{"id":33459,"date":"2023-10-08T00:01:17","date_gmt":"2023-10-07T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33459"},"modified":"2022-02-26T07:47:20","modified_gmt":"2022-02-26T06:47:20","slug":"kurze-begegnungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/08\/kurze-begegnungen\/","title":{"rendered":"Kurze Begegnungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie trafen sich am Beethoven vor der Alten Post. Die junge Frau im blauen Rock war ganz aufgeregt vor ihrem ersten Rendezvous. Fast p\u00fcnktlich erschien ein Herr, der zur Beschreibung passte \u2013 ein Kopf gr\u00f6\u00dfer als sie selbst, so gut wie schlank, schwarze kurze Haare, Brille. Er sieht ungef\u00e4hr so aus wie Bert Brecht, das ist er, dachte sie. Er wartete auch, das merkte sie bald. Aber er schaute sich nicht nach ihr um. Schlie\u00dflich fasste sie sich ein Herz und fragte ihn: \u201eWarten Sie vielleicht auf mich?\u201c \u201eNein\u201c, sagte er, \u201eganz bestimmt nicht, tut mir leid, ich warte auf eine rothaarige Dame.\u201c \u201eAch so\u201c, sagte sie. \u201eWarten wir zusammen\u201c, schlug er l\u00e4chelnd vor, \u201edas ist halb so schwer.\u201c Er meint geteiltes Leid, dachte sie. Er fing an, ihr zu gefallen. Sie unterhielten sich \u00fcber das Wetter, dann \u00fcber Beethoven, die Stadt und die Menschen in den Stra\u00dfen, die neuesten Moden und die Sprache der jungen Leute, schlie\u00dflich \u00fcber die Liebe \u2013\u00a0 und sie verstanden sich gut und immer besser. Es regnete auch nicht. Die Minuten vergingen immer schneller. Sie hoffte schon auf das kleine Wunder. Da erschien die Rote. Er verabschiedete sich von der jungen Frau im blauen Rock, indem er ihr ziemlich tief in die Augen schaute. Sie senkte ihren Kopf. \u201eIch will meine Zusage einhalten\u201c, sagte er noch. Die blaue Dame schaute zur roten, die rote zur blauen, die nun wieder wartete. Umsonst. Der Herr, den sie erwartete, erschien nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er \u2013 Informatiker, Gesch\u00e4ftsmann, so \u00e4hnlich hatte sie es im Kopf behalten. Er holte sie vom Bahnhof mit dem Auto ab und fuhr ins Villenviertel. Er parkte unter Platanen. Sie stieg aus und stand vor dem Haus, das er bewohnte. Es war hei\u00df, auch hier im Schatten. Jugendstil, sagte er, 1898. Im Kamin, vor dem zwei riesige Sessel standen, leuchteten und knisterten Holzscheite hinter Glas. In den Regalen standen nur B\u00fccher mit Goldschnitt. Im japanischen Garten zeigte er ihr seine Modelleisenbahn, Spur Null. Mitten in der zwischen Beeten eingebetteten Gleisanlage, zu der ein Steg \u00fcber ein Gebirge f\u00fchrte, stand der Kaffeetisch. Er fuhr auf einem G\u00fcterzug den Kaffee heran, Milch und Zucker, Pl\u00e4tzchen und Kuchen. Er sprach von seiner letzten Geliebten, Vorz\u00fcge und Nachteile abw\u00e4gend. Sie h\u00f6rte zu und sagte nur Ja und Ach oder So und Wie &#8230; Schlie\u00dflich steuerte er einen Personenzug heran. Im leeren Kohlenwagen der Dampflokomotive lagen zwei Diamantringe. \u201eDas sind unsere Freundschaftsringe\u201c, sagte er. \u2013 \u201eOh.\u201c \u2013 \u201eDie tragen wir, solange wir zusammen sind.\u201c \u2013 \u201eOh\u201c, sagte sie noch einmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Clochard hat keine Wohnung, aber ein Kunsthistoriker, dachte sie, ist etwas ganz Feines. Wenn der Mann auch noch richtig im Leben steht, habe ich das gro\u00dfe Los gezogen. Und wenn er mir Jonathan Meese oder Neo Rauch erkl\u00e4rt, vielleicht verliebe ich mich dann in ihn&#8230; Sie trafen sich am Eisernen Steg. Er zeigte auf den hohen Kirchturm, sie gingen \u00fcber den R\u00f6mer zum Dom. Er erkl\u00e4rte ihr alles, die Gotik von au\u00dfen, die Gotik von innen, sie hing an seinen Lippen und lie\u00df sich von ihm in einen nahegelegenen Weinkeller ziehen. Sie setzten sich an einen Tisch im Gew\u00f6lbe. Am Nebentisch umarmte ein junger Mann seine Geliebte, die sich an ihn schmiegte. Vielleicht liebt er mich bald wie der junge Mann, dachte sie. Sie bestellten Wein und K\u00e4se. Sie sprachen \u00fcber die Kunst und das Leben. Er bestellte wieder und wieder Wein. Und wieder und wieder sprach er \u00fcber das Leben und die Kunst und die Kunst des Lebens. \u201eDie Liebe\u201c, sagte er, \u201ebraucht nicht viel, im Idealfall gar nichts.