{"id":32663,"date":"2003-10-09T00:01:47","date_gmt":"2003-10-08T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32663"},"modified":"2022-06-06T12:31:00","modified_gmt":"2022-06-06T10:31:00","slug":"tempora-mutantur-et-nos-in-illis-mutamur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/09\/tempora-mutantur-et-nos-in-illis-mutamur\/","title":{"rendered":"Tempora mutantur et nos in illis mutamur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Zur Literatur unserer Zeit<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ann\u00e4herung<\/i>: Camus las ich in den 60er und 70er Jahren, \u201eDie Pest\u201c war Schulstoff im Franz\u00f6sisch-Unterricht, aber da kamen wir \u00fcber Charakterisierungen kaum hinaus. Im Rahmen meiner Abiturvorbereitung schrieb ich eine Facharbeit \u00fcber den Existentialismus bei Camus und Sartre. Zu Beginn meines Germanistik-Studiums las ich \u201eDer Fremde\u201c. In den 80er Jahren sah ich zwei Camus-St\u00fccke auf der B\u00fchne. Seine Philosophie, auch die Sartres, hat mich sehr gebildet. Sartre allerdings nur durch seine St\u00fccke, vor allem \u201eGeschlossene Geselllschaft\u201c, und sein Film-Script \u201eDas Spiel ist aus\u201c. Viel sp\u00e4ter, gegen Ende des Jahrtausends, las ich den Sisyphos-Essay, dessen Schluss mir aus der Seele sprach. \u201eDer erste Mensch\u201c steht bei mir im Regal, ungelesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Zeit arbeite ich an zwei Rezensionen zu gelesenen B\u00fcchern: Michael Fehr, Simeliberg, und Holger Benkel, Seelenland, Gedichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Zwischenschritt<\/i>: An gute B\u00fccher kam ich seit meiner fr\u00fchesten Kindheit. Ich las B\u00fccher, die heute kaum ein Kind oder Jugendlicher noch liest: Karl May, Curt Goetz, John Knittel, John Fenimore Coopers \u201eLederstrumpf-Geschichten\u201c, Mark Twains \u201eAbenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn\u201c, Herman Melvilles \u201eMoby Dick\u201c, Daniel Defoes \u201eRobinson Crusoe\u201c, Felix Dahns \u201eEin Kampf um Rom\u201c, Sienkiewicz\u2019 \u201eQuo vadis\u201c, Lew Wallace\u2019 \u201eBen Hur\u201c \u2013 sp\u00e4ter D\u00fcrrenmatt, Frisch, Grass (freiwillig!) &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sp\u00fcre daran, wie alt ich schon geworden bin. Dabei lese ich auch die neuesten B\u00fccher, allerdings nur dann, wenn sie mir Neues zeigen, sprachlich und formal formal. Ich lese z. B. nicht den neuesten Fl\u00fcchtlingsroman. Uwe Tellkamps \u201eTurm\u201c zwang ich mir auf, weil ich in der DDR aufwuchs, die Erz\u00e4hlung schleppte sich hin, und erst die Dresdner Theaterfassung riss mich mit. Tellkamp bekam f\u00fcr den Vorspann des Romans \u2013 darin die Ann\u00e4herung an Dresden aus der Vogelperspektive \u2013 den Bachmann-Preis. Dann folgt ziemlich konventionelles Erz\u00e4hlen, das sich oft in Details verliert, weil es dem Erz\u00e4hler um Authentizit\u00e4t geht in seinem realistischen Gem\u00e4lde der DDR aus der Perspektive einer teils privilegierten Schicht Dresdner Akademiker, die in den unzerst\u00f6rten Villenvierteln von Oberloschwitz und dem Wei\u00dfen Hirsch wohnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ankunft: <\/i>Andererseits: Sophie Roche\u2019s \u201eFeuchtgebiete\u201c und Helene Hegemanns \u201eAxolotl Roadkill\u201c wollte ich lesen \u2013 Roche wegen des dreisten Erfolgs mit einem Schreibkonzept, das immer wieder mal in der Literaturgeschichte auftaucht: Der interessante, freche Mix an zeitgeistigen Themen, Problemen und Sprachebenen. Schikaneders \u201eZauberfl\u00f6te\u201c war so ein Mix, eine Art Musical wie die \u201eHorror Picture Show\u201c fast zweihundert Jahre sp\u00e4ter. Goethe flog auf den gekonnten Wiener Klamauk rein, ahnte Tiefen, die er einfach selber konstruierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hegemann interessierte mich wegen ihrer Plagiate (past and copy). Diese Plagiats-Melange aus Pubert\u00e4ts-Imbiss-Gedanken, die sie mit ein paar eigenen Lebensfetzen und \u00a0zu einer Pseudotragikom\u00f6die verr\u00fchrte, wurde ein verlegerischer Erfolg im Promi-writer-Fluidum &#8230; Interessant, weil durch sie viele erstmals aufmerksam gemacht wurden auf die literarischen Blogs, Zines und social websites etc.