{"id":32433,"date":"2023-10-16T00:01:57","date_gmt":"2023-10-15T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32433"},"modified":"2022-02-26T08:00:28","modified_gmt":"2022-02-26T07:00:28","slug":"die-grenzen-des-schoener-wohnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/16\/die-grenzen-des-schoener-wohnen\/","title":{"rendered":"Die Grenzen des \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n zu wohnen ist heute relativ einfach geworden. Das vielseitige Angebot ist f\u00fcrwahr kein Garant f\u00fcr die richtige Wahl beim Erwerben der passenden Einrichtungsg\u00fcter, aber die Produkte sind hinsichtlich Qualit\u00e4t gestiegen und steigen weiter, auch dann, wenn sie in China, Indien oder Rum\u00e4nien hergestellt werden. So ist der Griff zu einem Einrichtungsgegenstand, der sowohl gut als auch stilvoll ist, und mit grosser Wahrscheinlichkeit von einem Produktdesigner konzipiert wurde, nicht unweit. Wenn gestern Senfglasqualit\u00e4t zur Platzierung von Teelichtern gen\u00fcgte, so darf es heute gerne bestens geschliffenes Baccarat-Kristallglas sein. Oder anders herum: Die Senfgl\u00e4ser haben in Formvollendung und Machart so weit aufgeholt, dass sie ausgewaschen auch als Whiskygl\u00e4ser durchgehen oder als edle Geschenke gute Dienste leisten. Die Menschen sind in den letzten Jahren sozusagen automatisch formbewusst geworden und k\u00f6nnen sich einem bestimmten \u00e4sthetischen Niveau kaum mehr entziehen. Ob Restaurants, Hotels, Einkaufstempel oder gar die renovierte d\u00f6rfliche Poststelle, kaum ein Unternehmen will es sich heutzutage nehmen lassen, beim Ausbau oder einer Neuer\u00f6ffnung nebst dem Architekten, nicht auch einen Interior Designer, Lichtplaner oder sonstigen Raumausstatter bei der Ausf\u00fchrung hinzuzuziehen. Das Besteck wird pr\u00e4zis auf den L\u00fcster abgestimmt und die Schuhe des Kellners m\u00fcssen auf jeden Fall mit dem edel versiegelten Parkett harmonieren. F\u00fcr Zufall ist wenig Raum, beziehungsweise wird immer wieder ein zuf\u00e4llig anmutender freier Raum von vornherein der Kunst zugedacht. Dies erweckt den Eindruck, dass die hier Verantwortlichen einen grossen Sinn f\u00fcr Kunst oder gar kulturelle Interessen hegen, in Wirklichkeit aber dient das vordergr\u00fcndige Kunst-\/Kulturengagement sehr oft der \u00c4sthetik selbst. In diesem Kontext erscheinen dann selbst provokative Kunstwerke glatt und massentauglich, was bei vielen K\u00fcnstlern die Nackenhaare aufstellen lassen d\u00fcrfte. Wenn sich die Kunst ungewollt in die Dekoration einbindet, ist dies genug tragisch, und die Tatsache wird dadurch verschlimmert, wenn Kunst auch beim Rezipienten in erster Linie als dekoratives Element und nicht als Kunstwerk wahrgenommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgende Frage ist dann naheliegend: Wenn ein perfekt gestalteter Innenraum mit Architektur, Beleuchtung und M\u00f6blierung 90% der \u00e4sthetischen Wahrnehmungsfl\u00e4che ausmacht und dann die letzten 10% z.B. der Kunst zukommen, ist dies der Kunst, die ja im besten Fall f\u00fcr sich selbst 100% Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, \u00fcberhaupt angemessen? Und wird dieses Verh\u00e4ltnis dem Individuum gerecht, das sich selber im Raum seinen eigenen Raum sucht? Und erst jenem Menschen, der obendrauf mit Kunst in Kommunikation treten m\u00f6chte? Bestimmt kann sich der eine besser abgrenzen als der andere und sich jederzeit und an jedem Ort auf sein gew\u00e4hltes Wesentliche konzentrieren, doch erschweren ihm m\u00f6glicherweise R\u00e4ume, die bis