\u201c Sie verschluckte sich. \u201eDie Liebenden\u201c, sagte er nach dem dritten Glas Wein, \u201eerschaffen sich \u00fcberall, in ihren Gedanken oder unter den Br\u00fccken am Fluss einer gro\u00dfen Stadt&#8230;\u201c Sie schaute auf die brennende Kerze auf ihrem Tisch. Aber die Zeit wollte nicht vergehen. Sie nippte an ihrem Merlot, spie\u00dfte ein K\u00e4sest\u00fcckchen nach dem andern auf, und als ihr Begleiter das n\u00e4chste Glas Wein bestellte, schaute sie wieder hin\u00fcber zum Nebentisch, wo der junge Mann sein M\u00e4dchen fragte: \u201eGehen wir zu dir oder zu mir&#8230;?\u201c Da nahm sie ihre Tasche, stand auf, sagte: \u201eIch muss mal&#8230;!\u201c und stieg die Stufen hinauf zum Ausgang in die freie Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Samstagvormittagspublikum auf dem M\u00fcnsterplatz. T\u00f6pfer- und Glasmarkt. Eine Dame mittleren Alters nimmt aus einem Regal ein Trinkglas, das in einem anderen steckt. Das zweite Glas h\u00e4ngt am ersten, die Dame erschrickt, sie stellt die Gl\u00e4ser zur\u00fcck und st\u00f6\u00dft dabei so heftig mit dem Arm gegen das Regal, dass es umkippt und alle Gl\u00e4ser zu Boden fallen und in Scherben gehen. \u201eIn solchen Momenten lernt man, jedenfalls im Kinofilm, den Mann seines Lebens kennen\u201c, bemerkte eine Frau, die das Geschehen beobachtete, l\u00e4chelnd. \u201eSo einen Mann gibt es eben nicht\u201c, sagte die Dame, \u201eaber Scherben bringen Gl\u00fcck!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Psychologe, den sie in der Abendstunde traf, hatte eine erwachsene Tochter, die in ihrem Schlafzimmer Chinchillas hielt. Er erw\u00e4hnte, kaum hatte sie sich im Caf\u00e9 gesetzt, er vergleiche alle Frauen gern mit Autos. Der Kaffee war noch nicht bestellt. \u201eMeine Ex-Frau zum Beispiel\u201c, sagte er, \u201ewar ein italienischer Sportwagen.\u201c \u201eAha\u201c, sagte sie, \u201ek\u00f6nnen Sie das pr\u00e4zisieren?\u201c \u201eJa\u201c, meinte er, \u201eAlfa Romeo Spider, in rot.\u201c \u2013 \u201eUnd wie sch\u00e4tzen Sie mich ein?\u201c \u201eDas wird sich zeigen\u201c, meinte er. \u201eIch will wissen, was Sie jetzt sehen.\u201c \u201eSoweit ich sehe, guter Mittelklassewagen&#8230;\u201c \u201eSteigen Sie bitte aus, gehen Sie zu Fu\u00df weiter\u201c, erwiderte sie, stand auf und verlie\u00df das Caf\u00e9. Sie hat keinen Humor, dachte er und blieb sitzen. So ein ungehobelter Klotz, dachte sie, von Frauen keine Ahnung, von Autos schon gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin Schriftsteller\u201c, sagte der Herr mit der Baskenm\u00fctze. Sie nahm die Espressotasse vom Mund und stellte sie ganz langsam auf den Tisch. \u201eUnd wor\u00fcber schreiben Sie?\u201c, fragte sie. \u201e\u00dcber kurze Begegnungen\u201c, antwortete er. \u201eNa dann&#8230;\u201c \u201eNein, machen Sie sich keine Gedanken, ich schreibe nur \u00fcber scheiternde Begegnungen.\u201c \u201eScheiternde&#8230;\u201c, wiederholte sie. \u201eIch fasse den Begriff sehr weit.\u201c \u201eAha.\u201c \u201eWenn man genau dar\u00fcber nachdenkt, sind wir alle zum Scheitern verurteilt\u201c, sagte er. \u201eSchreiben Sie, was Sie erleben, oder erleben Sie, was Sie schreiben?