u00fcnstler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo ist die Brille? Ein Glas war herausgebrochen. Nun liegt sie so riskant verborgen, dass bald das andere Glas zerbrechen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab jetzt musst du ja nichts Bestimmtes detailliert sehen: Du musst nur au\u00dfer der geschliffenen Dunkelheit auch noch <i>das Andere<\/i> sehen, das da hinein &#8211; oder ab sofort herangestellt worden ist, <i>an<\/i> diesen Raum des vorgestellten Denkens <i>heran ger\u00fcckt<\/i>. Dein Alleinverharren ist einsamer, anonymer als jede beliebige namenlose Verendung im Abseitigen. K\u00f6nntest du nur w\u00fctend oder traurig werden,- du h\u00e4ttest eine F\u00e4higkeit wieder gewonnen: Du h\u00e4ttest wieder unterscheiden k\u00f6nnen. Auch, dass etwas Dumpff\u00fchliges, als Ton, als Geruch von fr\u00fcher dich anweht, als wei\u00df der Himmel woher welche Regung, das macht dich nicht zum geschichtlichen Wesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hockte, dann kniete er vor seinem Bild. Soeben hatte er das Rad erfunden. Er hatte es als schon defektes Rad ganz ohne Umwege und Anstrengung erfunden und alles bisher Andere <i>rund um das Rad<\/i> vergessen. Wie eben K\u00fcnstler arbeiten, ohne zu wissen, dass sie arbeiten, denkst du. Das Rad\u00a0 besa\u00df \u00c4hnlichkeit mit einem zersplitterten Brillenglas. Pr\u00e4zise zogen sich die fein ziselierten schwarz durchbrochenen Risse vom Mittelpunkt hin zur Peripherie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht k\u00f6nnte jemand darauf geschossen haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen auf dem Vorplatz zerschmetterte <i>jemand <\/i>leere Flaschen. Er schien diesen Vorgang wie eine Pflichtarbeit ernst zu nehmen. Er schien nach der Uhr zu arbeiten. Dauer und Rhythmus der Zerst\u00f6rung: Eine h\u00f6hnische Komposition jenseits der Geborgenheit des geschenkten Raumes zwei Stockwerke h\u00f6her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entschieden fehlt mir wieder Material, sagte der K\u00fcnstler zum Bild. Er <i>collagierte<\/i>, und das Papier, Seiden- und Konsumpapierfragmente, lagen zerschnitten auf dem Holzboden. Vielfarbig umgab es ihn raschelnd. Herbstlaub, denkst du, Beginn der Umwandlungsprozesse,\u00a0 dachte er, und drau\u00dfen splitterte es rhythmisch. Unterbrochen von kleinen unartikuliert ausgesto\u00dfenen Wutlauten. Du stellst dir verletzende Messersch\u00e4rfen vor, Schnitte, die nach innen bluten wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein schlankes Wesen trat mit hoch erhobenen Armen aus dem Bild.\u00a0 Es posierte einen Zentimeter vor der Bildfl\u00e4che steif auf einem Bein, schwebend, Gestalt.\u00a0 Ihr Stehen war L\u00e4cheln. Das neu erfundene, defekte Rad rollte bed\u00e4chtig in die schwarze Fl\u00e4che am rechten Bildrand. Von dort aus spiegelte es ein zweites, als schicke es sein Abbild von sich weg, damit es sich unter die Achsel der Schwebenden schmiegte, ein comicartiges Rad, nach hinten hin verj\u00fcngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nebenan wurde eine T\u00fcr aggressiv zugeschlagen, um wenig sp\u00e4ter ausdr\u00fccklich ger\u00e4uschvoll wieder ge\u00f6ffnet zu werden. Die l\u00e4chelnd Schwebende sank ins hautnahe Schwarz\u00a0 des Bildes zur\u00fcck und lie\u00df nur noch Umriss ahnen. Der K\u00fcnstler wunderte sich, dass man abstrakt denken k\u00f6nne, ohne die gesamte Realit\u00e4t aufzugeben, die ihn ger\u00e4uschvoll umgab. Er rauchte 2 Zigaretten rasch hintereinander, ohne das Bild aus den Augen zu lassen. Er n\u00e4herte sich. Die Figur zeigte kein Gesicht. Unten verfluchte der Flaschenzerschmetterer alle Frauen\u00a0 dieser Welt und blieb in seiner Zerst\u00f6rungsarbeit rhythmisch. Der K\u00fcnstler wusste, dass der Kerl jetzt \u00fcber den Platz schoss, die Stimme verriet es ihm.