{"id":32175,"date":"2016-11-07T00:01:30","date_gmt":"2016-11-06T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32175"},"modified":"2019-05-11T09:30:42","modified_gmt":"2019-05-11T07:30:42","slug":"alzheimer-sonate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/11\/07\/alzheimer-sonate\/","title":{"rendered":"Alzheimer Sonate"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Standuhr schl\u00e4gt sieben: Er zuckt: Fr\u00fcher stand sie im Wintergarten, neben dem Fl\u00fcgel. Er hebt sich hoch, legt den Kopf auf die weinrote Nackenrolle, eine der wenigen Sachen aus der Wohnung, die ihm freiwillig folgten, und starrt sie und die zwei Bilder an der S\u00fcdwand an. Dalis Uhren. Geschrumpft. Entseelt. Aufgeh\u00e4ngt. Und Van Goghs blauer Stuhl, bevor er sich das Ohr abschnitt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Standuhr zeigt viertel nach sieben. Er\u00a0 sieht sich in dem stumpfen Spiegel und spricht mit rollendem R zu sich selbst: Mir fehlt kein Ohr. Und meine alte Standuhr tut\u2019s immer noch. Warum bin ich dann hier?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte doch zu Hause bleiben, seinen G\u00e4sten die Mondscheinsonate spielen. Ein dreifacher Verdacht keimt auf: Nur da ich die Mondscheinsonate mit \u201eClair de lune\u201c verwechselte und den Namen meiner Tante mir nicht einfiel, nicht mehr wusste, wie man einen Apfel sch\u00e4lt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Standuhr schl\u00e4gt acht, er streckt seine feingliedrige Hand nach ihr: Wie sp\u00e4t ist es, f\u00fcnf oder sieben? Du hei\u00dft Elise, nicht wahr? Dir hab ich doch meine Mondscheinsonate gewidmet. Erkennst du mich nicht mehr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Standuhr schl\u00e4gt schnell neun, zehn, zw\u00f6lf mal hintereinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schl\u00e4ngt sich die Arme um den Kopf, verzieht sein Gesicht. Als er sich gegen dieses unzeitige Zerbomben zur Wehr setzt und sagt \u201eDu bist richtig gemein, Elise, wei\u00dft du das? Und so unmusikalisch!\u201c, flie\u00dft ihm Speichel \u00fcber Kinn und Halskette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann legt er sich mit den Augen zur Wand und verstummt f\u00fcr eine Weile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Standuhr scheint inzwischen die Sinnlosigkeit ihres hin- und herschwingenden Treibens zu begreifen. Punkt drei Uhr bleibt sie mit einem metallischen Knarren stehen. Diese unerwartete Uhrzeigestille f\u00e4llt ihm auf. Aber nicht nur die Stille. Er hebt sich wieder hoch, streicht sich mit der Hand \u00fcbers Ohr. Das Ohrl\u00e4ppchen zittert. Jemand spielt an seinem Fl\u00fcgel. Eine Tr\u00e4umerei, in der die lichten Farben \u00fcberwiegen, pr\u00e4ludiert in den Fingern und erw\u00e4rmt seinen K\u00f6rper, wie schon lange nicht mehr. Bis in die Schrumpfsph\u00e4ren seines Geschlechts. Er fiebert, frohlockt. Die Mondsscheinsonate! Ich spiele die Mondscheinsonate! Ihr seid doch alle gekommen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kurzer Aufschwung und die Erkenntnis greift m\u00fcde um sich, seine Freude zerflattert: Aber ich liege im Bett, kann also nicht am Fl\u00fcgel sitzen. Mir geschieht nicht wie jenem Papst, hab seinen Namen wieder vergessen, der zu gleicher Zeit an mehreren Orten zu sehen war&#8230;Und falls ich es bin, f\u00fcr wen spiele ich denn? Seit drei Uhr schl\u00e4gt das Herz von Elise nicht mehr f\u00fcr mich. Es ist, als bef\u00e4nde ich mich an einem nicht erkennbaren Ort und fiele aus der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gef\u00e4llt ihm, Vermutungen zu entwerfen: Scheinbar liege ich doch nicht im Bett, sondern auf der Klaviatur. Wer h\u00e4tte geglaubt, dass schl\u00e4frige Gelenkkugeln und Ges\u00e4\u00df so gut Klavier spielen k\u00f6nnen: Aufsteigende Triller leiten in die heitere Erregung des Schlussallegro \u00fcber. ..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bewundert sich und wei\u00df sich zu tr\u00f6sten: Der vom linken Fu\u00df falsch gegriffene Mollakkord, na ja, so was k\u00f6nnte Mister Horowitz auch mal passieren. Aber Mister Horowitz und sein Fl\u00fcgel w\u00fcrden nie so ineinander verzahnen wie wir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er steht auf, \u00f6ffnet die T\u00fcr und schreit: Warum bin ich hier und nicht daheim?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Medizin, Herr Wiese! klingt schnell die Antwort. Mund sch\u00f6n auf! Noch diesen Lutschbonbon!