\u201c \u201eSchwer zu sagen\u201c, sagte er, \u201eSie schreiben ja quasi mit.\u201c \u201eDas kann auch ein langer Roman werden\u201c, sagte sie und schmunzelte. \u201eAch was\u201c, sagte er, \u201ekommen wir zum Thema.\u201c \u201eWie Sie wollen\u201c, sagte sie, \u201eich mach\u2019s kurz: Wir scheitern!\u201c \u201eAber dann&#8230;\u201c \u201eJa\u201c, sagte sie, \u201edann haben Sie mehr davon\u201c, stand auf und ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEinmal lief ich in der Nacht ganz vorsichtig nach Hause\u201c, erz\u00e4hlte Toussaint, \u201evorsichtig wegen dem Glatteis, das unter der d\u00fcnnen Schneedecke lag. Da h\u00f6rte ich hinter mir Schritte, die immer n\u00e4her kamen, und eine Stimme sagte: \u201aKann ich Ihnen helfen?\u2019 Die Worte kratzten in der eisigen Luft. Ein kristalliner Tenor. So sprechen Schauspieler, dachte ich. Die im Netz der K\u00e4lte eingefrorene Stimme kam mir bekannt vor. Ich wagte nicht, mich umzudrehen, obwohl ich sehr neugierig war zu erfahren, wer mir behilflich sein wollte. Ich hatte Angst zu fallen, mit jedem Schritt sp\u00fcrte ich die Drohung der Gravitation. Ich erblickte schon die an mir vorbei sto\u00dfende W\u00f6lkung des im Laternenlicht glitzernden Atems, als eine Hand meinen Arm ergriff und mich hielt, dann schob sich ein l\u00e4chelnder Kopf vor \u2013 es war Tom, mein Nachbar! Kaum erkennt er, wem er da so liebensw\u00fcrdig hilft, zieht er ruckartig seine Hand wieder zur\u00fcck, seine Augen vereisen, das Gesicht verzerrt sich &#8230; und, den Mund aufst\u00fclpend, schubst er mich auf dem Glatteis von sich weg und rennt an mir vorbei auf und davon.\u201c Toussaint starrte mich an, \u00f6ffnete die Arme und schwieg kopfsch\u00fcttelnd. \u201eUnd dann?\u201c, fragte ich. \u201eIch wei\u00df es nicht\u201c, sagte Toussaint leise, \u201eich glaube, er war so \u00fcberrascht, mich zu treffen, dass er seine Entt\u00e4uschung nur dadurch \u00fcberwand, dass er im Moment des Erkennens f\u00fcr immer mit mir brach.\u201c Toussaint schaute mich an, als erwartete er meine Zustimmung. \u201eDas kann ich nicht glauben\u201c, sagte ich. \u201eIch habe keine bessere Erkl\u00e4rung\u201c, sagte er und schaute mit halb geschlossenen Augen ins Leere, \u201eanders kann ich ihn nicht retten.\u201c \u201eMuss das sein?\u201c, fragte ich. \u201eJa\u201c, sagte Toussaint, \u201ees geht ja auch um mich.\u201c <b><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Les fleurs du galant<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vielen Jahren traf ich eine alte Freundin auf dem Blumenmarkt in der Stadt meiner Jugend. Wir standen neben den Vasen mit den Margeriten. Ich war neugierig zu h\u00f6ren, was sie in ihrem Leben erfahren hatte, wie es ihr geht, aber ihr lief das Herz im Mund \u00fcber: \u201eStell dir vor, eben wurde ich auf meine alten Tage von einem Mann angesprochen. Das ist mir lange nicht mehr passiert. Als ich eine junge Frau war, vielleicht gerade noch ein M\u00e4dchen, lief mir ein Bildhauer mitten in der Stadt in den Weg, sah mich an und sagte: Ich male Sie und schlage Sie in Stein! Ich war perplex, er fasste mich an der Hand und zog mich in sein Atelier, nicht weit von der Stelle, wo mich eben der Mann ansprach, ein seri\u00f6ser Herr ungef\u00e4hr in meinem Alter, sehr gut aussehend. Er starrte mich schon von weitem an, und als ich unter die Arkaden der Kaufhalle abbog, folgte er mir und holte mich bald ein: Sie haben eine Ausstrahlung!, sagte er, Sie besitzen ein umwerfendes \u2013 Appeal! Der Bildhauer sagte: Sie sind nicht nur sch\u00f6n, sondern es geht weit dar\u00fcber hinaus, Sie haben einen nie dagewesenen Kopf &#8230; Den wolle er unbedingt haben, sagte er noch. Der Mann, den ich so sehr verzaubert hatte, fragte mich, ob ich mir meines Charismas \u00fcberhaupt bewusst sei? Er ergriff meine Hand und schlug vor, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. Ich f\u00fchlte mich \u00fcberrollt. Ich wand mich aus der Hand und sagte: Nein. Ich wei\u00df nicht, warum ich wieder an den Bildhauer denken musste, der meinen Kopf in wenigen Minuten mehrmals zeichnete und mir eine der Skizzen schenkte, als wir uns verabschiedeten. Der Mann, den ich heute so verhexte, stellte sich mir als Kunsthistoriker vor. Nicht schlecht, dachte ich, aber als er dann vermutete, ich sei gewiss eine K\u00fcnstlerin, fr\u00f6stelte mich diese Suche nach \u00dcbereinstimmung, oder war es Angst, ich wei\u00df es nicht, eigentlich freute ich mich \u00fcber die Avancen des Kavaliers, zumal mein Mann immer wieder betont, wie alt wir doch schon seien, sozusagen grabfertig. Vielleicht verst\u00e4rkten diese Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, die Intensit\u00e4t meiner Ausstrahlung, meinem Kavalier stand die Sehnsucht ins Gesicht geschrieben &#8230; Wie dem auch sei, ich gab ihm den Laufpass. Mich erinnert diese Begegnung an ein Gedicht von Baudelaire &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Freundin erz\u00e4hlte das alles so, als h\u00e4tten wir uns gestern noch gesehen und \u00fcber alle Dinge des Alltags gesprochen, und mir ging es genauso. \u201eVor wenigen Jahren\u201c, entgegnete ich, \u201ehat mich nach einem Vortrag, den ich in Ludwigsburg hielt, eine Frau, ungef\u00e4hr in der Mitte ihres Lebens, angesprochen, im Beisein anderer G\u00e4ste: Ihre Worte haben mich ergriffen, sie schmeicheln meinem Verstand, Sie sind ein Mann des Geistes, der den K\u00f6rper kennt und die Gesetze der Natur!, und gab mir ihre Visitenkarte. Besuchen Sie mich, wann Sie wollen!, und f\u00fcgte hinzu, es sei ihr heute Abend keinesfalls zu sp\u00e4t. Was tun? Sie r\u00fchmt meinen Geist, und meint doch auch andere Kr\u00e4fte &#8230; Ich sah verz\u00fcckt in ihren Augen die S\u00fc\u00dfe, die verlockt, die Lust die mich zersetzen sollte &#8230;\u201c Die letzten Worte sagte ich mit einem geheimnisvoll verschw\u00f6rerischen L\u00e4cheln zur Freundin, der ich so intensiv wiederbegegnet war. \u201eIch steckte ihre Visitenkarte ein und sagte mit einem abfedernden L\u00e4cheln: Ich f\u00fchle mich sehr geehrt von Ihren Worten, Madame. Ich lie\u00df offen, was nun geschah.\u201c \u2013 \u201eDeine charmante Bittstellerin muss gedacht haben: Ein Blitz \u2013 nun geht er in das Dunkel hin &#8230;\u201c, sagte meine wiedergefundene Freundin. \u2013 \u201eJa\u201c, sagte ich, \u201ewir wissen voneinander nicht, wohin wir gehen.\u201c \u2013 \u201eDu h\u00e4ttest die Gelegenheit beim Schopfe packen sollen\u201c, sagte sie. \u2013 \u201eVorbei\u201c, sagte ich, \u201evorbei. Komm, gehen wir Kaffee trinken &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiedergefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unserer Zeit, in der das W\u00fcnschen selten hilft, musst du deine Welt selber erschaffen. Wie lange sie h\u00e4lt, was du dir versprichst, ist eine andere Frage. Aber in Bayern, wo die Sonne auf gr\u00fcne Auen und Berge scheint, die k\u00fchle Schatten aufs Land werfen, ist die Welt noch so nat\u00fcrlich, dass keiner staunt, wenn alle Sorgen wie Morgentau vergehen; falls man sich zu helfen wei\u00df. Denn der liebe Gott wohnt nicht im Himmel, wo er sich langweilt, sondern in den Menschen. Manchmal passiert auch ein Wunder, das bei Licht besehen gar kein Wunder ist&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte, die sich wirklich ereignete, begann vor guten f\u00fcnfundzwanzig Jahren, als ein junger Architekt seine Braut k\u00fcsste und zu ihr sagte: \u201eBald bl\u00fcht unsere Liebe noch st\u00e4rker auf. Wir heiraten und bauen uns ein eigenes Haus.