ins letzte Detail durchkonstruiert sind, eine grosse Menge an eigener Entfaltung, weil sie per se sehr dominant auf das Empfinden einwirken. Dabei ist hier der minimale Raum nicht a priori einer barocken Umgebung \u00fcberlegen. Es geht um die Verh\u00e4ltnisse. Diese k\u00f6nnen schliesslich auch in einem fast leeren Raum unausgewogen und ein \u00fcppiges Ambiente derart proportioniert sein, dass Freiraum fehlt beziehungsweise gegeben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer heute trendy sein will und sich keinen Faux-Pas in Sachen Einrichtung erlauben m\u00f6chte, f\u00e4hrt nicht selten die minimalistische Schiene. Dabei begreift er sich oftmals selbst als Stil-Ikone, wenn er beispielsweise konsequent auf Markenprodukte zur\u00fcckgreift. Der klassische Minimalist aber ist nicht selten jener, der das Minimale aus einem bestimmten Konglomerat an Dingen konzentriert und auf das Wesentliche seiner Auslese reduziert. Das Nicht-Vorhandene ist bei einem solchen, und f\u00fcr mich \u00fcberzeugenden, Minimalisten sp\u00fcrbar, auch wenn man keine physischen Spuren davon entdecken kann. \u00c4hnlich einer schnell gefertigten Skizze, die aber in ihren wenigen gekonnten Strichen, dem Kenner die darin verborgenen Jahre des Prozesses subtil durch das Werk durchscheinen l\u00e4sst. Genauso ist es m\u00f6glich, dass ein Purist bestens mit Eklektik umgehen kann und seinem Namen nicht dadurch gerecht wird, indem er steril oder einf\u00f6rmig residiert, sondern indem er es schafft, einer r\u00e4umlichen Umgebung das Puristische als solches einzuverleiben und dieses dann alle m\u00f6glichen Formen durchdringt. Dann erst n\u00e4mlich ist Meisterschaft und Reife gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn jemand sich nach einem Dogma oder einem Trend einrichtet, der wird es zum einen einfach haben, weil er sein Wohnen nach bestimmten Maximen reguliert und auf effiziente Weise Unn\u00f6tiges oder Unpassendes von vornherein zur Seite legen kann. Zum anderen aber wird er es schwer haben, wenn das gew\u00e4hlte Interieur nicht seiner wirklichen Pers\u00f6nlichkeit entspricht, sondern einer Modestr\u00f6mung oder gar jener Pers\u00f6nlichkeit, die er gerne w\u00e4re. Eine solche Behausung w\u00fcrde \u00e4usserlich perfekt erscheinen, w\u00fcrde aber nicht die wahre Seele des Bewohners widerspiegeln. Eine stete Kluft zwischen Wirklichkeit und Wunschvorstellung in den eigenen vier W\u00e4nden, verunm\u00f6glichten die Gew\u00e4hrleistung von etwas sehr Prim\u00e4ren, n\u00e4mlich dem Wohlbefinden des Menschen in diesem Raum und zwar auf der k\u00f6rperlichen, seelischen und sozialen Ebene. Jemand, der also permanent in R\u00e4umen wohnt, die nicht seiner wirklichen Person entsprechen, wird, \u00fcbertrieben gesagt, \u00fcber seinen eigenen Lebensraum nicht verf\u00fcgen k\u00f6nnen. Ergo, er bleibt in diesem Kontext auch in seiner eigenen Entwicklung auf der Strecke. Freilich ist denkbar, dass eine klar strukturierte Umgebung mit der Zeit so auf den Bewohner einwirkt, dass sie vermag, ihn ein St\u00fcck weit zu pr\u00e4gen und zu ver\u00e4ndern. G\u00e4nzlich wird das einer Umgebung jedoch kaum gelingen, und der Weg sollte bestenfalls doch umgekehrt sein, dass der Mensch n\u00e4mlich den Raum gestaltet und nicht der Raum die aktive Beeinflussung f\u00fcr sich in Anspruch nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Optimales Wohnen bedeutet, regelm\u00e4ssig im Verh\u00e4ltnis des Raums zum Verh\u00e4ltnis des Lebens zu kommen. Wer im Wohnen seinen eigenen Platz finden kann, der hat bessere