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00dcberblick<\/i>: Die gro\u00dfe Mehrheit der Bildungsb\u00fcrger und Neu-Gebildeten hatte bis dato kaum eine Ahnung, dass massenhaft viele Menschen aus allen Schichten literarisch ernsthaft schreiben und auch schreiben k\u00f6nnen! In den 60er Jahren, als ich Sch\u00fcler war, wagte kaum jemand zu schreiben, die Medien waren daf\u00fcr gar nicht da, es gab nur Verlage, die streng das Wenige aussortierten, das ihnen meist artig vorgesetzt wurde. Und, ebenso wichtig, es gab noch keinen Deutsch-Unterricht, der Literatur wirklich als Kunst servierte und dazu anregte, selber zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt heute Hunderte von Print-Literaturzeitschriften. Die gro\u00dfen Literaturzeitschriften, AKZENTE oder SINN+FORM, waren einmal Leit-Publikationen, sie haben heute nur noch wenige Tausend Abonnenten. Die poetischen Print- und Online-Medien sind Legion! Und die Literatur-Vielfalt ist gewachsen. Comic und Comedy, Horror und Trash, Rap und Slang und viele andere Sorten und Nuancen der Sprach- und Lebensfelder stiegen auf in die h\u00f6heren Zonen, wo fr\u00fcher die Luft des Lebendigen d\u00fcnner wurde und der Geist immer astraler. Und auch die erz\u00e4hlerische und sprachliche Qualit\u00e4t sitzt heute in einer viel breiteren Spitze. Das wollen viele noch nicht wahrhaben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die sprachlichen und formalen Ideen finden wir eher selten bei den Bestsellern, die von den Massen gelesen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ausblick<\/i>: Die zweite, dritte und vierte Liga, l\u00e4ngst schon keine Subszene mehr, wird zunehmend zur Konkurrenz, wenn auch noch l\u00e4ngst nicht kommerziell. Gelesen wird Poesie und Erz\u00e4hlprosa immer mehr im Internet, immer mehr per e-Books oder Dateien, die sich Leser und Autoren zusenden. Wir sehen heute erst die &#8211; allerdings interessante &#8211; Spitze eines gigantischen Eisbergs einer Schreib- und Lesekultur, die aus den Tiefen sozialer und multisingul\u00e4rer Vielfalt auftaucht, quasi aus dem Unter-Bewusstsein schreibender und lesender Kollektive a-b\u00fcrgerlichen Zuschnitts. In einer Hinsicht gewann die Literatur in den letzten Jahrzehnten am meisten und \u00fcberzeugendsten: an Vielfalt! Die Grenzen zwischen E- und U-Literatur werden zunehmend dehnbarer und sind oft schon irrelevant. Das dient der Erhaltung einer breiten Leserschaft. Ich glaube allerdings nicht, dass heute mehr gelesen wird als vor f\u00fcnfzig oder hundert Jahren. Ob die gegenw\u00e4rtige Literatur Werke hervorbringt wie die Epochen von der Klassik und Romantik bis hin zur Zeit eines Thomas Mann, das wird sich erst noch zeigen. Einige Hauptwerke von Frisch, Grass, Handke, Walser und einiger anderer bedeutender Autoren unserer Gegenwart werden wahrscheinlich genauso \u00fcberleben wie die von Schiller, Goethe, Kleist und Co. Wie es den Werken der noch jungen \u00c4ra virtueller Literaturvermittlung ergehen wird, ist schwer zu sagen. Wenn die subszenischen Literaturen ihren underground-Charakter weiterhin verlieren, stirbt die noch geltende Hierarchisierung von Geschriebenem, Gedruckten und virtuell Ver\u00f6ffentlichtem an der Vielfalt der Themen, L\u00e4nder und Sprachen, Lesererwartungen und Medien. Dieser Prozess ist schon seit einigen Jahrzehnten im Gange. Eines Tages wird es so weit sein: Das alte Buch ist tot \u2013 es lebe das neue!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Literatur unserer Zeit Ann\u00e4herung: Camus las ich in den 60er und 70er Jahren, \u201eDie Pest\u201c war Schulstoff im Franz\u00f6sisch-Unterricht, aber da kamen wir \u00fcber Charakterisierungen kaum hinaus. 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