\u201c \u201eUnd Friede und Liebe soll darin wohnen,\u201c sagte die sch\u00f6ne Braut liebevoll l\u00e4chelnd, \u201edu bist mein Ein und Alles, ohne dich m\u00f6chte ich lieber&#8230;\u201c\u00a0 \u201eSchsch &#8230;\u201c, unterbrach er sie. Und ein Frosch aus Samt mit gl\u00e4sernen Augen war ihr heimlicher Trauzeuge. Zum Zeichen seiner Liebesfeigheit hatte sie ihm den Frosch geschenkt: \u201eQuak quak, ich bin der Wasserpatscher!\u201c Da hatte er laut lachen m\u00fcssen, sie in seine Arme genommen und endlich gek\u00fcsst &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lernte sie lieben und teilte seine Kr\u00e4fte \u2013 denn zuviel ist auch zuwenig \u2013 immer besser ein. So gingen die Jahre dahin, sie bauten ein Haus in der Stadt, sie gebar einen Sohn und eine Tochter, und sie hatten viel Liebe und Frieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Kinder aus dem Haus waren, fragten sich die Liebenden, was sie zu ihrem Gl\u00fcck noch brauchten. Und weil nichts fehlte, meldete sich die K\u00e4lte, und zwischen ihnen \u00f6ffnete sich das Nichts. Er schlug sein Bett \u2013 der Frosch blieb auf dem Regal \u00fcber ihrem Bett \u2013 im Arbeitszimmer auf. \u201eDu schnarchst zu laut\u201c, sagte er. Er klopfte zwar noch einmal an ihrer T\u00fcr und sagte ihr guten Abend, aber bald keinen guten Morgen mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen war die Dresdner Frauenkirche wiederaufgebaut worden; und die erste Frau wurde Kanzlerin in Deutschland; Papst Woytyla starb, ihm folgte der Kardinalpr\u00e4fekt der Heiligen Kongregation des Heiligen Offizium; deutsche Truppen k\u00e4mpften in Afghanistan gegen den Terrorismus; in Amerika wurde ein Schwarzer zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt; die Schweinegrippe ging um in Europa; ein f\u00fcrchterlicher Tsunami zerst\u00f6rte St\u00e4dte an der japanischen Ostk\u00fcste und brachte die Atomreaktoren von Fukushima zur Kernschmelze; Osama Bin Laden wurde gejagt und in seinem Versteck erschossen; die arabische Revolution brach aus und die Diktatoren st\u00fcrzten; und der Freiherr von und zu Guttenberg f\u00e4lschte seine Doktorarbeit; das Ozonloch wird gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer, und die T\u00fcren im Hause gehen auf und zu, die Frau schnarcht, und der Architekt tr\u00e4gt seine Gedanken immer wie Kleider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, in tiefer Nacht, sto\u00dfen sie im Flur aufeinander, als er ins Bad will. Er hat die Klinke noch nicht ber\u00fchrt, da \u00f6ffnet sich die T\u00fcr, und keiner sagt ein Wort zum andern. Ihm f\u00e4llt einfach nichts ein. Sie schaut ihn mit kalten Augen an. Schweigend gehen sie wieder zu Bett, jeder in sein Zimmer. Er kann nicht wieder einschlafen und weint, bis die Sonne durchs Fenster scheint. So will ich nicht enden, sagt er sich, ich will noch einmal die Liebe sp\u00fcren. Am n\u00e4chsten Tag geht er im Internet auf die Suche nach einer Frau. Er staunt, wie sich ihm die Herzen der Frauen \u00f6ffnen; er gef\u00e4llt sich in ihren Worten und w\u00e4hlt die liebsten aus. Ich will meine Liebe teilen, mehr will ich nicht, guter Mann, und willst du mehr, so will ich dich satt machen. Er vereinbart ein Treffen auf dem Markt. Morgen um sieben bin ich am Obelisken, schreibt er, du erkennst mich an dem Frosch, den ich in der Hand halte &#8230; Schon von weitem sieht er sie am Obelisken stehen, die Beschreibung passt genau, der blaue Mantel, das schwarzrote Halstuch, aber als er n\u00e4her kommt, erschrickt er \u2013 es ist seine eigene Frau. Schnell steckt er den Frosch in die Manteltasche zur\u00fcck, geht in das Lampengesch\u00e4ft, und durchs Schaufenster beobachtet er sie. Aber es kommt kein Mann, auch nicht als die Rathausuhr