Voraussetzungen, aus dem Zuhause heraus den grossen Fragen, beispielsweise nach der richtigen Lebensform, nachzugehen. Wie richtig wohnen ist ein Teil der Suche nach der richtigen Lebensform. Ein aufrichtiger und somit perfekter Wohnraum, ein Raum also, der einem Menschen garantiert zusteht, kann gewisse Fragen sogar erst gar nicht aufkommen lassen. Unser eigener Wohnraum besteht aus der Pr\u00e4gung unseres bisher gelebten Lebens und erwidert unsere W\u00fcnsche, Sehns\u00fcchte oder Erfahrungen. Wir umgeben uns darin von Dingen, die uns das Leben beschert hat, und wir teilen dieses St\u00fcck mit Menschen, die wir in diesen Lebensraum einlassen. Welches aber ist das richtige Gemisch aus harmonischer Kraftquelle und anregender R\u00fcckzugsoase? Die Antwort bleibt einmal mehr so subjektiv wie vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit die Einkaufstaschen eines gew\u00f6hnlichen Supermarktes marketingtechnisch durchgestylt sind, die Bussitze nach ergonomisch-modischen Tendenzen akribisch modelliert wurden, und seit sich die Fernsehsender mit Hilfe von bastelw\u00fctigen Moderatoren mit Dekorateur-Erfahrung f\u00fcr die bundesweite Umgestaltung von Wohnst\u00e4tten verantwortlich f\u00fchlen, ist es nicht verwunderlich, dass sich Begriffe wie Farbenlehre und Feng Shui ins kollektive Bewusstsein gespeichert haben. Von Verinnerlichung kann allerdings nicht die Rede sein, erst recht nicht vom guten Geschmack. Doch das neue bewusste Wohnen will den B\u00fcrgern tats\u00e4chlich suggerieren, dass \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c heutzutage mit adretten Stilleben und ein paar Farbklecksen an den richtigen Stellen kinderleicht und f\u00fcr jedermann m\u00f6glich ist. Mit geschickt gew\u00e4hlten Accessoires oder einem frischen Blumenstrauss, ist es aber nicht getan. Denn die eigene Wohnung darf auf keinen Fall prim\u00e4r eine sch\u00f6ne B\u00fchne darstellen, auf welcher sich der Protagonist mit jedem Schritt darauf verloren f\u00fchlt, da er durch die fehlende Identifikation mit der Umgebung seine Kreativit\u00e4t und somit sein Menschsein verliert. \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c kann so gesehen daher nur vermeintlich jeder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich genau umsieht und die in ihm inne liegende Nachahmung aktiviert, hat nur dann gewonnen, wenn die Einrichtungsst\u00fccke auch seiner inneren Vorstellung entsprechen. Sch\u00f6n zu wohnen ist keine Frage des Budgets und nat\u00fcrlich eine Frage der \u00c4sthetik, darunter auch der sozialen, zeitgeistlichen etc., aber \u201eSch\u00f6n Wohnen\u201c bleibt in jedem Fall eine authentische Angelegenheit. Dar\u00fcber ist das Pr\u00e4dikat \u201esch\u00f6n\u201c nicht nur subjektive Geschmacks-, sondern immer auch Auslegungssache. Der Grund f\u00fcr den Erwerb eines Einrichtungsgegenstandes sollte immer aufrichtig sein, sodass die M\u00f6bel und andere Wohn-Elemente auch dann, beziehungsweise vor allem, wirken, wenn sich der Besitzer an ihnen im h\u00e4uslichen Arrangement erfreut und mit ihnen in Beziehung tritt. Wenn er dies bei jedem St\u00fcck konsequent tut, angefangen von der Kochkelle, aufgeh\u00f6rt beim Kleiderschrank, wird die Summe der Einzelteile als Ganzes insgesamt und in Bezug zum Bewohner immer richtig und mehr sein. Dieses Mehr ist m\u00f6glicherweise die Voraussetzung f\u00fcr Ausstrahlung, Ambiente. Die Frage, ob die Sachen aufeinander abgestimmt sind und zusammenpassen, stellt sich dann nicht mehr. Weil sie passen werden, bei aller Unterschiedlichkeit. Dies zu