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nein, warten Sie! Er r\u00e4usperte sich, f\u00fchlt sich bedr\u00e4ngt von der weiblichen Nachtwache mit so widerspenstigen Worten im Mund. Zuhause trank er keinen ekligen Brei, musste keinen Milchzuckerklumpen von der Zunge zum Gaumen und von einer Backe zur anderen bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Unbehangen steigt noch mehr, als die Nachtwache eine Ampulle mit \u00f6liger Fl\u00fcssigkeit auf dem Fl\u00fcgel hinstellt. Aber doch nicht da drauf! protestiert er. Sie platzen einfach herein und sch\u00e4nden Sie mir den Fl\u00fcgel, damit die Mondscheinsonate nach Ihren Schei\u00df\u00f6l stinkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er b\u00fcckt sich so hastig, dass sein Kopf mit der Eisenbettkante zusammenst\u00f6\u00dft. Noch schwerer als auf Golgatha! unterdr\u00fcckt er ein St\u00f6hnen, auf allen vieren verkrochen, bei dem Versuch, den Fl\u00fcgel zur T\u00fcr zu bugsieren, und l\u00e4sst erst los, als sein R\u00fcckgrat knackt und droht wie ein Eiszapfen zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine gedr\u00fcckte Stimmung will nicht weichen, er seufzt: Daheim duftete die Musik nach Zitronengras und Holunder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zitronengrasstunden nannte er damals auch die einzige Liebesnacht mit der T\u00e4nzerin. Daheim war er der Greif, w\u00e4hrend hier man ihm zuschaut wie zu einer Grasm\u00fccke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verstehen Sie das? fragt er die Nachtwache, w\u00e4hrend er im Stehen ein paar Triller mit dem vierten und f\u00fcnften Finger spielt. Klangbilder, die nur Duft sein wollen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist aber nicht mehr da, wo sie gestanden hat, ruft ihn aus dem Duschraum, wo sie die Toilettentaste bet\u00e4tigt. Herr Wiese! Sie haben wieder vergessen, das Wasser zu ziehen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Wiese? Wer ist Herr Wiese? Bringen Sie mich nicht durcheinander!, kn\u00f6ttert er, den fl\u00fcssigen Stoff gie\u00dfend \u00fcber die Standuhr. F\u00fcr dich, Elise! fl\u00fcstert er. Wegen deiner Vergesslichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6ren Sie, Schwester? Ihre Medizin hat gewirkt, Elise tickt wieder!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df, meine Braut, es ist sehr sp\u00e4t f\u00fcr uns: drei, vier, f\u00fcnf, f\u00fcnf, f\u00fcnf, bitte schlag weiter! Lass uns tanzen! Wie gefallen dir diese Dreikl\u00e4nge? Die vier \u00fcbereinandergestapelten Terzen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00e4lt die Standuhr in den Armen und dreht mit ihr Walzerpirouetten. Immer schneller und immer weiter, aus dem Zimmer hinauf, durch andere R\u00e4ume und Flure, zwischen Eisschr\u00e4nken und Rollst\u00fchlen, um die Klos, auf die Rechner, \u00fcber staubige Palmen im Eingangsbereich, Kruzifixe und Deckenlampen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab es geahnt! klagt die Nachtwache. Was wollen Sie mit Ihrer schweren Standuhr auf der Feuerleiter? Sie kommen jetzt runter, Herr Wiese, nicht wahr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Wiese kommt ja runter. Aber Elise und ich gehen in dieser Mondnacht heim. Mein Fl\u00fcgel kennt schon den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Auf silikonweichen Pfoten<\/b>. <i>Wundprotokolle<\/i>, Pop Verlag, Ludwigsburg 2005.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=9355&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten-150x150.jpg 150w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><strong>Z<\/strong>ug ohne R\u00e4der \/ Trenul fara roti, <\/b>lyrische Prosa, rum\u00e4nisch und deutsch. Nachwort: Theo Breuer, Editura Fundatiei Culturale Poezia, Iasi\/Rum\u00e4nien 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Als k\u00e4me noch jemand.<\/b> Lyrische Prosa und Erz\u00e4hlcollagen, Nachwort: Andreas Noga, Pop Verlag, Ludwigsburg 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In deinen Schuhen voller Sand, <\/strong>Prosapoeme, Pop-Verlag 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verliehen\u00a0Francisca Ricinski in 2016 den KUNO-Prosa-Preis. Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32148\">hier<\/a> die Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Standuhr schl\u00e4gt sieben: Er zuckt: Fr\u00fcher stand sie im Wintergarten, neben dem Fl\u00fcgel. 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