\u00a0 Irgendwo musste er Vorrat an leeren Flaschen deponiert haben. Ein Scherbengericht, dachte der K\u00fcnstler dort oben. Ihm war klar, dass er parallel arbeitete, hier war er an seinem Erfindungswerk mit Frau und Rad unmittelbar t\u00e4tig, dort unten war er noch unterwegs zu einem nie fixierbaren Ergebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sp\u00fcrte seinen Hunger. Hunger, das blieb sein K\u00f6rperempfinden in jeder Zelle. Aber er unternahm nichts dagegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er mischte ein rostiges Rot an, seinen Himmel.\u00a0 Auf dem Himmel klebte ein grellrotes Viereck, ein Tor vielleicht, oder ein Mahnmal. Seine Stadt liebte Mahnmale. Er lie\u00df diese Liebe in seinen Bildern zu. Dann lie\u00df er einen letzten Fetzen gelben Papiers \u00fcber die Fl\u00e4che wandern.\u00a0 Es wirkte wie eine Comicsprechblase. Erst verdeckte er damit Teile der Figur, die ihr Schweben aufgab, dann das Zentrum des ersten defekten Rades. Dann aber zerschnitt er das Papier; die Fragmente mochten f\u00fcr ein neues Bild tauglich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Flur schlurfte jemand \u00fcber das Parkett.\u00a0 Wer tr\u00e4gt hier Hauschuhe?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4rmend wurde mit einem dicken Schl\u00fcsselbund nebenan die K\u00fcche aufgeschlossen.\u00a0 Mit dem \u00d6ffnen der T\u00fcr str\u00f6mte K\u00fcchengeruch in seine Wahrnehmung, es war der K\u00fcchengeruch in \u00f6ffentlichen Einrichtungen, der ohne erkennbaren Anlass Beklommenheit ausl\u00f6st. Und wieder klirrten Flaschen, jetzt leiser, entfernter. Stotternd sprach jemand ins Haustelefon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lasierte den rostroten Himmel mit verd\u00fcnntem Schwarz, ohne die allererste Ansicht g\u00e4nzlich auszul\u00f6schen. Er \u00f6ffnete das Doppelfenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein angeschossenes Tier taumelte dort unten zwischen den Parkb\u00e4umen der Flaschenwerfer als dunkle bewegliche, lebendige Masse der Unentschiedenheit. Obwohl fast alle Fenster erleuchtet waren, wirkten die gegen\u00fcberliegenden Altbauten unbeteiligt, ja unbewohnt. Frisch renoviert standen die Komplexe fast nahtlos nebeneinander. Da griff eine Windb\u00f6 in einen zusammengekehrten Bl\u00e4tterhaufen. Die aufgeschreckten Bl\u00e4tter wirbelten f\u00fcr Sekunden im orangefarbenen Licht der vom Haus in den Park zielenden Scheinwerfer. Als habe da etwas kleinteilig\u00a0 lange schon Zusammengeh\u00f6rendes\u00a0 eine Ersch\u00fctterung erlitten. Die Lichtmasse auf dem Vorplatz\u00a0 zirkelte das Haus von aller umgebenden Realit\u00e4t ab. Dort ist mein gro\u00dfes Bild, so redete der K\u00fcnstler. Es ist unter meiner Regie entstanden, mein eigentliches, mein Parallelbild, dass mit fast Nichts von mir zustande kam. Aber ich bin hier, muss hier bleiben, denn kleine Bilder sind oft schwieriger als die gro\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit der kleinen Bilder ist rissiger, zwingt die Ged\u00e4chtnissinne auf eine Welt voller Ausschnitte, ohne, dass das Auge nur einen einzigen festzuhalten imstande w\u00e4re. Ab jetzt geriet der K\u00fcnstler in eine Art D\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild mit defektem Rad und der nur noch vag Schwebenden konnte seine Arbeit am K\u00fcnstler beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97863\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg 299w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz-160x135.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wo hast Du dich da hingestellt? Da passt du gar nicht hin. Du machst stets das denkbar Unbequemste \u00a0aus deiner Lage. Gibst zu fr\u00fch nach, zu sp\u00e4t auf, zu viel dazu, zu offen klein bei. 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