erreichen bedarf eines langwierigen Prozesses, zugegeben. Doch w\u00e4hrend das eine oder andere St\u00fcck bereits an Patina gewinnt, kann sich das Neuerworbene umso frischer in die Kulisse einf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu oft machen die Leute beim Einrichten den Fehler, dass sie zu ungeduldig vorgehen und mit gut gef\u00fclltem Portemonnaie ausgestattet an einem Wochenende das gesamte Wohnzimmer einkaufen, sich dann wundern, wenn alles, Marke und stattlichem Preis zum Trotz, nach billigem Papiermach\u00e9 aussieht. Dann hilft auch ein echtes Gem\u00e4lde des K\u00fcnstlerfreundes \u00fcber die Katalogeinrichtung nicht hinweg. Das ist insofern paradox, als die meisten Menschen eigentlich grunds\u00e4tzlich mit Entscheidungen ringen. Doch gerade wenn beispielsweise Paare zusammenziehen, soll es ruck zuck kuschelig und mit sofortiger Wirkung gem\u00fctlich werden. A propos: Der weitverbreitete Glaube, dass Kissen, Stoffe im Allgemeinen, also Vorh\u00e4nge, Teppiche, gerade solche mit groben Strukturen, f\u00fcr garantiertes Wohlbehagen sorgen, ist im Grunde zwar richtig, und nichts spricht gegen eine behagliche Hause, doch wenn die Stoffe dazu dienen eine ansonsten kahle Einrichtung zu kaschieren, wird man die gefragten gem\u00fctlichen Gem\u00e4cher trotz Organza, Samt und l\u00e4ssig hingeworfenen Plaids auf Retro-Fauteuils, nicht ausmachen. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Es gibt durchaus aparte und einladende Interieurs, die souver\u00e4n auch ohne Stoffgewebe auskommen und wohlige W\u00e4rme ausstrahlen. Nur aufrichtiges, typgerechtes Wohnen kann wirklich sch\u00f6n sein. Weil sich dieses Credo nach der Wahrheit richtet. \u00c4hnlich jemanden, der zutiefst gl\u00fccklich und ehrlich zufrieden ist und dadurch etwas Sch\u00f6nes auszustrahlen vermag, im Vergleich zu einem rein \u00e4usserlich sch\u00f6nen Menschen, der sich aber selbst nicht liebt und eine solche Ausstrahlung, trotz Sch\u00f6nheit vermissen l\u00e4sst. Dieser moralisch anmutenden These sei noch hinzugef\u00fcgt, dass Wohnen etwas Konstantes und Aktives ist. Eine Einrichtung ist somit nie richtig fertig, beziehungsweise besteht ihre Aufgabe mitunter auch darin, dass sich der Mensch in ihr soweit bewegen und entwickeln kann, dass sich auch die Umgebung nach und nach mitver\u00e4ndern kann und damit ein gewisses Mass an flexiblem Raum grunds\u00e4tzlich besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch gerade das wahrhaftige, typgerechte, insbesondere das private Wohnen ist auch eine heikle Sache und grosse Herausforderung f\u00fcr Innenarchitekten, da die wenigsten ihre Kunden wirklich gut kennen d\u00fcrften. Es ist zudem wie gesagt keine statische Aufgabe, die generell erf\u00fcllt werden kann, befindet sich doch der Mensch stets in einer Entwicklung, der Innenarchitekt mitgerechnet, und ist morgen nicht derselbe wie er gestern war. So ist ein guter Innenarchitekt dieser, der die wahre Pers\u00f6nlichkeit seines Kunden erfasst und zwar jene, die er wirklich ist und nicht die, die er gerne w\u00e4re oder sein Budget zul\u00e4sst. Wohl \u00f6fters wird der Interior Designer aber auf jene projizierte Wunschperson treffen, der sich der Kunde durch entsprechende Einrichtung n\u00e4hern m\u00f6chte. Diesen Wunsch nicht zu erf\u00fcllen ist ein schwieriges Unterfangen, weil ein solcher Wunsch durchaus legitim ist. Denn die Wunschperson kann in der Tat Wirklichkeit werden, und die hierf\u00fcr gew\u00fcnschte Einrichtung unter Umst\u00e4nden als Br\u00fccke f\u00f6rderlich sein. Umso mehr