{"id":32991,"date":"2016-03-02T00:01:30","date_gmt":"2016-03-01T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32991"},"modified":"2022-04-02T13:44:20","modified_gmt":"2022-04-02T11:44:20","slug":"die-musik-und-das-unaussprechliche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/02\/die-musik-und-das-unaussprechliche\/","title":{"rendered":"Die Musik und das Unaussprechliche"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer dieses grafisch elegant gestaltete B\u00e4ndchen \u00fcber einen der gro\u00dfartigsten und bekanntesten Au\u00dfenseiter der europ\u00e4ischen Musikgeschichte mit den beiden Essays des franz\u00f6sischen Philosophen und Publizisten Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch zur Hand nimmt, der sollte seine Lekt\u00fcre mit dem Nachwort des Musikjournalisten Schroetter beginnen. Er n\u00e4hert sich den kompositorischen Eigenheiten von Erik Saties Klavierwerken auf zwei Pfaden. Mit John Cage verweist er auf die Eigenheiten des Tons, der \u201edurch seine H\u00f6he, seine Lautst\u00e4rke, seine Farbe und seine Dauer charakterisiert wird, und das Stille, welche das Gegenteil und deshalb der notwendige Partner des Tons ist.\u201c (S. 121) Da der Ton durch seine Dauer charakterisiert werde, komme man zum Schluss, dass die Dauer, \u201edas hei\u00dft die Zeitl\u00e4nge die fundamentalste der vier Charakteristika des musikalischen Materials ist.\u201c Stille aber k\u00f6nne nicht als Tonh\u00f6he oder Harmonik geh\u00f6rt werden, sondern nur als Zeitl\u00e4nge. Die Wiederentdeckung dieser musikalischen Wahrheit verdanke man Satie und Webern. Und Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch (1903 \u2013 1985), der sich, wie Schroetter anmerkt, mit dem Werk von Erik Satie (1866 &#8211; 1925) in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden besch\u00e4ftigt. Aber erst nach 1945 wird es zum Gegenstand einer nicht nur musikphilosophischen und musikalischen Auseinandersetzung. Im Mittelpunkt seiner musikologischen Studien steht von nun an vor allem die franz\u00f6sische serielle Musik. Das deutsche musikalische Schaffen aber ist f\u00fcr Jank\u00e9l\u00e9vitch nach 1945, mit wenigen Ausnahmen (Robert Schumann, Arnold Sch\u00f6nberg), kein Gegenstand mehr. Es ist der unmenschliche Vernichtungswahn der Nazis, der im geistigen Schaffen des franz\u00f6sischen Musikphilosophen eine entscheidende Abwehrhaltung hervorruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem Zeitpunkt hinterlassenen Saties Kompositionen, wie John Cage kritisch anmerkt, im Schaffen von Karl-Heinz Stockhausen, Pierre Boulez oder Luigi Nono keinerlei Spuren. Erst Mitte der 1960er Jahre setzt die intensive konzertante Auseinandersetzung mit den Werken Saties ein.Der Pianist Aldo Ciccolini legte die erste Gesamteinspielung der Klavierwerke auf Schallplatte vor, eine Einspielung, die nach Schroetter die begeisterte Aufnahme durch die Kritik ausl\u00f6ste. Bereits 1963 hatte John Cage Saties <i>Vexations <\/i>im New Yorker Pocket Theater zum ersten Mal vorgestellt. Die musikalische Rezeption wurde seit den sp\u00e4ten f\u00fcnfziger Jahren auch von Seiten der Wiener Gruppe um Gerhard R\u00fchm, den Post-Dadaisten wie der bildenden Kunst flankiert. Diese Gruppierungen wandten sich gegen die Rituale der b\u00fcrgerlichen Hochkultur. Schroetters Verweise auf solche Wertungsstr\u00e4nge verdichten das rezeptive Gesamtbild vom Einfluss des Satie\u2019schen Schaffens auf die europ\u00e4ische subversive Musik, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts fester Bestandteil der sog. Hochkultur geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch auch mit seinen Essays und konkreten musiktheoretischen Schriften zu dieser Positionsverschiebung beigetragen hat, verdeutlicht <i>Satie und der Morgen<\/i>. Der 1957 im Band Nocturne im Pariser Verlag Albin Michel erschienene Essay richtet sich, so Schroetter, \u201egegen die Verkl\u00e4rung der Nacht in den Musikwerken des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Allgemeinen und ganz gezielt gegen Wagners <i>Tristan<\/i>, das chef d\u2019oeuvre der Sp\u00e4tromantik\u201c (S. 140) Diese Publikation habe im Zeichen der Nacht gestanden, was deren Kapitelfolge: <i>1. Le nocturne, 2. Chopin et la nuit, 3. Satie et le matin <\/i>beweise. Satie sei damit der Komponist des \u00dcbergangsgeworden, \u201eder den Morgen der franz\u00f6sischen Musik einl\u00e4utet:\u201c (S. 141) In der 1988 erschienen Ausgabe unter dem Titel <i>La musique et les heures<\/i> in der Edition Du Seuil f\u00fcgten die Herausgeber ein weiteres Kapitel \u00fcber Rimski-Korsakow hinzu und ver\u00e4nderten die Reihenfolge der Texte. Satie an erster Stelle stehe nun nicht mehr am Ende des Wandels, sondern markiere ph\u00e4nomenologisch das Ergebnis des Wandels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mit einem weiteren Essay \u201eDie Musik und das Unaussprechliche\u201c von Jank\u00e9l\u00e9vitch und dem Bekenntnis Erik Saties \u201eWas ich bin\u201c ausgestattete B\u00e4ndchen zeichnet sich durch eine enge interpretatorische Verbindung von Werkanalysen, musikphilosophischer Abhandlung und Werkrezeption aus. Besonders hilfreich erweist sich dabei auch das Verzeichnis der von Jank\u00e9l\u00e9vitch erw\u00e4hnten Werke von Satie sowie die Publikationsnachweise der franz\u00f6sischsprachigen Schriften. Diese inhaltlichen Bestandteile bilden eine flexible Verbindung zwischen den Werken (auf youtube auch im Internet h\u00f6rbar) Saties und deren Interpretation, die aufgrund des ausgezeichneten Nachworts von Richard Schroettel ein vertiefendes Einh\u00f6ren in die Klavier- und Ballettmusik erlauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Satie und der Morgen.<\/strong> Mit dem Essay \u201eDie Musik und das Unaussprechliche\u201c von Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch.\u00a0\u00a0Aus dem Franz\u00f6sischen von Ulrich Kunzmann. Mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Richard Schroetter. Berlin (Matthes &amp; Seitz) 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Satie-und-der-Morgen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89393 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Satie-und-der-Morgen-160x300.jpg\" alt=\"\" width=\"160\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Satie-und-der-Morgen-160x301.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Satie-und-der-Morgen-260x489.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Satie-und-der-Morgen.jpg 266w\" sizes=\"auto, (max-width: 160px) 100vw, 160px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer dieses grafisch elegant gestaltete B\u00e4ndchen \u00fcber einen der gro\u00dfartigsten und bekanntesten Au\u00dfenseiter der europ\u00e4ischen Musikgeschichte mit den beiden Essays des franz\u00f6sischen Philosophen und Publizisten Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch zur Hand nimmt, der sollte seine Lekt\u00fcre mit dem Nachwort des Musikjournalisten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/02\/die-musik-und-das-unaussprechliche\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1862,1158],"class_list":["post-32991","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-vladimir-jankelevitch","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32991"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32991\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102516,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32991\/revisions\/102516"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}