{"id":3258,"date":"2019-04-10T00:01:23","date_gmt":"2019-04-09T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3258"},"modified":"2020-03-14T09:33:55","modified_gmt":"2020-03-14T08:33:55","slug":"flussschiffahrt-mit-mord-und-geschichtskunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/10\/flussschiffahrt-mit-mord-und-geschichtskunde\/","title":{"rendered":"Flussschiffahrt mit Mord und Geschichtskunde"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3262\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Cover1.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"271\" \/><\/a>Die Donau ist sicherlich der europ\u00e4ische Schicksalsfluss. Besonders nat\u00fcrlich f\u00fcr einen slowakischen Schriftsteller und dessen Herkunftsland. Immerhin wuchs er an diesem Fluss auf und lebte viele Jahre an seinem Ufer. Michal Hvorecky, geboren in Bratislava, besa\u00df jedenfalls den Mut, mit \u201eTod auf der Donau\u201c einen vielschichtigen Roman zu schreiben, der zugleich als Liebessgeschichte, Groteske, Krimi und Reisebeschreibung daherkommt. Dennoch gibt er keinerlei Anlass, ihm vorzuwerfen, zu viel auf einmal gewollt zu haben. Alles f\u00fcgt sich zusammen zu einer gekonnten Mischung, die zudem noch ganz nebenbei Geschichtsunterricht \u00fcber diverse Geschehnisse von Jahrhunderten erteilt. Und selbstverst\u00e4ndlich ist dieser Geschichtsunterricht nicht jener, bei dem sich viele tats\u00e4chliche und potentielle Leser in ihrer Schulzeit gelangweiligt haben k\u00f6nnten, denn das Buch l\u00e4sst in keinem seiner Kapitel Spannung vermissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00dcbergewichtig, bequem, dumm<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hauptfigur Martin Roy, diplomierter, aber mittelloser \u00dcbersetzer aus Bratislava, muss sich als Tour-Direktor bei einer amerikanischen Kreuzfahrtgesellschaft verdingen. Die Schiffsreisenden, die er bei der Fahrt eines Luxusliners von Regensburg bis zur M\u00fcndung ins Schwarze Meer zu betreuen hat, sind mehr oder weniger gebrechliche amerikanische Senioren. \u00dcbergewichtig, bequem, dumm, zugleich arrogant und auch wieder dankbar f\u00fcr jedes nicht allzu anstrengende Abenteuer. Als historische Analphabeten vergleichen sie eine R\u00f6mergr\u00fcndung wie Regensburg mit der Sch\u00f6nheit von Frankfort\/Kentucky, wissen nicht, wer Mozart war, und vermuten, das KZ in Mauthausen, sei nicht von Nazis sondern von Kommunisten errichtet worden. Und Barock lassen sie sich als politische Diktatur erkl\u00e4ren, die sie ganz gewiss in den USA nicht haben wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Am Ende z\u00e4hlt ein Fragebogen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin ist abh\u00e4ngig von der abschlie\u00dfenden Beurteilung seiner Fahrg\u00e4ste. Die am Ende der Reise auszuf\u00fcllenden Frageb\u00f6gen werden von seinem Arbeitgeber genauestens ausgewertet und entscheiden \u00fcber seine Weiterbesch\u00e4ftigung. So bewundert er seine Senioren f\u00fcr ihr umfangreiches Wissen und bedenkt sie \u00fcberreichlich mit fantasiereichen Komplimenten. Damit treibt die Groteske immer wieder auf zwischenzeitliche H\u00f6hepunkte kultureller Dekadenz zu. Sie dr\u00e4ngen dem Leser unweigerlich die Frage auf, wie lange denn B\u00fcrger der USA, der angeblich m\u00e4chtigsten Nation der Welt dem Untergang noch widerstehen k\u00f6nnen. Nicht von ungef\u00e4hr f\u00fchrt der Luxusliner den Namen \u201eAmerika\u201c. Die Passagiere werden von einem Schiffskoch, einem jungen ungarischen Pianisten, dem um kein falsches Lob verlegenen Martin und diversem sonstigen Personal mit reichhaltigem Luxus verw\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Opfer von Gesch\u00e4ftsmachern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nimmt es kaum Wunder, dass die naiven Senioren, sobald sie das Schiff zu wohl organisierten Ausfl\u00fcgen verlassen, willigste Opfer osteurop\u00e4ischer Gesch\u00e4ftsmacher werden. F\u00fcr jene gewieften Touristik-Experten ist es ein Leichtes, die jeglicher Realit\u00e4t entr\u00fcckten Amerikaner mit Billigprodukten \u00fcbers Ohr zu hauen. In den grotesken Reiseroman ist eine nicht gerade unkomplizierte und deswegen nicht weniger spannende Beziehungsgeschichte eingespielt. Mona, Martins einstige Jugendfreundin und sp\u00e4tere Dauergef\u00e4hrtin, erschleicht sich w\u00e4hrend der Schifffahrt zun\u00e4chst als blinde Passagierin eine Mitreisegelegenheit. Die Liebe der Beiden beginnt sich erneut zu entwickeln. Gleichzeitig l\u00e4sst sich Mona auf einen der amerikanischen Passagiere ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Untergang und weniger gl\u00fcckliches Happy end<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schlie\u00dflich liefern zwei Morde, auf die sich die Geschehnisse an Bord zwangsl\u00e4ufig zubewegen, Stoff f\u00fcr einen aufregenden Krimi. Nicht nur durch den alkohols\u00fcchtigen Kapit\u00e4n, der seinen Dienst letztlich gerade noch korrekt versehen kann, wird schon fr\u00fchzeitig angedeutet, dass die \u201eAmerika\u201c auf den Untergang zusteuert. Immerhin endet wenigstens die Beziehung von Mona und Martin in einem Happy End, allerdings einem weniger gl\u00fccklichen. Insgesamt gelang Michal Hvorecky nach seinen vorherigen nicht weniger lesenswerten B\u00fcchern hier ein Roman, der noch umfassender und schonungsloser derzeitige gesellschaftliche Traumwelten l\u00e4cherlich macht. Leser, die sowohl eine spannende Geschichte als auch gut recherchierte historische Lekt\u00fcre gepaart mit treffenden gesellschaftpolitischen Seitenhieben lieben, werden ihre Freude an dem Buch haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tod auf der Donau <\/strong>von Michal Hvorecky, aus dem Slowakischen \u00fcbersetzt von Michael Stavaric, 240 Seiten, gebunden, Klett-Cotta Tropen, Stuttgart 2012. \u20ac 19,95<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Donau ist sicherlich der europ\u00e4ische Schicksalsfluss. Besonders nat\u00fcrlich f\u00fcr einen slowakischen Schriftsteller und dessen Herkunftsland. Immerhin wuchs er an diesem Fluss auf und lebte viele Jahre an seinem Ufer. 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