sollte sich denn der Innenarchitekt davor h\u00fcten, eine ideale Gesamtl\u00f6sung anzubieten ohne jeglichen Freiraum zur Entfaltung des Bewohners, sondern sollte sich ein guter Innenarchitekt dann auf Zusammenarbeit mit dem Kunden einrichten oder auf Vorschl\u00e4ge fokussieren und diese anbieten, damit der Kunde den Empfindungsraum erh\u00e4lt, in welchen er selbst aktiv werden und zur eigenen L\u00f6sung, Reflexion kommen kann. Auch gegen die Nichtaussch\u00f6pfung des Budgets ist nichts einzuwenden. Ist der Innenarchitekt aber damit besch\u00e4ftigt, die Sache perfekt machen zu wollen, wird er es genau dadurch verfehlen. Denn dadurch verfehlt er den Menschen, der ja selbst ebenfalls unperfekt ist. Diese L\u00fccke zwischen Wirklichkeit und Konjunktiv oder Futur jedoch gilt es auszuloten, da sie spannungsbeladen und kreativit\u00e4tsanregend ist. Daher sollte sie unbedingt als zus\u00e4tzliches Potential ausgesch\u00f6pft und nicht als Hindernis betrachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie Functional Food, Nahrungserg\u00e4nzungsmittel, High Tech und andere scheinbare Annehmlichkeiten, die uns das Dasein erleichtern sollen und in unserem modernen Leben einen fixen Platz eingenommen haben, ohne dass wir uns hinterfragen, ob es gesund, notwendig ist oder ob es \u00fcberhaupt schmeckt, so verkommt auch das stilbewusste, \u201esch\u00f6ne Wohnen\u201c immer mehr zu einem kollektiven Zwang und sieht dabei auf den ersten Blick leidlich aus, mehr aber nicht. Man braucht sich schlauerweise nur umzusehen und weiss rasch Bescheid, ob Chrom das neue Holz ist, welches No-Go den einstigen Inbegriff von Stil abgel\u00f6st hat, und die Argumentation reicht von der \u00e4ussercn Beschaffenheit, \u00fcber Technik bis hin zum Umweltbewusstsein. Die Must-Haves des modernen Grossstadtmenschen holt man sich auf M\u00f6belmessen, zug\u00e4nglich f\u00fcr jedermann, aus Wohnmagazinen oder k\u00fcnstlerisch anmutenden Photob\u00e4nden, die in ihrer Bilderpracht Suchtgefahr bergen. Wer sich regelm\u00e4ssig solche Wohnb\u00fccher kauft, der kann dies seiner Leidenschaft zuschreiben, wenn die Werke nicht einem Studium oder als praktische Inspirationsquelle vor Ort dienen. So muss man in der Flut an sch\u00f6nen Produkten und gut abgestimmten Wohnungen genau hinsehen, um zu erkennen, ob sich hinter den Interieurs, die im Jahresabonnement einer Lifestyle-Zeitschrift eingekaufte Ideen verbergen, oder ob man durch die Einrichtung gekannte und neue Aspekte des Bewohners ausmachen kann. Der grossv\u00e4terliche Sekret\u00e4r oder ein betagter Holzschemel d\u00fcrfen zur Beurteilung grunds\u00e4tzlich nicht \u00fcberbewertet werden, denn nicht selten sind das bewusst eingesetzte Alibis f\u00fcr die fehlende oder verf\u00e4lschte Historie. Ob Stilm\u00f6bel, Designobjekte, echte oder replizierte Kunst, auf eigener Reise erworben oder second hand vom Flohmarkt, die Grenzen sind fliessend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Internet vernetzten Zeit, wo die M\u00e4rkte noch offener sind, ist es ferner m\u00f6glich, innerhalb weniger Monate so systematisch und geschickt vorzugehen, dass man sich mit einer Auslese guter Gegenst\u00e4nde ohne mit der Wimper zu zucken auf selbe Stufe neben einen alten Sammler oder Antiquit\u00e4ten-\/Designm\u00f6belh\u00e4ndler stellen darf, der f\u00fcr eine \u00e4hnliche Sammlung fr\u00fcher Jahrzehnte ben\u00f6tigt hatte. Zunehmend finden sich Neureiche, die shabby-schick bevorzugen und auf zerfetzten Louis XV Sofas R\u00e9mi Krug Champagner schl\u00fcrfen und dadurch