sieben Mal schl\u00e4gt. Und es kommt auch keine andere Frau. Er fasst sich ein Herz, geht zum Obelisken und fragt sie, auf wen sie warte. Auf ihre Freundin, antwortet sie, aber sie komme wohl nicht mehr. Es ist wie in der Nacht, als sie sich stumm begegneten, nur noch schlimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gibt ihm zu denken, und er sagt sich, ich habe meine Frau zwei Mal ausgesucht. Warum nicht ein drittes Mal. Er nimmt den Frosch, setzt sich zu ihr aufs Sofa und l\u00e4sst ihn sagen, wie jugendlich sie da stand, angelehnt ans Eisengel\u00e4nder des Obelisken. \u201eDu hast bestimmt auf deinen Geliebten gewartet?\u201c, quakt er. Da muss die Frau lachen, nimmt ihm den Frosch aus der Hand, quakt zur\u00fcck: \u201eDas stimmt vielleicht, aber mein Geliebter traute sich nicht\u201c, und muss wieder lachen. Der Frosch antwortet: \u201eWenn du mich lieb haben willst, so will ich unser Gl\u00fcck wieder herauf holen.\u201c<b> <\/b>\u201eWas will der Frosch von mir?\u201c \u201eSchieb mir dein goldenes Tellerlein n\u00e4her, damit wir zusammen essen\u201c, sagt er. Und eine Weile sp\u00e4ter: \u201eIch habe mich satt gegessen und bin m\u00fcde, mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.\u201c Sie streichelt ihn sanft mit zwei Fingern und sagt ihm in seine sch\u00f6nen und freundlichen Augen: \u201eDu hast dich verwandelt, so verwandle ich mich auch.\u201c Niemand h\u00e4tte ihn erl\u00f6sen k\u00f6nnen als sie allein. Dann schlafen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckt, sind sie wieder in Liebe zusammen; doch \u00fcber ihr Geheimnis am Obelisken verraten sie kein Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es geschieht noch etwas. Eines Tages \u2013 sie nehmen den Frosch auf jede Reise mit \u2013 besteigen sie einen hohen Berg in den Alpen. Oben auf dem Gipfel holen sie den Frosch aus dem Rucksack, stellen ihn auf einen Stein und wollen den zweifachen Zeugen ihrer Liebe fotografieren. Da erfasst ein Windsto\u00df den Frosch und weht ihn weg vom Stein auf den felsigen Boden und von dort weiter zum Rand der Klippe, wo er abst\u00fcrzt. Sie sehen, wie er im Wind nach unten treibt und immer kleiner wird, bis sie ihn aus den Augen verlieren. Sie steigen hinab ins Tal und rufen die Bergwacht zu Hilfe. Am n\u00e4chsten Morgen klettert ein Bergf\u00fchrer auf den Gipfel und seilt sich mit Schlingen und Steigklemmen ab. Eine halbe Stunde vor dem Einbruch der Dunkelheit findet er, fast schon auf dem Talgrund, den Frosch in einem Felsspalt, den Kopf angelehnt an den Schnee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr ist unser W\u00e4chter\u201c, sagt sie, \u201eer soll immer \u00fcber unserem Bett stehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie das Schlafzimmer verlassen und sich noch einmal umschauen, starren die zersplitterten Augen des Froschs stumpf ins Leere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_13738\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13738\" class=\"size-full wp-image-13738\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13738\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Sie trafen sich am Beethoven vor der Alten Post. Die junge Frau im blauen Rock war ganz aufgeregt vor ihrem ersten Rendezvous. Fast p\u00fcnktlich erschien ein Herr, der zur Beschreibung passte \u2013 ein Kopf gr\u00f6\u00dfer als sie selbst, so&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/08\/kurze-begegnungen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-33459","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33459"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100749,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33459\/revisions\/100749"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}