einen vermeintlich bescheideneren Eindruck hinterlassen, als mancher geborene Million\u00e4r, der in prunkvoller Geschmacklosigkeit nicht mehr \u00fcberboten werden kann. Das ist alles sch\u00f6n und gut, w\u00fcrde Ersterer sich nicht auf Vintage-M\u00e4rkten bewegen, die bislang den wahren J\u00e4gern und Sammlern vorbehalten waren und durch die Terrainbetretung Preise unn\u00f6tig explodieren lassen. Durch diese Verschiebungen ist Differenzierung schwieriger geworden, und es ist nicht mehr klar erkennbar, welche Interieurs welchen Bewohnern zuzuschreiben sind. Man sieht es einer Buddha-Statue nicht an, ob sie zu zeremoniellen Zwecken benutzt wird. Und man sieht einem Raum nicht mehr an, zu welcher sozialen Schicht der Hausherr angeh\u00f6rt. Ist der Golfschl\u00e4ger im Ecken Attit\u00fcde oder wahre Sportbegeisterung? Ist die La Chaise echt oder Kopie? Ist das balinesiche Tischchen made in India? Was ist Inszenierung, was Zufall? Es ist eigentlich unwichtig. Die Fragestellung ist vielmehr: was ist authentisch und zwar authentisch mit dem Besitzer verbunden? Wohnen bleibt, ob atemberaubend sch\u00f6n, konventionell, edel, farblich harmonisch, \u00fcppig oder schlicht, letztendlich immer pers\u00f6nlicher Ausdruck. Es ist f\u00fcr den einen Spielerei, f\u00fcr den anderen Glaube, ob er sich der \u201eform follows function\u201c verschreibt oder die Doktrin \u201eless is more\u201c verspottet. \u201eReduce to the max\u201c oder \u201emore is more\u201c. Sei\u2019s drum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tatsache ist, es finden sich immer \u00f6fters immer bessere Gegenst\u00e4nde, noch sch\u00f6nere, noch ausgefallenere M\u00f6bel, selbst in sehr jungen Wohnungen, wieder. Sind die Sachen penibel aufeinander abgestimmt, so erscheinen sie erst beeindruckend, dann immer fader. Das gekonnte Kombinieren n\u00e4mlich ist nicht nur Sache von der richtigen Gruppierung \u2013 Sammlungen beieinander, Materialien zusammen, Beachtung der Proportionen usw. &#8211; sondern ist unweigerlich gekn\u00fcpft an den Menschen, der durch seine Person den einen Gegenstand zum anderen f\u00fchrt und \u00fcber den dritten eine Geschichte erz\u00e4hlt. Etwas aufzustellen, weil es teuer ist, modisch oder weil man es halt einfach hat, ohne entsprechende und \u00fcberzeugende Hintergrundgeschichte, ist dem Wohnbewussten zu Recht ein Greuel. Dass wir allesamt Individuen sind, ist nicht zu verleugnen. Dass wir uns aber so selten aus dieser Veranlagung heraus, n\u00e4mlich auf unterschiedliche Weise, ausdr\u00fccken, ist umso erstaunlicher. Einfacher und richtiger scheint uns, nach gewissen von aussen gegebenen Regeln, sch\u00f6n zu wohnen und damit Ende der Geschichte. Das ist letztlich nicht nur Verschwendung, sondern geradezu Verleumdung des Individualismus. Ein Teil unseres Charismas k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir in unseren vier W\u00e4nden ausleben und unserer Vorstellung von der Sch\u00f6nheit, den materiellen Dingen, die uns das Leben auf dem Erfahrungsweg zuliefert, Form geben. Unsere Wohnungen und H\u00e4user m\u00fcssen widerspiegeln, was wir sind, um im zweiten Schritt dar\u00fcber zu strahlen. Dabei will hier mitunter auch das schlichte, bescheidene gemeint sein. Die Wahrheit ist, dass die Einzigartigkeit einmalig ist und nicht einf\u00e4ltig. Umso prek\u00e4rer die Tatsache, dass diese Umst\u00e4nde zu soviel Konventionalit\u00e4t f\u00fchren. Sch\u00f6ne Gegenst\u00e4nde allein bewirken noch keine Sch\u00f6nheit, wenn sie nur gerade wahllos oder nett gruppiert nebeneinander stehen. Wer es versteht die Wirkung durch Platzierung, Beleuchtung etc. zu verst\u00e4rken, macht das Wohnen m\u00f6glicherweise sch\u00f6ner, bleibt aber auf der Strecke, da innerhalb bestimmter Grenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich meinerseits bin von Zen-Interieurs tief beeindruckt und verstehe, sowohl auf der intellektuellen wie auch auf meiner emotionalen Ebene zutiefst, was Zen-R\u00e4ume sind. Der Sammler in mir indes belehrt mich auf meinen Jagdtouren nach \u00e4sthetischen Dingen immer wieder eines Besseren: dass ich mich n\u00e4mlich von gewissen Grundeigenschaften meines Wesens, egal woher gepr\u00e4gt, nicht losl\u00f6sen kann. Die \u00c4sthetik ist keine reine Frage der Form und des Aussehens. Das \u201eSch\u00f6n Wohnen\u201c kommt an seine Grenzen, wenn es zu einem Mixturgef\u00fcge der sch\u00f6nen Dinge wird. Den individuellen Touch vermag w\u00f6rtlich nur das Individuum zu geben. \u201eSch\u00f6n Wohnen\u201c ist vielleicht die Frage des ersten Eindrucks. \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c m\u00f6glicherweise des zweiten. In erster Linie aber geht es prim\u00e4r um den Aus- als um den Eindruck. Und auch nicht um den Ehrgeiz Steigerungsformen sch\u00f6n sch\u00f6ner am sch\u00f6nsten gerecht zu werden. Die Grenzen des \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c verlaufen an den \u00e4usseren Sch\u00f6nheitslinien. Das sich stetig bewegende, nicht perfekte Leben geht \u00fcber die Grenze hinaus. Es gilt, beim Wohnen wie auch in anderen \u00e4usseren Ausdrucksweisen, den vom Individuum ausgehenden Sch\u00f6ngeist ins Visuelle zu \u00fcbersetzen mit Hilfe von Dingen, Formen. Mustern, Strukturen, Gr\u00f6ssen, Materialien usw. Selbst wenn der Geist des Sch\u00f6nen w\u00f6rtlich nicht physisch sein kann, so ist zumindest denkbar, dass er punktuell zu Tage tritt, auch in der Gestalt von Musik, Duft, einem gewissen Klima, einem leeren Raum. Es ist wert zu versuchen das Unm\u00f6gliche sichtbar zu machen, ihm eine Kontur, einen Umriss oder ein subtiles Zeichen zu geben. Konsequent, immer wieder. Dann hat die \u00c4sthetik eine S\u00e4ule, von der aus sie nachhaltig und wahrhaftig wirken kann und auf ihre Weise wieder auf uns, die Besucher, Betrachter, Bewohner zur\u00fcckgeht und etwas bewirkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sch\u00f6n zu wohnen ist heute relativ einfach geworden. Das vielseitige Angebot ist f\u00fcrwahr kein Garant f\u00fcr die richtige Wahl beim Erwerben der passenden Einrichtungsg\u00fcter, aber die Produkte sind hinsichtlich Qualit\u00e4t gestiegen und steigen weiter, auch dann, wenn sie in&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/16\/die-grenzen-des-schoener-wohnen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":149,"featured_media":100429,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1803],"class_list":["post-32433","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32433","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/149"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32433"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32433\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100759,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32433\/revisions\/100759"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100429"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32433"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32433"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32433"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}